Vor Ort

Vor Ort

Medienkritik ist dieser Tage in aller Munde. Mal differenziert, wie Stefan Niggemeier sie auf seinem Medienwatch-Blog präsentiert, mal undifferenziert und populistisch wie in PEGIDAs Pöbeleien gegen die vermeintliche „Lügenpresse“
Und auch für mich ist es an dieser Stelle nicht das erste Mal, auf den Zustand der Medien, Beißreflexe von Journalisten und Berichterstattung im Allgemeinen zu sprechen zu kommen.

Gerade in den letzten Tagen drängt sich mir die Frage auf, ob und wie nah man an Katastrophen dran sein muss, um sich „ein Bild zu machen“.
Oder vielmehr: Wie nah ein Journalist mitsamt Kamerateam am Ort der jeweils aktuellen Tragödie sein muss, um uns ein Bild zu machen.
Besser noch viele Bilder.
Bilder von Betroffenen, von Angehörigen, von Wrackteilen, zerstörten Häusern, von Blutflecken der letzten Bombenopfer, von aufgereihten Särgen, Auffanglagern und hungernden Kindern.
Dies ist keine willkürliche Aufzählung sondern ein kleiner Zusammenschnitt der letzten paar Wochen, nur die Dinge, an die ich mich sofort erinnern konnte. Vermutlich fehlt noch etliches.

Dienstagmorgen begann mein Tag mit Bildern eines professionell ernst dreinblickenden Journalisten, dessen Gesicht einen Großteil des Bildes ausmachte, während er von tausenden Opfern des Erdbebens in Nepal berichtete.
Selbstverständlich vor Ort.

In einer Nachrichtensendung am Mittwoch informierte ein Journalist, ebenfalls aus Nepal, nahe der Erdbebenzone, und berichtete telefonisch, wie die Menschen im Hotel sich verkrochen und mit Nachbeben rechneten. Dann brach die Leitung für einen Moment ab. Man hätte Schlimmstes vermuten können, für einige Sekunden, dann stand die Leitung wieder.
Am Mittwochabend war der Aufmacher der Tagesschau ebenfalls Nepal, die Sendung begann mit einem allgemeinen Beitrag und dem Konterfei einer offensichtlich verzweifelten Frau in Übergröße.

Sicher, wir alle wollen informiert sein.
Mit dem informiert sein ist es mittlerweile ein bisschen wie mit allen anderen Süchten auch: Alle tun es, also tut man es auch. Es gehört irgendwie dazu, sogar zum guten Ton, über alles informiert zu sein, aber wann ist der Konsum noch angemessen, wann nimmt er Überhand?

Wie viele ernst dreinblickende Journalisten verträgt ein Ort, der über fünftausend Tote zu verschmerzen hat? Wie viele Kameras ein Gesicht, das jetzt eigentlich privat Trauer tragen möchte?
Wie genau müssen wir wissen, wer in welchem Ausmaß leidet, um uns erweichen zu lassen, ein wenig zu spenden oder Anteilnahme auszusprechen?
Braucht es Bilder in Dauerberieselung, um die Größenordnung „Tausende Tote“ verständlich zu machen?

Mir war die Perversion durchaus bewusst, zu frühstücken, während über die Mattscheibe Bilder flimmerten, die von den lebensumwälzenden Ereignissen anderer Menschen erzählten, von Tod, Leid, Trauer, Zerstörung.
Und nicht zum ersten Mal fragte ich mich, ob es wirklich Interesse ist, das uns einen Brennpunkt nach dem anderen konsumieren lässt, ob unsere Gesellschaft wirklich die Empathie antreibt, wenn der letzte Live-Ticker Opferzahlen revidiert, während ein Journalist nach dem anderen „vor Ort“ berichtet, für bestenfalls fünf Minuten Live-Schaltung, immer darauf bedacht, dass Haar und Kleidung sitzen, das Bild gut ausgeleuchtet ist, der Ton funktioniert.

Wer sind die Menschen, die durch die Welt jetten, immer auf der Suche nach der nächsten Katastrophe, nach immer höheren Opferzahlen, größeren Dramen, irrsinnigeren Bildern?
Oder ist es einfach nur die Jagd nach dem nächsten bezahlten Job in einem Geschäft, in dem „Feste Freie“ eher die Regel werden und jeder Verdienst ein guter Verdienst ist?
Und warum begeben sich viele der  Auslandskorrespondenten nicht selten sogar in Lebensgefahr, eben für derartige Jobs? Sicher nicht aus Altruismus oder aus dem wenig relevanten Grund, uns ausreichend zu informieren.

