2017

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Liebe Leser, ich mache mich jetzt mal unbeliebt:

Seit einigen Tagen geistert die Aktion #metoo durch alle sozialen Netzwerke und brachte es bis hin zu einem Beitrag in der Tagesschau. Ich habe bisher vorgezogen, mich nicht zu äußern und habe mich lediglich still geärgert. Bis jetzt.

Aber ich bin tatsächlich auch Opfer geworden. Von Männern UND von Frauen. Und ich kenne viele Männer, die ebenfalls Opfer wurden. Einige von Männer, andere von Frauen. Einige von ihnen wurden von Partnerinnen geschlagen („man schlägt aber nicht zurück. Frauen schlägt man nicht“) und homosexuelle Frauen, die von ihren Partnerinnen geschlagen wurden. Und ich kenne Frauen, die Opfer wurden von Männern und von Frauen. Und jetzt möchte und muss ich mir einmal Luft machten: Die zunehmend radikale Ideologie hinter solchen Geschichten, die einseitige Viktimisierung von Frauen bei gleichzeitiger Benennung von ausschließlich Männern als Täter, ist für mich kaum noch zu ertragen. Da schwingt der gleiche chauvinistische Sexismus mit, den man hier vorgibt, bekämpfen zu wollen. Nein, Frauen sind keine heiligen, zarten Wesen, die den Weltfrieden bringen. Und ja, auch Frauen können Gewalt, Sexismus, Rachsucht, Krieg. Nur: Männer sprechen tendenziell eher nicht darüber, wenn sie Opfer werden. Ist ja weder in der feministischen noch sonstigen gesellschaftlichen Idee existent. Männer werden da gerne belächelt. Es spricht Bände, dass es für Männer hier nur „#Ihave“ (Das Eingeständnis, Täter gewesen zu sein) und ‚#himtoo“ (Mann spricht von sich in der dritten Person und selbstverständlich nur als „auch“) als Gegenhashtags gibt. Oder wahlweise #metoo – aber nur, um Solidarität mit Frauen zu bezeugen. Ich habe in den letzten Wochen vermehrt mit radikalisierten „Feministinnen“ diskutiert. Eine davon brachte es auf einen traurigen Höhepunkt, als es um Gewalt gegen Jungs und Mädchen ging. DASS es auch Jungs treffe, sei schlimm, aber das sei nun wirklich nichts im Vergleich zu dem, was Mädchen durchmachten. Ich wandte ein, dass auch Jungs an Gewalt leiden und die individuelle Erfahrung zähle und auch männliche Gewaltopfer Solidarität bräuchten. Aber nein, die gute Frau beharrte darauf, dass Gewalt gegen Jungs nun wirklich nicht so dramatisch sei. Es wird Zeit, auch Frauengewalt in gleicher Form zu beleuchten und zu benennen. (Denn warum habe ich so lange gezögert, diese Zeilen zu schreiben? Und, Hand aufs Herz, wie oft haben Sie in den letzten Wochen Berichte über weibliche Gewalt gelesen/gesehen?) Und es wird Zeit, mit der massenhaften Viktimisierung der Frau aufzuhören. Es wird Zeit, feministische Radikalismen ebenso zu benennen und zu bekämpfen. Solche einseitigen Aktionen jedenfalls finden nicht (mehr) in meinem Namen statt. Gewalt geht alle an und betrifft auch (fast) alle. Sei es in der Kindheit oder in der Beziehung. Sei sie emotionaler oder physischer Art. Wenn wir nicht anfangen, auch in dieser Debatte gleichberechtigt zu diskutieren, das heißt in dem Fall auch endlich einmal weibliche Gewalt zu benennen, Frauen als gleichwertige Menschen zu betrachten, auch in Sachen Gewalt und Unrecht, schaffen wir keine „Gleichberechtigung“. Nur neue Macht, Ideologie und Gewalt.

Vielleicht wäre eine Rückkehr zu Humanismus und eine Beurteilung von Gewalt und Unrecht anhand der Umstände weit sinnvoller, als eine Geschlechterdebatte.

Der Tag danach

Das vorläufige Endergebnis der Wahl:


Das Ergebnis kam mit Ansage, die Prognosen im Vorfeld sahen ähnlich aus, wobei die „Volksparteien“ letztendlich doch mehr Stimmen verloren, als man vermutet hatte.

Es war für die CDU wie auch für die SPD das schlechteste Wahlergebnis seit Mitte des letzten Jahrhunderts.

Ja, es ist ein Debakel, dass die Rechten nun in den Bundestag einziehen werden. Und ja, auch bei den restlichen Parteien wird der Rechtsruck offensichtlich.

Wobei all die „Mitte“-Verteidiger schon lange die Segel gestrichen hatten, wo eine CSU ganz in AfD-Manier hemmungslos agieren konnte.

Und das war eben auch das größere Trauerspiel gestern Abend, nicht kommuniziert und doch lauter und AfD-übertönend. – Man konnte mit ansehen, wie Journalisten und Politiker die Segel strichen und ohne jede Form der Gegenwehr die Frage nach Übernahme von AfD-Ideen stellten.

Herausstreichen möchte ich besonders die dramatischen Fehlleistungen der ARD-Berichterstattung des gestrigen Abends. Eine Statistik nach der anderen wurde präsentiert, während munter (Fehl-) Schlüsse gezogen wurden, die doch alle nur eines implizit forderten: Man müsse endlich den Ängsten der Bürger nachgeben. Diese Weigerung sei der Grund für den Erfolg der AfD.

Nun darf man das Phänomen verstehen (das selbst BILD- „Journalisten“ längst begriffen haben, um mit Angst-Aufmachern den großen Reibach zu machen): Unser Unterbewusstsein versteht das Wort „Nicht“, wie auch andere Verneinungen nicht. So wiederholte man gestern wieder und wieder das Wort Angst. Wie schon in den letzten Tagen, Wochen, Monaten, Jahren. Die große Angst, sie wird von solchem „Journalismus“ gespeist und geschürt.

Ich habe zu der Funktionsweise dieser Angst-Berichterstattung bereits mehrfach hier und hier geschrieben und möchte nur erneuern, dass mit diesem unterkomplexen und eindimensionalen Erklärungsmodell nichts gewonnen und alles verloren ist.

Wer so argumentiert und berichtet, der hat schon jetzt, ganz ohne Not, die relevanten Plätze der Gesellschaft den Rechten überlassen.

Schlimmer wurde es im direkten Gespräch mit den Vertretern der Parteien. Suggestivfragen, die keinen Raum für andere Interpretationen oder Erklärungen ließen, bedrängten die dort Sitzenden immer wieder mit der Frage, ob es nicht an der Zeit für „Obergrenzen“ sei und reduzierten die Probleme dieses Landes auf die Flüchtlingsfrage.

Als wäre dieser journalistische Offenbarungseid, der zum Wohle der „Unabhängigkeit“ mit Steuergeldern finanziert wird, nicht so schon ausreichendes Schwenken der braunen Fahne „Opportunismus“ gewesen, wurde schließlich via erneuter Umfrage und Hochrechnung  durch Herrn Schönenborn attestiert: „An sozialen Belangen kann es nicht liegen. Über 80% der Menschen geben an, es ginge ihnen gut.“

Jedem denkenden Menschen, jedem Menschen mit Verständnis um Multikausalität aller Dinge, konnte bei so einer Aussage nur der Mund offen stehenbleiben.

Und dass die Ängste vor dem sozialen Abstieg, die fraglos viele plagen, den selbsternannten Experten nicht mal mehr Randnotiz ist, sondern beiseitegewischt wird ist, angesichts der permanenten Selbsterklärung, man würde nur verstehen wollen, was die Menschen umtreibt, um dann Faschisten verhindern zu können, ein Hohn.

Hier wurde nicht ergebnisoffen, interessiert oder informiert berichtet. Hier war im Vorfeld klar was und wer Schuld war am Wahldebakel. Und jede Hochrechnung, jede Frage, zielte genau darauf ab.

Das ist kein Journalismus, das ist Stimmungsmache und eine Debatte ganz im Sinne der AfD.

Welcher journalistische Offenbarungseid sich in dem ARD-Spektakel bot, wurde spätestens da offensichtlich, wo selbst Herr de Maizière, nicht für Zimperlichkeiten in Sachen „Flüchtlingsfreundliche Einwanderungspolitik“ bekannt, die übereifrige Moderatorin zurechtweisen musste mit dem Hinweis, er könne auf spekulative Ideen im Sinne der AfD an Ort und Stelle nicht eingehen, sondern müsse sich erst mit den konkreten Zahlen beschäftigen. Und auch Özdemir wies darauf hin, man könne doch nicht durch Aneignung rechter Politik Rechte bekämpfen.

