Viva la Revolución – den digitalen Wandel gestalten!

Gut 40 Interessierte fanden sich gestern ein, als die Friedrich-Ebert-Stiftung zur Diskussion rund um die „digitale Revolution“ ins Kulturzentrum Pavillon Hannover lud. Vier Experten debattierten, teils miteinander, teils mit den Gästen, Vor- und Nachteile zunehmender Digitalisierung der Gesellschaft.
Teil der Gesprächsrunde waren:

Raúl Aguayo-Krauthausen – Autor und Aktivist
Nicola Röhricht – Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren – Organisationen
Christopher Lauer, MdA a.D. – Experte für Internetbeteiligung
Vanessa Reinwand – Weiss  – Direktorin der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel
Moderation : Graf Fidi Rapper – Autor und Aktivist

Schnell war klar, dass Digitalisierung und der damit verbundene gesellschaftliche Wandel von vielen als Herausforderung angesehen werden.
Den Vorzügen, u.a. dem Entstehen von Arbeitsplätzen, dem Überwinden größerer Distanzen im tatsächlichen wie im sozialen Sinne, den Optionen zur kulturellen Teilhabe derer, die aufgrund physischer oder sonstiger Einschränkungen keinen Zugang zu gesellschaftlichen Möglichkeiten hätten, standen schnell die Nachteile gegenüber.
Viele im Publikum kritisierten das Tempo der Veränderung, das es gerade Älteren schwer mache, beruflich Schrittzuhalten. Zudem, so ein Einwurf von Röhricht, hätten Alte oft Hemmungen, sich mit dem Internet vertraut zu machen. Die Frage, die zu stellen sei, sei nicht vorrangig, wie ältere Menschen sich verändern müssten, um Zugang zum Netz zu erlangen, sondern wie man die Technik verändern könne, um ihnen diesen Schritt zu erleichtern.

Kritisiert wurde auch, dass das Internet bestehende Klischeebilder befeuere. Google man z.b. „schwangere Frau“, würden einem vorrangig weiße Frauen gezeigt. Suche man nach Schlagworten wie „Behinderung“, so würden auch hier vorrangig klischeebehaftete Bilder präsentiert. Entweder der leidende Mensch mit Behinderung, oder der Held/Spitzensportler, der es trotz seiner Einschränkung schafft, erfolgreich zu sein. Der Durchschnittsmensch mit Behinderungen sei nicht präsent.
Andererseits, so Reinwand-Weiss, sei das Internet, wie alle Medien, ein gesellschaftliches Sub-System und damit nur Produkt der Gesellschaft. Große Konzerne bestimmten zwar Algorithmen, aber man könne sich fragen, wie Systeme durchbrochen werden könnten, wo man selber ansetzen kann.

Zudem, so Krauthausen, böte das Internet die Möglichkeit, Minderheiten sichtbar zu machen. Er zitierte seine Oma, die einmal erklärt hätte:
Früher hieß es: „Hör nicht so viel Radio!“ Danach: „Lies nicht so viele Comics!“ Schließlich dann: „Schau nicht so viel Fernsehen!“ Und heute: „Sei nicht so viel am Handy!“
Ein Zusammentreffen der Generationen mit unterschiedlichen Perspektiven auf Neuerung.
Es habe ebenso lange gedauert, die Verwerfungen durch die industrielle Revolution zu überwinden.

Dennoch war diese Skepsis gegenüber dem Medium Internet auch im Publikum sehr präsent. Die Ängste um „Kultur“, so z.b. die Kultur des Zuhörens, des Versendens von Postkarten anstelle von E-Mails trieben einige ebenso um, wie Angst vor dem Verlernen von Selbstständigkeit angesichts von Hilfsmitteln wie Navis.

„Geht da nicht etwas verloren?“ War eine allgegenwärtige Frage.

So sprach Lauer dann auch „Kulturpessimismus“ an.
Er ergänzte, dass wir längst in Symbiose mit den Geräten leben würden. Die Frage sei nicht mehr, ob wir dies wollten, sonder wie wir dies gestalten. Und es gälte, Vertrauen in die heranwachsende Generation zu haben.

Krauthausen ergänzte, Smartphones seien nichts anderes, als Prothesen wie Hörgeräte und Brillen. Sie würden helfen, Distanzen zu überwinden.

Einig war man sich darin, dass Medienkompetenz als Schulfach dringend nötig wäre.

Der Abend warf das gewohnte „Pro und Contra Internet“ auf, riss die Frage nach Möglichkeiten der Inklusion durch die neuen Medien jedoch bedauerlicherweise nur an.

