Szenarien einer digitalen Welt – heute und morgen

Szenarien einer digitalen Welt – heute und morgen

Thomas Klauß & Annika Mierke: Szenarien einer digitalen Welt – heute und morgen Wie die digitale Transformation unser Leben verändert
Rezensentin: Susannah Winter

An Zukunftsprognosen hat sich schon so mancher die Finger verbrannt. Man erinnere sich kurz an „Das Pferd wird es immer geben, Automobile hingegen sind lediglich eine vorübergehende Modeerscheinung.“ (Der Präsident der Michigan Savings Bank, 1903) oder wahlweise an „Es gibt keinen Grund dafür, dass jemand einen Computer zu Hause haben wollte.“ (Ken Olson, Präsident von Digital Equipment Corp., 1977)

Auch das vorliegende Buch wagt den Blick in eine mögliche Zukunft.

Wie sieht die zunehmende Digitalisierung aus, was macht sie mit uns? Wie wandeln sich die unterschiedlichen Lebensbereiche, die sozialen, ökonomischen und kulturellen Räume? Welche Gefahren und Chancen bietet das digitale Zeitalter?

Angenehm unaufgeregt und fern eines allgemeingültigen Meinungsbildungsanspruchs gehen die Autoren Thomas Klauß und Annika Mierke diesen und anderen Fragen nach, stets bemüht um ein ausgeglichenes Bild, das weder blind den Fortschritt bejubeln, noch einseitig Angst vor ihm schüren will.

Und der Spagat gelingt.

So erhalten sowohl interessierte Laien, die sich bisher nicht mit der Thematik auseinandergesetzt haben, wie auch „Digital Natives“ in Form dieses Buches eine gut strukturierte, verständlich geschriebene und ansprechend gestaltete Übersicht über die derzeitige Ausgangslage  wie auch die möglichen Zukunftsaussichten des digitalen Wandels.

Was ist schon heute, dank moderner Technik, möglich? Was ist in greifbarer Nähe, wenigstens aber denkbar? Themengerecht steht jedem Käufer des Buches auch eine Ausgabe in Form eines E-Books zur Verfügung, was zumindest für die hilfreich sein dürfte, denen die Schrift des Buches etwas zu klein geraten ist. Womit allerdings der einzig nennenswerte Kritikpunkt schon vorweggenommen wäre.

Die Autoren spannen den Bogen von globaler Entwicklung wie Bevölkerungswachstum und Ressourcenverteilung über Trends wie „Wearables“, also am Körper befindliche Vernetzung in Form von Smart-Watches, Google-Glasses und zunehmend auch „intelligenter Kleidung“, und die bereits heute beobachtbare Tatsache, dass das Internet so allgegenwärtig ist, dass es quasi unsichtbar wird. Sie beleuchten die Digitalisierung der verschiedenen sozialen Lebensbereiche, Konsum, Kunst und Kultur, Bildungsfragen und Bildungsmöglichkeiten, die Arbeitswelt, Gesundheit und Chancen des Fortschritts in der Medizin über Wohnen hin zu Politik, Stadt und Staat, um schließlich die Frage zu stellen: „Wohin geht die Reise?“

Jedes dieser Kapitel ist mit prägnanten Fakten versehen, gut erklärt und dazu noch eindrücklich bebildert, was ein Thema wie dieses, das schnell trocken geraten kann, auflockert und sehr kurzweilig werden lässt.

Bei der Lektüre wird schnell klar, wie sehr das Internet wie auch die fortschreitende Digitalisierung anderer Lebensbereiche, die Gesellschaft an jedem Punkt verändert und noch verändern wird.

Nach einer (für die menschliche Entwicklung) kurzen Phase des Rückzugs des Individuums aus großen gesellschaftlichen Zusammenschlüssen und zunehmender Individualisierung sowie Reduktion der Lebensräume auf Kleinstgruppen, die zumindest in westlichen Wohlstandsgesellschaften in den letzten Jahrzehnten zu beobachten war, sorgt die zunehmende Vernetzung für eine gegenläufige Entwicklung auf anderer Ebene. So wächst eine neue Form der Gemeinschaft zusammen, die nicht auf Geburtenzufall und Ortsansässigkeit fußt, sondern auf ökonomischen Vorteilen wie möglicher Zusammenarbeit über Landesgrenzen hinweg, auf geteilten Interessen, unabhängig vom jeweiligen Standort des Individuums, auf gemeinsamen Zielen, welcher Natur sie auch seien.

