Wider den Irrationalismus

Wider den Irrationalismus

“Ein sehr unwissendes Volk wird sich gerade wegen seiner Unwissenheit zu einer Religion voller Wunder neigen.”  (Henry Thomas Buckle, Geschichte der Zivilisation)

Es gibt dieser Tage gute, gewichtige Gründe, die Frage nach der Notwendigkeit einer Bildungsstrukturreform zu stellen.
Das Ausmaß an Anti-Aufklärerischen Tendenzen, die derzeit laut werden, sollte jeden Menschen, der Bildung für einen Eckpfeiler gesunder Gesellschaft und Demokratie hält, erschrecken.

Anti-Impfler, hysterische Esoteriker, Chemtrail-Anhänger, Verschwörungstheoretiker, die noch hinter den offensichtlichsten Fakten Mossad, Zionisten und CIA in Kooperation vermuten, die sich als Opfer „höherer Mächte“ sehen, Opfer böser Pharmafirmen, der Amerikaner und anderer „Besatzermächte“:

Sie alle glauben zu wissen.

Und sie alle glauben, es ginge um ein Meinungsdiktat, wenn eine ebenso große Anzahl an Menschen auf Fakten pocht, auf Vernunft, Wissenschaft, kausale Argumentation.
Dabei fordert niemand von ihnen, sie mögen nicht kritisch sein. Die Aufforderung, den eigenen Theorien und Glaubensdingen ähnlich kritisch gegenüberzustehen, wie den Fakten, die sie glauben verneinen zu können, gilt hier dennoch schon als illegitime Kritik an einer „Meinung“.

Einer “Meinung” jedoch sollte ein gesunder Meinungsbildungsprozess vorausgehen. Der basiert auf einer Kausalkette, die man notfalls erklären kann.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir einen Großteil der Dinge nicht mehr „glauben“ müssen, sondern uns, so wir denn zu selbstständiger Recherche und des Lesens an sich fähig sind, ein eigenes Bild machen können. Dabei scheitern die meisten dieser „kritischen Bürger“ schon an simpler Verifikation ihrer vermeintlichen „Quellen“.

Mit Verlaub: Wer ein YouTube-Video für glaubwürdiger hält, als seriöse wissenschaftliche Studien (möglichst von diversen Quellen reproduziert), den kann und mag ich nicht ernst nehmen.
Selbstverständlich lassen sich nicht alle Nachrichten und Meldungen selbst überprüfen, aber die Aussage „Ich weiß es nicht“ ist einem „Ich glaube“ grundsätzlich vorzuziehen.

Wobei natürlich nicht selten auch die wachsende Front an Verschwörungs-Glaubensbrüdern einigen Medienschaffenden dient, um legitime Kritik abzubügeln.
So geschehen z.b. durch Kai Gniffke, ARD-Aktuell-Chefredakteur.

Woran liegt es aber, dass Menschen sich in einer Welt, in der Wissen frei und überall verfügbar ist, Glaubensbilder zusammenbasteln müssen?

Selbstverständlich ist die ungeheure Informationsflut, die mit den modernen Medien einhergeht, ein Faktor und macht die Einordnung von Meldungen schwerer.

Dürfen wir aber nicht auch fragen, ob unser Bildungssystem nicht schon das Fundament für „Glauben statt Wissen“ liefert, wenn in klarer hierarchischer Ordnung Wissen mit totalitärem Anspruch gelehrt wird, das selten hinterfragt und oft noch seltener wirklich verstanden werden darf?

Schon zu meiner Schulzeit war Schule ein Hort des Auswendiglernens.
Zahlen, Daten, Fakten, Formeln büffeln … und nach der Arbeit wieder vergessen.
Man diskutierte nicht über Themen, und wenn man diskutierte, stand das Ergebnis längst fest. Es war lehrplangerecht, genormt, thematisch gestaffelt, leistungs-, arbeits- und zeugnisorientiert. Keine Zeit und kein Interesse am Interesse wecken, an abseitigen Diskussionen, die aber im Normalfall mit einem gesunden Lernprozess einhergehen.

Der Mensch ist, in konstruktiver wie auch destruktiver Weise, auf seinen eigenen Vorteil bedacht.
Wir lernen am besten, was uns interessiert, woraus wir für unser Leben Gewinn schöpfen können, worin wir Zusammenhänge sehen, was uns alles in allem „sinnvoll“ erscheint und uns nutzt.
Wer also nicht durch personalisierten Lernprozess sein Wissen erweitert, der vergisst noch schneller, als er gelernt hat.

