Sprache

Von Ankerzentren und solidarischem Grundeinkommen

 

Lächelnd verkauft vom charmanten Nachrichtensprecherpersonal der „Tagesschau24“ durften die geneigten Zuschauer erfahren, dass demnächst „Ankerzentren“ eröffnet werden sollen. Wie viel Arbeit, Brainstorming und Geld in diese grandiose Idee gesteckt wurde, Lager zu „Ankerzentren“ umzudeuten, wird wohl nicht so breit veröffentlicht werden wie diese Meldung, die die Moderatoren über Stunden abwechselnd mit breitem Lächeln verkündeten. „Ankerzentren“ – Was kommen da nicht für schöne Assoziationen auf. Da denkt man ans „Heimkommen“, den „sicheren Hafen“, den „Anker“ der einem Lebenshalt bietet. Viel schöner als „Auffanglager“ oder wahlweise „Flüchtlingscamp“, eben all die Worte, die bei den bösen Linken Beißreflexe auslösen, weil sie eng mit Unmenschlichkeit assoziiert sind. Ganz grundlos, selbstverständlich. Die Sprachschönung, das Verlügen der politischen Wahrheiten ist aber fern jeder tatsächlichen Lösung der Probleme, die hier suggeriert werden soll, wenn bunte Sprach-Seifenblasen bunte Scheinwelten produzieren. Die Reduktion des Politischen auf Rhetorik ist eines der Hauptprobleme der Politik, wenn es um Glaubwürdigkeit geht. Wo der Rechte kopflos sowieso überall „Lügenpresse“ vermutet, kommen selbst Linke, Konservative und Liberale nicht mehr umhin, sich kopfschüttelnd über die Art und Weise zu wundern, mit der die letzten Quäntchen Glaubwürdigkeit verspielt werden und Opfer eines gewollten oder ungewollten Zynismus werden. „Ankerzentren“ – der suggerierte sichere Hafen ist ein Hohn, wenn man daneben die Zahlen der Mittelmeertoten sieht. 2017 waren das über 3000. Hier gibt es keine „Anker“. Für niemanden. Hier gibt es Frontex und die Hoffnung der europäischen Länder Wege zu finden, die ihnen die Menschen im Not möglichst kostengünstig vom Leib hält. Hier gibt es statt dessen Angst- und Abschottungspolitik. Und ja, auch hierzulande, wo man lange auf dem Dublinabkommen beharrte und dies auch immer noch, wenn irgend möglich, wieder fest implementiert sehen will. Auch bei uns klafft eine massive Lücke zwischen verkaufter Politik der Anker und Herzlichkeiten und politischer Realität. Ankern, in sicheren Häfen, mit Zukunftsaussichten, ist nicht gewollt. Dafür sorgen nicht nur die Angstbürger und Seehofers dieser Welt, sondern auch die, die mit Sprechblasen und hohlen Werbeslogans Menschlichkeit lediglich für ein Werbekonzept halten, mit dem sich internationales Renommee erarbeiten lässt. Menschlichkeit als Werbegag. Wo das „Ankerzentrum“ lieber ist als das „Auffanglager“ – obwohl beide in der Praxis ein – und dasselbe sind. Hier spielt man denen in die Hände, die sich ihres „Klartextes“ rühmen, öffnet erst das Tor für Populisten, wenn man Sprachschönung und Euphemismen Normalität werden lässt.
Und wer an einen einmaligen Ausrutscher glauben möchte, der befasst sich obendrein mit dem „solidarischen Grundeinkommen“, das mit einem „Grundeinkommen“ oder Solidarität nichts zu tun hat, sondern Menschen (freiwillig, alles freiwillig natürlich) den Arbeiten zuführen möchte, die man nicht als ordentliche Stellen schafft oder schaffen lässt.

Reden wir über…  Stottern

Interview mit Ronja Zimm, seit frühester Kindheit von Stottern betroffen

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(Auf dem Foto: Ronja Zimm / Stottern – Momentaufnahmen / Fotografin: Laura Ludwig)

 

Für die meisten Menschen sind Sprache und das Sprechen an sich selbstverständliche Mittel zur Kommunikation. Wir nutzen sie, um uns mitzuteilen, unsere Emotionen und Bedürfnisse, unsere Meinung. Beim Einkaufen, in Beziehung und Familie, in Schule und Beruf ist das gesprochene Wort Basis für zwischenmenschlichen Austausch. Wie wichtig diese Fähigkeit zur Artikulation tatsächlich ist erfahren oft nur die, denen sie temporär oder langfristig abhandenkommt.

