2017

Ideen-Expo

Mach doch einfach!
Unter diesem Motto öffnet in diesem Jahr die Ideen-Expo in Hannover ihre Tore. Beworben als größtes Jugend-Event für Naturwissenschaften und Technik, präsentieren sich vom 10. bis 18. Juni 2017 auf dem Expo-Gelände die unterschiedlichen Gewerbe der Jugend von ihrer digitalen Seite und bieten kostenlosen Zugang zu Einblicken in die unterschiedlichsten Berufszweige, vom Malermeister zum Redakteur, von der Chemikerin zur Bürokauffrau. Und mitmachen ist ausdrücklich erwünscht. In allen Hallen finden sich Gelegenheiten, aktiv teilzuhaben. Wie funktioniert ein Motor? Wie sieht es beim NDR hinter den Kulissen aus? Wie stellt man Käse her? Was kann die Medizin in gut 30 Jahren und woran forscht man derzeit? Wie will man selbstständig fahrende Autos in der Zukunft durch die Straßen führen?
Diese und weitere spannende Fragen werden anschaulich beantwortet. Es lassen sich Autos lenken, Motoren von innen betrachten, Fahrzeugsimulatoren stehen zur Verfügung. Wer will, lernt die Käseherstellung kennen oder erlebt „Fernsehen zum Mitmachen“. Auf der diesjährigen Ideen-Expo wird geleistet, was in Schulen häufig immer noch zu kurz kommt: Sie bietet einen Blick auf die zunehmende Digitalisierung des Berufslebens, auf die Anforderungen, die der Wunschjob an die Aspiranten stellt, aber vor allem auch auf die damit verbundenen Möglichkeiten und Chancen für diejenigen, die kurz vor dem Sprung ins Berufsleben stehen.
Wer alles gesehen und ausprobiert hat, jetzt Bescheid weiß über „MINT-Berufe“ (Die bedauerlicherweise immer noch ein gesondertes „GirlsMINT Camp“ brauchen), die LifeScienceArea, den Produktionskosmos und den Zustand der Meere & Ozeane, der kann sich vom Bühnenprogramm weiter mit Wissenswertem versorgen lassen. „Was lief falsch in der Bewerbung?“ „Fit für den Rettungsdienst/das Handwerk/das Land Niedersachsen“ bieten ebenso Hörenswertes, wie das Bühnenprogramm mit Ranga Yogeshwar, Wochentags ab 12 Uhr und am Wochenende ab 14 Uhr, der rund um das Thema Digitalisierung komplizierte Zusammenhänge für jeden verständlich darstellt.

Ein Besuch lohnt, bevor die Expo mit dem Rapper Cro und einem Feuerwerk am 17.06. schließt.

Also nichts wie hin!

 

Eindrücke der Ideen-Expo:

Der OP der Zukunft
Das „Virentaxi“ – DNA-Schäden sollen mit seiner Hilfe zukünftig „repariert“ werden
 Organtransport heute und morgen – Und: Lungenkrebsbehandlung bald außerhalb des Körpers?

Ausbildungsberufe bei den Johannitern – Ausführlich erklärt

Hinter den Kulissen des NDR – Fernsehen zum Mitmachen

Auch die Bundeswehr wirbt um Nachwuchs…

Und hat ihre Fahrzeuge vor Ort…

Wobei es vor allem die Hubschrauber waren, die alle Aufmerksamkeit auf sich zogen. Nicht zuletzt weil…

…sie gelegentlich mit dem einen oder anderen abhoben

Den Rennwagen konnte man von außen wie von innen bestaunen und sich über Motoren und Getriebe informieren

Oder in „Robo City“ darüber aufgeklärt werden, wie Fahrzeuge in Zukunft durch Städte manövriert werden sollen, ganz ohne dass Mensch am Lenkrad sitzen muss

Der Roboter der Arbeitsagentur ist ein durchaus humoriger Gesprächspartner

Unterhaltungsprogramm auf der großen Bühne

Alles gesehen? Klar, wie die Zukunft aussieht? Dann Füße hoch und das Wetter genießen

Kneipe statt Hörsaal

Gestern lud die „FOM – Hochschule für Berufstätige“, in Kooperation mit der Bar „Bardru twentyfive“ in der Königsstraße, zum dritten Teil ihrer Veranstaltungsreihe „Kneipe statt Hörsaal“.
40 Interessierte folgten der Einladung der charmanten Geschäftsleitung, Dr. Daniela Recker, und fanden sich ein zu einem Abend, der ganz unter dem Zitat Dantes stehen sollte:

„Zu was kannst du die Menschenbrust nicht zwingen, verfluchter Durst nach Gold, der uns betört.“

Was sind Geld und Gold? Wie entstanden sie? Welche gesellschaftlichen Auswirkungen hat unser Zahlungssystem? Und nicht zuletzt: Was macht das Geld aus dem Menschen?
Diesen Fragen ging der Vortrag von Dr. Rüdiger Grimm, Professor der Betriebswirtschaftslehre an der FOM, nach. Weiterlesen

Viva la Revolución – den digitalen Wandel gestalten!