Nur, was wurde dann zu Schulzeiten eigentlich gelehrt und gelernt, außer Funktionsfähigkeit, Obrigkeitsgehorsam und der „Glaube“ dies alles diene dem eigenen Wohl?
Wenn wir unseren Kindern schon nicht Wissen abseits von Glauben vermitteln können, von ausschließlich blindem Gehorsam, woher soll diese Fähigkeit bei Erwachsenen kommen?
Wenn Dogmen wie „Du lernst fürs Leben“ nicht mehr hinterfragt werden dürfen?

Kürzlich twitterte Naina :“ “Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen”

Dieser Satz löste hitzige Diskussionen hierzulande aus. Dabei ist das Thema alt.
Auch meine Schulzeit war geprägt von einem Mangel an alltagstauglichen Inhalten.
Alles war irgendwie altbacken, von gestern.
Hat sich daran in den letzten zwei Jahrzehnten etwas geändert? Offensichtlich nicht.

Nun wäre es heute, im Computerzeitalter, noch viel nötiger, modernen Veränderungen mit modernen Lehr- und Lernweisen zu begegnen.
Der Umgang mit dem Informationsüberfluss ist letztendlich auch erlernbar.

Aber wer weiß, wie es geht?

Eigenständige Quellensuche? Fehlanzeige, da nie gelernt.
Wie komme ich an veritable Informationen? Was ist ein Impressum? Welche Quellenangaben gibt es auf einer Internetseite und wie verifiziere ich diese? Wie funktioniert seriöser Journalismus, wie Unseriöser?
Wie funktionieren Bild- und Videobearbeitungsprogramme und lassen sich wackelige YouTube-Videos überhaupt zu Informationszwecken heranziehen?

Ich erinnere mich, dass ich zu Schulzeiten zum Thema „Propaganda“ noch Leni Riefenstahl vorgesetzt bekommen habe. Das war zwar spannend, aber dann doch auch für uns damals schon so lebensfremd, dass nicht nachvollziehbar. Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, anhand der BILD über einige Wochen emotionalisierende „Presse“ und Stimmungsmache deutlich zu machen. (Vielleicht wäre die traurige Anzahl derer, die in großen Schlagzeilen Informationen vermuten dann geringer).

Gerade Politik ist es dann auch, die im gesamten Bildungssektor zu kurz kommt.

Wir nennen uns Demokratie und doch ist die Basis einer Demokratie, also der „freien Wahl“, genug Wissen, um überhaupt eine klare, freie Wahl treffen zu können.
Wenn ich daran denke, mit welcher Unwissenheit ich mit 18 Jahren das erste Mal wählen gegangen bin, dann wird mir angst und bange.
Natürlich gibt es auch Jugendliche, die weit besser informiert sind, aber die sind es dann aus eigenem Antrieb heraus.

Was die Schule an politischem Wissen vermittelt, ist mangelhaft. Kein tägliches Beschäftigen mit dem Tagesgeschehen, keine Analyse der Berichterstattung, kein Erarbeiten einer eigenen Meinung zu politischen Themen.
Eine Demokratie jedoch, die in ihrem Schulsystem Politik nicht als wesentlichen Bestandteil der Bildung implementiert, führt sich selber ad absurdum. Bürger ohne Wissen sind keine Entscheidungs-„freien“ Bürger.

Das sind die Bürger, die dann auf Basis von Unwissenheit auf emotionale Reize reagieren, auf Wahlkampfgetöse und Plakatwände, auf „Sympathien“ des zu Wählenden, auf Aussehen, hohle Phrasen, Fernsehduelle zur besten Sendezeit.
Ein Bürger, der während der Legislaturperiode aufmerksam ist, braucht keinen Wahlkampf als Entscheidungshilfe. Ganz im Gegenteil.

Es ist klar, dass unsere Politiker dies durchaus wissen und anstelle gesunder, bildungsfördernder Maßnahmen lieber diese Lücke nutzen, um sie zu ihrem Vorteil zu missbrauchen.
Zwar ist es polemisch, doch die Aussage, der Bürger würde „dumm gehalten“ ist so fern der Wahrheit nicht.
Denn Bildung ist in staatlicher Hand.

Und sie wird stiefmütterlich behandelt.

Gerade in Deutschland wird in den letzten Jahren deutlich, wie wenig die Strategie, möglichst an Altbewährtem festzuhalten, taugt.
Das dreigliedrige Schulsystem droht, aus dem Ruder zu laufen, dennoch hält die CDU in einer Vehemenz daran fest, die nur mit Ignoranz zu erklären ist.
Inzwischen hat die „mittlere Reife“, die Realschule, immer mehr an Wert verloren, wird oft gemeinsam mit der Hauptschule aufgeführt.
Eltern fürchten um die Lebenschancen ihrer Kinder und nötigen sie via Drill in Richtung Gymnasium.

