2016

Leseempfehlung: Nancy Isenberg, „White Trash – The 400-Year Untold History of Class in America“

Die Themen „Klassenidentät, Klassengeschichte, Klassenkampf“ werden heute gerne als Überbleibsel linker Ideologien belächelt oder das Aufgreifen eben dieser zu bloßem Populismus erklärt, wenn politisch rechte Hardliner sich dieser Thematik annehmen. „Die Mitte“ ist sich weitgehend sicher und propagiert eben dies in weiten Teilen: Der Kapitalismus, Rechtsstaatlichkeit, hier in Deutschland auch das Bekenntnis zur „sozialen Marktwirtschaft“ hätten das Klassengefüge weitestgehend aufgehoben, soziale Mobilität breiten Teilen der Gesellschaft ermöglicht.

Wie sehr unsere heutige Lebensweise, unsere Ideen von Menschenwert, unsere Sprache, Erbrecht und damit Chancenrecht, noch immer von der Geburt abhängen und damit beständig den vergangenen Mustern folgen, wird mit Lektüre des Buches ersichtlich, ohne dass Isenberg jemals diesen Vergleich anstreben oder belehrend den Zeigefinger erheben würde. Dabei ist es auch gleich, dass das Buch vorrangig amerikanische Klassengeschichte beleuchtet, denn schnell wird klar: Die Basisidee ist europäisch, importiert durch die ersten Siedler. Amerika hat sich nicht neu erfunden. Europa erfand Amerika. Das Märchen einer klassenlosen Gesellschaft.

Das äußerst lesenswerte Buch , bis auf Vorwort und Nachwort betont sachlich und ohne persönliche Einlassungen der Autorin gehalten, um Fakten bemüht, mit reichlich Hintergrundwissen und mithilfe zahlreicher Quellentexte sorgfältig erarbeitet, unterstreicht zudem die Relevanz der Rhetorik im Klassendiskurs schon bei der Titelauswahl: „White Trash“. Wer hier reine Provokation zu Vermarktungszwecken vermutet, der wird im Laufe der Lektüre eines Besseren belehrt und lernt verstehen, dass „White Trash“, also „Weißer Müll“ mitnichten als Zuspitzung zu verstehen ist, reine Polemik von Isenberg. „White Trash“ steht vielmehr stellvertretend für einen von zahlreichen Begriffen für ein weißes Prekariat; für den Umgang mit einer Schicht, die das Selbstverständnis einer gesamten Nation bedroht und allein deshalb schon mit Verachtung in Form rhetorischer Abwertung gestraft wird. So bietet dieses Buch nicht nur einen Blick auf die Klassengeschichte Amerikas, sondern mit ihm auch tiefgreifende Einsichten zu den Entwicklungen eines, immer auch rhetorisch geführten, Klassenkampfes, der über die Jahrhunderte bis heute das Verhältnis der Gesellschaftsschichten zueinander geprägt hat.

Wir erfahren, wie sehr das frühe Amerika, dessen Gründerväter die aristokratischen Ideen der Klassenhierarchie Englands noch verinnerlicht hatten, diese auch nach der Trennung vom Königreich noch lebten. Ein Grund der Besiedelung des „neuen Kontinents“ war es, die Armen, „Human Waste“, aus England zu vertreiben, Platz in der Heimat zu schaffen, um sie Übersee einem Nutzen zuzuführen, den die heimische Ökonomie nicht mehr bot, oder sie wenigstens aus den Städten zu vertreiben, in denen sie kaum mehr geduldet wurden. Wie es John White in „The Planters Plea“ ausdrückte: „Colonies ought to be Emunctories or Sinkes of States; to drayne away the filth.“ (S. 17) Amerika schien das zu bieten, was England so dringend fehlte: Land. Und mit ihm Wachstums, Ausbau der ökonomischen Möglichkeiten, Arbeit für alle. Und vor allem die Möglichkeit, den „Schmutz“ aus den Städten zu entfernen und einem Nutzen zuzuführen.

Schon die Verteilung des Landes, teils vor Ort, teils aus der Ferne Englands verwaltet, gründete auf alten Hierarchien und beließ die Armen in ihrem Status als „Waste“, „filth“ und „rubbish“. Sie durften auf kaum mehr hoffen, als auf Sklavenrang, den sie auch an ihre Kinder weitergaben.

Wie Isenberg anmerkt, waren die Engländer besessen von dem Ausdruck „Waste“. Ein Begriff, der übersetzt viele Facetten beinhaltet. „Vergeudung“ ebenso wie „Müll“, „Ausschuss“, „Abfall“. (S.19) Amerika war „Wasteland“, ungenutztes Land.
„Waste was there to be treated, and then exploited. Waste was wealth as yet unrealized.“ (John Smith) Diese Definition bezog sch auf Mensch und Land. Es galt den Engländern, ungenutzte Menschen, wie auch ungenutztes Land, nutzbar zu machen. Zugleich legte er den Wert bestimmter Menschen fest und festigte Klassenbewusstsein.

Die ersten Kolonien waren Feldversuche, umgesetzte Theorien, die sich als mal mehr, mal weniger tauglich erwiesen. Roanoke und Jamestown litten an Fehlentscheidungen, Zwangsarbeit, Todesstrafe, einem Mangel an Frauen, aber auch daran, dass von den vielen Männern, die man zur Arbeit vor Ort verschifft hatte, viele keine Ahnung vom Fällen von Bäumen oder der Farmarbeit hatten.

Der Einzug von Tabak als Nutzpflanze durch John Rolfe (S.25) verhalf schließlich zu einer wachsenden Ökonomie. Tabak erzielte hohe Preise und galt vielen als „neues Gold“, sorgte damit aber für eine Verschärfung der Klassenidee vor Ort. Ein Handel mit Sklaven begann. Damals noch vorrangig „indentured servants“, Menschen, die durch eine Schuld gebunden waren, wurden für Geld gehandelt und verkauft.

Der angeblich niedere Mensch, „Offscouring of the earth“, schon mit Beginn der Besiedelung mit Land und Vieh gleichgesetzt, das einem Nutzen zugeführt werden muss, erfährt nun schon durch seine Benennung die „Klassifikation“. Eingeschiffte Frauen wurden als fruchtbar oder „verdorbene Ware“ (S.28) („Corrupt“) eingestuft, Männer an ihrer Arbeitsfähigkeit gemessen. Theoretisch standen unter den Leibeigenen kurz darauf nur in Kriegen gefangengenommene Indianer und „die Fremden“ (S.30), aus anderen Kolonien importierte Schwarze.

Praktisch jedoch standen weiße und schwarze Sklaven oft auf einer Stufe, waren kaum mehr als Eigentum und der Arbeit verpflichtet, aus der es kein Entkommen gab, außer dem Tod.

So wie die Aristokraten ihre Rechte durch Erb- und Blutideologie gerechtfertigt sahen, galt diese Weitergabe des eigenen Wertes, gemessen an den Erbanlagen, auch für die Kinder von Sklaven und Schuldnern. Kinder und Frauen wurden zur Arbeit herangezogen, sollte der Schuldner vor Tilgung seiner Schulden sterben. Ein Kreislauf, aus dem es kein Entkommen gab. Zumal jeder Wohlstand seit Gründung der ersten Kolonien an, an Land und Eigentum, Nutzvieh und Sklaven geknüpft war. Ein Mensch ohne Land war ein Mensch ohne Wert. So bildete sich früh ein Klassensystem heraus, das Wenigen ermöglichte, hunderte von Sklaven zu halten und durch Handel den Landbesitz zu erweitern, während ein Großteil der Bevölkerung darben musste. Arm blieb arm.

Selbst mit der geschichtsträchtigen Ausformulierung von Menschenrechten durch Jefferson in der „Declaration of Independance“ – „All men are created equal“ – war in keiner Form erwünscht oder geplant, demokratische Rechte allen zugängig zu machen. Vielmehr ging es um die privilegierte Klasse der Grundbesitzer – weiße Männer. Jefferson selbst darf als Befürworter einer Ideologie gesehen werden, die den Gedanken, reines Blut zu züchten und Menschen in Klassensysteme einzuordnen, stützte. Von Jefferson stammt u.a. folgender Satz: „The circumstance of superior beauty is thought worthy of attention in the propagation of our horses, dogs and other domestic animals: why not in that of man?“ Umfassende Demokratie, die den Leibeigenen das Recht politischer Mitsprache ermöglicht hätte, wurde als Bedrohung für das, von Landbesitzern als funktionierend angesehene, Klassensystem gesehen. Und doch darf man gerade an diesem Satz, „All men are created equal“, heute wieder die Macht der Worte feststellen, wenn eine Neudeutung, respektive eine Ausweitung dieses Grundrechts auf alle, als Leitfaden einer Idee von Menschenrechten wirkt.

Benjamin Franklin verdammte die Sklaverei. Jedoch nicht um der Menschenrechte willen, sondern weil seiner Meinung nach Sklaverei die schlechtesten Eigenschaften in den „Engländern“ hervorrief. „Slavery made Englishmen idle and impotent…They become proud, disgusted with Labour and (are) being educated in Idleness, are rendered unfit to get a Living by Industry.“ (S. 68) Die Idee von „Free Labor“ war nicht das Resultat einer Menschenrechtsidee sondern Ergebnis der Überlegung, Weiße würden Arbeit verabscheuen lernen, so ihnen diese abgenommen würde. Auch dieser Gedankengang war es, der das Nord-Süd-Gefälle Amerikas begründete, im Laufe dessen eine „Free Labor Zone“ im Norden entstand. Im Süden hielt man hingegen an Sklaverei fest. Diese sei wirtschaftlich effektiver. Zudem würde sie nicht Weiße mit Sklaven gleichstellen. Zeitgleich warnte eine besorgte Elite vor „Poor Whites“. Man solle sie beobachten und kontrollieren, ihnen so wenig wie möglich politische Freiheit zugestehen ohne sie zu menschenunwürdig zu behandeln. (S. 161) Diese seien „neidisch auf die Reichen (S. 160) und würden mit dem Versprechen von Freiheit „unheilige Bedürfnisse“ entwickeln, zu denen man „Social Mobility“ zählte. Man sah die eigene, privilegierte Klasse gefährdet und zog mit, den eigenen Bedürfnissen angepasster, Propaganda, in den Bürgerkrieg.