Was sich bot, war grenzenloser, journalistischer Opportunismus, der sich über Stunden durch den Abend zog. Und die Reduktion der Probleme in diesem Land auf die Flüchtlingsfrage.

So erweist sich der „Sündenbock Flüchtling“ einmal mehr als großes Geschenk für Rechts und Links, wenn er von hausgemachten Problemen ablenkt und einfache Scheinantworten ermöglicht.

Zur Aufklärung des Fehlschlusses jedoch, zu der die umfangreichen Hochrechnungen des Schönenborn nicht reichten, können vielleicht diese Karten beitragen:

(Foreign residents in Germany/ Quelle)

 

(AfD-Strongholds, Quelle)

Sie zeigen auf, dass die AfD dort, wo Flüchtlinge tatsächlich ansässig sind, am Schwächsten ist.
Stark ist sie da, wo weit und breit kein Flüchtling zu finden ist – Dafür aber Angst. Viel davon.
Gestreut und gepflegt von der Art Berichterstattung, die das öffentlich-rechtliche gestern vortrug.

Zu befürchten bleibt nun, dass die Sündenbock-Idee verfängt. Wie auch die, gestern in ewiger Wiederholung präsentierte, Abkehr von anderen Inhalten als Verursacher für den Rechtsruck.

Und dass es bei der unplausibelsten aller Ideen bleibt: Die AfD mit AfD-Politik zu bekämpfen.

Das wäre, als würde man das Flüchtlingsheim lieber selber anzünden, bevor es die anderen tun.

Kurz vor der Wahl – Wenn wahre Demokraten die Demokratie erklären

Nur wenige Tage vor der kommenden Bundestagswahl gibt es für viele kein Halten mehr. Da wird getrommelt, geworben, „duelliert“ und vor allem empfohlen, was das Zeug hält.

Und einige können Demokratie noch ein bisschen besser als der Rest und erklären der versammelten Wählerschaft via TAZ, wie „elitär, amoralisch und bourgeois“ all diejenigen sind, die „Die Partei“ um Martin Sonneborn wählen.

Wer schreibt? Martin Kaul, Journalist und Redakteur mit Politik- und Kulturwissenschaftsstudium im Hintergrund. Tendeziell darf man annehmen, dass Herr Kaul der klassischen „Elite“ und „Bourgeoisie“ mit dieser Biografie näher ist, als ein Großteil der Wähler der Partei „Die Partei“.

Argumentativ fragwürdig, immer ein Stück unter der Gürtellinie, bescheinigt er den Wählern und der Partei, „im Kern verachtenswerter als die AfD“ zu sein. Als Vorwurf der Dolchstoß unter „Linken“ und solchen, die sich für Linke halten. Warum? Weil AfDler und FDPler (sic) wenigstens für „etwas kämpfen“ würden.

Erst vor wenigen Tagen veröffentlichte die Tagesschau, versteckt hinter Jubelreden über das gute Abschneiden Deutschlands in den MINT-Fächern, Informationen zur gerügten sozialen Durchlässigkeit in Deutschland, einem der reichsten Länder Europas.

Nach Zahlen der Hans-Böckler-Stifung stammen nur noch 15% der Studienabsolventen (Bachelor) aus Arbeiterfamilien. Der Master gelingt nur noch 8% von ihnen. Bis zur Promotion schafft es nur 1%. Die Vergleichszahlen aus Akademikerfamilien: Das Masterstudium gelingt noch 45%, die Promotion sogar 10%.

Die hier veröffentlichten Statistiken belegen zunehmende Chancenungleichheit.

Eine weitere Studie der letzten Wochen belegte, dass mittlerweile jedes fünfte Kind im reichen Deutschland von Armut betroffen ist. Was das für die Chancen dieser Kinder bedeutet – nach Ansicht obiger Zahlen offensichtlich.

So bekäme ein Nicht-elitärer, nicht der Bourgeoisie entstammter Mensch wohl tendenziell eher nicht die Möglichkeit zum Doppelstudium plus Journalismusvolontariat und anschließender Redaktionsstelle bei der TAZ (Ausnahmen soll es geben), um von der hohen Kanzel der Allwissenheit den Zeigefinger auf all diejenigen zu richten, die in seinen Augen kollektiv verlorene Links-Alternative sind.

Rhetorisch wie inhaltlich fragwürdig gibt es hier den Rundumschlag für all die weniger „guten Demokraten“ unter den Wählern, für die Herr Kaul trotz eingehenden Studiums der Politikwissenschaften inklusive der Vertrautheit mit komplexerer Argumentation und Kausalität, nur Verachtung und platte Floskeln übrig hat.

Er sieht in Wählern der Partei „Verlorene“, „joviale Besserwisser“ (die ganz anders als Herr Kaul keinen Grund für joviale Besserwisserei haben) mit „verachtenswerter Haltung“, die „snobistisch, dekadent“ seien und die es  „zu bekämpfen“ (sic) gälte, gänzlich „unsympathische Menschen“.

Nach der Lektüre des ganzen Beitrages kommt man nun weder auf den Gedanken, dass sich Herr Kaul auch nur mit einem von ihnen eingehender unterhalten hätte (geschweige denn mit mehr als einem, um sich, wie es sich für einen politiktheoretisch gebildeten Menschen gehören würde, ein allgemeingültiges Urteil erlauben zu können), noch darauf, dass Herr Kaul das Demokratieprinzip so ganz begriffen hätte.

Das Prinzip der freien Wahl, der Demokratie, erlaubt die Wahl des Abgeordneten und der Partei, die am geeignetsten scheint, die Interessen des Wählers zu repräsentieren.  Man mag, wie Herr Kaul selbst, der das demokratische Heil ausschließlich in etablierten Großparteien sieht, aus machtstrategischen Gründen eben dort sein Kreuzchen machen.

Oder aber man begreift auch tiefere Zusammenhänge.

So ist die AfD nicht nur das Resultat von Populisten, die vom Himmel fielen und von denen kein Mensch weiß, wie sie Fuß fassen konnten. Sie ist auch das Resultat einer immer weiter auseinanderdriftenden Gesellschaft, in der das Prinzip Angst greift. Angst vor Abstieg, Angst vor Altersarmut, Zukunftsangst. Und auch das Thema Migration verstärkt deshalb so sehr diese Ängste, weil das Gefühl der Verknappung noch mehr Angst vor weiteren Mäulern am Futtertrog schürt.

Nun könnte man Herrn Kaul, der offensichtlich privilegierter war, ganz ohne bourgeoise Regungen selbstverständlich, und in einer Form aufgewachsen ist, die ihm einen guten, vorteilhaften Start ermöglicht hat, einmal erklären, dass sich in der derzeitigen Parteienlandschaft viele nicht mehr repräsentiert fühlen. Eigentlich ein Unding in einer „repräsentativen Demokratie“. Die SPD hat sich längst von der Arbeitnehmerschaft abgewandt, macht Politik gegen die letzten Instanzen der Arbeitnehmervertretung, die Gewerkschaften, hat radikalere FDP-Politik Realität werden lassen, als es der FDP selbst je möglich war, eine immer schneller voranschreitenden Prekarisierung nicht unwesentlicher Teile der Gesellschaft erst ermöglicht. Die CDU hat nie einen Hehl aus ihrer Bevorzugung der konservativen, selbsternannten „Mitte“ gemacht und bedankt sich heute noch artig mit Lächeln und Knicks in Richtung SPD, wenn die Sprache auf die Agenda 2010 kommt.

Fragen sich nun überzeugte Demokraten, die nicht Gewinner des Geburtenroulettes waren, was sie wählen sollen, wird die Antwort schwierig.

Schien „Die Linke“ zu Gründungszeiten den politisch Informierteren vielleicht eine Alternative zu bieten (denn ja, trotz all der Unkenrufe weiter Teile der Presse und derjenigen, die die Fülle an Abgeordnetensitzen dann doch nicht weiter aufteilen möchten hat „die Linke“ selten mehr gefordert als die SPD zu sozialdemokratischen Zeiten), so hat sich diese Hoffnung in einem zunehmend linksautoritärem Kurs innerhalb der Partei erschöpft. Rechnet man eher schaurige Gestalten wie Dieter Dehm, Querfrontaktivist und bekannt für diverse Ausfälle und radikale Anti-Israel-Tiraden (und wir alle haben gelernt: Nie ist ein Anti-Zionist ein Antisemit. Nie.)  wie auch für nationalistische Tendenzen hinzu, bleibt trotz guter und überzeugter Leute auch in der Linken oft doch nur Resignation.

