Stigma Depression

Stigma Depression

Die Presse vermeldet heute:

Germanwings Co-Pilot krankgeschrieben. Durch Psychiater.

Da ist es wieder, das Bild des vermeintlich „Irren“, dessen Abnormität nicht nur befremdlich sondern auch gefährlich ist.
Ein Land schwelgt pressegelenkt in kollektiver Betroffenheit, aber was wäre dieses, vermeintlich geteilte, Leid ohne die Auflösung, die Erlösung der Betroffenen durch einen Schuldigen, der die Welt erklärt, der alles wieder ins recht Licht rückt:

„Normal und Anders“, „Schuldig und Unschuldig“, „Krank und Gesund“.

Chaos und Zufall, so will es der Mensch, kann und darf es in der Welt nicht geben.

Das Bewusstsein, dass ein Unglück aber auch Straftaten jeden treffen können, die eigene Person, die eigenen Kinder, es muss um jeden Preis verdrängt werden. Und so braucht die kollektive Einigkeit den Sündenbock, braucht den Glauben daran, sich noch die kleinste und größte Katastrophe erklären zu können.
Und so folgt die einhellige und nicht selten bigotte Einigkeit in Trauer auch diesmal wieder der Idee, dass es einen Sündenbock braucht, den man verdammen kann, um danach erneut an ewige Unversehrtheit glauben zu können.

Der fast zwanghafte Versuch, sich die Welt so einfach erklären zu können, führt diesmal zur Depression. (Nachtrag: Die noch uneinige Presse ließ wohl eben verlauten, es seien vielleicht doch keine Depressionen gewesen. Was genau, das wisse man noch nicht)
Der Verantwortliche kann schließlich nicht „normal“ sein, denn normale Menschen würden nie töten, als Geisterfahrer auf die Autobahn fahren, stalken, stehlen… bis sie es tun.

Dass es zwischen „normal“ und „psychisch krank“ mindestens ebenso viele Facetten gibt, wie sie auch in den Begriffen „normal“ und „psychisch krank“ enthalten sind, all diese menschlichen Nuancen werden für einfache Wahrheiten geopfert.

Mensch möchte nicht glauben müssen, dass sein vermeintlich „normaler“ Nachbar, sein Partner, sein Kind in Fällen physischer oder psychischer Überlastung ebenfalls ab der Norm handeln könnte, dass nichts in der Welt sicher ist. Er möchte glauben, dass die Welt einfach genug ist, um die Andersartigkeit des Gegenübers umgehend erkennen zu können, dass „das Böse“, der Tod, Krankheit und Verletzlichkeit der eigenen Sicherheiten überschaubar und unverletzlich sein könnten.

Und so muss der Mensch, der gegen diese scheinbare „Normalität“ handelt „krank“ sein.
Der Gedanke, dass diese vermeintliche „Abnormität“ ebenfalls menschlich ist, darf nicht aufkommen.

Dabei entwickelt sich die Depression mittlerweile zur Volkskrankheit Nummer eins in Industrieländern. Fünf Prozent der Menschen zwischen 18-65 Jahren sind erkrankt. Schizophrene Episoden treffen jeden hundertsten einmal im Leben. Ein bis zwei Prozent erkranken an Borderline, ca zwei Prozent an Zwangserkrankungen. Dazu kommen noch diverse andere psychische „Störungen“, die laut unserem Bedürfnis nach Normierung aus dem Rahmen der „Norm“ fallen.

Wie viele Menschen tatsächlich betroffen sind, wie viele, so lange sie eben können, keinen Arzt aufsuchen und damit ihre Chancen auf Heilung unterminieren, aus Befangenheit und Angst vor gesellschaftlichen Konsequenzen?
Diese Frage wird sich kaum beantworten lassen. Sie sollte aber zu gesellschaftlichen Fragen und öffentlichen Debatten auffordern.