Wie so oft in der Geschichte verhalf Rhetorik den Sklavenhaltern in vielerlei Hinsicht zur Selbstrechtfertigung. Entmenschlichung durch Sprache erlaubte, einen Menschen nicht mehr als Menschen zu sehen und ihm somit die Rechte verweigern zu können, die einem vollwertigen Menschen zustehen müssten. Die entwertende Sprache, zuerst auf den alten Ideen einer göttlichen Berufung des Königs und damit gottgewollten Hierarchien fußend, erfuhr eine neue Blütezeit mit Einzug des Darwinismus. „Survival of the fittest“ wurde nach Gutdünken gedeutet und diente Intellektuellen wie auch Herrschenden zur Legitimation des bestehenden Klassensystems. Mithilfe dieser Ideen erlebte auch die Eugenik ihren Siegeszug. Die Idee der Zucht reinen, überlegenen Blutes bestimmte lange das Denken derjenigen, die sich selber für „superior“ hielten.

Wie wenig wissenschaftlich die Argumentation tatsächlich war, zeigt der Mangel an Studien, die „Inbreeds“ der gleichen Erziehung ausgesetzt hätten, den gleichen Chancen, den gleichen physischen Möglichkeiten wie Ernährung und Eindämmung harter Arbeit oder gar hygienischen Bedingungen.

Über all die Jahrhunderte diente Sprache Macht und Machterhalt (Legitimation durch Sprache), der Ausübung von Gewalt (Abwertung durch Sprache) und Propaganda (Selbstreferenzielle Bewerbung des Ist-Zustandes als einzig sinnvolle Option. U.a. massiv betrieben vor dem Bürgerkrieg). Seitdem Wahlkampf stattfand, wurde zudem um Stimmen geworben. Der Wahlausgang hing nicht selten an der Frage der Sprache, die der Kandidat wählte. Es galt, als einer aus dem Volke aufzutreten, während zeitgleich die Bedürfnisse der Landeigentümer nach klaren Klassenstrukturen nicht angetastet wurde.

Bis hinein ins 20te Jahrhundert, in dem erste Stimmen laut wurden, die Sozialdarwinismus und Zuchtideen in Frage stellten, wie die von Du Bois, (S.174), der in den Raum stellte, „White rule had corrupted the normal course of evolution. Instead of allowing the best (whether black or white) to rise, racism had actually undermined the Darwinian argument. It had not only NOT improved the withe race, but a false hegemony had led to the survival of some of the worst stocks of mankind.“ stellte kaum jemand die Klassenidee in Frage.

Das aufkeimende Civil-Rights-Movement Mitte des 20ten Jahrhunderts ist nicht umsonst begleitet von Political Correctness. Die Forderung, sich nicht „Nigger“, „Bastard“, „Mulatto“, „Inbred“, „Trash“, „Offscourings“ „Low-Downer, „White Nigger, Degenerate, White Trash, Redneck, Trailer Trash, Swamp people.“ nennen lassen zu müssen schließt daran an, zudem nicht entsprechend behandelt zu werden. Nicht durch Benennung ein Mensch geringerer Klasse zu werden, stigmatisiert für die simple Tatsache des Geburtenzufalls.

Und nicht zufällig werden auch heute wieder Stimmen laut die fordern, man müsse bestimmte Dinge wieder sagen dürfen. Doch entgegen dieser Stimmen geht es bei Political Correctness eben nicht um Zensur, sondern um das Recht des Individuums, menschenwürdig benannt zu werden, um die Idee „All men are created equal“ irgendwann doch Realität werden zu lassen.

Gesellschaft ist Kommunikation. Kommunikation erfordert Konsens. Je breiter die Ablehnung gegen stigmatisierende Sprache und stigmatisierendes Handeln, desto wirksamer der Widerstand. Auch heute noch existiert hier wie in Amerika das Klassengefüge. Wie auch Isenberg bemerkt, hat sich der aristokratische Gedanke insofern verschoben, als dass er heute noch mehr als damals den finanziellen Background in den Fordergrund stellt. Doch auch heute noch sind Bildung und Wohlstand vorrangig Erbrecht. So kann uns das Buch lehren, ein Klassenbewusstsein zu entwickeln und ein Verständnis dafür, dass auch heute noch Armut oft vorrangig mit dem Vorwurf des Eigenverschuldens behaftet ist, auch heute noch Menschen gefeiert werden für ihre Herkunft mehr als für ihre Leistung. Wir haben den Klassenkampf nicht hinter uns gelassen. Auch nicht die Rhetorik, die z.b. hierzulande für die Einstufung „asozial“ sorgte. Wir könnten aber, mit Blick auf die Geschichte, lernen, uns nicht der Idee zu beugen, die Lyndon Johnson (S. 315) von sich gab:
„If you can convince the lowest white man he’s better than the best colored man, he won’t notice you’re picking his pocket. Hell, give him someody to look down on, and he’ll empty his pockets for you.“

 

(Nancy Isenberg, „White Trash. The 400-Year Untold History of Class in America, Penguin Books 2016 / ISBN 9780143129677 – Paperback Edition)

Die Thesen des de Maizière

Zuerst erschienen auf FischundFleisch.com

 

Das Lutherjahr ist eingeläutet und just zu dieser Zeit mag Thomas de Maizière keine Zurückhaltung mehr üben. Frei nach „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ ließ der Bundesinnenminister seine zehn Thesen via Presse in die Welt tragen. Und welches Organ böte sich da als seriöser und verlässlicher an, als die BILD?

„Ich will mit einigen Thesen zu einer Diskussion einladen über eine Leitkultur für Deutschland“… „Wer sich seiner eigenen Kultur sicher ist, ist stark.“ (Quelle)

Nun ist schon der Begriff „Kultur“ an sich schwammig. Für die einen ist es „Kultur“, BILD zu lesen, Würstchen zu grillen und Fähnchen zu schwenken, wenn die deutsche Nationalmannschaft spielt, während man sich zuflüstert, dass diese so deutsch aber nun gar nicht mehr sei.

Der andere schätzt die FAZ und lässt als „Kultur“ einzig Oper, Theater, ein Glas Rotwein und intellektuelle Gespräche gelten.

Und auch die, mit diesen Beispielen vorgeschobene, „Kultur des Pluralismus“ wäre nicht geltend zu machen, denn so sehr die intellektuelle Kultur die des Proletariats belächelt und für minderwertig hält, so sehr verachten weite Teile des Proletariats alles elitäre.

Eine „Kultur“ – das funktioniert schon innerhalb der vielen Sub-Kulturen in Deutschland nicht. Zugehörig fühlen, so meint es wohl die Aussage um „Stärke“, kann man sich zu allem und zu nichts in diesem Lande. Und bleibt, so man denn per Zufall in Deutschland geboren wurde, doch deutsch. Unabhängig von Haltung und Lebensentwurf. Auch dann, wenn man sich mehr als Grieche, Amerikaner oder Engländer fühlen sollte.

De Maizière führt zehn Eigenschaften auf, die seiner Auffassung nach Teil einer deutschen Leitkultur sind. Etwa soziale Gewohnheiten: In Deutschland gebe man sich zur Begrüßung die Hand, zeige sein Gesicht und nenne seinen Namen. „Wir sind nicht Burka“, schreibt de Maizière.“ (Quelle)

Ich weiß nicht, ob Sie jetzt kurz vor den Feiertagen einkaufen waren wie ich, ob Sie in letzter Zeit mal durch die Innenstadt einer Messestadt gelaufen sind, ob Sie regelmäßig das Haus verlassen, um neue Bekanntschaften zu machen oder nicht. Sollten Sie wenigstens auf gelegentlicher Basis mit Menschen zusammentreffen, dürfte Ihnen aufgefallen sein: Zu den „sozialen Gewohnheiten“ gehört Höflichkeit sicher nicht mehr. Nicht das reichen der Hand, (so man nicht aus beruflichen Gründen quasi verpflichtet ist), nicht mal unbedingt das Nennen des Namens. Die „freundlichen“ Menschen, die mir gerade gestern den Einkaufswagen in die Hacken schoben, schickten sich jedenfalls nicht an, mir dafür freundlich die Hand zu reichen und mich im Anschluss zum Kaffee einzuladen.

Und natürlich sind wir nicht Burka. (Ich habe übrigens erst eine zu Gesicht bekommen. Und das, obwohl ich in einem „Problemviertel“ lebe).

Wir sind aber auch nicht Fußball. Man soll es kaum glauben, aber es gibt Menschen, die mögen Sport nicht sonderlich. Wir sind nicht Bratwurst, wir sind nicht Oper, wir sind nicht Bikini, wir sind nicht Minirock, wir sind nicht Latex, Lack und Leder.

„Wir“ sind auch nicht Christentum, Islam, Judaismus, Buddhismus oder Esoterik.

Ein homogenes „Wir“ existiert nämlich schlicht nicht. Das ist überhaupt erst der Anspruch, den wir mit Gesetzen an uns gestellt haben: Ein pluralistischer Staat zu sein, in dem das Individuum möglichst frei entscheiden kann. Kleidung, Religion, die Haltung zum eigenen Staat. Alles eine Frage der persönlichen Präferenz.

„Zur Leitkultur gehörten zudem Allgemeinbildung, der Leistungsgedanke, das Erbe der deutschen Geschichte mit dem besonderen Verhältnis zu Israel und der kulturelle Reichtum. Deutschland sei ein christlich geprägter, Religionen freundlich zugewandter aber weltanschaulich neutraler Staat, so de Maizière.“ (Quelle)

Schauen Sie sich um: Um die Allgemeinbildung der Masse ist es, oft je nach sozialer Herkunft, eher bescheiden bestellt. Der Leistungsgedanke? Also macht die Arbeit den Menschen und nicht der Mensch die Arbeit? Tatsächlich gibt es fleißige und faule Deutsche und beide Seiten haben, unabhängig von der Haltung de Maizières zu ihnen, ihre Existenzberechtigung. Und wie es um das Verhältnis breiter Teile der Bevölkerung zu Israel steht, dazu liest man dieser Tage genug. Die Kommentarspalten sind voll des Hasses. Alle ausweisen? Wohl kaum. Solange die Aussage nicht justiziabel ist, fällt sie unter die „Meinungsfreiheit“. Der „kulturelle Reichtum“ ist international. Unsere Demokratie ist griechisch, die Autos nicht Biodeutsch, sondern zum Teil in asiatischen Ländern gefertigt. Bier sollen die Sumerer oder Ägypter erfunden haben. Brot sollen ebenfalls die Ägypter zumindest so verfeinert haben, dass es unserer heutigen Brotbacktradition am nächsten kommt. Das Christentum – Ach, das muss ich Ihnen wohl nicht erklären, wo doch Allgemeinbildung Usus ist. Und selbst unsere verfassungsrechtlichen Grundlagen haben lange vor uns andere ausformuliert.