Noch schlimmer ist das immer frühere Sondieren.
Seitdem bereits nach der Grundschule, der vierten Klasse, selektiert wird, ist der Druck enorm gewachsen.
Dies durfte ich hautnah erleben, als ich für 18 Monate an der Grundschule vor Ort als Lesementorin tätig war.

Ein junges Mädchen, zehn Jahre alt, wusste zu berichten, dass sie mit ihren Noten sowieso keine Chancen auf ihren Traumberuf haben würde. Sie wäre gerne Tierärztin oder Tierpflegerin geworden, sollte aber nach der Grundschule auf die Hauptschule wechseln.
Selbst bei Kindern hat sich herumgesprochen, dass „Hauptschule“ nicht selten Endstation und Stigmatisierung bedeutet. Zumindest dann, wenn Kinder nicht irgendwann aus eigenem Antrieb heraus für ihr Recht auf Bildung und Zukunft kämpfen.

Aber wer hat dafür mit zehn Jahren die Weitsicht?

Wer Kinder derart demotiviert, in einem Alter, in dem eigene Stärken und Interessen sich noch nicht ausgeprägt haben, der muss sich über „Bildungsversager“ (Neben „Gutmensch“ mein ewiger Favorit auf das Unwort des Jahres) nicht wundern. Woher sollen Kinder dieser Altersklasse Verständnis und Motivation nehmen, wenn nicht aus eigenen Zielen und Perspektiven?

Ich durfte nach der siebten Klasse einmal eine Extrarunde drehen (da war ich etwa 13), ausgerechnet wegen Englisch und Französisch. Zwei Jahre später war ich in beiden Fächern Klassenbeste.
Da gesteht man Kindern keinen Entwicklungsprozess mehr zu und übergeht die Jahre, in denen sich Interessen überhaupt erst ausbilden, für einen Selektionsprozess, der in dem Alter absolut überflüssig ist.

Unsere Fixierung auf Abitur und Studium hat noch ganz andere Nebenwirkungen, wie z.b. eine mangelnde Wertschätzung für das Handwerk und praktische Berufe.
Ein Bekannter, Tischler von Beruf, lachte nur, wenn er über die „studierten Idioten“ berichtete, die immer mal wieder in seinem Betrieb landeten.
Warum müssen Kinder, deren praktische Veranlagung stärker ausgeprägt ist als die intellektuelle, derart abgewertet werden? Man könnte leicht viel früher mit Praktika und Berufsnähe beginnen, man könnte individuelle Talente fördern und praxisorientierter arbeiten.

Nicht zuletzt muss aber auch dafür gesorgt werden, dass eben diese Praxis und Berufserfahrung anerkannt wird.
Wie heißt es so schön? Eine Gesellschaft, die Putzfrauen will und braucht, muss diese auch wertschätzen.

Mehr Praxis und mehr Aufgeschlossenheit alternativen und individuellen Fähigkeiten gegenüber wäre ebenso nötig, wie es wünschenswert wäre, mehr Möglichkeiten für Quereinstiege und alternative Bildungswege anzubieten.

Dieser Mangel an staatlicher Flexibilität ist zum Haare raufen.

Ein gutes Beispiel dafür, wie man es anders machen kann, ist Finnland.
Seit Jahren Vorbild und im Pisa-Test, (über den sich ebenfalls vortrefflich streiten ließe),
immer an der Spitze dabei.
Dort werden die Kinder erst nach neun Jahren gemeinsamer Grundschule getrennt. Ohne die, hierzulande von Elitisten so oft befürchteten, Bildungseinbußen.

Überhaupt entspricht das finnische Bildungssystem so gar nicht den deutschen   „Bildungstugenden“: Weniger Hausaufgaben, spätere Einschulung.
Laut Vertretern deutscher Bildungswege das Gegenteil guter Bildung.
Die Fakten sprechen eine andere Sprache.

Auch spielt in Finnland die Herkunft der Kinder eine viel geringere Rolle.
Verdienterweise gab es für die Tatsache, dass Bildung in Deutschland maßgeblich von der Herkunft abhängig ist, eine OECD – Rüge. Dies gilt, dank kommunaler Finanzierung, hierzulande sogar in doppelter Hinsicht: Nicht nur das Elternhaus sondern auch noch das Bundesland der Geburt entscheidet mit über Bildungschancen.
Tragischerweise galt die Rüge auch unterdurchschnittlicher Lesekompetenz, eine Schande, bei 9 Jahren Schulpflicht, die notfalls mit staatlicher Gewalt durchgesetzt werden.