Gut 40 Interessierte fanden sich gestern ein, als die Friedrich-Ebert-Stiftung zur Diskussion rund um die „digitale Revolution“ ins Kulturzentrum Pavillon Hannover lud. Vier Experten debattierten, teils miteinander, teils mit den Gästen, Vor- und Nachteile zunehmender Digitalisierung der Gesellschaft.
Teil der Gesprächsrunde waren:

Raúl Aguayo-Krauthausen – Autor und Aktivist
Nicola Röhricht – Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren – Organisationen
Christopher Lauer, MdA a.D. – Experte für Internetbeteiligung
Vanessa Reinwand – Weiss  – Direktorin der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel
Moderation : Graf Fidi Rapper – Autor und Aktivist

Schnell war klar, dass Digitalisierung und der damit verbundene gesellschaftliche Wandel von vielen als Herausforderung angesehen werden. Weiterlesen

Ziviler Ungehorsam

Als die Polizei einen 20-jährigen Afghanen aus einer Berufsschule in Nürnberg abholen will, um ihn in Abschiebegewahrsam zu nehmen, organisieren seine Mitschüler spontan eine Sitzblockade, um dies zu verhindern. Innerhalb kürzester Zeit schließen sich diesem Protest 300 Schüler an. Trotz dieses beeindruckenden Ausdrucks von Solidarität lassen die Beamten nicht ab. Obwohl das Ausmaß des Widerstands aufzeigt, wie sehr der junge Mann in Ausbildung dort integriert, zur Kenntnis genommen und geschätzt wurde: Der Amtsschimmel kennt kein Pardon.

Der junge Mann soll zurück nach Afghanistan, in dessen Hauptstadt noch am selben Tag ein Anschlag 80 Menschen das Leben kosten und die Abschiebung verzögern wird. Eine Autobombe explodiert in der, für afghanische Verhältnisse gut gesicherten, Hauptstadt Kabul inmitten des Diplomatenviertels und zeigte einmal mehr, was von Aussagen, Afghanistan sei ein sicheres Herkunftsland, zu halten ist.

Der Widerstand der Schüler eskaliert. Der Staat und seine Vertreter nehmen es im Zweifel mit Hundertschaften unbewaffneter, kurzbehoster junger Männer und Frauen auf, wenn es um die Umsetzung von „Recht“ geht, das nur durch die Umdeutung eben dieses Rechts zu Recht wurde.

Klingt kompliziert?

Ist es nicht. Es reicht, ein Land, aus dem alleine bis Ende März dieses Jahres 38.000 Menschen geflohen sind, zum „sicheren Herkunftsland“ erklären. Und da wir im Bereich der Rechtsdeuterei sind, mal zu Wahlkampfzwecken, mal zum Eigennutz, lohnt die tiefe Einsicht des Innenministers de Maizière:

Zivilisten seien in Afghanistan nicht Ziel, sondern nur Opfer von Anschlägen. So rechtfertigt de Maizière Abschiebungen… (Abschiebung) sei in „kleinem Umfang“ vertretbar. Dies gelte unter anderem für den Norden des Landes. „Auch in Kabul kann man nicht sagen, dass dort insgesamt die Lage so unsicher ist, dass man die Leute da nicht hinschicken könnte“, argumentierte der Minister.

Übersetzt heißt das: Solange Zivilisten in Afghanistan nicht gezielt sondern nur versehentlich getötet werden, ist Afghanistan sicher. Zumindest für die, die ebenso versehentlich nicht getötet werden.

Ein kleiner Überblick zu Afghanistan:

Die humanitäre Lage verschlechtert sich immer weiter. Durch die anhaltenden Kämpfe zwischen Regierungstruppen und radikal-islamischen Milizen könnten die Bedürftigen nicht mit lebenswichtigen Gütern versorgt werden. Dazu gehören Lebensmittel, Wasser, Unterkünfte und Medikamente. Amnesty International nennt die Abschiebungen „unvertretbar“. (Quelle)

Die Sicherheitslage in Afghanistan ist so unberechenbar, dass auch der UNHCR eine Unterscheidung von »sicheren« und »unsicheren« Gebieten ablehnt. Wegen des bewaffneten Konflikts hat sich die Zahl der Binnenvertriebenen in den vergangenen drei Jahren fast verdoppelt und liegt bei 1,4 Millionen. Seit Anfang des Jahres mussten erneut mehr als 100.000 Menschen ihre Häuser verlassen (Stand 21.5.2017).