Und Deutschland ein weltanschaulich neutraler Staat? Sagt der Innenminister aus der „Christlich demokratischen Union“ deren Kanzlerin noch den Amtseid mit den optionalen Worten „So wahr mir Gott helfe“ schloss? Seien wir ehrlich: der Gedanke des Säkularismus hat es hierzulande nicht so weit gebracht, wie man sich das hätte wünschen dürfen. Ganz sicher aber halten sich unsere Staatsvertreter an kein Gebot der Neutralität. Wobei man hier eben auch festhalten darf, dass man entweder „Religionen freundlich zugewandt, oder aber neutral ist. Beides geht nicht.

„Die Gesellschaft sei konsensorientiert und Kompromisse konstitutiv für die Demokratie. Auch einen „aufgeklärten Patriotismus“ zählt der Christdemokrat zur Leitkultur. Ein solcher Patriot liebe sein Land ohne andere zu hassen. Schließlich seien auch die Westbindung Deutschlands, sein Bekenntnis zu Europa sowie ein gemeinsames kollektives Gedächtnis für Orte, Ereignisse und Traditionen Teil der Leitkultur.“ (Quelle)

Dass die Gesellschaft konsensorientiert ist, schließt eben nicht pluralistische Lebensweisen aus, sondern verweist lediglich darauf, dass diese zusammenfassend durch eine bestimmte Staatsvertretung dann in Kompromissform, im Sinne des Schutzes individueller Rechte, politisch repräsentiert werden. Das versteht sich in einem Rechtsstaat von selbst und bekräftigt weder die vorangegangenen „Thesen“, noch verneint es diese. „Aufgeklärter Patriotismus“ ist ein Oxymoron. Dazu schrieb ich bereits in der Vergangenheit. Selbst die freundlichste und am wenigsten völkisch ausgerichtete Idee des „Verfassungspatriotismus“ hält einer näheren Betrachtung sowie der geschichtlichen Entwicklung des Begriffes nicht stand. Nebenbei: Hier ist die Meinung von Herrn de Maizière, wie auch die Lebensidee aller anderen „guten Patrioten“ absolut irrelevant. Man kann als Deutscher oder als Einwanderer nichts oder alles vom Patriotismus halten. Keine Haltung bedingt die Staatsbürgerschaft oder verneint diese. Was viele „gute Patrioten“ von der Aufforderung, andere nicht zu hassen halten, lässt sich dieser Tage ebenso beobachten, wie die Idee der „Westbindung“, wenn man sich den zunehmenden Hass auf Amerika anschaut. Und das „Bekenntnis zu Europa“ verneinen ebenfalls die am lautesten, die mit ebensolcher Inbrunst „Patriotismus“ schreien. Alle ausweisen? Und nein, liebe Mitbürger: Ein kollektives Gedächtnis für Orte, Ereignisse und Traditionen existiert schlicht nicht. Seien sie beruhigt. Ich weiß nicht um Ihr Leben und Sie wissen nicht um meines. Manche Dinge dürfen tatsächlich bleiben, wie sie sind. Sie haben Dinge gesehen, die ich nie sehen werde und Vice versa.

An keiner der Aussagen de Maizières ließe sich ernsthaft ein Kollektiv von „Deutschen“, respektive einer deutschen Kultur, definieren. Was man an seinen Forderungen jedoch wunderbar festmachen kann, ist die Wertigkeit des Rechtsstaates. Denn alles, was „Deutsche“ verbindet, ist die Verpflichtung, gesetzestreu zu handeln. Unabhängig von Religion und Herkunft.

Und zum Glück auch unabhängig von Thesen eines Volksvertreters, der zudem auch Vertreter dieses Rechtsstaates ist, und genau weiß, dass die Verfassung keiner Meinung unterliegt und auch keiner Debatte, zu der eingeladen werden sollte.

Und zur Erinnerung, auch gerne zu Hände de Maizière abschließend Artikel 2 Absatz 1, sowie Artikel 4 des deutschen Grundgesetzes:

„„Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“

„Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet. Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz“

Lügen wie gedruckt? Vorwurf „Lügenpresse“

(zuerst erschienen auf Peira.org)

 

Von der Lüge im Politischen Teil 2

Bevor ich, wie bereits im ersten Teil angekündigt, auf die Frage nach der Lüge in Presse und Journalismus eingehe, möchte ich noch einmal kurz die Definition von „Lüge“ erläutern, die auch dem letzten Text als Einleitung dienen sollte: Das Wesen der Lüge ist vornehmlich die Intention, der Vorsatz. Sei es, um sich besser darzustellen, sei es für andere Formen der eigenen Vorteilsnahme.

In diesem Kontext gilt es nun auch, einen Mode gewordenen Schlachtruf dieser Tage zu betrachten:

„Lügenpresse“ – spätestens seit Aufmarsch der ersten Pegida-Veranstaltungen, der „Friedenswinter“-Bewegung, die mit Frieden herzlich wenig am Hut hatte, seit Populisten aller politischen Lager wachsenden Zulauf verzeichneten, geisterte dieser Vorwurf durch die Gesellschaft. Vor allem das rechte Lager skandierte diesen Begriff genüsslich und häufig in einem unerschütterlichen Glauben an eine „links-grün-versiffte“ (sic) Presse, die in ihren Augen den „Willen des Volkes“ verlog.

Nun ist der Begriff an sich nicht sonderlich originell, dafür aber umso geschichtsträchtiger. Weiterlesen

Frostig

 

Trat man in den letzten Tagen morgens vor die Tür, begrüßte einen der Nachtfrost, der von einem Tag auf den anderen Straßen und Autos, Bäume und Büsche überzog. Und man kommt kaum umhin, Parallelen zu ziehen. Auch unsere Gesellschaft wird frostiger, den Nachbarländern geht es nicht anders. Und auch mit dem Frost verhält es sich in jedem Jahr ähnlich: Von der Bahn über die Post bis hin zum regulären Autofahrer will ihn niemand kommen sehen haben, obwohl selbst ohne meteorologische Vorhersagen Winter eben im Winter einzukalkulieren wäre.
Die Kausalität „Winter = Potenziell kalt und glatt“ funktioniert, trotz verlässlicher Prognosen und Wahrscheinlichkeiten, für die meisten Menschen offensichtlich nicht in einem Maße, das sie Vorkehrungen treffen lassen würde. Und wie der Bodenfrost zuverlässig Blechschäden, Verspätungen und gelegentlich auch Tote fordert, wenn er gar zu garstig wird, ist auch die soziale Kälte, so man sie verdrängt bis es zu spät ist, geeignet, gesellschaftliche Schäden und Schäden am Menschen zu verursachen. Beides absehbar. Lange vorher. Nur, dass der Winter den jährlichen Turnus pflegt, während die Abkehr von Menschenrechtsideen ihrem eigenen, historischen Rhythmus folgt. Doch auch für sie gibt es Vorzeichen. Was dem Winter der Herbst, das Laub auf den Straßen, die kahlen Bäume, ist der Abkehr vom Humanismus, von Recht und Sozialstaat die öffentliche Anfeindung, die Ausgrenzung der Schwachen, Alten, Behinderten, Armen, Gleichgültigkeit gegenüber Gesellschaft und dem Gegenüber und nicht zuletzt die Zuwendung zum Autoritarismus. Weiterlesen

Nun also doch

 

Es ist einer dieser Tage, an denen ich gerne mehr Einfluss hätte, mehr Leute erreichen würde mit dem, was ich schreibe. Wir sehr würde ich mir wünschen, in diesem Moment würden einige ihre Aufmerksamkeit von Trump abwenden und für einen Moment ins eigene Land schauen. Der Bundestag billigt nun doch die Ausweitung von Tests an Demenzkranken. Ich hatte über den Gesetzesentwurf bereits im Juni berichtet:

http://tonfarbe.us/2016/06/13/gruppennuetzig/ Weiterlesen

Reden wir über…  Epilepsie

Interview mit Markus aus Wien, 47 Jahre alt, seit frühester Kindheit an Epilepsie erkrankt

Man schätzt, dass 0,5% – 1% der Bevölkerung an Epilepsie leiden. Noch mehr, etwa 2%, erleben wenigstens einmal in ihrem Leben einen epileptischen Anfall. Die Dunkelziffer dürfte höher sein. Findet sich eine Ursache für eine Epilepsie (z.B. ein alter Schlaganfall oder eine Raumforderung, siehe Schnittbild des Gehirns), handelt es sich um eine symptomatische Form. Bei den meisten sogenannten idiopathischen Epilepsien konnte eine genetische Ursache festgestellt werden. In einigen Fällen bleibt die Ursache jedoch ungeklärt. Von Patient zu Patient variieren sowohl die Anfallhäufigkeit, wie auch die Intensität und Art der Anfälle. Für die meisten Epileptiker gehören jedoch Absencen, Auren oder gar der gefürchtete „Grand Mal“ zum Lebensalltag.

Einer von ihnen ist Markus aus Wien, 47 Jahre alt.

Susannah Winter: Hallo Markus, vielen Dank, dass du dich bereiterklärt hast, an „Reden wir über …“ mitzuwirken. Du hast im Vorfeld das Alter der ersten Anfälle um das 6-7 Lebensjahr angesetzt. Wie sah der erste Anfall aus? Wie schnell gab es die Diagnose? Wie sahen allgemein die ersten Behandlungsvorschläge aus und würdest du diese in Rückschau als „hilfreich“ und „vorbeugend“ einstufen? Falls nicht: Was hättest du dir in Retrospektive von Ärzten, Familie gewünscht? Was wäre hilfreich gewesen?

Markus aus Wien: Nach mehr als 40 Jahren hab ich mich im Zuge dieses Interviews erstmals wieder mit meiner alten Krankenakte beschäftigt. Womit alles begann ereignete sich, als ich fünf Jahre alt war. Es war ein Familienausflug, bei dem ich plötzlich umgefallen bin und für mehrere Stunden im Koma lag. Laut Krankenbericht war es eine Meningoencephalitis, eine Gehirnhautentzündung. Das Koma ist mehr als 40 Jahre her, aber ich kann mich noch immer genau an den Moment des Erwachens erinnern. An meine ersten Worte „Wo bin ich?“, ich sehe die Zimmerdecke noch genau vor mir. Den Moment werde ich nie vergessen. Danach begannen die Anfälle. Die ersten Jahre immer wieder einige kleinere Anfälle in der Woche. Bis ich dann mit elf den ersten großen Grand Mal hatte. Weiterlesen

Eigenwerbung

 

 

Kleiner Hinweis in eigener Sache:

Ich möchte diesen Monat ganz besonders die aktuelle Ausgabe der „Konkret“ ans Herz legen. Ich durfte eine kleine Literaturrezension schreiben („Liebe ist nicht genug – Ich bin die Mutter eines Amokläufers“ von Sue Klebold), die im aktuellen Heft zu finden ist.