Grün? Wer bis jetzt nicht begriffen hat, dass die Grünen keine erwähnenswerte Sozialpolitik haben und Öko vor allem die sind, die es sich leisten können, dem kann ich hier auch nicht weiterhelfen.

Und die FDP? Für Unternehmer, nicht für die Abgehängten. Zumindest bis diese aus Ihrem Leben eine Ich-AG machen und richtig durchstarten. Mit Flaschensammeln und Müllwühlen zum Erfolg – dann vielleicht FDP.

Wo ist sie also, die angeblich „kompromissbereite“, „ehrenwerte“ Wahloption, die Herr Kaul hier sieht? Oder anders: Wo ist sie für die weniger Privilegierten, die nach der unbescheidenen Hasstirade Kauls verzweifelt Ausschau halten, in tiefer Überzeugung, Probleme müssten politisch lösbar sein. Für alle. Nicht nur für die Gewinner der Gesellschaft. (Wobei der größtmögliche Gewinn das große Los im Gebärmutterroulette ist. Bessere Bildung plus Erbschaft inklusive).

Wer angesichts des Mangels an Alternativen, die doch eigentlich das Herz einer Demokratie sind, noch nicht ganz aufgegeben hat, und wer sein mangelndes Selbstwertgefühl und seine Angst nicht nur kompensieren möchte, indem er AfD wählt und hofft, damit sein Stück vom Kuchen abzusichern, indem er noch der widerlichsten Schießbefehlrhetorik Applaus spendet, weil der Intellekt nicht ausreicht, um Kausalitäten anders zu verarbeiten, als mit dem ewig-gestrigen, ewig-gleichen Vorwurf „Der Ausländer ist an allem Schuld“, der steht auf verlorenem Terrain. Denn die Politik derzeit ist, angeblich nur, aber doch viel zitierter Weise, absolut „alternativlos“. (Im Kern auch die Haltung Kauls, der es nur weniger gekonnt verpackt.)

Alternativlosigkeit aber ist die Abwesenheit von Demokratie.

Und eine Demokratie, die sich aus Feindbildern speist, nicht mehr aus Inhalten, macht sehr deutlich, wie fern ihre Inhalte von ihrer eigentlichen Aufgabe, der repräsentativen Demokratie, sind.

Wer als Argument nur noch zu bieten hat: „Wählt uns, damit die AfD es nicht schafft“, der blendet nicht nur den eigenen Anteil aus, den bisher getätigte Politik am Aufstieg der braunen Partei hat, der äußert auch das Eingeständnis, dass er auch auf weitere Sicht keine inhaltlichen Angebote im Gepäck hat, die ein reeller Grund für eine Wahl der Etablierten wären.

Und so wendet sich das Argument all derer, die in allen Wählern fern der Großparteien Unterstützer der AfD sehen möchten, letzlich gegen sie selbst. So könnte das Argument auch lauten: „Was bisher AfD ermöglicht und befeuert hat, wird dies auch in Zukunft tun und bestärken.“

Hier wird der bereinigende, innerparteiliche Selbsterneuerungsprozess  verhindert, denn wo kein Wandel ist, ändert sich nichts.

Schon Einstein wusste:  „Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.“

Dabei ist es ganz einfach: Wer politisch informiert und interessiert ist, wer sich einbringt,  wer wählt, wovon er überzeugt ist, wer wählt, was verfassungskonform ist, der hat das Notwendigste getan, um sich „Demokrat“ nennen zu dürfen. Völlig unabhängig von der sehr subjektiven Betrachtung eines Journalisten.

Szenarien einer digitalen Welt – heute und morgen

Thomas Klauß & Annika Mierke: Szenarien einer digitalen Welt – heute und morgen Wie die digitale Transformation unser Leben verändert
Rezensentin: Susannah Winter

An Zukunftsprognosen hat sich schon so mancher die Finger verbrannt. Man erinnere sich kurz an „Das Pferd wird es immer geben, Automobile hingegen sind lediglich eine vorübergehende Modeerscheinung.“ (Der Präsident der Michigan Savings Bank, 1903) oder wahlweise an „Es gibt keinen Grund dafür, dass jemand einen Computer zu Hause haben wollte.“ (Ken Olson, Präsident von Digital Equipment Corp., 1977)

Auch das vorliegende Buch wagt den Blick in eine mögliche Zukunft.

Wie sieht die zunehmende Digitalisierung aus, was macht sie mit uns? Wie wandeln sich die unterschiedlichen Lebensbereiche, die sozialen, ökonomischen und kulturellen Räume? Welche Gefahren und Chancen bietet das digitale Zeitalter?

Angenehm unaufgeregt und fern eines allgemeingültigen Meinungsbildungsanspruchs gehen die Autoren Thomas Klauß und Annika Mierke diesen und anderen Fragen nach, stets bemüht um ein ausgeglichenes Bild, das weder blind den Fortschritt bejubeln, noch einseitig Angst vor ihm schüren will.

Und der Spagat gelingt.

So erhalten sowohl interessierte Laien, die sich bisher nicht mit der Thematik auseinandergesetzt haben, wie auch „Digital Natives“ in Form dieses Buches eine gut strukturierte, verständlich geschriebene und ansprechend gestaltete Übersicht über die derzeitige Ausgangslage  wie auch die möglichen Zukunftsaussichten des digitalen Wandels.

Was ist schon heute, dank moderner Technik, möglich? Was ist in greifbarer Nähe, wenigstens aber denkbar? Themengerecht steht jedem Käufer des Buches auch eine Ausgabe in Form eines E-Books zur Verfügung, was zumindest für die hilfreich sein dürfte, denen die Schrift des Buches etwas zu klein geraten ist. Womit allerdings der einzig nennenswerte Kritikpunkt schon vorweggenommen wäre.

Die Autoren spannen den Bogen von globaler Entwicklung wie Bevölkerungswachstum und Ressourcenverteilung über Trends wie „Wearables“, also am Körper befindliche Vernetzung in Form von Smart-Watches, Google-Glasses und zunehmend auch „intelligenter Kleidung“, und die bereits heute beobachtbare Tatsache, dass das Internet so allgegenwärtig ist, dass es quasi unsichtbar wird. Sie beleuchten die Digitalisierung der verschiedenen sozialen Lebensbereiche, Konsum, Kunst und Kultur, Bildungsfragen und Bildungsmöglichkeiten, die Arbeitswelt, Gesundheit und Chancen des Fortschritts in der Medizin über Wohnen hin zu Politik, Stadt und Staat, um schließlich die Frage zu stellen: „Wohin geht die Reise?“

Jedes dieser Kapitel ist mit prägnanten Fakten versehen, gut erklärt und dazu noch eindrücklich bebildert, was ein Thema wie dieses, das schnell trocken geraten kann, auflockert und sehr kurzweilig werden lässt.

Bei der Lektüre wird schnell klar, wie sehr das Internet wie auch die fortschreitende Digitalisierung anderer Lebensbereiche, die Gesellschaft an jedem Punkt verändert und noch verändern wird.

Nach einer (für die menschliche Entwicklung) kurzen Phase des Rückzugs des Individuums aus großen gesellschaftlichen Zusammenschlüssen und zunehmender Individualisierung sowie Reduktion der Lebensräume auf Kleinstgruppen, die zumindest in westlichen Wohlstandsgesellschaften in den letzten Jahrzehnten zu beobachten war, sorgt die zunehmende Vernetzung für eine gegenläufige Entwicklung auf anderer Ebene. So wächst eine neue Form der Gemeinschaft zusammen, die nicht auf Geburtenzufall und Ortsansässigkeit fußt, sondern auf ökonomischen Vorteilen wie möglicher Zusammenarbeit über Landesgrenzen hinweg, auf geteilten Interessen, unabhängig vom jeweiligen Standort des Individuums, auf gemeinsamen Zielen, welcher Natur sie auch seien.

Die Bindungen, so stellen die Autoren Klauß und Mierke mit Bezug auf renommierte Soziologen fest, sind so loser und unterliegen einer höheren Fluktuation, sind ausgerichtet auf das größtmögliche Maß an Bedarfsorientierung. Eine Ökonomisierung des Sozialen.

Die Autoren laden zu Gedankenspielen ein:
Wie entwickelt sich die zwischenmenschlichen Beziehungen, wie die Beziehungen zwischen Mensch und Maschine?