Was trieb z.b jemanden wie James Foley, einem Freelancer für USA  Today, nach Gefangenschaft in Libyen dazu, auch weiterhin in Krisengebieten vor Ort zu berichten, bis er dann in Syrien entführt und von ISIS-Kämpfern geköpft wurde.  Selbstverständlich auch dies vor den Augen der Welt, auf Video festgehalten von IS-Terroristen und um die Welt geschickt unter dem Titel „A Message to America“.
Und noch viel dramatischer und notwendiger die Frage: Wer macht sich zum Gehilfen dieses Terrors, indem er sich derartige Videos ansieht und damit die Terroristen in ihrem Handeln bestätigen?

Wer sind die „Krisen-Hopper“, die aus dem Vor-Ort-Journalismus ihr, nicht sonderlich lukratives, Geschäft machen
Wie notwendig ist es, zum Beitrag vor allem noch das eigene Gesicht in Szene zu setzen, den Versuch zu wagen, sich „einen Namen zu machen“ angesichts von Leid und Elend im Rücken?
Taugen die Bilder, die wir täglich präsentiert bekommen zu mehr, als es die Bilder tun, die Privatpersonen tagtäglich an Unfallstellen zu schießen versuchen, während sie die Ersthelfer behindern?
Ist es nicht die gleiche Sensationsgier, die auch die Zuschauer antreibt, immer wieder einzuschalten, ein Mix aus Betroffenheit und einem wohligen Schauer angesichts des Todes, der zum Glück nur „die anderen“ trifft, nur in der Ferne stattfindet?
Mein Versuch, den Ausdruck des Journalisten an diesem Morgen zu ergründen, misslang.
Viel mehr als professionelle Präsentation auf Zuruf war nicht auszumachen.

Bekannt wurde der Fall eines Fotojournalisten, Kevin Carter, der sich 1994 das Leben nahm. Er hatte im Sudan ein hungerndes, sterbendes Kind fotografiert, das von einem Geier belauert wurde.
Das Foto wurde mit dem Pulitzerpreis prämiert, ging um die Welt, doch der schale Beigeschmack, der sich beim Betrachten des Bildes zwangsläufig aufdrängt, bleibt noch lange nach Ansicht bestehen. Und es wirft zudem die Frage auf, warum ein Mensch vor Ort nicht eingreift, sondern sich stattdessen hinter seiner Kamera verschanzt, ja sogar abwartet, um den geeigneten Augenblick für das “Abdrücken” zu erwischen.
Auch Carter selber betonte in seinem Abschiedsbrief die Unerträglichkeit der Erinnerungen und Eindrücke, die sich in sein Gedächtnis gebrannt hätten.

Und auch um das Pulitzerpreisprämierte  Foto von Phan Thi Kim Phuc, das ich erst vor kurzemhier erwähnte, gibt es Geschichten von umherstehenden Fotografen, deren erster Reflex die Jagd nach dem Bild war und die sich im Anschluss aus eben diesem schnitten, um die Dramaturgie des Augenblickes hervorzuheben. Das journalistische Drama wäre dennoch sicherlich auch erzählenswert gewesen.

Ist es da verwunderlich, wenn wir dieser Tage eine Kultur erleben, in der das Zücken der Smartphone-Kamera zu den ersten Dingen gehört, woran die meisten Menschen in Notfällen denken? Wenn Schmerz und Leid nur durch den Mittler Kamera erträglich scheinen, gleichzeitig auch abstrakter als die leidvolle Realität und damit ferner und unpersönlicher.
So wie alle Filme, beinahe nicht mehr real.

Welche Bilder von Leid und Elend darf man als wirklich notwendig erachten, um informiert zu sein?
Gehört zur Informiertheit das Detail? Das Seziermesser und die Lupe?

Und ja, der Konsument sollte nicht konsumieren, aber haben die Medien nicht auch eine Meute abhängiger Sensationsjunkies herangezüchtet mit immer neuen Bildern, immer größeren Katastrophen? Mit anschließenden Talk-Shows zum Thema, Sondersendungen, Schlagzeilen, Brennpunkten?
Darf man da nicht auch beim Macher und beim Mittler, in dem Falle Journalisten und Kameramänner, Redakteure und Fotografen erwarten, Gewissen über Gehalt zu stellen und für einen Moment innezuhalten, um nach der Notwendigkeit des eigenen Tuns zu fragen?
Und ist es nicht auch Aufgabe des Journalismus, nach der Relevanz von Informationen zu fragen?