Dennoch ergab die bunte Mischung an Diskutanten eine sehr informative Gesprächsrunde, deren Fortsetzung zum Thema „Gute digitale Arbeit gestalten“ am 07.09.2017 mit den Digitalisierungsfachleuten Prof. Dr. Kerstin Jürgens und Welf Schröter sicherlich empfehlenswert ist.

(Auf dem Foto: Vanessa Reinwand – Weiss  – Direktorin der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel)

(Auf dem Foto: Raúl Aguayo-Krauthausen – Autor und Aktivist)

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Vielen Dank fürs Teilen

14 Gedanken zu „Viva la Revolución – den digitalen Wandel gestalten!

    1. Aber Social Networks sind nicht umsonst die ersten, die in repressiven Staaten gesperrt werden. Sie haben eben das Potenzial zur Vernetzung und damit zur Organisation von Widerstand. Es gibt da immer zwei Seiten der Medaille.

      1. Hast Du mal gelesen wie der CEO Eric Schmidt von Google sich die digitalisierte Welt so vorstellt?
        Für mich ist das so ähnlich wie mit den Kirchen zusammenzuarbeiten.
        Das ist auch der Grund warum „Die Linken“ nicht mehr wählbar sind.

        1. Ich gebe dir ja nicht ganz unrecht. Aber (wie schon in der Buchrezension zum Digitalen Wandel) die Zukunft wird sich nicht aufhalten lassen. Was wir entscheiden können (zumindest momentan) ist, ob wir die Nutzbarmachung Leuten wie Schmidt überlassen, oder es nach unseren Ideen gestalten.

          1. Die staatlichen Institutionen haben schon lange kapituliert und überließen ganz die Verantwortung den privaten Unternehmen.
            Google, Facebook und Konsorten sind schon lange im Besitz der Deutungshoheit und bestimmen somit auch die weitere Richtung.
            Im engen Verbund mit den Geheimdiensten werden sie uns erst ausforschen digital verabeiten um dann auszusortieren wer Konform ist und wer nicht um dann den Rest auszumerzen oder im besten Fall sich selbst zu überlassen.

          2. Das ist zwar wahrscheinlich, aber eben je nach Gegenwehr und eigenständiger, konstruktiver Nutzung der gegebenen Umstände nicht das zwingende Resultat.

          3. Gegenwehr…wo ist die denn?
            94% aller Menschen die sich im Internet tummeln benutzen GOOGLE.
            Um wirkliche Gegenwehr zu leisten braucht es Bildung und kritisches Denken um das seit über 30 Jahren verblödetes Volk in die richtige Richtung zu führen.
            Nur sehe ich da so gut wie nichts, einfach weil bereits 2 Generationen im konditioniertem Neoliberalismus aufgewachsen sind, sprich, die kennen es gar nicht mehr anders.
            Stattdessen mähren sie sich über Symptome wie Tieschutz, vegane Ernährung und ähnlichem wie Gendertum und Quotenregelung aus, als sich mit dem kapitalistischem System selbst zu befassen,

          4. Das Generationen-Argument lasse ich nicht gelten. Nicht nur, weil ich kritische Geister kenne, sondern auch auf Basis von Geschichte. Würde alles immer so bleiben wie es ist, WEIL es lange so war, hätte es Wandel nie gegeben. Aber es ist auch, wie es immer war: Aufstand und Gegenwehr sind meist an Druck und Leid gebunden. Also: Solange es den Leuten gut oder wenigstens scheinbar gut geht, tut sich da nichts. Widerstand entsteht da, wo Unrecht gefühlt wird.

          5. 68 ging es uns auch gut, einiges war besser als heutzutage, also woher kam dann diese Bewegung? 😉

          6. Das ist ja eben ein Irrglaube, das „uns geht es gut“. Ist auch der Irrglaube derer, die das heute propagieren. Das Wohl des Individuums zählt. Und solange es Menschen in der Gesellschaft gibt, die zu kurz kommen, ausgestoßen, benachteiligt, diskriminiert werden, solange ist Umwälzung und Veränderung nötig. Da kann man nicht nur „mir“ oder „uns“ im Kleinstkollektiv betrachten. Entwicklung entsteht da, wo Entwicklung nötig ist.

          7. Ich wollte nur damit aufzuzeigen, das sich damals Widerstand geregt hat auch ohne den von Dir beschriebenen Leidensdruck erfahren zu haben.

          8. Der Druck war doch da? Das Gefühl, nicht frei entscheiden zu dürfen war dauerpräsent…

          9. Ich bin jetzt erstmal offline bis spät heute Nacht 😉 Wir lesen uns. Genieße dein Wochenende (Und danke nochmal für die Rückmeldung bezüglich der Kommentarfunktion)

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