Nicht explizit benannt und doch dauerpräsent zeichnen Klauß und Mierke eine Zukunft, in der Mensch und Maschine zwar untrennbar miteinander verwoben sind, in der dennoch der Mensch das Maß aller Dinge bleibt, gerade wenn es um eine Form der Entscheidungsfindung geht, die mehr ist, als das bloße Auswerten von Algorithmen. So wenig, wie die Robotik in absehbarer Zukunft in der Lage sein wird, Jahrtausende der Evolution in physischer Hinsicht nachzuahmen (so haben Roboter noch immer massive Schwierigkeiten in jedwedem Bereich der Feinmotorik, sofern diese nicht gerade für einen Kleinstbereich umfassend programmiert wurde, wie z.b. in der Chirurgie, und in der Bewegung auf unbekanntem Gelände), so wenig ist in naher Zukunft mit der Fähigkeit zur Reflexion, Erkenntnis, philosophischer Befähigung abseits programmierter Texte, abstraktem oder assoziativem Denken zu rechnen.

So zeigt dieses Buch auch die Notwendigkeit auf, im Sinne konstruktivistischer Pädagogik Menschen wieder gezielt vermehrt in den Bereichen Rhetorik und Hermeneutik (kritisches Textverstehen) zu schulen, in der Analyse von Zusammenhängen, Grundlagen (Meta-Wissen) und Hintergründen/Kontexten.  Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass es ebendiese Themenfelder sind, die zugunsten des „MINT-Paradigmas“ verdrängt würden. Und das, obwohl „gerade derart operationalisierbaren Kenntnisse und Fähigkeiten besonders automatisierungsgefährdet sind.“ Zukunftsorientiert zu lehren und zu lernen bedeute, vorrangig die menschliche Fähigkeiten zu stärken, zu denen Maschinen in naher Zukunft nicht in der Lage sein werden, um die Wechselbeziehung Mensch/Maschine möglichst effizient zu gestalten.

Die Autoren schließen das Buch, wie sie es begonnen und auch an jeder Stelle stringent erarbeitet haben:
Mit dem Zeichnen einer (E)Utopie wie auch Dystopie; zwei möglichen Varianten einer digitalen Zukunft.

Die Lektüre weckt Hoffnung und Begeisterung für zukünftige Machbarkeiten. Gerade im Bereich der Medizin versprechen Entwicklung und Technik ungeahnte Möglichkeiten und weitere Verbesserungen des Lebensstandards. Und auch die sozialen Perspektiven, die heute gerade von denen fern der digitalen Welt gerne belächelt werden, sind enorm. Wo in einer Gesellschaft zunehmender Vereinzelung Gelegenheiten eröffnet werden, Alten, Kranken, aus anderen Gründen nicht mobilen Menschen, Gesellschaft und Kommunikation zu erschließen, gibt es nur Gewinner.

Schnell wird mit Lesen des Buches jedoch auch klar, welche Schattenseiten einer flächendeckende Digitalisierung, gerade in Form von „Wearables“ bis hin zu Implantaten, innewohnen: Was der Individualisierung dienen soll, wird dem Individuum, das nicht partizipieren möchte, zum Verhängnis. Die Freiheit, sich dieser Entwicklung zu entziehen, wird mehr und mehr eingeschränkt. Es bleiben keine Räume für die, die sich entscheiden, analog leben zu wollen. Selbst bei Nicht-Nutzung der angebotenen Technik würde man noch immer passiv teilhaben, da Erfindungen wie Google – Glasses und ähnliche Devices des Gegenübers, das eigene Tun aufzeichnen und damit Tracking aller ermöglichen. Das wäre eine klare Einschränkung freiheitlicher Rechte, denen man in einer Art und Weise begegnen müsste, die Räume auch für die schafft, die sich entziehen wollen.

Gerade mit Blick auf Vor- und Nachteile bleibt zu konstatieren, dass es Zeit wird, der staatlichen Trägheit in Sachen Digitalisierung entgegenzuwirken. Der Staat, respektive die Länder, verantwortlich für Bildung und nicht selten auch Ausbildung, hinken hinterher, wenn es um digitale Bildung geht. Nur der digital gebildete Bürger ist auch im Internet ein mündiger Bürger. Anhand des Themas „Fake-News“ lässt sich beobachten, wie unsicher der Umgang vieler Menschen mit Netz-Inhalten ist. Und selbst in Zeiten, in denen die meisten Berufe und Betriebe sich auf digitalen Wettbewerb eingestellt haben, spielt weder das Programmieren, noch digitales Marketing oder ähnliche Kompetenzen in Sachen Netz eine Rolle im aktuellen Bildungssystem. Eine aberwitzige Vernachlässigung in einem Land, das sich nicht auf seiner derzeitigen Wirtschaftsstärke ausruhen kann, sondern zukunftsfähige Konzepte braucht, um im Wettbewerb nicht irgendwann auf der Strecke zu bleiben. Schon ab 2030 droht Asien, Europa und die USA als wichtigste Region mit höherer Wirtschaftskraft und technologischen Investitionen abzulösen. Neben dem veralteten Schulsystem ist auch der juristische Bereich nicht ausreichend auf den Wandel eingestellt. Der kürzlich in die Schlagzeilen geratene, hilflose Versuch des Verbietens von Fake-News durch Heiko Maas, sei hier genannt. Immer noch wirkt der Staatsapparat zu schwerfällig und unflexibel, wenn es um Fragen des Internets geht. Auch die rechtlichen Grundlagen in Sachen unfreiwilliger Datenerfassung, z.b. durch die Nutzung von Wearables, wie oben beschrieben, gälte es beizeiten zu lösen.

Wie auch immer die persönliche Haltung zur Vernetzung aussieht – es ist, wie es immer war:
Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Was wir aber beeinflussen können ist, wie wir mit ihm umgehen. Hier liegt der größte Unterschied zwischen Mensch und Maschine. Wir konstruieren den Rahmen, in dem Gesellschaft stattfindet. Wer die technischen Entwicklungen entweder ignoriert oder nur mit ihrer Ablehnung beschäftigt ist, verpasst, diesen Rahmen mitzugestalten, Regeln für das digitale Miteinander zu entwickeln und sich damit fit für die Zukunft zu machen.

Das Buch von Thomas Klauß & Annika Mierke ist ein guter Einstieg, um sich einen Überblick über die verschiedenen Bereiche der Digitalisierung zu verschaffen und eine Ahnung davon zu entwickeln, in welche Richtung sich die Gesellschaften auf nationaler wie auch globaler Ebene bewegen. Im Gegensatz zu den eingangs zitierten Prognosen erspart es sich konkrete Vorhersagen, ohne jedoch zu vage zu bleiben, und ist gerade dank dieser sachlichen Herangehensweise eine durchaus empfehlenswerte Lektüre.

„Szenarien einer digitalen Welt – heute und morgen Wie die digitale Transformation unser Leben verändert“
Thomas Klauß & Annika Mierke
Das Buch ist im Mai 2017 bei Hanser erschienen (HANSER FACHBUCH) und für 39,00 EUR erhältlich. Ein zusätzlicher Blog greift die Themen und Struktur des Buches auf, ergänzt sie um aktuelle Nachrichten, neuste Entwicklungen und verlinkt Bildmaterialien und Charts.
ISBN 978-3-446-45202-2 E-Book-ISBN 978-3-446-45276-3

Ideen-Expo

Mach doch einfach!
Unter diesem Motto öffnet in diesem Jahr die Ideen-Expo in Hannover ihre Tore. Beworben als größtes Jugend-Event für Naturwissenschaften und Technik, präsentieren sich vom 10. bis 18. Juni 2017 auf dem Expo-Gelände die unterschiedlichen Gewerbe der Jugend von ihrer digitalen Seite und bieten kostenlosen Zugang zu Einblicken in die unterschiedlichsten Berufszweige, vom Malermeister zum Redakteur, von der Chemikerin zur Bürokauffrau. Und mitmachen ist ausdrücklich erwünscht. In allen Hallen finden sich Gelegenheiten, aktiv teilzuhaben. Wie funktioniert ein Motor? Wie sieht es beim NDR hinter den Kulissen aus? Wie stellt man Käse her? Was kann die Medizin in gut 30 Jahren und woran forscht man derzeit? Wie will man selbstständig fahrende Autos in der Zukunft durch die Straßen führen?
Diese und weitere spannende Fragen werden anschaulich beantwortet. Es lassen sich Autos lenken, Motoren von innen betrachten, Fahrzeugsimulatoren stehen zur Verfügung. Wer will, lernt die Käseherstellung kennen oder erlebt „Fernsehen zum Mitmachen“. Auf der diesjährigen Ideen-Expo wird geleistet, was in Schulen häufig immer noch zu kurz kommt: Sie bietet einen Blick auf die zunehmende Digitalisierung des Berufslebens, auf die Anforderungen, die der Wunschjob an die Aspiranten stellt, aber vor allem auch auf die damit verbundenen Möglichkeiten und Chancen für diejenigen, die kurz vor dem Sprung ins Berufsleben stehen.
Wer alles gesehen und ausprobiert hat, jetzt Bescheid weiß über „MINT-Berufe“ (Die bedauerlicherweise immer noch ein gesondertes „GirlsMINT Camp“ brauchen), die LifeScienceArea, den Produktionskosmos und den Zustand der Meere & Ozeane, der kann sich vom Bühnenprogramm weiter mit Wissenswertem versorgen lassen. „Was lief falsch in der Bewerbung?“ „Fit für den Rettungsdienst/das Handwerk/das Land Niedersachsen“ bieten ebenso Hörenswertes, wie das Bühnenprogramm mit Ranga Yogeshwar, Wochentags ab 12 Uhr und am Wochenende ab 14 Uhr, der rund um das Thema Digitalisierung komplizierte Zusammenhänge für jeden verständlich darstellt.