Aber ein Blick in die „Konkret“ lohnt sich so oder so 😉

Vielen Dank

Sinn und Unsinn von Patriotismus

 

Zuerst veröffentlicht auf FischundFleisch.com

Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.[Arthur Schopenhauer]

Heimlich, durch die Hintertür, rhetorisch geschönt und parfümiert hat er wieder Einzug gehalten in Deutschland:

Der Patriotismus Weiterlesen

Das linke Populismus-Wagnis

Zuerst erschienen auf Peira.org

 

Im Schatten der AfD, ihrer Wahlerfolge und Mobilisierung von Nichtwählern, wurden in den letzten Monaten immer wieder Stimmen im linken Parteienspektrum laut, auch die Linke (In diesem Text zusammenfassend für die diversen linken Parteien) müsse mehr Populismus wagen. Möchte man wissen, was von dieser Forderung zu halten ist, muss man sich nur anschauen, welche prominenten Vertreter dieser Idee anhängen:

Glühende Verfechter des linken Populismus‘ sind u.a. Jakob Augstein, der immer mal wieder mit antiamerikanischen und antisemitischen Ressentiments aufwartet und damit durchaus auf Erfahrung in Sachen Populismus zurückblicken kann. Auch Querfrontler Ken Jebsen wurde in der Vergangenheit nicht müde, auf KenFM „Für einen linken Populismus“ zu werben. Allein diese beiden Vertreter der Populismus-Theorie, nach der auch die linke Bewegung Emotionen schüren, Polemik wagen, simplifizieren sollte macht klar, in welch trüben Gewässern man fischt, sollte man sich auf diese Form des Stimmenfangs einlassen. Weiterlesen

Die nackte Kaiserin

 

 

Wie ein Jahr vor der Bundestagswahl nicht anders zu erwarten, entbrennt gerade die Diskussion über die Frage, ob Frau Merkel noch einmal für das Amt der Bundeskanzlerin antreten wird. Neben der Problematik, ob eine Demokratie 16 Jahre währende Regentschaften überhaupt verträgt und ob diese, wie schon zu Zeiten Kohls, nicht einfach nur ein weiteres Zeichen dafür sind, dass die Fähigkeiten zur demokratischen Selbsterneuerung innerhalb der Parteistrukturen ins Stocken geraten, ist es selbstverständlich auch die Uneinigkeit über die Rolle Merkels in der Flüchtlingsfrage, die die Gemüter umtreibt.

Ein Kabarettist sagte über Bundeskanzlerin Merkel einmal, es sei wahre Kunst, wenn die Leute einen mit der eigenen Politik gar nicht mehr in Verbindung brächten.

Wie richtig er damals, noch vor der berühmt-berüchtigten Aussage „Wir schaffen das“ lag, zeigen die Reaktionen von links und rechts auf diese rhetorische Seifenblase.
Weiterlesen

Reden wir über…  Borderline

Interview mit Maike Schollmeier, 29 Jahre alt, Borderlinerin etwa seit ihrem zwölften Lebensjahr

14054663_1126927397377743_797840543_n

(Auf dem Foto: Maike Schollmeier, Copyright: Florian Schmidt)

 

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung verdankt ihren Namen der Tatsache, dass man die Erkrankung nach psychoanalytischem Verständnis zwischen neurotischen und psychotischen Störungen ansiedelte (Borderline – Grenzlinie). Traumatische Erfahrungen, soziale Vernachlässigung wie auch genetische Faktoren gelten als verantwortlich für das Entstehen dieser psychiatrischen Erkrankung, die die Betroffenen mit massiven Ängsten, innerer Zerrissenheit, intensiven emotionalen Schwankungen, Spannungszuständen zurücklässt, die in vielen Fällen zu autoaggressivem, massiv selbstverletzendem Verhalten führen. Betroffen sind nach Schätzungen etwa 3% der Bevölkerung, junge Frauen wie auch Männer.

Weiterführende Informationen finden sich unter anderem hier.

Eine der Betroffenen ist Maike Schollmeier, 29 Jahre alt, diagnostiziert mit Borderline, Depressionen und einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung.

Susannah Winter: Es gilt als gesichert, dass ein Zusammenspiel zwischen genetischen Faktoren und in vielen Fällen frühe traumatische Erfahrungen für die Entstehung der Borderline-Störung verantwortlich sind. Über die Hälfte der Betroffenen berichtet von schwerwiegendem Missbrauch in der Kindheit, über 60% von emotionaler Vernachlässigung, fast alle aber über ein soziales Umfeld, in welchem sie sich in hohem Maße als fremd, gefährdet und gedemütigt erlebt haben. Auch du hast ja im Vorgespräch bereits angedeutet, dass die Erlebnisse mit deiner alkoholkranken Mutter und der kontrollsüchtigen Oma auslösende Faktoren für deine Erkrankung waren.  Kannst du ein wenig über frühe Kindheit, die Art der traumatischen Erlebnisse und die frühe Jugend mit Beginn der Erkrankung schildern? Wie war dein Leben vor, wie mit der Erkrankung. Was war die nachhaltigste Veränderung?

Maike Schollmeier: Zuallererst muss ich leider eingestehen, dass ich wenig Kindheitserinnerungen habe. Ich weiß, dass ich schon immer eher introvertiert und ruhig war. Ich habe immer versucht, es allen anderen recht zu machen, damit auch alle stolz auf mich sind. Nie hegte ich den Gedanken, auf mich und meine Handlungen selbst stolz sein zu können. Belohnungen in Form von sozialen Aufmerksamkeiten und Belobigungen waren für mich schon immer von anderen abhängig, ob die Umsetzung der Handlungen mir schwerfiel oder nicht, spielte dabei für mich nie eine Rolle. Weiterlesen

Armut in Europa und die Folgen der Migration

„Reicher Mann und armer Mann / standen da und sahn sich an. / Und der Arme sagte bleich: / »wär ich nicht arm, wärst du nicht reich“ (Bertolt Brecht)

 

Es ist schon lange kein Geheimnis mehr: Seit Jahren wächst die Armut in Europa. Trauriger Spitzenreiter ist Rumänien mit einer Armutsgefährdungsquote von 25,4 Prozent. Die geringste Armutsquote weist derzeit die Tschechische Republik mit 9,7 Prozent auf. (Ein Resultat auch der Berechnung des Armutsfaktors mithilfe des Medianeinkommens) Doch auch hier steigt das Armutsrisiko und mit ihm die Angst vor Armut. Und auch hier sind die Gründe im Prinzip dieselben, wie überall in Europa.

Tschechische Republik

Ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes in Tschechien berichtet im Deutschlandfunk:

„… „Es ist leider wahr. Die Zahl armer Menschen steigt bei uns von Jahr zu Jahr. Wir können die Nachfrage kaum befriedigen. Das ist eine direkte Folge einer schlechten Sozialpolitik und der drastischen Sparmaßnahmen“ Weiterlesen

Der normale Irrsinn – von der zwanghaften Suche nach simplen Antworten

 

„In unserer verrückten Gesellschaft ist es ganz normal, dass sogar normale Menschen verrückt spielen.“ (Ernst Ferstl, österreichischer Lehrer, Dichter und Aphoristiker)

Der Amoklauf von München, wie so oft sekundengenau verfolgt, getwittert, gepostet, schon vor Gewissheiten in Grund und Boden analysiert von der Presse, selbstverständlich aus dem hehren Grund der Informationspflicht, er hat das Potenzial, Errungenschaften von Jahrzehnten zunichte zu machen. So lange hatte es gebraucht, psychische Erkrankungen zumindest weitestgehend vom Stigma der Unzurechnungsfähigkeit, des „Irre seins“, des Zweifels am Lebenswert der Betroffenen zu befreien. Nicht, dass die Fortschritte in dem Bereich tatsächlich gefestigt gewesen wären. Depressive, Schizophrene, Psychotiker, Borderliner und alle anderen Erkrankten kannten auch in Zeiten der Aufklärung über mögliche Krankheitsursachen, Traumaforschung, Psychoanalyse, flächendeckender Berichterstattung die Erfahrung, nicht ernstgenommen zu werden, Mensch zweiter Klasse zu sein. Nicht nur am Arbeitsmarkt, sondern auch im gesellschaftlichen Miteinander. Diejenigen, deren Erkrankungen gar so weit gingen, dass sie zur Arbeitsunfähigkeit führten, lebten in den meisten Fällen mit dem Damoklesschwert der Angst vor Verlust der Existenzgrundlagen im Falle von „unkooperativem Verhalten“, bei Verweigerung von Medikamenten, litten unter normierten Therapieansätzen, die selten mehr zu bieten hatten als das Pochen auf „Tagesstruktur“, waren permanent konfrontiert mit dem Stigma „Faulheit“, die dem gesellschaftskompatiblen Menschen fast noch widerlicher ist, als das Stigma „Verrückt“. Weiterlesen

Zum Putschversuch in der Türkei – Die seltsame Nachbetrachtung deutscher Medien und europäischer Politiker

 

Die Nacht von Freitag auf Samstag begann mit dramatischen Schlagzeilen:

„Putschversuch in der Türkei“ konnte man lesen. Kurze Sondersendungen informierten darüber, dass nach bisherigem Erkenntnisstand Teile des Militärs den Sender TRT gestürmt hätten, Flughäfen besetzt hielten, dass Kriegsrecht ausgerufen und eine Ausgehsperre verhängt hätten. Über das Staatsfernsehen TRT ließen die Putschisten die Erklärung verlautbaren, dass eine „Machtübernahme zur Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit“ geplant sei. Ein „Friedensrat“ solle vorerst allen Bürgern in der Türkei, „unabhängig von Rasse, Religion und Sprache“ Freiheit garantieren. (Quelle „Standard Live-Feed“). Mehr war bis dahin nicht bekannt. Spekuliert wurde viel, während immer wieder von Schüssen berichtet wurde.