Auch die NATO plant, den Militäreinsatz aufgrund der verschlechterten Sicherheitslage wieder deutlich zu verstärken. Weder staatliche noch internationale Akteure sind in der Lage, sich selbst oder abgeschobene Flüchtlinge zu schützen.

Im Februar 2016 hat die UN-Unterstützungsmission für Afghanistan (UNAMA) ihren Jahresbericht veröffentlicht. Demnach hat die Zahl der zivilen Opfer in Afghanistan Rekordniveau erreicht. 2015 gab es die höchste Anzahl an zivilen Opfern seit 2009. Insgesamt verzeichnet der Bericht 11.002 zivile Opfer, davon 3.545 Todesopfer und 7.457 Verletzte. Insgesamt seien von Anfang 2009 bis Ende 2015 genau 58.736 zivile Opfer zu beklagen, darunter 21.323 Todesopfer und 37.413 Verletzte. Besonders Schutzbedürftige seien immer öfter Opfer von Attacken, 2015 stieg die Zahl der weiblichen Opfer um 37 % an und die der Kinder um 14 %. Spiegel Online berichtete am 18. April 2016 über einen gemeinsamen Bericht von UNICEF und UNAMA. Darin heißt es, im Jahr 2015 habe die UNO 132 Übergriffe gegen Bildungseinrichtungen verzeichnet. 369 afghanische Schulen hätten wegen Drohungen, Einschüchterung und Gewalt ganz oder teilweise schließen müssen. Auch Angriffe auf Gesundheitshelfer*innen nehmen zu: Im selben Bericht von UNAMA und UNICEF finden sich Angaben über Angriffe auf Ärzt*innen, Krankenpfleger*innen und Gesundheitseinrichtungen. Diese Angriffe hätten sich von 59 im Jahre 2014 auf 125 im Jahre 2015 gesteigert, zum Opfer gefallen seien ihnen 20 Gesundheitsmitarbeiter*innen, 43 seien verletzt worden und 66 entführt…“ (Quelle: Broschüre „Afghanistan: Kein sicheres Land für Flüchtlinge.“ Pro Asyl, 07.2016)

Das „sichere Herkunftsland“ Afghanistan betritt übrigens auch der Innenminister lieber in Schutzkleidung.

Der Protest in Nürnberg zeigt, dass nicht alle der Menschenrechtsverletzung, die in einer derzeitigen Abschiebung nach Afghanistan steckt, gleichgültig gegenüberstehen. Das darf erleichtern und ist wünschenswert.

Auch Herr de Maizière übte schließlich Kritik – an der Organisation des Vorganges.

Wer erneut eine Übersetzung braucht: Man hätte den Jungen etwas weniger öffentlichkeitswirksam und zu unbestimmter Uhrzeit, um Protest unmöglich zu machen, in Abschiebehaft verbringen müssen.

Zynisch.

Zynisch auch:

Während man in Deutschland noch debattiert und protestiert, scheint ein Großteil der Österreicher bereits die Segel gestrichen zu haben.

Dort wurden, noch am Tag des Anschlages, 17 Asylbewerber nach Afghanistan geflogen mit dem Hinweis, die Reiswarnungen gälten nur für Österreicher.

Leseempfehlung: Nancy Isenberg, „White Trash – The 400-Year Untold History of Class in America“

Die Themen „Klassenidentät, Klassengeschichte, Klassenkampf“ werden heute gerne als Überbleibsel linker Ideologien belächelt oder das Aufgreifen eben dieser zu bloßem Populismus erklärt, wenn politisch rechte Hardliner sich dieser Thematik annehmen. „Die Mitte“ ist sich weitgehend sicher und propagiert eben dies in weiten Teilen: Der Kapitalismus, Rechtsstaatlichkeit, hier in Deutschland auch das Bekenntnis zur „sozialen Marktwirtschaft“ hätten das Klassengefüge weitestgehend aufgehoben, soziale Mobilität breiten Teilen der Gesellschaft ermöglicht.