Die Bindungen, so stellen die Autoren Klauß und Mierke mit Bezug auf renommierte Soziologen fest, sind so loser und unterliegen einer höheren Fluktuation, sind ausgerichtet auf das größtmögliche Maß an Bedarfsorientierung. Eine Ökonomisierung des Sozialen.

Die Autoren laden zu Gedankenspielen ein:
Wie entwickelt sich die zwischenmenschlichen Beziehungen, wie die Beziehungen zwischen Mensch und Maschine?

Nicht explizit benannt und doch dauerpräsent zeichnen Klauß und Mierke eine Zukunft, in der Mensch und Maschine zwar untrennbar miteinander verwoben sind, in der dennoch der Mensch das Maß aller Dinge bleibt, gerade wenn es um eine Form der Entscheidungsfindung geht, die mehr ist, als das bloße Auswerten von Algorithmen. So wenig, wie die Robotik in absehbarer Zukunft in der Lage sein wird, Jahrtausende der Evolution in physischer Hinsicht nachzuahmen (so haben Roboter noch immer massive Schwierigkeiten in jedwedem Bereich der Feinmotorik, sofern diese nicht gerade für einen Kleinstbereich umfassend programmiert wurde, wie z.b. in der Chirurgie, und in der Bewegung auf unbekanntem Gelände), so wenig ist in naher Zukunft mit der Fähigkeit zur Reflexion, Erkenntnis, philosophischer Befähigung abseits programmierter Texte, abstraktem oder assoziativem Denken zu rechnen.

So zeigt dieses Buch auch die Notwendigkeit auf, im Sinne konstruktivistischer Pädagogik Menschen wieder gezielt vermehrt in den Bereichen Rhetorik und Hermeneutik (kritisches Textverstehen) zu schulen, in der Analyse von Zusammenhängen, Grundlagen (Meta-Wissen) und Hintergründen/Kontexten.  Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass es ebendiese Themenfelder sind, die zugunsten des „MINT-Paradigmas“ verdrängt würden. Und das, obwohl „gerade derart operationalisierbaren Kenntnisse und Fähigkeiten besonders automatisierungsgefährdet sind.“ Zukunftsorientiert zu lehren und zu lernen bedeute, vorrangig die menschliche Fähigkeiten zu stärken, zu denen Maschinen in naher Zukunft nicht in der Lage sein werden, um die Wechselbeziehung Mensch/Maschine möglichst effizient zu gestalten.

Die Autoren schließen das Buch, wie sie es begonnen und auch an jeder Stelle stringent erarbeitet haben:
Mit dem Zeichnen einer (E)Utopie wie auch Dystopie; zwei möglichen Varianten einer digitalen Zukunft.

Die Lektüre weckt Hoffnung und Begeisterung für zukünftige Machbarkeiten. Gerade im Bereich der Medizin versprechen Entwicklung und Technik ungeahnte Möglichkeiten und weitere Verbesserungen des Lebensstandards. Und auch die sozialen Perspektiven, die heute gerade von denen fern der digitalen Welt gerne belächelt werden, sind enorm. Wo in einer Gesellschaft zunehmender Vereinzelung Gelegenheiten eröffnet werden, Alten, Kranken, aus anderen Gründen nicht mobilen Menschen, Gesellschaft und Kommunikation zu erschließen, gibt es nur Gewinner.

Schnell wird mit Lesen des Buches jedoch auch klar, welche Schattenseiten einer flächendeckende Digitalisierung, gerade in Form von „Wearables“ bis hin zu Implantaten, innewohnen: Was der Individualisierung dienen soll, wird dem Individuum, das nicht partizipieren möchte, zum Verhängnis. Die Freiheit, sich dieser Entwicklung zu entziehen, wird mehr und mehr eingeschränkt. Es bleiben keine Räume für die, die sich entscheiden, analog leben zu wollen. Selbst bei Nicht-Nutzung der angebotenen Technik würde man noch immer passiv teilhaben, da Erfindungen wie Google – Glasses und ähnliche Devices des Gegenübers, das eigene Tun aufzeichnen und damit Tracking aller ermöglichen. Das wäre eine klare Einschränkung freiheitlicher Rechte, denen man in einer Art und Weise begegnen müsste, die Räume auch für die schafft, die sich entziehen wollen.