Zum Beispiel zu der Frage, warum viele Menschen aus falschem Schamgefühl heraus ihre Gesundheit riskieren, warum sie die Idee, ihre Erkrankung könnte öffentlich werden, mit genug Angst erfüllt, um bis zum Rande des Suizids (und einige darüber hinaus) funktionieren zu wollen.
Sie sollte uns fragen lassen, warum Menschen gerade in modernen Gesellschaften und trotz eines Arbeitskräfteüberangebotes vor Scham angesichts mangelnder Funktionalität im Rahmen der vielgepriesenen „Norm“ lieber stumm leiden, bevor sie ihre Ängste und Probleme artikulieren.

Trotz der vielbeschworenen neuen „Offenheit“ gegenüber psychischen Erkrankungen, spätestens seit Robert Enke, der sich als prominenter Fußballer seiner Depression nicht gewachsen sah und sich das Leben nahm, gilt immer noch:

Wer erkrankt, noch dazu in einer Weise, die im Zweifelsfalle arbeitsunfähig macht, der trägt ein Stigma. Und sollte diese gebrochene Seele nicht ebenso schnell heilen, wie ein gebrochenes Bein, so gilt dieses Stigma im Zweifelsfalle lebenslang.
Die moderne Technik und Vermerke im „Ordner“ der Krankenkassen machen es ebenso möglich, wie die Tatsache, dass schon kleinste Lücken im Lebenslauf mit Argwohn betrachtet werden.
Wer erzählt, er sei an Depressionen, Borderline, Schizophrenie erkrankt, der kann bei neuen Bekanntschaften im Gesicht des Gegenübers gut beobachten, wie er unter den Kategorien „irre“, „bekloppt“, „nicht zurechnungsfähig“ verortet wird.
Das Gros der Erkrankten dürfte nicht im Fokus der Öffentlichkeit stehen wie Enke und damit breite Sympathie oder gar Anteilnahme genießen.

Zu diesem Gros der Erkrankten gehöre auch ich bereits seit meiner Jugend.

Wer vielleicht vor seiner Erkrankung noch dem Getöse der öffentlichen Wahrnehmung glaubt, in der Krankheit und Verlust scheinbar auf tiefe Anteilnahme treffen, der wird im privaten, kleinen Rahmen schnell eines Besseren belehrt.
Der Beginn jeder „Erkrankung“ ist gekennzeichnet von einem Standardrepertoire aus Medikation plus Therapie und anschließender oder gar begleitender Reha.

Nun hatte ich persönlich mehr Glück als viele andere, hatte ich doch einen Neurologen, der wenigstens hin und wieder einmal danach fragte, was ich denn für gesundheitsförderlich und gut für mich hielte. Die Regel ist dies nicht. Und auch ich hätte dennoch nicht ohne weiteres „Nein“ sagen dürfen zu Medikamenten, die wahlweise zappelig machten (diese bekam ich noch zu Schulzeiten und verbrachte die Stunden Fuß- und Kniewippend, immer in dem Bewusstsein, dass mich meine Klassenkameraden für noch seltsamer halten mussten, als sie es ohnehin taten), oder aber komplett betäubend und einschläfernd wirkten.
Einige Male bin ich auf offener Straße umgekippt, da ich die Medikamente nicht vertragen konnte und mein Kreislauf kollabierte.

Ein „Nein“ hätte dennoch nichts gegolten. Wer krank ist, der verliert eine Menge. Er verliert nicht nur seine Gesundheit und Funktionalität, er verliert auch seine soziale Teilhabe, Freunde, Glaubwürdigkeit, Freiheit und das Recht darauf, selbstbestimmend „Nein“ sagen zu können zu Dingen, die ihm erfahrungsgemäß nicht gut tun.