Erdogan, zum Zeitpunkt des Putsches in Marmaris urlauben, rief umgehend seine Unterstützer zu Demonstrationen gegen den Putschversuch auf. Explosionen im Parlament folgten Aufstände von Erdogan – Treuen. Social – Media – Kanäle fielen (selbstverständlich unerklärlicherweise) aus.

Die türkische Regierung war schnell dabei, den Putsch für gescheitert zu erklären. Ministerpräsident Yildirim erklärte die Lage für „unter Kontrolle“. Und Erdogan selber, zurück vor Ort, ließ sich nicht nehmen, sich via TV inmitten seiner Anhänger zu präsentieren und zu erklären, die „Säuberung des Militärs“ von Laizisten fortsetzen zu wollen. Auch erklärte er, er erwäge die Wiedereinführung der Todesstrafe. Weiterlesen

Reden wir über…  Sucht

Interview mit Jonas M. (Name auf Wunsch anonymisiert), in der Vergangenheit heroinabhängig, derzeit in einem Substitutionsprogramm und auf dem Weg aus der Sucht.

injecting-519389_1280

(Fotoquelle: Pixabay)

 

Viele Wege führen in die Sucht. Gelegentlich ist es simpler Gruppenzwang, das Bedürfnis, irgendwo dazuzugehören. Manchmal auch einfach nur Neugier. Viel öfter jedoch steckt dahinter eine Lebensgeschichte, die den Drang, dem eigenen Leben entfliehen zu wollen, seelischer Schmerzen Herr zu werden, begünstigt und verstärkt. Physische und psychische Gewalt im Elternhaus kann ebenso Auslöser werden wie Eltern, die selber konsumieren. Sei es nun Alkohol oder andere Substanzen. Natürlich ist, neben den soziologischen Gründen, oft auch eine physische Prädisposition vorhanden.

Aus der Sucht führen hingegen weit weniger Wege und meist sind diese alleine zu gehen. Wer, oft nach einer langen Drogenkarriere, erstmal beim Heroin angelangt ist, für den gibt es nicht mehr allzu viele Alternativen. Nicht wenige sterben. Sei es an einer Überdosis, an gepanschten Drogen, an Hepatitis und anderen Erkrankungen, zugezogen durch schmutzige Nadeln. Einige schaffen den kalten Entzug, ein leidvoller Weg, doch einer, an dessen Ende ein Leben ohne Drogen stehen kann.

Ein dritter Weg ist das Substitutionsprogramm. Hier wird durch die regelmäßige Verabreichung von Opioiden, die im Gegensatz zum Heroin nur schmerzlindernd wirken, jedoch kein „High“ erzeugen, und deren Gabe nach und nach reduziert wird, der Abhängige so behutsam wie möglich aus seiner Sucht entwöhnt.

Diesen Weg geht gerade Jonas M., der nach langen Jahren der Abhängigkeit allmählich wieder in einem Leben ohne Drogen Fuß fasst.

SusannahWinter: Hallo Jonas. Vielen Dank für deine Bereitschaft, so offen mit mir zu sprechen. Gerade das Thema „Sucht“ ist ja mit gesellschaftlicher Stigmatisierung verbunden. Umso wichtiger, Betroffenen, Angehörigen von Betroffenen und Menschen, die zwar keine Berührungspunkte mit Drogen und Drogensucht hatten, möglicherweise aber Vorurteile pflegen, Einsichten in Beweggründe, Erleben und Konsequenzen zu ermöglichen.

Zu den Fragen: Drogensucht soll zwar in gewissem Maße auch erblich sein, zumindest soll es eine gewisse Prädisposition gegeben, steht als Krankheit jedoch so gut wie nie nur für sich, sondern braucht Auslöser, die oft in traumatischen Erlebnissen, Kindheitstraumata, Erfahrungen liegen. Oft beginnen auch Süchte, Alkoholismus, Drogenkonsum bereits im Jugendalter, bzw. bei jungen Erwachsenen, jedoch nicht zwangsläufig. Es kann auch nach Trennungen, Verlusten, schwierigen Lebensphasen zum Suchteinstieg kommen. Was würdest du heute als Ursache für deine Sucht ausmachen? Gibt es eine Vorgeschichte?

Jonas M.: Als ich zwölf war, meine beiden Brüder gerade zehn und elf, ließ meine Mutter sich von meinem gewalttätigen und alkoholkranken Vater scheiden. Von meinem Familienleben kann ich also nicht viel erzählen da ich nach meinem siebzehnten Lebensjahr fast keines mehr hatte. Ich wollte meiner alleinerziehenden Mutter nicht mehr zur Last fallen und zog mit siebzehn von zu Hause aus. Weiterlesen

Brexit

Zuerst erschienen auf FischundFleisch.com

 

Knapp 52% der 72,2% Wahlberechtigten, die gestern den Weg ins Wahllokal fanden, stimmten für den Brexit, den britischen Ausstieg aus der EU.

Ihr Votum gegen Europa und für die Rückkehr zur Nationalstaatlichkeit mag tatsächlich Menschen überraschen, doch selbst ein Votum für Europa wäre wohl nur ein, mit dem Tod von Jo Cox viel zu teuer erkaufter, Aufschub gewesen.

Der Zerfall Europas, der nicht erst mit dem Brexit beginnt, er war lange absehbar. Die horizontale wie vertikale Machtschieflage innerhalb Europas hat das Bündnis längst brüchig gemacht.

Der vormals als „ demokratischer Staatenbund auf Augenhöhe“ gedachte Zusammenschluss hat auf horizontaler Ebene verpasst, den kleineren Staaten dasselbe Mitspracherecht zu gewährleisten, wie es z.b. Deutschland und Frankreich genießen. Und besonders Deutschland spielt hier eine ruhmlose Rolle wenn es um das Durchboxen der eigenen Interessen und das unterminieren der kleineren, wirtschaftlich schwächeren Staaten geht. Auf vertikaler Ebene ist Brüssel zu einem Bürokratiemonstrum avanciert, das verpasst hat, den demokratischen Legitimationsprozess in einer Form zu installieren, der den Bürgern das Gefühl gibt, Europäer mit Entscheidungsbefugnissen zu sein. Weiterlesen

Gruppennützig

 

 

Zuerst erschienen auf FischundFleisch.com

Kurz vor Beginn des kollektiven Fußballtaumels dank EM ist still und leise und von den Medien weitestgehend ignoriert, ein Gesetzesentwurf von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) eingereicht worden, der Medikamententests an Demenzkranken zulassen will. Hierbei handelt es sich keinesfalls um die Erkrankten im Anfangsstadium, die noch ein gewisses Maß an Krankheitseinsicht hätten, juristisch damit als „einwilligungsfähige Erwachsene“ gelten könnten. Hier sollen die Menschen für Medikamentenstudien herangezogen werden, die aus den Studien selber keinen Nutzen mehr ziehen können und schon gar nicht einwilligungsfähig im juristischen Sinne sind.

Von „Gruppennützigkeit“ ist hier die Rede. Was so euphemistisch zur sozialen Wohltat umgedeutet wird, bedeutet den Bruch mit bisherigen Grundrechtsverständnissen. Weiterlesen

Reden wir über…  Autismus

INTERVIEW MIT Karl Hollerung, Autist

13296234_10206033960758838_389787392_n

(Karl Hollerung)

 

Spätestens seit dem Film „Rain Man“ ist der Begriff „Autismus“ den meisten bekannt. Leider hat aber eben auch dieser Film, wie so viele andere Klischeedarstellungen autistischer Menschen, ein Bild von Autismus in den Köpfen gefestigt, das der vielfältigen Realität der meisten Autisten nicht gerecht wird. Das Bild des schaukelnden, in sich gekehrten Inselbegabten, dessen Leben ohne fremde Hilfe nicht zu meistern ist macht es vielen Autisten schwer, in der Gesellschaft Fuß zu fassen.

Fragt man: „Was ist Autismus“, so erhält man auf der Seite „Autismus Deutschland e.V. – Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus“ folgende kurze Erklärung:

„Autismus ist eine komplexe und vielgestaltige neurologische Entwicklungsstörung. Häufig bezeichnet man Autismus bzw. Autismus-Spektrum-Störungen auch als Störungen der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung, die sich auf die Entwicklung der sozialen Interaktion, der Kommunikation und des Verhaltensrepertoires auswirken.“

Es gibt einige typische Merkmale, die in unterschiedlicher Ausprägung auftreten.

Zu nennen wären:

  • Schwierigkeiten in der Kommunikation und sozialen Interaktion
  • Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten, die zwanghaft wiederholt werden und Probleme mit plötzlichen Veränderungen im Alltag
  • Eine atypische Wahrnehmung und Verarbeitung von Sinneseindrücken, die oft intensiver und reicher ist, als es der „Norm“ entspricht.

Und doch gleicht kein Autist dem anderen. Jeder von ihnen erlebt Autismus als etwas ganz Persönliches, Individuelles.

Karl Hollerung ist einer von ihnen und bereit, uns einen kleinen Einblick in sein Erleben zu gewähren:

Susannah Winter:  Besteht deine Erkrankung von Geburt an? Wenn nicht, wann traten die ersten Symptome auf, wie sahen diese aus? Autismus wird ja, je nachdem wie stark die Ausprägung ist, typischerweise bereits in den ersten Lebensmonaten diagnostiziert, gelegentlich allerdings auch erst in späteren Lebensjahren. Wann gab es in deinem Fall die Diagnose und durch wen?

Karl Hollerung:  Als erstes möchte ich klarstellen, dass Autismus eine andere Art der menschlichen Wahrnehmung und der menschlichen Kommunikation ist. Autist ist man auch sein Leben lang, von der Geburt bis zum Tode. Aus diesen Gründen kann man nicht von einer Erkrankung sprechen. In der heutigen, zunehmend chaotischen Welt wird eine autistische Wahrnehmung jedoch zu einem immer größer werdenden Problem, weshalb man heute durchaus von einer Behinderung sprechen kann. Ich denke, dass dies in früheren Zeiten anders gewesen sein dürfte. Weiterlesen

Redebedarf?

Auch erschienen auf Peira.org

Es lässt sich nicht mehr beschönigen: Die AfD ist im Aufwind.

