Medien

Terror in Manchester

Es gibt sicherlich unzählige Gründe, über den Terror zu schreiben, der Manchester heimgesucht hat. Noch mehr Gründe gibt es jedoch für mich, dies nicht zu tun.

Ich verweise auf meinen alten Beitrag „Terrorismus und die Rolle der Medien

Gerade der Attentäter wollte eben diese Aufmerksamkeit und er sollte damit nicht erfolgreich sein.

All mein Mitgefühl den Opfern und Angehörigen.

Zum Putschversuch in der Türkei – Die seltsame Nachbetrachtung deutscher Medien und europäischer Politiker

 

Die Nacht von Freitag auf Samstag begann mit dramatischen Schlagzeilen:

„Putschversuch in der Türkei“ konnte man lesen. Kurze Sondersendungen informierten darüber, dass nach bisherigem Erkenntnisstand Teile des Militärs den Sender TRT gestürmt hätten, Flughäfen besetzt hielten, dass Kriegsrecht ausgerufen und eine Ausgehsperre verhängt hätten. Über das Staatsfernsehen TRT ließen die Putschisten die Erklärung verlautbaren, dass eine „Machtübernahme zur Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit“ geplant sei. Ein „Friedensrat“ solle vorerst allen Bürgern in der Türkei, „unabhängig von Rasse, Religion und Sprache“ Freiheit garantieren. (Quelle „Standard Live-Feed“). Mehr war bis dahin nicht bekannt. Spekuliert wurde viel, während immer wieder von Schüssen berichtet wurde.

Erdogan, zum Zeitpunkt des Putsches in Marmaris urlauben, rief umgehend seine Unterstützer zu Demonstrationen gegen den Putschversuch auf. Explosionen im Parlament folgten Aufstände von Erdogan – Treuen. Social – Media – Kanäle fielen (selbstverständlich unerklärlicherweise) aus.

Die türkische Regierung war schnell dabei, den Putsch für gescheitert zu erklären. Ministerpräsident Yildirim erklärte die Lage für „unter Kontrolle“. Und Erdogan selber, zurück vor Ort, ließ sich nicht nehmen, sich via TV inmitten seiner Anhänger zu präsentieren und zu erklären, die „Säuberung des Militärs“ von Laizisten fortsetzen zu wollen. Auch erklärte er, er erwäge die Wiedereinführung der Todesstrafe. Weiterlesen

Terror Live

Kaum waren die ersten Meldungen zu den Terroranschlägen in Brüssel in der Welt, setzte die übliche mediale Reaktion ein:

In den Redaktionen suchte man Live-Material, „Footage“, um die Geschichte möglichst vor den Kollegen der Konkurrenz zu bringen, möglichst eindrucksvoller, möglichst näher am Geschehen.
Man suchte Augenzeugen, am besten noch verängstigt, am besten noch verstaubt, vielleicht blutverschmiert.
Umgehend wurde der Terror verschlagwortet, in Überschriften gepresst, mit Hashtags und Annahmen versehen, damit der Leser keine Sekunde verpassen möge.
Selbstverständlich immer die „Informationspflicht“ im Auge, der sachlich nie gedient wäre.
Was informiert den Medienkonsumenten schon besser darüber, dass Europa vom IS-Terror heimgesucht wird, als weinende Angehörige und Bilder von schreienden und weinenden Menschen, die aus einem qualmenden Zug entkommen.

Und so gab es sekündliche Berichterstattung von BILD über Focus, der SZ über die Tagesschau. „Mittendrin statt nur dabei“, das Motto der Nachrichtenagenturen, Zeitungen, Social-Media-Ableger diverser Medien. Alles im Sinne der verstörten europäischen Wertegemeinschaft, versteht sich. Weiterlesen

Terrorismus und die Rolle der Medien

Die SZ fragt heute: “Machen sich Journalisten zu Handlangern des internationalen Terrors, indem sie groß über die Anschläge berichten?” und “Wie sollten Medien über Terror berichten?”
Angesichts der Berichterstattung rund um die Anschläge in Tunesien eine gute Frage. Und diese wird, wie die SZ ebenfalls bemerkt, nicht zum ersten Mal gestellt. Wie mediale Berichterstattung und Terror sich gegenseitig befeuern habe ich bereits in einem Gastbeitrag auf Bernhard Torschs Blog “Der Lindwurm” unter die Lupe genommen, nachdem die Attentate in Paris und Kopenhagen die Presselandschaft erschütterten. Deshalb zum Thema noch einmal damaliger Artikel, da er nichts an Aktualität eingebüßt hat:

Zu den Attentaten in Paris und Kopenhagen ist viel geschrieben worden. Viel Reißerisches, zu viel für mein Verständnis, aber auch einige gute Beiträge wie z.b. der Blog-Beitrag des Lindwurm,“Der Zauber des Kailifats” und der unbedingt lesenswerte Artikel von Georg Seesslen, “Beginnend mit Worten, endend mit Blut”, der wohl spannendste Versuch bisher, die Ursachen für Terroranschläge dieser Art in Europa, verübt durch junge Menschen mit Migrationshintergrund, aber im jeweiligen Land geboren, zu erklären. Europäer von Geburt und dennoch offensichtlich so fremd im eigenen Land, dass die Perspektive, die jede denkbare eigene Zukunft bietet, nicht wert ist, das eigene Leben zu erhalten. So fremd, dass der Hass sogar den stärksten menschlichen Instinkt, den Überlebenstrieb, außer Kraft setzt. Die Frage danach, woher Hass und Entfremdung kommen wird in obigen Artikeln schon detailliert untersucht.

Mich treibt vor allem die Frage um, welchen Anteil Medien und Berichterstattung an der Zuspitzung der Geschehnisse haben. Weiterlesen

Die Monarchie ist tot. Es lebe die Demokratie!

Kaum waren die Hochzeitsbilder der schwedischen Royals via Live-Übertragung und Tagesschau publik gemacht worden (in der altehrwürdigen Tagesschau, dem immer noch als seriös geltenden Fossil deutscher Nachrichtenlandschaft, gab es die Bilder inklusive Begeisterung über eine Braut in „weißer Spitze“, womit das Weltgeschehen wie immer auf den Punkt gebracht wurde) gingen mit Evelyn Roll von der SZ die royalen Pferde durch:

„Angela Merkel – Die stille Königin“

So schwärmt die Journalistin, deren Artikel im Feuilleton deutlich besser aufgehoben gewesen wäre, im Artikel dann auch:
„Sie ist die mächtigste Frau der Welt, die informelle Königin von Europa.“

Ganz dieser Ideologie folgend schäumt der gesamte Text über vor unterwürfiger Huldigung der Kanzlerin, ganz wie es zu anderen Zeiten Monarchen gebührte.
Kritischer Journalismus, ein Eckpfeiler der Demokratie, erkämpft in jahrelanger Mühe, noch heute nicht überall selbstverständlich, hinweggefegt mit wenigen Sätzen die mich Schamgefühle ob meines eigenen Östrogengehalts entwickeln ließen.
So beschäftigt sich der Text mit der Frage nach Frau Merkels Garderobe, ihrem Auftreten, der „Kanzlerinnenraute“, dem Rätsel um die Bedeutung ihrer nicht vorhandenen Handtasche (um Margaret Thatcher nicht allzu ähnlich zu wirken) und dann mit der Frage, ob Frauen „mit Macht besser umgehen können“.
Dies ist, wie auch im Text selber angemerkt, tatsächlich sexistisch. In beide Richtungen.
Nicht nur wird die Geschlechterfrage über die inhaltliche gestellt, was Männer und Frauen gleichermaßen diskriminiert, auch der restliche Text degradiert die Journalistin selber, und damit die Frau an sich, zu einem Menschen, der sich um nichts Wichtigeres zu sorgen weiß, als um Handtäschchen, Garderobe und Oberflächlichkeiten.
Ein unglaublich vereinfachter und einseitiger Blick auf ein Amt und eine Person, die mehr ist als nur die „erste Frau im Kanzleramt“.
Im Falle von Frau Roll ist diese Frage jedenfalls mit einem klaren „Nein“ zu beantworten, denn die Macht des Journalisten liegt in seiner Möglichkeit, den Leser über Inhalte aufzuklären, kritisch zu sein, zu hinterfragen. Weiterlesen

Stigma Depression

Die Presse vermeldet heute:

Germanwings Co-Pilot krankgeschrieben. Durch Psychiater.