Ein Besuch lohnt, bevor die Expo mit dem Rapper Cro und einem Feuerwerk am 17.06. schließt.

Also nichts wie hin!

 

Eindrücke der Ideen-Expo:

Der OP der Zukunft
Das „Virentaxi“ – DNA-Schäden sollen mit seiner Hilfe zukünftig „repariert“ werden
 Organtransport heute und morgen – Und: Lungenkrebsbehandlung bald außerhalb des Körpers?

Ausbildungsberufe bei den Johannitern – Ausführlich erklärt

Hinter den Kulissen des NDR – Fernsehen zum Mitmachen

Auch die Bundeswehr wirbt um Nachwuchs…

Und hat ihre Fahrzeuge vor Ort…

Wobei es vor allem die Hubschrauber waren, die alle Aufmerksamkeit auf sich zogen. Nicht zuletzt weil…

…sie gelegentlich mit dem einen oder anderen abhoben

Den Rennwagen konnte man von außen wie von innen bestaunen und sich über Motoren und Getriebe informieren

Oder in „Robo City“ darüber aufgeklärt werden, wie Fahrzeuge in Zukunft durch Städte manövriert werden sollen, ganz ohne dass Mensch am Lenkrad sitzen muss

Der Roboter der Arbeitsagentur ist ein durchaus humoriger Gesprächspartner

Unterhaltungsprogramm auf der großen Bühne

Alles gesehen? Klar, wie die Zukunft aussieht? Dann Füße hoch und das Wetter genießen

Kneipe statt Hörsaal

Gestern lud die „FOM – Hochschule für Berufstätige“, in Kooperation mit der Bar „Bardru twentyfive“ in der Königsstraße, zum dritten Teil ihrer Veranstaltungsreihe „Kneipe statt Hörsaal“.
40 Interessierte folgten der Einladung der charmanten Geschäftsleitung, Dr. Daniela Recker, und fanden sich ein zu einem Abend, der ganz unter dem Zitat Dantes stehen sollte:

„Zu was kannst du die Menschenbrust nicht zwingen, verfluchter Durst nach Gold, der uns betört.“

Was sind Geld und Gold? Wie entstanden sie? Welche gesellschaftlichen Auswirkungen hat unser Zahlungssystem? Und nicht zuletzt: Was macht das Geld aus dem Menschen?
Diesen Fragen ging der Vortrag von Dr. Rüdiger Grimm, Professor der Betriebswirtschaftslehre an der FOM, nach. Weiterlesen

Viva la Revolución – den digitalen Wandel gestalten!

Gut 40 Interessierte fanden sich gestern ein, als die Friedrich-Ebert-Stiftung zur Diskussion rund um die „digitale Revolution“ ins Kulturzentrum Pavillon Hannover lud. Vier Experten debattierten, teils miteinander, teils mit den Gästen, Vor- und Nachteile zunehmender Digitalisierung der Gesellschaft.
Teil der Gesprächsrunde waren:

Raúl Aguayo-Krauthausen – Autor und Aktivist
Nicola Röhricht – Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren – Organisationen
Christopher Lauer, MdA a.D. – Experte für Internetbeteiligung
Vanessa Reinwand – Weiss  – Direktorin der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel
Moderation : Graf Fidi Rapper – Autor und Aktivist

Schnell war klar, dass Digitalisierung und der damit verbundene gesellschaftliche Wandel von vielen als Herausforderung angesehen werden. Weiterlesen

Ziviler Ungehorsam

Als die Polizei einen 20-jährigen Afghanen aus einer Berufsschule in Nürnberg abholen will, um ihn in Abschiebegewahrsam zu nehmen, organisieren seine Mitschüler spontan eine Sitzblockade, um dies zu verhindern. Innerhalb kürzester Zeit schließen sich diesem Protest 300 Schüler an. Trotz dieses beeindruckenden Ausdrucks von Solidarität lassen die Beamten nicht ab. Obwohl das Ausmaß des Widerstands aufzeigt, wie sehr der junge Mann in Ausbildung dort integriert, zur Kenntnis genommen und geschätzt wurde: Der Amtsschimmel kennt kein Pardon.

Der junge Mann soll zurück nach Afghanistan, in dessen Hauptstadt noch am selben Tag ein Anschlag 80 Menschen das Leben kosten und die Abschiebung verzögern wird. Eine Autobombe explodiert in der, für afghanische Verhältnisse gut gesicherten, Hauptstadt Kabul inmitten des Diplomatenviertels und zeigte einmal mehr, was von Aussagen, Afghanistan sei ein sicheres Herkunftsland, zu halten ist.

Der Widerstand der Schüler eskaliert. Der Staat und seine Vertreter nehmen es im Zweifel mit Hundertschaften unbewaffneter, kurzbehoster junger Männer und Frauen auf, wenn es um die Umsetzung von „Recht“ geht, das nur durch die Umdeutung eben dieses Rechts zu Recht wurde.

Klingt kompliziert?

Ist es nicht. Es reicht, ein Land, aus dem alleine bis Ende März dieses Jahres 38.000 Menschen geflohen sind, zum „sicheren Herkunftsland“ erklären. Und da wir im Bereich der Rechtsdeuterei sind, mal zu Wahlkampfzwecken, mal zum Eigennutz, lohnt die tiefe Einsicht des Innenministers de Maizière:

Zivilisten seien in Afghanistan nicht Ziel, sondern nur Opfer von Anschlägen. So rechtfertigt de Maizière Abschiebungen… (Abschiebung) sei in „kleinem Umfang“ vertretbar. Dies gelte unter anderem für den Norden des Landes. „Auch in Kabul kann man nicht sagen, dass dort insgesamt die Lage so unsicher ist, dass man die Leute da nicht hinschicken könnte“, argumentierte der Minister.

Übersetzt heißt das: Solange Zivilisten in Afghanistan nicht gezielt sondern nur versehentlich getötet werden, ist Afghanistan sicher. Zumindest für die, die ebenso versehentlich nicht getötet werden.

Ein kleiner Überblick zu Afghanistan:

Die humanitäre Lage verschlechtert sich immer weiter. Durch die anhaltenden Kämpfe zwischen Regierungstruppen und radikal-islamischen Milizen könnten die Bedürftigen nicht mit lebenswichtigen Gütern versorgt werden. Dazu gehören Lebensmittel, Wasser, Unterkünfte und Medikamente. Amnesty International nennt die Abschiebungen „unvertretbar“. (Quelle)

Die Sicherheitslage in Afghanistan ist so unberechenbar, dass auch der UNHCR eine Unterscheidung von »sicheren« und »unsicheren« Gebieten ablehnt. Wegen des bewaffneten Konflikts hat sich die Zahl der Binnenvertriebenen in den vergangenen drei Jahren fast verdoppelt und liegt bei 1,4 Millionen. Seit Anfang des Jahres mussten erneut mehr als 100.000 Menschen ihre Häuser verlassen (Stand 21.5.2017).

Auch die NATO plant, den Militäreinsatz aufgrund der verschlechterten Sicherheitslage wieder deutlich zu verstärken. Weder staatliche noch internationale Akteure sind in der Lage, sich selbst oder abgeschobene Flüchtlinge zu schützen.