Der Populismus der Rechtsnationalen, er verfängt in den Köpfen derer die sich abgehängt sehen oder wahlweise in Angst und Panik verfallen bei dem Gedanken an ein Deutschland, das sich „abschaffen“ könnte. Kein rein deutsches Phänomen, eher ein Produkt zunehmender Wohlstandsschieflage, eine systemimmanente Problematik. Gerade auch die etablierten Parteien haben lange genug an eben dieser Angst gearbeitet, spielten mit Ängsten, wenn sie Armutsdrohkulissen etablierten, die Schlangen vor den Tafeln lang und länger werden ließen, Bilder von Alten und Armen salonfähig machten, die sich mit dem Wühlen nach Pfandflaschen im Müll ein paar Euro zum Aufstocken oder gar dem zusammengekürzten Existenzminimum ein paar Euro dazuverdienten und als Reaktion höhnisch Pfandringe forderten. Das Damoklesschwert der drohenden Not, es fand sich  in den Beteuerungen, die Rente sei nur noch sicher so man denn selber Vorsorgen träfe (und nicht zuletzt damit Geld in die Taschen der Privatwirtschaft spülte), ohne auch nur annähernd ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass zehn Prozent der Bevölkerung am Existenzminimum leben und Vorsorge keine Willens- oder Entscheidungsfrage darstellt. Weiterlesen

Überreste der sozialen Marktwirtschaft – Die Facetten der Armut

Altersarmut

Auf Anfrage der Linkspartei hat die Bundesregierung eine  Berechnung der Rente vorgelegt. Demnach müsste ein Mindestlohn 11,68 Euro betragen, um nach 45 Jahren Arbeit bei einer Wochenarbeitszeit von 38,5 Stunden eine Rente zu erhalten, die oberhalb der Grundsicherung liegt. Berechnungsgrundlage war die, ab Sommer geltende, gesetzliche Rente. Das Wissen um diese Rechenergebnisse hielt die Bundesregierung selbstverständlich nicht davon ab, sich auf der eigenen Homepage des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales selber über den grünen Klee zu loben:

„Stärkstes Rentenplus seit 23 Jahren- Altersbezüge steigen zum 1. Juli im Westen um 4,25 Prozent, im Osten um 5,95 Prozent“ ließ man dort am 21.03.2016 verlautbaren. Dass diese Steigerungen dennoch wenigstens bei der Hälfte aller zukünftigen Rentner nicht ankommen werden, ging trotz des lauten Eigenlobs der großen Koalition seit Tagen durch die Presse. Bis zu 50% der Menschen seien von Altersarmut bedroht hieß es von Welt bis FAZ. Schon heute gilt, dass gut die Hälfte der Beschäftigten Abstriche bei der Rente machen müssen. Weiterlesen

Reden wir über…  Zungenkrebs

Interview mit Claudia Braunstein, an Zungenkrebs erkrankt

 

Claudia kocht

(Vienna Foodcamp)

 

Zungenkrebs, der vorwiegend ab der sechsten Lebensdekade auftritt, gehört in den Bereich der Mundhöhlenkarzinome. Diese liegen mit 6 Prozent der Krebserkrankungen damit an sechster Stelle der Häufigkeit aller Karzinome, wobei Männer doppelt so häufig betroffen sind wie Frauen. Zu den Anfangsbeschwerden können Schmerzen, Mundgeruch und Sprechbehinderungen gehören. Gerade bei Tumorbildung in der Mundhöhle, die oft lange unentdeckt bleiben, gilt eine Früherkennung als enorm wichtig für den erfolgreichen Verlauf der anschließenden Therapie. Tabak und Alkoholmissbrauch gelten als Hauptrisikofaktoren, sind jedoch nicht zwingend ursächlich.

Eine der Betroffenen ist Claudia Braunstein, der man auf den ersten Blick nicht ansieht, welche Rolle der Krebs in ihrer Vergangenheit gespielt hat:

Susannah Winter: Wie alt warst du, als du die ersten Symptome des Mundhöhlenkarzinoms bemerktest?  Welche Beschwerden zeigten sich? Hast du sofort an Krebs gedacht? Wie lange hat es gedauert, bis du einen Arzt aufgesucht hast?

Claudia Braunstein: Im Nachhinein gesehen zeigten sich die ersten Symptome im Frühjahr 2011, da war ich 48 Jahre alt. Ich hatte um die Osterzeit herum zwei goldene Inlays innerhalb einiger Tage verloren. Das war nicht wirklich tragisch, weil es keine Schmerzen verursachte. Allerdings biss ich mir mit den scharfen Zahnkanten mehrmals auf den hinteren Zungenrand. Das verursachte kleine weiße Stellen, wie man sie eben kennt, wenn man sich in die Zunge beißt. Ich hatte mir dann umgehend einen Zahnarzttermin vereinbart, um die Inlays wieder einsetzen zu lassen. Aus verschiedenen Gründen hat sich der Termin mehrmals verschoben. Einmal musste ich geschäftlich ins Ausland, ein anderes Mal erkrankte der Zahnarzt. Schließlich war es dann bereits die zweite Julihälfte, dass ich endlich zum Arzt kam. Die kleine weiße Stelle machte ja keine Probleme, ich habe sie mit einer Tinktur behandelt und mit Salbeitee gespült. Also gab es null Grund für eine Beunruhigung. Keine Schmerzen, keine Schluckbeschwerden. Einfach nichts, was auf etwas Ernstes hindeuten hätte können. Weshalb ich dann letztlich doch beim Arzt landete, war der Umstand, dass mir beim Fisch essen eine Gräte in die kleine Wunde rutschte und einen unbeschreiblichen Schmerz verursachte, der vom Kopf bis in die Zehenspitzen fuhr. Noch am gleichen Tag erhielt ich einen eingeschobenen Termin. Und wieder ging es mir nur darum, die Inlays einzusetzen, weil ich ja die scharfen Kanten als Verursacher für diese kleine weiße Stelle erachtete. An ein Karzinom oder einen Tumor hatte ich nicht eine Sekunde gedacht, zumal mir eine Krebserkrankung in diesem Bereich gar nicht in den Sinn kam. Weiterlesen

Was du nicht willst, das man dir tu

Mein Beitrag zur ‪#Schmähgedicht‬-Challenge der Jungle World.

Ich bin keine „Dichterin“ und mein Versmaß holpert, aber es steckt Herzblut drin. Außerdem hoffe ich, dass sich noch ein paar Menschen beteiligen. Merkel kann uns nicht alle rügen ^^

 

In der Türkei am Bosporus
Da lebt ein kleiner Mann
Der allzu gern ein Großer wär‘
Man nennt ihn Erdogan

Der strebt nach Einfluss und nach Macht
Weltweit, auch hierzuland‘
Und als dies noch unmöglich schien
Spielt Krieg ihm in die Hand

Die engen Bande zum IS
Sie zahlen sich nun aus
Man zahlt Milliarden, man hofiert
Den Demokraten-Graus

Denn Deutschland gilt auf dieser Welt
Nur eines als gefährlich
Das ist der dunkle, fremde Mann
Und seien wir mal ehrlich:

Wer braucht schon dieses Arbeitsvieh
Wo Billiglöhner schuften
Wo Sklaverei verboten ist
Soll das Pack verduften.

Da lässt man Kohle, Wert, Humor
Auf dass man sich verbündet
Vorbei ist’s mit dem freien Land
Das Kemal einst begründet

Und doch soll dieser Freiheitsfeind
Europas Partner sein
Er, der die Presse, Frauen, hasst
Wo, frag ich, bleibt das „Nein“?

Wo sind sie hin die hohlen Phrasen
Die viel beschwor’nen Werte?
Reicht eine Krise, deutsche Angst
Für unmenschliche Härte?

Da wird Satire abgeschafft,
verging uns eh, das Lachen
In einig Merkel-Phrasenland
Gilt’s Grenzen zu bewachen

Nun wagen wir gemeinsam mal
Den Blick Richtung Türkei
Und sollten fragen, bitteschön:
Was ist denn da noch „frei“?

Ist dies der Weg, den wir beschreiten
Ist das der Wert der „Ruh‘“?
Dann ist was kommt mehr als verdient

Was du nicht willst, das man dir tu

Terror Live

Kaum waren die ersten Meldungen zu den Terroranschlägen in Brüssel in der Welt, setzte die übliche mediale Reaktion ein:

In den Redaktionen suchte man Live-Material, „Footage“, um die Geschichte möglichst vor den Kollegen der Konkurrenz zu bringen, möglichst eindrucksvoller, möglichst näher am Geschehen.
Man suchte Augenzeugen, am besten noch verängstigt, am besten noch verstaubt, vielleicht blutverschmiert.
Umgehend wurde der Terror verschlagwortet, in Überschriften gepresst, mit Hashtags und Annahmen versehen, damit der Leser keine Sekunde verpassen möge.
Selbstverständlich immer die „Informationspflicht“ im Auge, der sachlich nie gedient wäre.
Was informiert den Medienkonsumenten schon besser darüber, dass Europa vom IS-Terror heimgesucht wird, als weinende Angehörige und Bilder von schreienden und weinenden Menschen, die aus einem qualmenden Zug entkommen.

Und so gab es sekündliche Berichterstattung von BILD über Focus, der SZ über die Tagesschau. „Mittendrin statt nur dabei“, das Motto der Nachrichtenagenturen, Zeitungen, Social-Media-Ableger diverser Medien. Alles im Sinne der verstörten europäischen Wertegemeinschaft, versteht sich. Weiterlesen

Lebens-Wert

Madeline ist 18 Jahre alt, Australierin und Model.

Ihre wachsende Fan-Gemeinde liebt sie für ihren Porzellanteint und lange, rote Haare, für ihre Begeisterungsfähigkeit und dafür, dass sie ihren Werdegang mit den Fans via YouTube und Facebook teilt.

Viele junge Frauen träumen von der Karriere, die Madeline gerade macht. Davon, ebenso wie sie bei der New York Fashion Week mitlaufen zu dürfen und zahllose Titelseiten zu schmücken.
Und doch ist es nicht allein dieser Erfolg, der Madeline Stuart so einzigartig macht.
Es ist die Tatsache, dass Madeline damit der ganzen Welt vor Augen führt, was „Lebenswert“ bedeutet.

Denn Madeline hat das Down-Syndrom. Weiterlesen

Die Sozialdemokratie ist tot

Zuerst veröffentlicht auf FischundFleisch.com

Das Medien- und Bürgerinteresse, das die gestrigen Landtagswahlen im Vorfeld und im Nachhinein begleitete war groß. Größer, als für Landtagswahlen üblich. Die Wahl galt als Stimmungstest für die Bundestagswahl im kommenden Jahr.