Da ist es wieder, das Bild des vermeintlich „Irren“, dessen Abnormität nicht nur befremdlich sondern auch gefährlich ist.
Ein Land schwelgt pressegelenkt in kollektiver Betroffenheit, aber was wäre dieses, vermeintlich geteilte, Leid ohne die Auflösung, die Erlösung der Betroffenen durch einen Schuldigen, der die Welt erklärt, der alles wieder ins recht Licht rückt:

„Normal und Anders“, „Schuldig und Unschuldig“, „Krank und Gesund“.

Chaos und Zufall, so will es der Mensch, kann und darf es in der Welt nicht geben.

Das Bewusstsein, dass ein Unglück aber auch Straftaten jeden treffen können, die eigene Person, die eigenen Kinder, es muss um jeden Preis verdrängt werden. Und so braucht die kollektive Einigkeit den Sündenbock, braucht den Glauben daran, sich noch die kleinste und größte Katastrophe erklären zu können.
Und so folgt die einhellige und nicht selten bigotte Einigkeit in Trauer auch diesmal wieder der Idee, dass es einen Sündenbock braucht, den man verdammen kann, um danach erneut an ewige Unversehrtheit glauben zu können.

Der fast zwanghafte Versuch, sich die Welt so einfach erklären zu können, führt diesmal zur Depression. (Nachtrag: Die noch uneinige Presse ließ wohl eben verlauten, es seien vielleicht doch keine Depressionen gewesen. Was genau, das wisse man noch nicht)
Der Verantwortliche kann schließlich nicht „normal“ sein, denn normale Menschen würden nie töten, als Geisterfahrer auf die Autobahn fahren, stalken, stehlen… bis sie es tun.

Dass es zwischen „normal“ und „psychisch krank“ mindestens ebenso viele Facetten gibt, wie sie auch in den Begriffen „normal“ und „psychisch krank“ enthalten sind, all diese menschlichen Nuancen werden für einfache Wahrheiten geopfert. Weiterlesen

„Pleite-Griechen“ und das deutsche Armutszeugnis

Fast möchte man seinen Augen und Ohren nicht trauen, wenn man dieser Tage den Fernseher einschaltet, Zeitung liest oder durchs Internet surft.
Beinahe einhellig beschwört der Medienchor den dreisten, gierigen, faulen Griechen, der dem armen Deutschen an sein Bestes und Liebstes will:

Sein Geld.

So titelte etwa die FAZ: „Griechenland soll sich gegenüber Deutschland im Ton mäßigen”, „Politganoven“, „Die Grenzen der Geduld mit Griechenland“

Die SZ beschwor „Was Tsipras noch lernen muss“, befand: „Zu viel eitles Geschwätz, Schäuble nennt griechische Beschwerde über ihn “Unsinn”“ und entwickelte sogar hellseherische Fähigkeiten: „Drohen, pfänden – scheitern“

Die Welt wertete: „Der geniale Bluff des griechischen Winzlings“, „Was erlaube Tsipras?“ und verhalf einmal mehr Söder zu mehr Bedeutung als ihm tatsächlich zuzugestehen ist: „Warum Söder den Griechen eine letzte Chance gibt“.
Nun liegt das Schicksal der Griechen zum Glück nicht in der Hand Söders, aber eine griffige Schlagzeile ist es allemal.

Der Spiegel erklärte Alexis Tsipras per Titelseite zu „Europas Alptraum“ und zum „Geisterfahrer“

Und wenn in solch harmonischer Einigkeit gehetzt wird, darf die BILD nicht fehlen, die BILD-konforme Lösungsvorschläge zu bieten hatte: „Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen“, wie immer mit der Angst der Leser spielte: „Angst um unser Geld“ (Überhaupt ist „Angst“ eines der liebsten BILD-Schlagworte). Weiter ging es mit:  „Warum zahlen wir den Griechen ihre Luxus-Renten“, „BILD gibt den Pleite-Griechen die Drachmen zurück“ und gipfelte schließlich in der hetzerischen Frage: „Der Russe oder der Grieche, wer ist gefährlicher für uns“ [sic] und einer Mitmach-Online-Kampagne für Leser, die sich via Selfie mit einem klaren „Nein“ gegen Griechenland – Hilfen und für BILD-Hetze aussprechen durften: “Nein – Keine weiteren Milliarden für die gierigen Griechen”.

Dass Populismus wie dieser der gierigen BILD zu mehr Auflage verhilft? Sicherlich bestenfalls ein kleiner Nebeneffekt. Weiterlesen