Wie sehr unsere heutige Lebensweise, unsere Ideen von Menschenwert, unsere Sprache, Erbrecht und damit Chancenrecht, noch immer von der Geburt abhängen und damit beständig den vergangenen Mustern folgen, wird mit Lektüre des Buches ersichtlich, ohne dass Isenberg jemals diesen Vergleich anstreben oder belehrend den Zeigefinger erheben würde. Dabei ist es auch gleich, dass das Buch vorrangig amerikanische Klassengeschichte beleuchtet, denn schnell wird klar: Die Basisidee ist europäisch, importiert durch die ersten Siedler. Amerika hat sich nicht neu erfunden. Europa erfand Amerika. Das Märchen einer klassenlosen Gesellschaft.

Das äußerst lesenswerte Buch , bis auf Vorwort und Nachwort betont sachlich und ohne persönliche Einlassungen der Autorin gehalten, um Fakten bemüht, mit reichlich Hintergrundwissen und mithilfe zahlreicher Quellentexte sorgfältig erarbeitet, unterstreicht zudem die Relevanz der Rhetorik im Klassendiskurs schon bei der Titelauswahl: „White Trash“. Wer hier reine Provokation zu Vermarktungszwecken vermutet, der wird im Laufe der Lektüre eines Besseren belehrt und lernt verstehen, dass „White Trash“, also „Weißer Müll“ mitnichten als Zuspitzung zu verstehen ist, reine Polemik von Isenberg. „White Trash“ steht vielmehr stellvertretend für einen von zahlreichen Begriffen für ein weißes Prekariat; für den Umgang mit einer Schicht, die das Selbstverständnis einer gesamten Nation bedroht und allein deshalb schon mit Verachtung in Form rhetorischer Abwertung gestraft wird. So bietet dieses Buch nicht nur einen Blick auf die Klassengeschichte Amerikas, sondern mit ihm auch tiefgreifende Einsichten zu den Entwicklungen eines, immer auch rhetorisch geführten, Klassenkampfes, der über die Jahrhunderte bis heute das Verhältnis der Gesellschaftsschichten zueinander geprägt hat.

Wir erfahren, wie sehr das frühe Amerika, dessen Gründerväter die aristokratischen Ideen der Klassenhierarchie Englands noch verinnerlicht hatten, diese auch nach der Trennung vom Königreich noch lebten. Ein Grund der Besiedelung des „neuen Kontinents“ war es, die Armen, „Human Waste“, aus England zu vertreiben, Platz in der Heimat zu schaffen, um sie Übersee einem Nutzen zuzuführen, den die heimische Ökonomie nicht mehr bot, oder sie wenigstens aus den Städten zu vertreiben, in denen sie kaum mehr geduldet wurden. Wie es John White in „The Planters Plea“ ausdrückte: „Colonies ought to be Emunctories or Sinkes of States; to drayne away the filth.“ (S. 17) Amerika schien das zu bieten, was England so dringend fehlte: Land. Und mit ihm Wachstums, Ausbau der ökonomischen Möglichkeiten, Arbeit für alle. Und vor allem die Möglichkeit, den „Schmutz“ aus den Städten zu entfernen und einem Nutzen zuzuführen.

Schon die Verteilung des Landes, teils vor Ort, teils aus der Ferne Englands verwaltet, gründete auf alten Hierarchien und beließ die Armen in ihrem Status als „Waste“, „filth“ und „rubbish“. Sie durften auf kaum mehr hoffen, als auf Sklavenrang, den sie auch an ihre Kinder weitergaben.

Wie Isenberg anmerkt, waren die Engländer besessen von dem Ausdruck „Waste“. Ein Begriff, der übersetzt viele Facetten beinhaltet. „Vergeudung“ ebenso wie „Müll“, „Ausschuss“, „Abfall“. (S.19) Amerika war „Wasteland“, ungenutztes Land.
„Waste was there to be treated, and then exploited. Waste was wealth as yet unrealized.“ (John Smith) Diese Definition bezog sch auf Mensch und Land. Es galt den Engländern, ungenutzte Menschen, wie auch ungenutztes Land, nutzbar zu machen. Zugleich legte er den Wert bestimmter Menschen fest und festigte Klassenbewusstsein.

Die ersten Kolonien waren Feldversuche, umgesetzte Theorien, die sich als mal mehr, mal weniger tauglich erwiesen. Roanoke und Jamestown litten an Fehlentscheidungen, Zwangsarbeit, Todesstrafe, einem Mangel an Frauen, aber auch daran, dass von den vielen Männern, die man zur Arbeit vor Ort verschifft hatte, viele keine Ahnung vom Fällen von Bäumen oder der Farmarbeit hatten.