Viel wichtiger aber: Es war die erste Wahl seit der „Flüchtlingskrise“, die die Gesellschaft seit Monaten in Wut- und Mutbürger teilt. Schon seit Wochen war klar, dass die AfD trotz, oder gerade wegen, Schießbefehlrhetorik in den Landtag würde einziehen können. Vor den ersten Hochrechnungen lagen die Prognosen bei geschätzten 15 Prozent AfD-Wähleranteil in Sachsen-Anhalt, für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz galten 11 Prozent als wahrscheinlich. Weiterlesen

Reden wir über…  Stottern

Interview mit Ronja Zimm, seit frühester Kindheit von Stottern betroffen

12784654_1249020531780786_1640230606_n

(Auf dem Foto: Ronja Zimm / Stottern – Momentaufnahmen / Fotografin: Laura Ludwig)

 

Für die meisten Menschen sind Sprache und das Sprechen an sich selbstverständliche Mittel zur Kommunikation. Wir nutzen sie, um uns mitzuteilen, unsere Emotionen und Bedürfnisse, unsere Meinung. Beim Einkaufen, in Beziehung und Familie, in Schule und Beruf ist das gesprochene Wort Basis für zwischenmenschlichen Austausch. Wie wichtig diese Fähigkeit zur Artikulation tatsächlich ist erfahren oft nur die, denen sie temporär oder langfristig abhandenkommt.

Allein in Deutschland stottern etwa 800.000 Menschen. Bei den meisten zeigt sich diese Sprechbehinderung bereits im Alter zwischen zwei und fünf Jahren. Per Definition ist Stottern eine „Unterbrechung des Redeflusses durch auffällige Blockaden, Wiederholungen oder Dehnungen.“ Tatsächlich entwickelt jedoch so gut wie jeder Stotterer ein individuelles Sprachbild mit ebenso individuellen Ausprägungen der Sprechstörung. Meist wird das Stottern von sekundären Symptomen begleitet. Dazu gehören z.b. das auffällige Verkrampfen der Gesichtsmuskulatur oder zusätzliche Körperbewegungen beim Sprechen. Zudem entstehen durch die gehemmte Kommunikation oft auch Rückzugstaktiken, zu denen das „Verschleiern“ gehört, bei dem Füllwörter oder Synonyme genutzt werden, um bekannte Sprachblockaden zu umgehen, aber auch gravierendere Selbstschutzhandlungen wie komplette Sprechvermeidung oder der Rückzug in soziale Isolation. Weiterführende Informationen finden sich hier.

Eine der rund 800.000 Betroffenen ist Ronja Zimm, 29 Jahre alt.

Susannah Winter: Besteht das Stottern bei dir von Kindheit an? Erinnerst du dich daran, wann die ersten Symptome auftraten und wie diese aussahen?

Ronja Zimm: Ich selbst kann mich nicht daran erinnern, mit dem Sprechen und Stottern angefangen zu haben. Aus Erzählungen weiß ich nur, dass ich in den ersten Monaten wohl noch fließend gesprochen haben soll und das Stottern erst im Kindegartenalter begonnen hat. Aus dieser Zeit sind auch meine ersten bewussten Erinnerungen: Eine Mischung aus Frustration darüber, dass ich durch die Krämpfe nicht mitteilen konnte was ich wollte und Unverständnis darüber, warum ausgerechnet ich so „anders“ war. Das hat die Kindergartenzeit zu einer tränenreichen gemacht. Weiterlesen

Legalize it!

(Auch veröffentlicht auf Peira.org)

Volker Beck, Abgeordneter der Grünen, ist mit Drogen erwischt worden. Crystal Meth soll es gewesen sein. Um genau zu sein, so genau, wie es eben nur spekulative Berichte schaffen: 0,6g des synthetisch hergestellten Methamphetamins, das aufputschend wirkt und den meisten eher von furchteinflößenden Vorher-Nachher-Bildern geläufig sein dürfte. Eine Droge, die vornehmlich mit weißem Prekariat assoziiert wird. Ein Großteil der Reaktionen ist schlicht erbärmlich. Die Bigotterie, die der Empörung innewohnt, vor allem bei denen, die sich ganz besonders hämisch freuen, weil es einen Politiker des ungeliebten Spektrums getroffen hat (und nein, ich bin alles, nur kein Grünen-Wähler), hat ein Ausmaß angenommen, das übelerregender kaum sein könnte. Es ist eine Sache, einen Menschen auf Basis von Inhalten zu kritisieren. Möglichst sachlich und fundiert. Nur geht es hier nicht um Inhalte. Schon gar nicht denen, die am Morgen ihren Kaffee trinken, mittags Energydrinks und Wachmacher schlucken, nach Feierabend ein Bier kippen, sich die nächste Zigarette anzünden und nun angewidert auf den gefallenen Beck zeigen und „Hab‘ ich doch gleich gewusst, dass der nichts taugt“ brüllen. Es sind dieselben Menschen, die sich am Stammtisch tags drauf, bei Wodka und Korn, darüber beschweren, dass die Politik ständig in ihr Privatleben eingreift und ihnen Freiheiten nimmt. Wollten wir eine inhaltliche Debatte führen, wir müssten fragen, warum bestimmte Substanzen zur „Droge“ erklärt und Konsumenten kriminalisiert werden. Wir müssten uns fragen, wer dies bestimmt und warum. Weiterlesen

Lagerhaus für menschliche Seelen

(Zuerst veröffentlicht auf FischundFleisch.com)

Wie ein Lauffeuer muss es sich unter den Wartenden verbreitet haben: Das Gerücht, die Grenze zu Mazedonien sei offen und damit eine Weiterreise ins Innere Europas wieder möglich. Am Grenzübergang zu Mazedonien, dem Grenzposten Idomeni, warten dieser Tage etwa 7000 Flüchtlinge auf ihre Weiterreise. Das Auffanglager dort bietet lediglich Platz für 1500 Menschen, die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Wasser wie auch medizinische Versorgung sind längst nicht mehr sichergestellt. Nach anfänglichem Jubel über die mögliche Weiterreise fand die anstürmende Menge lediglich noch immer geschlossene Grenzzäune vor. Das griechische Fernsehen zeigte Bilder, in denen man beobachten konnte wie es einigen Flüchtlingen gelang, einen Teil der mazedonischen Grenze niederzureißen, bevor die Polizei mit Tränengas gegen sie vorging.

Die Lage in Griechenland verschärft sich zusehends. Spätestens seit Österreich, Slowenien, Kroatien und Serbien auf der Westbalkankonferenz, unter Ausschluss von Deutschland und Griechenland beschlossen haben, nur noch ein bestimmtes Kontingent an Flüchtlingen durchreisen zu lassen, im Falle Österreichs eine Obergrenze von 80 Asylbewerbern pro Tag und eine Durchreiseerlaubnis nach Deutschland von 3200 Flüchtlingen pro Tag,  entsteht in Griechenland ein Rückstau.  Geschätzt 22.000 Flüchtlinge sitzen derzeit dort fest, bis im März geht man von zu erwartenden 70.000 Menschen aus. Weiterlesen

Dankeschön

Mein kleiner Blog „Tonfarbe“ feiert heute sein Einjähriges Bestehen. Genau der richtige Zeitpunkt, um allen Lesern aber auch Mitwirkenden „Danke“ zu sagen. Als ich vor einem Jahr angefangen habe, war ich mir nicht so sicher, ob ich durchhalten würde. Für Menschen mit Depressionen ist Regelmäßigkeit nicht selten ein großes Problem. Tatsächlich darf ich aber heute feststellen, dass ich unruhig werde, wenn ich zwei Wochen lang nichts geschrieben habe und ich Spaß daran finde, während des Schreibens und beim Recherchieren auch immer wieder dazuzulernen. Für die Zukunft geplant ist der Ausbau meiner Serie „Reden wir über…“ (Es schwirren schon an die fünf-sechs Fragebögen durch die Welt und wer noch Interesse hat, möge sich melden) und in Arbeit ist eine Podcast-Alternative für die, die lieber zuhören anstatt sich die Mühe des Lesens zu machen. An dieser Stelle zwei Menschen nochmal ein besonderes Dankeschön: Bernhard Torsch (Du weißt schon, warum) und Veronika Hosiner, die mir den Einstieg in mein Herzensprojekt so leicht gemacht hat. Auch zu Danken gilt es selbstverständlich der Redaktion von “FischundFleisch” für Zuspruch und Unterstützung sowie ein Forum und Herrn Rainer Thiem und der Seite Peira.org, ein lesenswertes Forum der Piraten, für die ich hin und wieder schreiben darf. Ein paar Zahlen zum Schluss: In dem Jahr gab es 6980 Unique Clicks, 9419 Besucher insgesamt, 79 Kommentare, 102 „Gefällt mir“. Vielen lieben Dank jedem Einzelnen für Motivation und Diskurs, Verbesserungsvorschläge und Lob.

Ich freue mich auf das kommende Jahr.

 

(Veröffentlicht am 27.02.16 auf Tonfarbe.wordpress.com)

Reden wir über…  Mukoviszidose

Interview mit Veronika Hosiner, seit der Geburt an Mukoviszidose erkrankt

 

Es ist ein seltener, erblich bedingter Gen-Defekt, der etwa 8000 Betroffenen in Deutschland und knapp 1000 Betroffenen  in Österreich das Leben schwer macht.

Mukoviszidose (von Mucus/Schleim und Viscidus/zäh), auch Cystische Fibrose genannt wird, zumindest heutzutage, in den allermeisten Fällen bereits bei Säuglingen festgestellt. Die Untersuchung auf Mukoviszidose gehört in Deutschland allerdings erst seit 2015 zu den regulären Screenings von Neugeborenen, so z.b. auch Schweiß- und Gentest. Der Schweißtest ist bereits seit 1959 ein verlässliches Diagnoseverfahren zur Feststellung dieser Erbkrankheit, da der Schweiß von Erkrankten einen erhöhten Salzgehalt aufweist. Wer mehr über Diagnosekriterien erfahren möchte, wird hier fündig.

Obwohl es typische Krankheitsbilder gibt, ist doch jeder Verlauf der Mukoviszidose individuell. Häufige Symptome betreffen Lunge, obere Atemwege, Verdauungsorgane und Bauchspeicheldrüse. Der Körper produziert in vielen Organen einen zähen Schleim, der von den Organen kaum abgebaut werden kann. Es kommt zu Symptomen wie Asthma, chronischem Husten, Verdauungsbeschwerden, Darmverschlüssen, Infektionen, Leberschäden, starkem Untergewicht und anderen Begleiterkrankungen.