Es gibt zunehmend Eltern, die sich mit dieser Nötigung zu staatlicher Bildung nicht anfreunden wollen. Demgegenüber stehen Forderungen nach immer rigoroseren Strafen für Schulverweigerer.
Als ob Zwang jemals Freude an Bildung oder Lernen erzeugt hätte.

Die Frage, ob man eine Bildungspflicht nicht in ein Bildungsrecht verwandeln kann und sollte, stellt sich für einige sichtlich nicht.

Dabei ist es mehr als beschämend, wenn Deutsche in Amerika Asyl beantragen, um staatlicher Nötigung zu entgehen. Selbst wenn der Antrag nun in letzter Instanz abgelehnt wurde bleibt ein bitterer Beigeschmack.
Vor kurzem berichtete ein Vater, selbstverständlich anonym, dass er seine Kinder nicht auf eine staatliche Schule schicken würde. Er hatte gute Gründe und sein Text lässt erahnen, dass er selber einen Bildungshintergrund hat, der ihm erlaubt, seinen Kindern Bildung und Kultur mitzugeben.

Und doch sind die Stimmen, die Homeschooling verdammen zahlreich und sie haben gewichtige Gründe.
Es ist eine Tatsache, dass Homeschooling gerade Integrationsverweigerer und Menschen mit  radikalem und fundamentalistischem Hintergrund dazu bringen würde, ihre Kinder zu Hause zu lassen.
Und Kinder aus verwahrlostem Elternhaus hätten noch schlechtere Bildungschancen, als dies sowieso schon der Fall ist.
Gerade diese Kinder profitieren von Außeneinflüssen und anderen Weltbildern.

Aber es gibt mehr als schwarz und weiß, Möglichkeiten zwischen Zwang und Gleichgültigkeit. Man könnte durchaus einmal diskutieren, ob es nach Rücksprache mit zuständigen Lehrern und Pädagogen nicht möglich wäre, Homeschooling auf jeweils ein Jahr zu beschränken, mit groben Zielvorgaben, um dann einmal jährlich die Kinder auf Wissen und Bildungsstand zu testen.

Kinder sind kein Eigentum. Weder das der Eltern, noch des Staates.

Sie haben elternunabhängige, eigene Rechte und das Recht auf Bildung ist sicherlich eines davon. Aber solange diese Rechte gewährleistet werden, sollte es egal sein, wo der Unterricht stattfindet.
Stattdessen wird gestraft, genötigt, erpresst.
Eine permanente Drohkulisse, die für Schüler, Eltern, Lehrer gleichermaßen unerträglich sein dürfte.

Wo bleiben die Alternativen zum aktuellen Bildungssystem? Man sollte annehmen, in einer Marktwirtschaft gäbe es genug Ideenvielfalt, um konkurrenzfähige Alternativen zu schaffen. Warum sollten diese dann nicht ebenso förderwürdig sein und staatlich finanziert, wie das derzeitige Konzept?

Man scheint sich damit zufrieden zu geben, dass das Bildungssystem heute funktionierende, wirtschaftsdienliche Arbeitskräfte hervorbringt. Wieder eine Orientierung an der Funktionalität und eine Abkehr von Inhalten.
Wer sich mit so wenig zufrieden gibt, muss sich nicht wundern, wenn ihn die Konkurrenz in naher Zukunft überflügelt mit innovativen Neuerungen, die seine eigene Wirtschaftskraft schmälern.
Investitionen in Bildung sind grundsätzlich Investitionen in die Zukunft.

Ich bin ein neugieriger Mensch, der heute gerne wieder lernt, liest, sich ein eigenes Bild macht.
Diese Neugier hatte ich nach meiner Schulzeit für eine geraume Zeit verloren, Dank der Nötigung und des Überdrusses, auch dank des Mangels an individueller Förderung, dank Quantität anstelle von Qualität.
Es war ein Graus für mich, auswendig lernen zu müssen, anstatt „warum?“ fragen zu dürfen, Themen oft nur oberflächlich anzureißen, lesen zu müssen anstatt lesen zu dürfen.
Ich bin froh, dass nach Jahren der Lernunlust heute wieder Neugier und Lernwille eingetreten sind.

Ich bedaure jeden, der die Schule mit einer nachhaltigen Unlust am Lernen verlassen hat.

„Es gibt nur eine Sache auf der Welt, die teurer ist als Bildung – keine Bildung.“
(John F. Kennedy)

 

(Veröffentlicht am 11.03.15 auf Tonfarbe.wordpress.com)

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Posted on: 17/03/2016SusannahWinter

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