Der Einzug von Tabak als Nutzpflanze durch John Rolfe (S.25) verhalf schließlich zu einer wachsenden Ökonomie. Tabak erzielte hohe Preise und galt vielen als „neues Gold“, sorgte damit aber für eine Verschärfung der Klassenidee vor Ort. Ein Handel mit Sklaven begann. Damals noch vorrangig „indentured servants“, Menschen, die durch eine Schuld gebunden waren, wurden für Geld gehandelt und verkauft.

Der angeblich niedere Mensch, „Offscouring of the earth“, schon mit Beginn der Besiedelung mit Land und Vieh gleichgesetzt, das einem Nutzen zugeführt werden muss, erfährt nun schon durch seine Benennung die „Klassifikation“. Eingeschiffte Frauen wurden als fruchtbar oder „verdorbene Ware“ (S.28) („Corrupt“) eingestuft, Männer an ihrer Arbeitsfähigkeit gemessen. Theoretisch standen unter den Leibeigenen kurz darauf nur in Kriegen gefangengenommene Indianer und „die Fremden“ (S.30), aus anderen Kolonien importierte Schwarze.

Praktisch jedoch standen weiße und schwarze Sklaven oft auf einer Stufe, waren kaum mehr als Eigentum und der Arbeit verpflichtet, aus der es kein Entkommen gab, außer dem Tod.

So wie die Aristokraten ihre Rechte durch Erb- und Blutideologie gerechtfertigt sahen, galt diese Weitergabe des eigenen Wertes, gemessen an den Erbanlagen, auch für die Kinder von Sklaven und Schuldnern. Kinder und Frauen wurden zur Arbeit herangezogen, sollte der Schuldner vor Tilgung seiner Schulden sterben. Ein Kreislauf, aus dem es kein Entkommen gab. Zumal jeder Wohlstand seit Gründung der ersten Kolonien an, an Land und Eigentum, Nutzvieh und Sklaven geknüpft war. Ein Mensch ohne Land war ein Mensch ohne Wert. So bildete sich früh ein Klassensystem heraus, das Wenigen ermöglichte, hunderte von Sklaven zu halten und durch Handel den Landbesitz zu erweitern, während ein Großteil der Bevölkerung darben musste. Arm blieb arm.

Selbst mit der geschichtsträchtigen Ausformulierung von Menschenrechten durch Jefferson in der „Declaration of Independance“ – „All men are created equal“ – war in keiner Form erwünscht oder geplant, demokratische Rechte allen zugängig zu machen. Vielmehr ging es um die privilegierte Klasse der Grundbesitzer – weiße Männer. Jefferson selbst darf als Befürworter einer Ideologie gesehen werden, die den Gedanken, reines Blut zu züchten und Menschen in Klassensysteme einzuordnen, stützte. Von Jefferson stammt u.a. folgender Satz: „The circumstance of superior beauty is thought worthy of attention in the propagation of our horses, dogs and other domestic animals: why not in that of man?“ Umfassende Demokratie, die den Leibeigenen das Recht politischer Mitsprache ermöglicht hätte, wurde als Bedrohung für das, von Landbesitzern als funktionierend angesehene, Klassensystem gesehen. Und doch darf man gerade an diesem Satz, „All men are created equal“, heute wieder die Macht der Worte feststellen, wenn eine Neudeutung, respektive eine Ausweitung dieses Grundrechts auf alle, als Leitfaden einer Idee von Menschenrechten wirkt.

Benjamin Franklin verdammte die Sklaverei. Jedoch nicht um der Menschenrechte willen, sondern weil seiner Meinung nach Sklaverei die schlechtesten Eigenschaften in den „Engländern“ hervorrief. „Slavery made Englishmen idle and impotent…They become proud, disgusted with Labour and (are) being educated in Idleness, are rendered unfit to get a Living by Industry.“ (S. 68) Die Idee von „Free Labor“ war nicht das Resultat einer Menschenrechtsidee sondern Ergebnis der Überlegung, Weiße würden Arbeit verabscheuen lernen, so ihnen diese abgenommen würde. Auch dieser Gedankengang war es, der das Nord-Süd-Gefälle Amerikas begründete, im Laufe dessen eine „Free Labor Zone“ im Norden entstand. Im Süden hielt man hingegen an Sklaverei fest. Diese sei wirtschaftlich effektiver. Zudem würde sie nicht Weiße mit Sklaven gleichstellen. Zeitgleich warnte eine besorgte Elite vor „Poor Whites“. Man solle sie beobachten und kontrollieren, ihnen so wenig wie möglich politische Freiheit zugestehen ohne sie zu menschenunwürdig zu behandeln. (S. 161) Diese seien „neidisch auf die Reichen (S. 160) und würden mit dem Versprechen von Freiheit „unheilige Bedürfnisse“ entwickeln, zu denen man „Social Mobility“ zählte. Man sah die eigene, privilegierte Klasse gefährdet und zog mit, den eigenen Bedürfnissen angepasster, Propaganda, in den Bürgerkrieg.