Eine der 9000 Betroffenen ist Veronika Hosiner, gerade 26 Jahre alt. Wer Veronika das erste Mal sieht vermutet nicht, dass sie ihr Leben mit einer Krankheit verbringt, die immer noch häufig tödlich verläuft und mit einer verminderten Lebenserwartung einhergeht. Sie ist eine äußerst hübsche, sehr schlanke, junge, blonde Frau, die sich auf den ersten Blick nicht von ihren Altersgenossinnen unterscheidet.

Susannah Winter:  Wann wurde bei dir Mukoviszidose festgestellt und durch wen?

Veronika Hosiner: Die Diagnose bekamen meine Eltern direkt nach meiner Geburt mittels Schweißtest der damals gemacht wurde, da meine Mutter bei meiner Geburt bereits 41 Jahre alt war. Weiterlesen

Im Zweifel für Europa – DiEM25

(Zuerst veröffentlicht auf FischundFleisch)

„Nicht ein Europa der Mauern kann sich über Grenzen hinweg versöhnen, sondern ein Kontinent, der seinen Grenzen das Trennende nimmt.“ (Richard von Weizsäcker (*1920), dt. Politiker (CDU), 1984-94 Bundespräsident)

Seit Wochen schon war Yanis Varoufakis durch die Welt gejettet, hatte Werbung für sein neues, politische Projekt gemacht. Heute, am 09.02.16,  sollte das Projekt „DiEM25“, ins Leben gerufen von Yanis Varoufakis, dem ehemaligen Finanzminister Griechenlands, offiziell ins Leben gerufen werden.

Angekündigt war das Ganze als europaübergreifende Bewegung, die Europa demokratisieren soll. Wie ich in anderen Diskussionen schon feststellen durfte, wird dieser Anspruch gerne falsch verstanden. Es geht hier nicht darum, den einzelnen Staaten Europas einen Mangel an Demokratie zu unterstellen, obwohl die demokratische Ausprägung von Land zu Land unterschiedlich gestaltet ist. Vielmehr, so erklärte Varoufakis u.a. im Vorgespräch am Montagabend bei „TalkReal“ in Gesellschaft von Marisa Matias, portugiesischer Präsidentschaftskandidatin für die Linken, Sławomir Sierakowski, den Gründer von Krytyka Polityczna und Valentina Orazzini, internationale Repräsentantin der italienischen Gewerkschaft Fiom Cgil Nazionale, ginge es bei dem Anspruch einer Demokratisierungsbewegung vor allem um die Politik Brüssels, der es an demokratischer Legitimation fehle. Und so lautete dann auch der Einstieg in die Diskussionsrunde: Weiterlesen

Wahlkrimi

(Zuerst veröffentlicht auf FischundFleisch)

In Amerika haben die Kandidaten für das Präsidentenamt sich in Stellung gebracht und durften sich nach einigen Wahlkampfbemühungen dem ersten Stimmungstest stellen.

Beim Caucus stimmen Parteimitglieder bei vielen kleinen Treffen über ihren Wunschbewerber ab. Die Vorwahlen sind seit Montagabend in vollem Gange und Iowa mit seinen 99 Counties, traditionell der erste Staat in dem gewählt wird, hat sich auf Seiten der Republikaner mit Ted Cruz für seinen bevorzugten Präsidentschaftskandidaten entschieden. Gegen alle Erwartungen schlug der den Favoriten aller Umfragen, Donald Trump, um 3,4 Prozentpunkte. Insgesamt kam Cruz auf 27,7 Prozent der Stimmen, Trump auf 24,3 Prozent. Bei den Demokraten gab man mit übersichtlichen 0,2% Hillary Clinton knapp den Vorrang. Gesamtzahlen hier: 49,8% für Clinton, 49,6% für Sanders.

Während der Agrarstaat Iowa bis in die späten 60er als republikanische Hochburg galt, konnte man seitdem von einem Wandel zum „Swing State“, also einem relativ ausgewogenen Verhältnis zwischen der Wahl von Republikanern und Demokraten, sprechen. Seit 1988 hingegen gewannen beinahe ausschließlich Demokraten die Wahl, wobei hier George W. Bush die Ausnahme darstellte. Im Jahr 2004 gewann dieser, denkbar knapp mit 10 000 Stimmen Vorsprung, die Wahl. Weiterlesen

Von Ursache und Wirkung

(Zuerst veröffentlicht auf Peira.org)

Vor ein paar Tagen stellte der von mir geschätzte Rainer Thiem auf Twitter die These auf, der Kampf gegen Rassisten, gegen AfD und Rechtsruck könne nur dann gewonnen werden, wenn alle anderen Parteien die gesellschaftliche Spaltung nicht länger ignorierten.
Ich warf ein, diese würde nicht ignoriert, sondern sehr wohl wahrgenommen. Da Twitter lange Ausführungen nicht zulässt, diese in Form eines Blogbeitrags:

Ignoriert wird vor allem die Kausalität, die zwischen der Politik der etablierten Parteien während der letzten Jahre und der Situation heute existiert. Diese Einsicht wäre schmerzhaft und würde dazu auffordern, den eigenen Kurs in Frage zu stellen.
Es ist leichter, die Schuld alleine bei den Rattenfängern von Pegida und AfD zu verorten.

Wie in der Physik, Chemie, Soziologie, Biologie, ja wie überall (außer in einigen Gedankenspielen theoretischer Physik) unterliegt alles der Kausalität.
Kein Ereignis steht für sich, ist frei vom Prinzip „Ursache-Wirkung“.
Und selten gibt es nur eine Ursache für ein Ereignis. Gerade in der Politik gilt zumeist das Prinzip der Multikausalität.
Das heißt: Viele Entscheidungen und Ereignisse haben zur heutigen Situation geführt.

Ja, der Rechtsruck in diesem Land, er ist nicht mehr zu leugnen.

Die AfD, unter Petry zunehmend radikalisiert und noch weiter nach rechts gerückt, als sie es unter dem rechts-liberalen Lucke schon war, verzeichnet Zulauf.
Aber er ist nicht vom Himmel gefallen, kein plötzlich aufkommendes Naturphänomen.
Um den Kampf gegen Rechtsruck und Rassismus zu gewinnen, müsste zuerst damit begonnen werden, Ursachen zu benennen.
Und die liegen nicht erst in der Gründung von Pegida und AfD, im Aufkommen der Querfront und im Erfolg von Rattenfängern wie Jebsen, Elsässer und Co. Hier wurden „lediglich“ vorhandene Emotionen, vor allem Angst und Zorn mit sowieso vorhandenen Feindbildern und Klischees verknüpft und für die falschen Belange geschickt nutzbar gemacht. Weiterlesen

Hass

Knapp zwei Wochen sind die Ereignisse am Kölner Hauptbahnhof jetzt her.
Zwei Wochen, in denen man beobachten durfte, wie auf allen Seiten die Masken fielen.
Nun konnte es niemanden wirklich überraschen, dass auch auf Seiten der Flüchtlinge Kriminelle sein würden. Es sind Menschen zu uns gekommen, nicht Heilige.
Und gerade weil der Mensch nicht sonderlich friedlich ist, ist in unseren Breitengraden der Rechtsstaat entstanden, der die Rechte des Einzelnen regelt.
Genauso wenig überrascht es aber wohl, die vermeintlichen „Verteidiger“ von Kultur und Abendland als Spiegelbild der Ideologie zu erleben, die sie zu bekämpfen vorgeben.

Am 05.01.2016 veröffentlichte ich den Beitrag „Übergriffe in Köln“ und entschloss mich, nachdem bereits diverse Posts zum Aufruf zur Gewalt gegen meine Person von der FischundFleisch-Redaktion gelöscht worden waren, einige der Beiträge zu dokumentieren.
Entstanden ist heute eine Dokumentation des Hasses, die nicht zu rechtfertigen ist mit „Sorge um Frauen“, mit „Sorge um Sicherheit“ oder „Liebe zum Vaterland“.
Sie ist repräsentativ für das, was dieses Land tatsächlich bedroht:
Verrohung, Gewalt, radikale Ideologie, Abwendung von rechtsstaatlichen Prinzipien und demokratischen Ideen, Verlust an Respekt vor Meinungsfreiheit und vor Menschenleben.
Es ist eine Bedrohung von innen, nicht von außen.

Reaktionen auf meinen Blogbeitrag „Übergriffe in Köln“

HassgegenmichCollage

HassgegenmichCollage2
Weiterlesen

Übergriffe in Köln

In der Silvesternacht in Köln kam es am Kölner Hauptbahnhof zu massiven sexuellen Übergriffen auf junge Frauen. Über sechzig von ihnen haben bisher Anzeige erstattet.
Seit Bekanntwerden dieser Meldung übertreffen sich Teile der Medien und User sozialer Netzwerke in Täterzahlen und angebliche wahren Berichten über die Tathergänge.
Und wie nicht anders zu erwarten sind sich die meisten Facebook-User und Forentrolle sicher: Das waren Flüchtlinge.
Selbst heute noch geisterte, trotz einiger relativierender Zeitungsartikel, die Zahl von tausend Tätern durch die Kommentarspalten.
Auf beinahe jeder Wall konnte man die Empörten nach „sofortiger Abschiebung von mindestens tausend Flüchtlingen“ rufen hören, und selbstgefällig klingende „wusste ich doch gleich, dass die alle so sind.“ – Kommentare erfreuten sich daran, endlich einen Grund für Hasstiraden gefunden zu haben. Auch auf FischundFleisch unter dem Beitrag von Antje Schrupp tobte der (fast übliche) Mob (selbstverständlich auch mit den falschen Zahlen und reichlich Polemik bewaffnet). Eine Bekannte durfte sich via Twitter Morddrohungen und Aufrufe zur eigenen Vergewaltigung gefallen lassen, nachdem sie lediglich Fakten präsentiert hatte.
Aber Fakten, Vernunft und Vertrauen in den Rechtsstaat sowie in rechtsstaatliche Prinzipen, das mag Mensch, der dringend seine Vorurteile bestätigt sehen möchte, nicht gerne lesen und hören.

Auch ich durfte mir z.b. wie folgt drohen lassen:
“Hopefully Germans won’t forget traitors like Susannah Winter when you begin sorting out your problem”

Und dies sind die vorläufigen Fakten, Ergebnisse polizeilicher Ermittlungen: Weiterlesen