Allein in Deutschland stottern etwa 800.000 Menschen. Bei den meisten zeigt sich diese Sprechbehinderung bereits im Alter zwischen zwei und fünf Jahren. Per Definition ist Stottern eine „Unterbrechung des Redeflusses durch auffällige Blockaden, Wiederholungen oder Dehnungen.“ Tatsächlich entwickelt jedoch so gut wie jeder Stotterer ein individuelles Sprachbild mit ebenso individuellen Ausprägungen der Sprechstörung. Meist wird das Stottern von sekundären Symptomen begleitet. Dazu gehören z.b. das auffällige Verkrampfen der Gesichtsmuskulatur oder zusätzliche Körperbewegungen beim Sprechen. Zudem entstehen durch die gehemmte Kommunikation oft auch Rückzugstaktiken, zu denen das „Verschleiern“ gehört, bei dem Füllwörter oder Synonyme genutzt werden, um bekannte Sprachblockaden zu umgehen, aber auch gravierendere Selbstschutzhandlungen wie komplette Sprechvermeidung oder der Rückzug in soziale Isolation. Weiterführende Informationen finden sich hier.

Eine der rund 800.000 Betroffenen ist Ronja Zimm, 29 Jahre alt.

Susannah Winter: Besteht das Stottern bei dir von Kindheit an? Erinnerst du dich daran, wann die ersten Symptome auftraten und wie diese aussahen?

Ronja Zimm: Ich selbst kann mich nicht daran erinnern, mit dem Sprechen und Stottern angefangen zu haben. Aus Erzählungen weiß ich nur, dass ich in den ersten Monaten wohl noch fließend gesprochen haben soll und das Stottern erst im Kindegartenalter begonnen hat. Aus dieser Zeit sind auch meine ersten bewussten Erinnerungen: Eine Mischung aus Frustration darüber, dass ich durch die Krämpfe nicht mitteilen konnte was ich wollte und Unverständnis darüber, warum ausgerechnet ich so „anders“ war. Das hat die Kindergartenzeit zu einer tränenreichen gemacht. Weiterlesen

Am Anfang war das Wort

Wer, wie ich, noch verordneten Religionsunterricht erlebt hat, der war auch irgendwann mit dem Johannesevangelium konfrontiert. Dessen erster Satz ist mittlerweile in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen:

„Am Anfang war das Wort“

(Tatsächlich heißt es im Johannesevangelium noch „im Anfang war das Wort“, jedoch würden wir dies heute so nicht mehr sagen.)

Meine Sprachaffinität und das ständige „Warum?“, das ich in meinem Hinterkopf mit mir herumtrage, ließen nicht locker.
Konnte am Anfang das Wort gewesen sein?
Was steht am Anfang allen Seins und Tuns?

Ich untersuchte meine eigene Vorgehensweise, meinen Sprachgebrauch und stellte fest, dass das Wort, so sehr ich es auch liebte, bestenfalls Mittler war.
Vor jedem Wort stand die Intention. Ein Gemisch aus Emotionen, Willen, Vorstellung, dem das Wort dann Form gibt.
Das Wort ist, in begrenzter Weise, Ausdruck unseres inneren Chaos‘.
Wir ordnen mit Worten unsere Gedanken und geben ihnen Form, schaffen damit gleichzeitig die Möglichkeit, unser Gegenüber teilhaben zu lassen.

Nichts unterscheidet den Menschen so sehr vom Tier, wie die Fähigkeit zur Sprache in Wort und Schrift.
Nichts hat die Menschheit so sehr vorangebracht  wie die Möglichkeit, Erfahrungen und Erlebnisse zu dokumentieren und der nächsten Generation weiterzureichen, so dass diese nicht dieselben Erfahrungen erneut machen musste, sondern aufbauend auf der letzten Generation weiter forschen, lernen, entdecken konnte.
Die Primatenforschung liefert da phantastische Einblicke in die Möglichkeiten aber auch die Begrenztheit der kulturellen Weiterentwicklung der Affen, da diese im besten Falle aus Erfahrung, sehen und Übernehmen vorgelebter Verhaltensweisen lernen, so dass Erfahrungen zwar von Generation zu Generation weitergereicht werden, jedoch ohne direktes Antrainieren nicht überdauern würden. Weiterlesen