Im Februar 2016 hat die UN-Unterstützungsmission für Afghanistan (UNAMA) ihren Jahresbericht veröffentlicht. Demnach hat die Zahl der zivilen Opfer in Afghanistan Rekordniveau erreicht. 2015 gab es die höchste Anzahl an zivilen Opfern seit 2009. Insgesamt verzeichnet der Bericht 11.002 zivile Opfer, davon 3.545 Todesopfer und 7.457 Verletzte. Insgesamt seien von Anfang 2009 bis Ende 2015 genau 58.736 zivile Opfer zu beklagen, darunter 21.323 Todesopfer und 37.413 Verletzte. Besonders Schutzbedürftige seien immer öfter Opfer von Attacken, 2015 stieg die Zahl der weiblichen Opfer um 37 % an und die der Kinder um 14 %. Spiegel Online berichtete am 18. April 2016 über einen gemeinsamen Bericht von UNICEF und UNAMA. Darin heißt es, im Jahr 2015 habe die UNO 132 Übergriffe gegen Bildungseinrichtungen verzeichnet. 369 afghanische Schulen hätten wegen Drohungen, Einschüchterung und Gewalt ganz oder teilweise schließen müssen. Auch Angriffe auf Gesundheitshelfer*innen nehmen zu: Im selben Bericht von UNAMA und UNICEF finden sich Angaben über Angriffe auf Ärzt*innen, Krankenpfleger*innen und Gesundheitseinrichtungen. Diese Angriffe hätten sich von 59 im Jahre 2014 auf 125 im Jahre 2015 gesteigert, zum Opfer gefallen seien ihnen 20 Gesundheitsmitarbeiter*innen, 43 seien verletzt worden und 66 entführt…“ (Quelle: Broschüre „Afghanistan: Kein sicheres Land für Flüchtlinge.“ Pro Asyl, 07.2016)

Das „sichere Herkunftsland“ Afghanistan betritt übrigens auch der Innenminister lieber in Schutzkleidung.

Der Protest in Nürnberg zeigt, dass nicht alle der Menschenrechtsverletzung, die in einer derzeitigen Abschiebung nach Afghanistan steckt, gleichgültig gegenüberstehen. Das darf erleichtern und ist wünschenswert.

Auch Herr de Maizière übte schließlich Kritik – an der Organisation des Vorganges.

Wer erneut eine Übersetzung braucht: Man hätte den Jungen etwas weniger öffentlichkeitswirksam und zu unbestimmter Uhrzeit, um Protest unmöglich zu machen, in Abschiebehaft verbringen müssen.

Zynisch.

Zynisch auch:

Während man in Deutschland noch debattiert und protestiert, scheint ein Großteil der Österreicher bereits die Segel gestrichen zu haben.

Dort wurden, noch am Tag des Anschlages, 17 Asylbewerber nach Afghanistan geflogen mit dem Hinweis, die Reiswarnungen gälten nur für Österreicher.

Leseempfehlung: Nancy Isenberg, „White Trash – The 400-Year Untold History of Class in America“

Die Themen „Klassenidentät, Klassengeschichte, Klassenkampf“ werden heute gerne als Überbleibsel linker Ideologien belächelt oder das Aufgreifen eben dieser zu bloßem Populismus erklärt, wenn politisch rechte Hardliner sich dieser Thematik annehmen. „Die Mitte“ ist sich weitgehend sicher und propagiert eben dies in weiten Teilen: Der Kapitalismus, Rechtsstaatlichkeit, hier in Deutschland auch das Bekenntnis zur „sozialen Marktwirtschaft“ hätten das Klassengefüge weitestgehend aufgehoben, soziale Mobilität breiten Teilen der Gesellschaft ermöglicht.

Wie sehr unsere heutige Lebensweise, unsere Ideen von Menschenwert, unsere Sprache, Erbrecht und damit Chancenrecht, noch immer von der Geburt abhängen und damit beständig den vergangenen Mustern folgen, wird mit Lektüre des Buches ersichtlich, ohne dass Isenberg jemals diesen Vergleich anstreben oder belehrend den Zeigefinger erheben würde. Dabei ist es auch gleich, dass das Buch vorrangig amerikanische Klassengeschichte beleuchtet, denn schnell wird klar: Die Basisidee ist europäisch, importiert durch die ersten Siedler. Amerika hat sich nicht neu erfunden. Europa erfand Amerika. Das Märchen einer klassenlosen Gesellschaft.

Das äußerst lesenswerte Buch , bis auf Vorwort und Nachwort betont sachlich und ohne persönliche Einlassungen der Autorin gehalten, um Fakten bemüht, mit reichlich Hintergrundwissen und mithilfe zahlreicher Quellentexte sorgfältig erarbeitet, unterstreicht zudem die Relevanz der Rhetorik im Klassendiskurs schon bei der Titelauswahl: „White Trash“. Wer hier reine Provokation zu Vermarktungszwecken vermutet, der wird im Laufe der Lektüre eines Besseren belehrt und lernt verstehen, dass „White Trash“, also „Weißer Müll“ mitnichten als Zuspitzung zu verstehen ist, reine Polemik von Isenberg. „White Trash“ steht vielmehr stellvertretend für einen von zahlreichen Begriffen für ein weißes Prekariat; für den Umgang mit einer Schicht, die das Selbstverständnis einer gesamten Nation bedroht und allein deshalb schon mit Verachtung in Form rhetorischer Abwertung gestraft wird. So bietet dieses Buch nicht nur einen Blick auf die Klassengeschichte Amerikas, sondern mit ihm auch tiefgreifende Einsichten zu den Entwicklungen eines, immer auch rhetorisch geführten, Klassenkampfes, der über die Jahrhunderte bis heute das Verhältnis der Gesellschaftsschichten zueinander geprägt hat.

Wir erfahren, wie sehr das frühe Amerika, dessen Gründerväter die aristokratischen Ideen der Klassenhierarchie Englands noch verinnerlicht hatten, diese auch nach der Trennung vom Königreich noch lebten. Ein Grund der Besiedelung des „neuen Kontinents“ war es, die Armen, „Human Waste“, aus England zu vertreiben, Platz in der Heimat zu schaffen, um sie Übersee einem Nutzen zuzuführen, den die heimische Ökonomie nicht mehr bot, oder sie wenigstens aus den Städten zu vertreiben, in denen sie kaum mehr geduldet wurden. Wie es John White in „The Planters Plea“ ausdrückte: „Colonies ought to be Emunctories or Sinkes of States; to drayne away the filth.“ (S. 17) Amerika schien das zu bieten, was England so dringend fehlte: Land. Und mit ihm Wachstums, Ausbau der ökonomischen Möglichkeiten, Arbeit für alle. Und vor allem die Möglichkeit, den „Schmutz“ aus den Städten zu entfernen und einem Nutzen zuzuführen.

Schon die Verteilung des Landes, teils vor Ort, teils aus der Ferne Englands verwaltet, gründete auf alten Hierarchien und beließ die Armen in ihrem Status als „Waste“, „filth“ und „rubbish“. Sie durften auf kaum mehr hoffen, als auf Sklavenrang, den sie auch an ihre Kinder weitergaben.

Wie Isenberg anmerkt, waren die Engländer besessen von dem Ausdruck „Waste“. Ein Begriff, der übersetzt viele Facetten beinhaltet. „Vergeudung“ ebenso wie „Müll“, „Ausschuss“, „Abfall“. (S.19) Amerika war „Wasteland“, ungenutztes Land.
„Waste was there to be treated, and then exploited. Waste was wealth as yet unrealized.“ (John Smith) Diese Definition bezog sch auf Mensch und Land. Es galt den Engländern, ungenutzte Menschen, wie auch ungenutztes Land, nutzbar zu machen. Zugleich legte er den Wert bestimmter Menschen fest und festigte Klassenbewusstsein.

Die ersten Kolonien waren Feldversuche, umgesetzte Theorien, die sich als mal mehr, mal weniger tauglich erwiesen. Roanoke und Jamestown litten an Fehlentscheidungen, Zwangsarbeit, Todesstrafe, einem Mangel an Frauen, aber auch daran, dass von den vielen Männern, die man zur Arbeit vor Ort verschifft hatte, viele keine Ahnung vom Fällen von Bäumen oder der Farmarbeit hatten.

Der Einzug von Tabak als Nutzpflanze durch John Rolfe (S.25) verhalf schließlich zu einer wachsenden Ökonomie. Tabak erzielte hohe Preise und galt vielen als „neues Gold“, sorgte damit aber für eine Verschärfung der Klassenidee vor Ort. Ein Handel mit Sklaven begann. Damals noch vorrangig „indentured servants“, Menschen, die durch eine Schuld gebunden waren, wurden für Geld gehandelt und verkauft.