Wie so oft in der Geschichte verhalf Rhetorik den Sklavenhaltern in vielerlei Hinsicht zur Selbstrechtfertigung. Entmenschlichung durch Sprache erlaubte, einen Menschen nicht mehr als Menschen zu sehen und ihm somit die Rechte verweigern zu können, die einem vollwertigen Menschen zustehen müssten. Die entwertende Sprache, zuerst auf den alten Ideen einer göttlichen Berufung des Königs und damit gottgewollten Hierarchien fußend, erfuhr eine neue Blütezeit mit Einzug des Darwinismus. „Survival of the fittest“ wurde nach Gutdünken gedeutet und diente Intellektuellen wie auch Herrschenden zur Legitimation des bestehenden Klassensystems. Mithilfe dieser Ideen erlebte auch die Eugenik ihren Siegeszug. Die Idee der Zucht reinen, überlegenen Blutes bestimmte lange das Denken derjenigen, die sich selber für „superior“ hielten.

Wie wenig wissenschaftlich die Argumentation tatsächlich war, zeigt der Mangel an Studien, die „Inbreeds“ der gleichen Erziehung ausgesetzt hätten, den gleichen Chancen, den gleichen physischen Möglichkeiten wie Ernährung und Eindämmung harter Arbeit oder gar hygienischen Bedingungen.

Über all die Jahrhunderte diente Sprache Macht und Machterhalt (Legitimation durch Sprache), der Ausübung von Gewalt (Abwertung durch Sprache) und Propaganda (Selbstreferenzielle Bewerbung des Ist-Zustandes als einzig sinnvolle Option. U.a. massiv betrieben vor dem Bürgerkrieg). Seitdem Wahlkampf stattfand, wurde zudem um Stimmen geworben. Der Wahlausgang hing nicht selten an der Frage der Sprache, die der Kandidat wählte. Es galt, als einer aus dem Volke aufzutreten, während zeitgleich die Bedürfnisse der Landeigentümer nach klaren Klassenstrukturen nicht angetastet wurde.

Bis hinein ins 20te Jahrhundert, in dem erste Stimmen laut wurden, die Sozialdarwinismus und Zuchtideen in Frage stellten, wie die von Du Bois, (S.174), der in den Raum stellte, „White rule had corrupted the normal course of evolution. Instead of allowing the best (whether black or white) to rise, racism had actually undermined the Darwinian argument. It had not only NOT improved the withe race, but a false hegemony had led to the survival of some of the worst stocks of mankind.“ stellte kaum jemand die Klassenidee in Frage.

Das aufkeimende Civil-Rights-Movement Mitte des 20ten Jahrhunderts ist nicht umsonst begleitet von Political Correctness. Die Forderung, sich nicht „Nigger“, „Bastard“, „Mulatto“, „Inbred“, „Trash“, „Offscourings“ „Low-Downer, „White Nigger, Degenerate, White Trash, Redneck, Trailer Trash, Swamp people.“ nennen lassen zu müssen schließt daran an, zudem nicht entsprechend behandelt zu werden. Nicht durch Benennung ein Mensch geringerer Klasse zu werden, stigmatisiert für die simple Tatsache des Geburtenzufalls.

Und nicht zufällig werden auch heute wieder Stimmen laut die fordern, man müsse bestimmte Dinge wieder sagen dürfen. Doch entgegen dieser Stimmen geht es bei Political Correctness eben nicht um Zensur, sondern um das Recht des Individuums, menschenwürdig benannt zu werden, um die Idee „All men are created equal“ irgendwann doch Realität werden zu lassen.