Gerade mit Blick auf Vor- und Nachteile bleibt zu konstatieren, dass es Zeit wird, der staatlichen Trägheit in Sachen Digitalisierung entgegenzuwirken. Der Staat, respektive die Länder, verantwortlich für Bildung und nicht selten auch Ausbildung, hinken hinterher, wenn es um digitale Bildung geht. Nur der digital gebildete Bürger ist auch im Internet ein mündiger Bürger. Anhand des Themas „Fake-News“ lässt sich beobachten, wie unsicher der Umgang vieler Menschen mit Netz-Inhalten ist. Und selbst in Zeiten, in denen die meisten Berufe und Betriebe sich auf digitalen Wettbewerb eingestellt haben, spielt weder das Programmieren, noch digitales Marketing oder ähnliche Kompetenzen in Sachen Netz eine Rolle im aktuellen Bildungssystem. Eine aberwitzige Vernachlässigung in einem Land, das sich nicht auf seiner derzeitigen Wirtschaftsstärke ausruhen kann, sondern zukunftsfähige Konzepte braucht, um im Wettbewerb nicht irgendwann auf der Strecke zu bleiben. Schon ab 2030 droht Asien, Europa und die USA als wichtigste Region mit höherer Wirtschaftskraft und technologischen Investitionen abzulösen. Neben dem veralteten Schulsystem ist auch der juristische Bereich nicht ausreichend auf den Wandel eingestellt. Der kürzlich in die Schlagzeilen geratene, hilflose Versuch des Verbietens von Fake-News durch Heiko Maas, sei hier genannt. Immer noch wirkt der Staatsapparat zu schwerfällig und unflexibel, wenn es um Fragen des Internets geht. Auch die rechtlichen Grundlagen in Sachen unfreiwilliger Datenerfassung, z.b. durch die Nutzung von Wearables, wie oben beschrieben, gälte es beizeiten zu lösen.

Wie auch immer die persönliche Haltung zur Vernetzung aussieht – es ist, wie es immer war:
Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Was wir aber beeinflussen können ist, wie wir mit ihm umgehen. Hier liegt der größte Unterschied zwischen Mensch und Maschine. Wir konstruieren den Rahmen, in dem Gesellschaft stattfindet. Wer die technischen Entwicklungen entweder ignoriert oder nur mit ihrer Ablehnung beschäftigt ist, verpasst, diesen Rahmen mitzugestalten, Regeln für das digitale Miteinander zu entwickeln und sich damit fit für die Zukunft zu machen.

Das Buch von Thomas Klauß & Annika Mierke ist ein guter Einstieg, um sich einen Überblick über die verschiedenen Bereiche der Digitalisierung zu verschaffen und eine Ahnung davon zu entwickeln, in welche Richtung sich die Gesellschaften auf nationaler wie auch globaler Ebene bewegen. Im Gegensatz zu den eingangs zitierten Prognosen erspart es sich konkrete Vorhersagen, ohne jedoch zu vage zu bleiben, und ist gerade dank dieser sachlichen Herangehensweise eine durchaus empfehlenswerte Lektüre.

„Szenarien einer digitalen Welt – heute und morgen Wie die digitale Transformation unser Leben verändert“
Thomas Klauß & Annika Mierke
Das Buch ist im Mai 2017 bei Hanser erschienen (HANSER FACHBUCH) und für 39,00 EUR erhältlich. Ein zusätzlicher Blog greift die Themen und Struktur des Buches auf, ergänzt sie um aktuelle Nachrichten, neuste Entwicklungen und verlinkt Bildmaterialien und Charts.
ISBN 978-3-446-45202-2 E-Book-ISBN 978-3-446-45276-3

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Posted on: 12/07/2017SusannahWinter

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