Der angeblich niedere Mensch, „Offscouring of the earth“, schon mit Beginn der Besiedelung mit Land und Vieh gleichgesetzt, das einem Nutzen zugeführt werden muss, erfährt nun schon durch seine Benennung die „Klassifikation“. Eingeschiffte Frauen wurden als fruchtbar oder „verdorbene Ware“ (S.28) („Corrupt“) eingestuft, Männer an ihrer Arbeitsfähigkeit gemessen. Theoretisch standen unter den Leibeigenen kurz darauf nur in Kriegen gefangengenommene Indianer und „die Fremden“ (S.30), aus anderen Kolonien importierte Schwarze.

Praktisch jedoch standen weiße und schwarze Sklaven oft auf einer Stufe, waren kaum mehr als Eigentum und der Arbeit verpflichtet, aus der es kein Entkommen gab, außer dem Tod.

So wie die Aristokraten ihre Rechte durch Erb- und Blutideologie gerechtfertigt sahen, galt diese Weitergabe des eigenen Wertes, gemessen an den Erbanlagen, auch für die Kinder von Sklaven und Schuldnern. Kinder und Frauen wurden zur Arbeit herangezogen, sollte der Schuldner vor Tilgung seiner Schulden sterben. Ein Kreislauf, aus dem es kein Entkommen gab. Zumal jeder Wohlstand seit Gründung der ersten Kolonien an, an Land und Eigentum, Nutzvieh und Sklaven geknüpft war. Ein Mensch ohne Land war ein Mensch ohne Wert. So bildete sich früh ein Klassensystem heraus, das Wenigen ermöglichte, hunderte von Sklaven zu halten und durch Handel den Landbesitz zu erweitern, während ein Großteil der Bevölkerung darben musste. Arm blieb arm.

Selbst mit der geschichtsträchtigen Ausformulierung von Menschenrechten durch Jefferson in der „Declaration of Independance“ – „All men are created equal“ – war in keiner Form erwünscht oder geplant, demokratische Rechte allen zugängig zu machen. Vielmehr ging es um die privilegierte Klasse der Grundbesitzer – weiße Männer. Jefferson selbst darf als Befürworter einer Ideologie gesehen werden, die den Gedanken, reines Blut zu züchten und Menschen in Klassensysteme einzuordnen, stützte. Von Jefferson stammt u.a. folgender Satz: „The circumstance of superior beauty is thought worthy of attention in the propagation of our horses, dogs and other domestic animals: why not in that of man?“ Umfassende Demokratie, die den Leibeigenen das Recht politischer Mitsprache ermöglicht hätte, wurde als Bedrohung für das, von Landbesitzern als funktionierend angesehene, Klassensystem gesehen. Und doch darf man gerade an diesem Satz, „All men are created equal“, heute wieder die Macht der Worte feststellen, wenn eine Neudeutung, respektive eine Ausweitung dieses Grundrechts auf alle, als Leitfaden einer Idee von Menschenrechten wirkt.

Benjamin Franklin verdammte die Sklaverei. Jedoch nicht um der Menschenrechte willen, sondern weil seiner Meinung nach Sklaverei die schlechtesten Eigenschaften in den „Engländern“ hervorrief. „Slavery made Englishmen idle and impotent…They become proud, disgusted with Labour and (are) being educated in Idleness, are rendered unfit to get a Living by Industry.“ (S. 68) Die Idee von „Free Labor“ war nicht das Resultat einer Menschenrechtsidee sondern Ergebnis der Überlegung, Weiße würden Arbeit verabscheuen lernen, so ihnen diese abgenommen würde. Auch dieser Gedankengang war es, der das Nord-Süd-Gefälle Amerikas begründete, im Laufe dessen eine „Free Labor Zone“ im Norden entstand. Im Süden hielt man hingegen an Sklaverei fest. Diese sei wirtschaftlich effektiver. Zudem würde sie nicht Weiße mit Sklaven gleichstellen. Zeitgleich warnte eine besorgte Elite vor „Poor Whites“. Man solle sie beobachten und kontrollieren, ihnen so wenig wie möglich politische Freiheit zugestehen ohne sie zu menschenunwürdig zu behandeln. (S. 161) Diese seien „neidisch auf die Reichen (S. 160) und würden mit dem Versprechen von Freiheit „unheilige Bedürfnisse“ entwickeln, zu denen man „Social Mobility“ zählte. Man sah die eigene, privilegierte Klasse gefährdet und zog mit, den eigenen Bedürfnissen angepasster, Propaganda, in den Bürgerkrieg.

Wie so oft in der Geschichte verhalf Rhetorik den Sklavenhaltern in vielerlei Hinsicht zur Selbstrechtfertigung. Entmenschlichung durch Sprache erlaubte, einen Menschen nicht mehr als Menschen zu sehen und ihm somit die Rechte verweigern zu können, die einem vollwertigen Menschen zustehen müssten. Die entwertende Sprache, zuerst auf den alten Ideen einer göttlichen Berufung des Königs und damit gottgewollten Hierarchien fußend, erfuhr eine neue Blütezeit mit Einzug des Darwinismus. „Survival of the fittest“ wurde nach Gutdünken gedeutet und diente Intellektuellen wie auch Herrschenden zur Legitimation des bestehenden Klassensystems. Mithilfe dieser Ideen erlebte auch die Eugenik ihren Siegeszug. Die Idee der Zucht reinen, überlegenen Blutes bestimmte lange das Denken derjenigen, die sich selber für „superior“ hielten.

Wie wenig wissenschaftlich die Argumentation tatsächlich war, zeigt der Mangel an Studien, die „Inbreeds“ der gleichen Erziehung ausgesetzt hätten, den gleichen Chancen, den gleichen physischen Möglichkeiten wie Ernährung und Eindämmung harter Arbeit oder gar hygienischen Bedingungen.

Über all die Jahrhunderte diente Sprache Macht und Machterhalt (Legitimation durch Sprache), der Ausübung von Gewalt (Abwertung durch Sprache) und Propaganda (Selbstreferenzielle Bewerbung des Ist-Zustandes als einzig sinnvolle Option. U.a. massiv betrieben vor dem Bürgerkrieg). Seitdem Wahlkampf stattfand, wurde zudem um Stimmen geworben. Der Wahlausgang hing nicht selten an der Frage der Sprache, die der Kandidat wählte. Es galt, als einer aus dem Volke aufzutreten, während zeitgleich die Bedürfnisse der Landeigentümer nach klaren Klassenstrukturen nicht angetastet wurde.

Bis hinein ins 20te Jahrhundert, in dem erste Stimmen laut wurden, die Sozialdarwinismus und Zuchtideen in Frage stellten, wie die von Du Bois, (S.174), der in den Raum stellte, „White rule had corrupted the normal course of evolution. Instead of allowing the best (whether black or white) to rise, racism had actually undermined the Darwinian argument. It had not only NOT improved the withe race, but a false hegemony had led to the survival of some of the worst stocks of mankind.“ stellte kaum jemand die Klassenidee in Frage.

Das aufkeimende Civil-Rights-Movement Mitte des 20ten Jahrhunderts ist nicht umsonst begleitet von Political Correctness. Die Forderung, sich nicht „Nigger“, „Bastard“, „Mulatto“, „Inbred“, „Trash“, „Offscourings“ „Low-Downer, „White Nigger, Degenerate, White Trash, Redneck, Trailer Trash, Swamp people.“ nennen lassen zu müssen schließt daran an, zudem nicht entsprechend behandelt zu werden. Nicht durch Benennung ein Mensch geringerer Klasse zu werden, stigmatisiert für die simple Tatsache des Geburtenzufalls.

Und nicht zufällig werden auch heute wieder Stimmen laut die fordern, man müsse bestimmte Dinge wieder sagen dürfen. Doch entgegen dieser Stimmen geht es bei Political Correctness eben nicht um Zensur, sondern um das Recht des Individuums, menschenwürdig benannt zu werden, um die Idee „All men are created equal“ irgendwann doch Realität werden zu lassen.