Die Gewissensfrage danach, was ich konsumiere und konsumieren möchte, gerade im Bereich Nachrichten, stelle ich mir angesichts solcher Bilder selbstverständlich auch.
Ich weiß, dass ich informiert sein will, aber „Vor Ort“-Bilder brauche ich ebenso wenig zwanghaft, wie vorrangig karrieredienliche Journalisten-Selbstportraits während einer Berichterstattung.
Ein wenig dezenter, ein wenig pietätvoller, ein wenig zurücknehmender, ohne Live-Ticker, Sondersendungen mit Meinungen ohne Ahnung, weniger Brennpunkte, all das täte es auch, um informiert zu sein.

Das soll nicht den Verdienst von Auslandskorrespondenten schmälern, von Journalisten, die ihren Job ernst nehmen, die vor Ort sind, um ein komplexeres Bild der Situation zu erhalten.
Wenn aber Bilder dieser Sorte in Dauerrotation über den Bildschirm laufen, stumpft das Publikum nicht eher ab, als für bestimmte Thematiken, Dramen, Katastrophen sensibilisiert zu werden?
Wie viele Menschen konsumieren, ähnlich wie ich, ihre tägliche Dosis Nachrichten beim Essen oder zwischen Tür und Angel, ganz nebenbei?

Und darf man Sensationsjournalismus als Ergebnis von Pressefreiheit und freier Marktwirtschaft verstehen?
Mir scheint, der Markt regelt längst nicht alles, zumindest aber nicht den Erhalt der Würde der Opfer, der Hinterbliebenen, der Journalisten, denen die nächste Katastrophe nur der nächste Job ist.
Ganz sicher aber regelt er nicht diesen unappetitlichen Teil der menschlichen Natur, der von Katastrophen in gleichem Maße fasziniert wie abgestoßen ist.
So wie öffentliche Hinrichtungen über Jahrhunderte Publikum fanden, findet auch heute menschliches Leid seine Zuschauer.

Dem Katastrophenjournalismus folgt nicht selten der Katstrophentourismus, so geschehen nach dem Elbehochwasser im Jahr 2002, dem Tsunami im Indischen Ozean im Jahre 2004, nach dem Hurrikan Katrina in New Orleans im Jahre 2005 und selbstverständlich ist auch Ground Zero heute eine Touristenattraktion.

Ich kann und mag hinter diesem Verhalten keinen Informationsbedarf vermuten.

Sicherlich weiß ich, dass Öffentlichkeit auch politischen Druck erzeugen kann.
Es ist gut, wenn z.b. Malala durch Berichterstattung nach dem Attentat ein Forum für ihr Anliegen erhält. Auch die Spendenbereitschaft wächst bei dichter Berichterstattung. Aber sie sinkt dafür für Projekte, die nicht derart ausgeschlachtet werden.
Und ist es nicht auch in gewissem Maße entwürdigend, sein gerade erlebtes Leid meistbietend verkaufen zu müssen, um auf Hilfe hoffen zu dürfen?

Wie lässt sich Aufmerksamkeit ohne Sensationsjournalismus erzeugen?
Wie können wir zurückfinden zu einem Maß an Informationen, das tatsächlich vorrangig informiert?

Mir ist bewusst, dass auch mein Text mehr Fragen aufwirft als Antworten zu bieten.
Eine befriedigende und machbare Antwort will mir beim besten Willen nicht einfallen.
Ich bin kein Freund der staatlichen Reglementierung für alles und jeden und die Pressefreiheit ist ein hehres Gut, das nicht in staatliche Hand gehört.

Vielleicht wäre eine neuerliche öffentliche Debatte über Journalismus und Ethik angemessen.
Ein Diskurs darüber, wie Journalismus aussehen könnte und sollte in Zeiten der globalen Berichterstattung, in denen jede noch so weit entfernte Katastrophe quasi „vor Ort“ ist. Eine Neujustierung, sozusagen. Eine Kurskorrektur angesichts veränderter, globaler und marktwirtschaftlicher Umstände. Ein Journalismus jedenfalls, der sich darauf verständigen kann, über Suizide möglichst nicht zu berichten, da solche Berichterstattungen nicht selten Nachahmer zur Folge haben, kann möglicherweise auch selbstständig ein Maß finden, das nicht der Sensationsgier, Karrieregelüsten und möglichst eindrucksvollem Leid dient, sondern tatsächlich Informiertheit der Konsumenten zum Ziel hat, unabhängig von Klickzahlen, Auflage, Einschaltquoten.

 

(Veröffentlicht am 01.05.15 auf Tonfarbe.wordpress.com)

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Vielen Dank fürs Teilen
Posted on: 17/03/2016SusannahWinter

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