Gesellschaft ist Kommunikation. Kommunikation erfordert Konsens. Je breiter die Ablehnung gegen stigmatisierende Sprache und stigmatisierendes Handeln, desto wirksamer der Widerstand. Auch heute noch existiert hier wie in Amerika das Klassengefüge. Wie auch Isenberg bemerkt, hat sich der aristokratische Gedanke insofern verschoben, als dass er heute noch mehr als damals den finanziellen Background in den Fordergrund stellt. Doch auch heute noch sind Bildung und Wohlstand vorrangig Erbrecht. So kann uns das Buch lehren, ein Klassenbewusstsein zu entwickeln und ein Verständnis dafür, dass auch heute noch Armut oft vorrangig mit dem Vorwurf des Eigenverschuldens behaftet ist, auch heute noch Menschen gefeiert werden für ihre Herkunft mehr als für ihre Leistung. Wir haben den Klassenkampf nicht hinter uns gelassen. Auch nicht die Rhetorik, die z.b. hierzulande für die Einstufung „asozial“ sorgte. Wir könnten aber, mit Blick auf die Geschichte, lernen, uns nicht der Idee zu beugen, die Lyndon Johnson (S. 315) von sich gab:
„If you can convince the lowest white man he’s better than the best colored man, he won’t notice you’re picking his pocket. Hell, give him someody to look down on, and he’ll empty his pockets for you.“

 

(Nancy Isenberg, „White Trash. The 400-Year Untold History of Class in America, Penguin Books 2016 / ISBN 9780143129677 – Paperback Edition)

Terror in Manchester

Es gibt sicherlich unzählige Gründe, über den Terror zu schreiben, der Manchester heimgesucht hat. Noch mehr Gründe gibt es jedoch für mich, dies nicht zu tun.

Ich verweise auf meinen alten Beitrag „Terrorismus und die Rolle der Medien

Gerade der Attentäter wollte eben diese Aufmerksamkeit und er sollte damit nicht erfolgreich sein.

All mein Mitgefühl den Opfern und Angehörigen.

Toutes mes félicitations !

Macron soll mit 65% den Wahlsieg deutlich in der Tasche haben. Gut für Europa, zumindest kurzfristig. Dennoch ist auch dieser Mann kein Gewinn und es bleibt zu hoffen, dass trotz Macron mit Macron die Einsicht aufkommt, dass ein neoliberales „Weiter so“ die Radikalen stärkt. Noch wehren sich die, die glauben, mit Europa etwas zu verteidigen zu haben. Das wird nicht ewig so bleiben, wenn es keinen Kurswechsel gibt. Dann ist dies bestenfalls ein Aufschub.

Politik ist nicht alles, aber alles ist Politik

Eine gute Regierung ist wie eine geregelte Verdauung; solange sie funktioniert, merkt man von ihr kaum etwas. (Erskine Caldwell)

Neulich auf Facebook entflammte eine Debatte darüber, ob und warum manche denn alles politisieren müssten und ob man nicht einmal ohne Politik auskommen könne.
Ich warf ein, dass alles Politik sei.
Dass der Mensch als soziales Wesen, ob er nun wolle oder nicht, damit auch zwangsläufig ein politisches Wesen sei, und erntete Unverständnis.
Die Entrüstung war groß, schließlich gäbe es doch viele private Bereiche, die mit Politik nichts zu tun hätten.
„Nennen Sie mir einen“, bot ich an.
Die simple und zu erwartende Antwort folgte prompt:
„Sex“. Weiterlesen

Aus meinem YouTube-Kanal: „Back“

 

Music, Guitar, Mixing, Mastering: Stathi Vassiliadis
Vocals, Lyrics: Susannah Winter

Nach ein paar Jahren Abstinenz wird es Zeit, wieder zu singen. Neben Songwriting demnächst auch wieder ein Bandprojekt, sowie ein Akustikensemble.

Gewidmet ist dieser Song Rainer, einem aufwühlenden Abend und der Tatsache, dass es „ist, was es ist“. Danke

Welt-Down-Syndrom-Tag trifft auf Welt-Poesie-Tag

 

 

Tja, wie erwartet: Nach dem fulminanten Getöse zum „Wetlfrauentag“ großes Schweigen im Walde zum „Welt-Down-Syndrom-Tag“. Dafür aber hehre Freude über Poesie.

 

Ich dichte mal:
Wir reden gern von „lebenswert“
Wenn wir uns Wein einflößen
Wenn wir in Essen, Trinken schwelgen
Uns gar zu zweit entblößen

Geschwiegen wird, wen wundert es
Alleine dieser Tage
Wenn „lebenswert“ gefordert wird
In Sachen Kinderfrage

Denn was ist schon ein Leben wert
Mit Extra-Chromosomen
Wer Kohle kostet und nicht scheffelt
Gilt hier als schlechtes Omen

Viel Mühe, Arbeit, Kummer Sorgen
Bringt so ein neues Leben
Dabei ist’s doch verantwortlich
Für’s Eltern-Ego-Streben

Und weil man es nicht haben muss
Bring man es über’n Jordan
Und hält’s lieber mit der Reimerei
Für heute und für fortan

Wahl oder nicht Wahl, das ist hier die Frage

 

Ohne große Überraschungen verlief die Wahl des Bundespräsidenten. Im ersten Wahlgang holte Frank-Walter Steinmeier die absolute Mehrheit, insgesamt 931 von 1.239 möglichen Stimmen.