Gesellschaft ist Kommunikation. Kommunikation erfordert Konsens. Je breiter die Ablehnung gegen stigmatisierende Sprache und stigmatisierendes Handeln, desto wirksamer der Widerstand. Auch heute noch existiert hier wie in Amerika das Klassengefüge. Wie auch Isenberg bemerkt, hat sich der aristokratische Gedanke insofern verschoben, als dass er heute noch mehr als damals den finanziellen Background in den Fordergrund stellt. Doch auch heute noch sind Bildung und Wohlstand vorrangig Erbrecht. So kann uns das Buch lehren, ein Klassenbewusstsein zu entwickeln und ein Verständnis dafür, dass auch heute noch Armut oft vorrangig mit dem Vorwurf des Eigenverschuldens behaftet ist, auch heute noch Menschen gefeiert werden für ihre Herkunft mehr als für ihre Leistung. Wir haben den Klassenkampf nicht hinter uns gelassen. Auch nicht die Rhetorik, die z.b. hierzulande für die Einstufung „asozial“ sorgte. Wir könnten aber, mit Blick auf die Geschichte, lernen, uns nicht der Idee zu beugen, die Lyndon Johnson (S. 315) von sich gab:
„If you can convince the lowest white man he’s better than the best colored man, he won’t notice you’re picking his pocket. Hell, give him someody to look down on, and he’ll empty his pockets for you.“

 

(Nancy Isenberg, „White Trash. The 400-Year Untold History of Class in America, Penguin Books 2016 / ISBN 9780143129677 – Paperback Edition)

Terror in Manchester

Es gibt sicherlich unzählige Gründe, über den Terror zu schreiben, der Manchester heimgesucht hat. Noch mehr Gründe gibt es jedoch für mich, dies nicht zu tun.

Ich verweise auf meinen alten Beitrag „Terrorismus und die Rolle der Medien

Gerade der Attentäter wollte eben diese Aufmerksamkeit und er sollte damit nicht erfolgreich sein.

All mein Mitgefühl den Opfern und Angehörigen.

Toutes mes félicitations !

Macron soll mit 65% den Wahlsieg deutlich in der Tasche haben. Gut für Europa, zumindest kurzfristig. Dennoch ist auch dieser Mann kein Gewinn und es bleibt zu hoffen, dass trotz Macron mit Macron die Einsicht aufkommt, dass ein neoliberales „Weiter so“ die Radikalen stärkt. Noch wehren sich die, die glauben, mit Europa etwas zu verteidigen zu haben. Das wird nicht ewig so bleiben, wenn es keinen Kurswechsel gibt. Dann ist dies bestenfalls ein Aufschub.

Politik ist nicht alles, aber alles ist Politik

Eine gute Regierung ist wie eine geregelte Verdauung; solange sie funktioniert, merkt man von ihr kaum etwas. (Erskine Caldwell)

Neulich auf Facebook entflammte eine Debatte darüber, ob und warum manche denn alles politisieren müssten und ob man nicht einmal ohne Politik auskommen könne.
Ich warf ein, dass alles Politik sei.
Dass der Mensch als soziales Wesen, ob er nun wolle oder nicht, damit auch zwangsläufig ein politisches Wesen sei, und erntete Unverständnis.
Die Entrüstung war groß, schließlich gäbe es doch viele private Bereiche, die mit Politik nichts zu tun hätten.
„Nennen Sie mir einen“, bot ich an.
Die simple und zu erwartende Antwort folgte prompt:
„Sex“. Weiterlesen

Aus meinem YouTube-Kanal: „Back“

 

Music, Guitar, Mixing, Mastering: Stathi Vassiliadis
Vocals, Lyrics: Susannah Winter

Nach ein paar Jahren Abstinenz wird es Zeit, wieder zu singen. Neben Songwriting demnächst auch wieder ein Bandprojekt, sowie ein Akustikensemble.

Gewidmet ist dieser Song Rainer, einem aufwühlenden Abend und der Tatsache, dass es „ist, was es ist“. Danke

Welt-Down-Syndrom-Tag trifft auf Welt-Poesie-Tag

 

 

Tja, wie erwartet: Nach dem fulminanten Getöse zum „Wetlfrauentag“ großes Schweigen im Walde zum „Welt-Down-Syndrom-Tag“. Dafür aber hehre Freude über Poesie.

 

Ich dichte mal:
Wir reden gern von „lebenswert“
Wenn wir uns Wein einflößen
Wenn wir in Essen, Trinken schwelgen
Uns gar zu zweit entblößen

Geschwiegen wird, wen wundert es
Alleine dieser Tage
Wenn „lebenswert“ gefordert wird
In Sachen Kinderfrage

Denn was ist schon ein Leben wert
Mit Extra-Chromosomen
Wer Kohle kostet und nicht scheffelt
Gilt hier als schlechtes Omen

Viel Mühe, Arbeit, Kummer Sorgen
Bringt so ein neues Leben
Dabei ist’s doch verantwortlich
Für’s Eltern-Ego-Streben

Und weil man es nicht haben muss
Bring man es über’n Jordan
Und hält’s lieber mit der Reimerei
Für heute und für fortan

Wahl oder nicht Wahl, das ist hier die Frage

 

Ohne große Überraschungen verlief die Wahl des Bundespräsidenten. Im ersten Wahlgang holte Frank-Walter Steinmeier die absolute Mehrheit, insgesamt 931 von 1.239 möglichen Stimmen.

Die große Koalition, schon während der gemeinsamen Regierungszeit in der komfortablen Position, die Opposition schon alleine der Größenverhältnisse wegen um die Möglichkeit zu bringen, überhaupt als Opposition zu agieren.

So scheiterte im Mai 2016 der Antrag der Linken vor dem Bundesverfassungsgericht, der auch einer Opposition der jetzigen Größe die üblich oppositionellen Befugnisse einräumen sollte, die dank der zahlenmäßigen Übermacht von schwarz-rot nicht mehr ausgeübt werden konnten. Dazu gehörte unter anderem das Recht, Gesetze auf ihre verfassungsrechtliche Legitimität hin zu überprüfen. Die Normenkontrollklage, ein übliches Oppositionsrecht, das allerdings ein Quorum von 25%. Derzeit hält die Opposition aus Linken und Grünen jedoch nur 20% der Sitze und ist somit praktisch handlungsunfähig, wenn es darum geht, Beschlüsse und Gesetze auf ihren verfassungsrechtlichen Gehalt hin überprüfen zu lassen. Weiterlesen

Getrennte Wege – Die SPD und die Arbeitnehmerrechte

Zuerst erschienen auf FischundFleisch.com

Der Jubel großer Teile der Presse war in dieser Woche kaum zu überhören: Die SPD hat endlich ihren Kanzlerkandidaten. Und es ist nicht Sigmar Gabriel, der noch bis zuletzt die Umfragewerte abwartete und dann einsehen musste, dass dieser Tage wenig so relevant ist, wie Popularität.

Das macht eine altgediente Partei selbstverständlich noch nicht zu Populisten, wenn inhaltliche und personelle Entscheidungen nach Beliebtheitswerten entschieden werden.Und schon gar nicht relevant, da darf man sich sicher sein, war die Frage des Datums der Entscheidung.

Ein Schelm wer glaubt, der Tag sei nicht rein zufällig auf denselben Tag gefallen, an dem das Bundesverfassungsgericht über eine SPD-initiierte, massive Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsrechtebeschneidung entscheiden sollte. Weiterlesen

Die Geister, die ich rief

 

Zuerst erschienen auf Peira.org

Von der Lüge im Politischen – Teil 1

Mal offen, mal unterschwellig: Der Vorwurf, in der Politik und der politikbegleitenden medialen Berichterstattung würde permanent gelogen, ist omnipräsent. Aber auch Medien und Politiker gehen mit dem Vorwurf der Lüge nicht zimperlich um. Der politische Gegner, das Internet, die Umfragen der anderen: Kein Ort, an dem nicht angeblich gelogen würde, dass sich die Balken biegen.

Diese Idee führte dann wohl auch dazu, dass die Gesellschaft für deutsche Sprache das Wort „postfaktisch“ zum Wort des Jahres kürte. Dabei darf „postfaktisch“ als Begriff an sich als „postfaktisch“ angesehen werden, impliziert er doch, es hätte vorher eine „faktische“, also faktentreuere Zeit gegeben. Ein Trugschluss. Hätte es auch zum Unwort eher getaugt, gereicht es in „postfaktischen“ Zeiten jedoch oft, in aller Munde zu sein für Ruhm und Ehr‘. Weiterlesen

Neubeginn

Seit zwei Jahren war ich meinem Blog „Tonfarbe“ treu, doch nun ist es Zeit für Neues. Das letzte Jahr war für mich voll von Ereignissen, die neu waren. Neue Erfahrungen, neue Erlebnisse, neue Ideen. So wie sich Privates in Teilen änderte, so änderten sich Möglichkeiten und Bedürfnisse. So hat mich der Klavierunterricht bereichert und aufgezeigt, dass ich in naher Zukunft gerne einiges an selbstgeschriebenen Songs veröffentlichen würde. Die Arbeit daran läuft. Und so viel sei verraten: Auch hier bleibe ich politisch. Die neue Webseite soll also für verschiedene Themen Raum lassen.

Politik, Inklusion, soziale Themen werden jedoch selbstverständlich ein Teil davon bleiben.

Ich freue mich auf den Neubeginn und hoffe, Sie bleiben mir treu