Journalismus

Der Tag danach

Das vorläufige Endergebnis der Wahl:


Das Ergebnis kam mit Ansage, die Prognosen im Vorfeld sahen ähnlich aus, wobei die „Volksparteien“ letztendlich doch mehr Stimmen verloren, als man vermutet hatte.

Es war für die CDU wie auch für die SPD das schlechteste Wahlergebnis seit Mitte des letzten Jahrhunderts.

Ja, es ist ein Debakel, dass die Rechten nun in den Bundestag einziehen werden. Und ja, auch bei den restlichen Parteien wird der Rechtsruck offensichtlich.

Wobei all die „Mitte“-Verteidiger schon lange die Segel gestrichen hatten, wo eine CSU ganz in AfD-Manier hemmungslos agieren konnte.

Und das war eben auch das größere Trauerspiel gestern Abend, nicht kommuniziert und doch lauter und AfD-übertönend. – Man konnte mit ansehen, wie Journalisten und Politiker die Segel strichen und ohne jede Form der Gegenwehr die Frage nach Übernahme von AfD-Ideen stellten.

Herausstreichen möchte ich besonders die dramatischen Fehlleistungen der ARD-Berichterstattung des gestrigen Abends. Eine Statistik nach der anderen wurde präsentiert, während munter (Fehl-) Schlüsse gezogen wurden, die doch alle nur eines implizit forderten: Man müsse endlich den Ängsten der Bürger nachgeben. Diese Weigerung sei der Grund für den Erfolg der AfD.

Nun darf man das Phänomen verstehen (das selbst BILD- „Journalisten“ längst begriffen haben, um mit Angst-Aufmachern den großen Reibach zu machen): Unser Unterbewusstsein versteht das Wort „Nicht“, wie auch andere Verneinungen nicht. So wiederholte man gestern wieder und wieder das Wort Angst. Wie schon in den letzten Tagen, Wochen, Monaten, Jahren. Die große Angst, sie wird von solchem „Journalismus“ gespeist und geschürt.

Ich habe zu der Funktionsweise dieser Angst-Berichterstattung bereits mehrfach hier und hier geschrieben und möchte nur erneuern, dass mit diesem unterkomplexen und eindimensionalen Erklärungsmodell nichts gewonnen und alles verloren ist.

Wer so argumentiert und berichtet, der hat schon jetzt, ganz ohne Not, die relevanten Plätze der Gesellschaft den Rechten überlassen.

Schlimmer wurde es im direkten Gespräch mit den Vertretern der Parteien. Suggestivfragen, die keinen Raum für andere Interpretationen oder Erklärungen ließen, bedrängten die dort Sitzenden immer wieder mit der Frage, ob es nicht an der Zeit für „Obergrenzen“ sei und reduzierten die Probleme dieses Landes auf die Flüchtlingsfrage.

Als wäre dieser journalistische Offenbarungseid, der zum Wohle der „Unabhängigkeit“ mit Steuergeldern finanziert wird, nicht so schon ausreichendes Schwenken der braunen Fahne „Opportunismus“ gewesen, wurde schließlich via erneuter Umfrage und Hochrechnung  durch Herrn Schönenborn attestiert: „An sozialen Belangen kann es nicht liegen. Über 80% der Menschen geben an, es ginge ihnen gut.“

Jedem denkenden Menschen, jedem Menschen mit Verständnis um Multikausalität aller Dinge, konnte bei so einer Aussage nur der Mund offen stehenbleiben.

Und dass die Ängste vor dem sozialen Abstieg, die fraglos viele plagen, den selbsternannten Experten nicht mal mehr Randnotiz ist, sondern beiseitegewischt wird ist, angesichts der permanenten Selbsterklärung, man würde nur verstehen wollen, was die Menschen umtreibt, um dann Faschisten verhindern zu können, ein Hohn.