Die große Koalition, schon während der gemeinsamen Regierungszeit in der komfortablen Position, die Opposition schon alleine der Größenverhältnisse wegen um die Möglichkeit zu bringen, überhaupt als Opposition zu agieren.

So scheiterte im Mai 2016 der Antrag der Linken vor dem Bundesverfassungsgericht, der auch einer Opposition der jetzigen Größe die üblich oppositionellen Befugnisse einräumen sollte, die dank der zahlenmäßigen Übermacht von schwarz-rot nicht mehr ausgeübt werden konnten. Dazu gehörte unter anderem das Recht, Gesetze auf ihre verfassungsrechtliche Legitimität hin zu überprüfen. Die Normenkontrollklage, ein übliches Oppositionsrecht, das allerdings ein Quorum von 25%. Derzeit hält die Opposition aus Linken und Grünen jedoch nur 20% der Sitze und ist somit praktisch handlungsunfähig, wenn es darum geht, Beschlüsse und Gesetze auf ihren verfassungsrechtlichen Gehalt hin überprüfen zu lassen. Weiterlesen

Getrennte Wege – Die SPD und die Arbeitnehmerrechte

Zuerst erschienen auf FischundFleisch.com

Der Jubel großer Teile der Presse war in dieser Woche kaum zu überhören: Die SPD hat endlich ihren Kanzlerkandidaten. Und es ist nicht Sigmar Gabriel, der noch bis zuletzt die Umfragewerte abwartete und dann einsehen musste, dass dieser Tage wenig so relevant ist, wie Popularität.

Das macht eine altgediente Partei selbstverständlich noch nicht zu Populisten, wenn inhaltliche und personelle Entscheidungen nach Beliebtheitswerten entschieden werden.Und schon gar nicht relevant, da darf man sich sicher sein, war die Frage des Datums der Entscheidung.

Ein Schelm wer glaubt, der Tag sei nicht rein zufällig auf denselben Tag gefallen, an dem das Bundesverfassungsgericht über eine SPD-initiierte, massive Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsrechtebeschneidung entscheiden sollte. Weiterlesen

Die Geister, die ich rief

 

Zuerst erschienen auf Peira.org

Von der Lüge im Politischen – Teil 1

Mal offen, mal unterschwellig: Der Vorwurf, in der Politik und der politikbegleitenden medialen Berichterstattung würde permanent gelogen, ist omnipräsent. Aber auch Medien und Politiker gehen mit dem Vorwurf der Lüge nicht zimperlich um. Der politische Gegner, das Internet, die Umfragen der anderen: Kein Ort, an dem nicht angeblich gelogen würde, dass sich die Balken biegen.

Diese Idee führte dann wohl auch dazu, dass die Gesellschaft für deutsche Sprache das Wort „postfaktisch“ zum Wort des Jahres kürte. Dabei darf „postfaktisch“ als Begriff an sich als „postfaktisch“ angesehen werden, impliziert er doch, es hätte vorher eine „faktische“, also faktentreuere Zeit gegeben. Ein Trugschluss. Hätte es auch zum Unwort eher getaugt, gereicht es in „postfaktischen“ Zeiten jedoch oft, in aller Munde zu sein für Ruhm und Ehr‘. Weiterlesen

Neubeginn

Seit zwei Jahren war ich meinem Blog „Tonfarbe“ treu, doch nun ist es Zeit für Neues. Das letzte Jahr war für mich voll von Ereignissen, die neu waren. Neue Erfahrungen, neue Erlebnisse, neue Ideen. So wie sich Privates in Teilen änderte, so änderten sich Möglichkeiten und Bedürfnisse. So hat mich der Klavierunterricht bereichert und aufgezeigt, dass ich in naher Zukunft gerne einiges an selbstgeschriebenen Songs veröffentlichen würde. Die Arbeit daran läuft. Und so viel sei verraten: Auch hier bleibe ich politisch. Die neue Webseite soll also für verschiedene Themen Raum lassen.

Politik, Inklusion, soziale Themen werden jedoch selbstverständlich ein Teil davon bleiben.

Ich freue mich auf den Neubeginn und hoffe, Sie bleiben mir treu