Hier wurde nicht ergebnisoffen, interessiert oder informiert berichtet. Hier war im Vorfeld klar was und wer Schuld war am Wahldebakel. Und jede Hochrechnung, jede Frage, zielte genau darauf ab.

Das ist kein Journalismus, das ist Stimmungsmache und eine Debatte ganz im Sinne der AfD.

Welcher journalistische Offenbarungseid sich in dem ARD-Spektakel bot, wurde spätestens da offensichtlich, wo selbst Herr de Maizière, nicht für Zimperlichkeiten in Sachen „Flüchtlingsfreundliche Einwanderungspolitik“ bekannt, die übereifrige Moderatorin zurechtweisen musste mit dem Hinweis, er könne auf spekulative Ideen im Sinne der AfD an Ort und Stelle nicht eingehen, sondern müsse sich erst mit den konkreten Zahlen beschäftigen. Und auch Özdemir wies darauf hin, man könne doch nicht durch Aneignung rechter Politik Rechte bekämpfen.

Was sich bot, war grenzenloser, journalistischer Opportunismus, der sich über Stunden durch den Abend zog. Und die Reduktion der Probleme in diesem Land auf die Flüchtlingsfrage.

So erweist sich der „Sündenbock Flüchtling“ einmal mehr als großes Geschenk für Rechts und Links, wenn er von hausgemachten Problemen ablenkt und einfache Scheinantworten ermöglicht.

Zur Aufklärung des Fehlschlusses jedoch, zu der die umfangreichen Hochrechnungen des Schönenborn nicht reichten, können vielleicht diese Karten beitragen:

(Foreign residents in Germany/ Quelle)

 

(AfD-Strongholds, Quelle)

Sie zeigen auf, dass die AfD dort, wo Flüchtlinge tatsächlich ansässig sind, am Schwächsten ist.
Stark ist sie da, wo weit und breit kein Flüchtling zu finden ist – Dafür aber Angst. Viel davon.
Gestreut und gepflegt von der Art Berichterstattung, die das öffentlich-rechtliche gestern vortrug.

Zu befürchten bleibt nun, dass die Sündenbock-Idee verfängt. Wie auch die, gestern in ewiger Wiederholung präsentierte, Abkehr von anderen Inhalten als Verursacher für den Rechtsruck.

Und dass es bei der unplausibelsten aller Ideen bleibt: Die AfD mit AfD-Politik zu bekämpfen.

Das wäre, als würde man das Flüchtlingsheim lieber selber anzünden, bevor es die anderen tun.

Lügen wie gedruckt? Vorwurf „Lügenpresse“

(zuerst erschienen auf Peira.org)

 

Von der Lüge im Politischen Teil 2

Bevor ich, wie bereits im ersten Teil angekündigt, auf die Frage nach der Lüge in Presse und Journalismus eingehe, möchte ich noch einmal kurz die Definition von „Lüge“ erläutern, die auch dem letzten Text als Einleitung dienen sollte: Das Wesen der Lüge ist vornehmlich die Intention, der Vorsatz. Sei es, um sich besser darzustellen, sei es für andere Formen der eigenen Vorteilsnahme.

In diesem Kontext gilt es nun auch, einen Mode gewordenen Schlachtruf dieser Tage zu betrachten:

„Lügenpresse“ – spätestens seit Aufmarsch der ersten Pegida-Veranstaltungen, der „Friedenswinter“-Bewegung, die mit Frieden herzlich wenig am Hut hatte, seit Populisten aller politischen Lager wachsenden Zulauf verzeichneten, geisterte dieser Vorwurf durch die Gesellschaft. Vor allem das rechte Lager skandierte diesen Begriff genüsslich und häufig in einem unerschütterlichen Glauben an eine „links-grün-versiffte“ (sic) Presse, die in ihren Augen den „Willen des Volkes“ verlog.

Nun ist der Begriff an sich nicht sonderlich originell, dafür aber umso geschichtsträchtiger. Weiterlesen