Ein „Nein“ ist, sobald man erst einmal in das System von notwendiger Krankschreibung und Anweisung auf staatliche Hilfeleistungen gerät, für Außenstehende ein Zeichen von „Unwillen“, gesund zu werden. Sie ist Renitenz, Verweigerungshaltung und vor allem steht sie den Erkrankten nicht zu. Arzt und Staat „meinen es schließlich gut“. Und so hängt an der „freiwilligen“ Einwilligung, vorgeschlagene Medikamente zu schlucken, sich in Therapie zu begeben oder Reha-Maßnahmen zu beginnen, die Existenzgrundlage. Dies wird selten so offen angedroht, doch die Drohung hängt unausgesprochen im Raum:

Gehorche oder tue wenigstens so, als wolltest Du funktionieren, oder verliere Deine Existenzbasis.

Der erkrankende Mensch, wie auch der bereits langfristig Kranke, geraten in eine Spirale aus Nötigung und Zwang, die schon für Gesunde eher krankheitsfördernd wäre, die für Erkrankende und bereits Kranke jedoch kaum auszuhalten ist. Dies wird zwar öffentlich kaum diskutiert, die Erkrankten, die noch in Lohn und Brot stehen wissen dies meist jedoch und versuchen so, auch weiterhin zu funktionieren, koste dies, was es wolle.

„Hilfe“ ist nicht kostenlos. Ob sie wirklich Hilfe darstellt, sei dahingestellt. Ich habe in meinem Bekanntenkreis tatsächlich eine Frau erlebt, die dank Medikation wieder weitestgehend arbeitsfähig wurde. Ich kenne einige andere, denen Medikamente nicht helfen konnten. Zu denen gehöre auch ich. Und einmal erlebte ich während einer Arbeitsreha, dass ein Psychiater, der mich gerade zwei Stunden kannte, mir mit Zwangseinweisung drohte, weil ich dreist genug war, Widerworte zu geben.
Diese Reha-Maßnahmen sind Hohn an sich und aus heutiger Sicht kann ich nur kopfschüttelnd daran denken, was meine Ärzte für „heilsam“ erachteten. Einem Menschen, der in seinem Leben keinen Sinn sieht sinnlose Arbeit zu geben ist selbst für den Psychiatrie-Laien ein absurdes Possenspiel.
So durfte ich zeitweise Texte per Computer abtippen. Sie wurden nicht gebraucht oder genutzt. Es war simpel: „Hier ist ein Buch, ein Text… und nun tippen Sie mal.“
Ging es um sinnspendende Maßnahmen? Nein, es ging um den Lieblingsbegriff aller, für psychische Erkrankungen zuständigen, Ärzte:

Tagesstruktur.

Es geht bei solchen Maßnahmen ausschließlich darum, morgens pünktlich aufzustehen und einen normgerechten Tagesablauf beizubehalten.
Dass der Ansatz falsch ist, oder zumindest nicht für alle gelten kann, dafür war ich Beweis genug.
Mir hätte man einen Grund geben müssen aufzustehen, einen Grund, der über das Aufstehen an sich hinausgeht.
Wenn ich für ein (vermeintlich) sinnloses Leben nicht aufstehen mag, so sicherlich nicht für die Sinnlosigkeit, die andere Menschen mir obendrein zumuten wollen.
Eine zweite Aufgabe bestand im Knöpfe annähen, sticken, bügeln.

Das sinnentleerte Individuum bekommt Allgemeinplätze und durchnormierte Heilungsvorschläge vorgesetzt, ohne Mitspracherecht, ohne individuelle Hilfeleistung.

Man könnte allein an dieser Tatsache glatt depressiv werden.

Auch kam es zu so irren Erlebnissen, wie die Tatsache, regelmäßigen Sport verweigert zu bekommen (Kosten von zwanzig Euro pro Monat), dafür aber eine überteuerte Therapie zu erhalten (ca. 200 Euro pro Monat). Wo Kunst, Musik, soziale Teilhabe, Theater, Schreiben, Singen, Tanzen, Bildung vielleicht etwas Konstruktives hätten bewirken können, entschied man sich für Therapie, Medikation, soziale Ausgrenzung und eine subtile Form der Isolationshaft. (Dies mag polemisch klingen, doch ist es wahrer als so mancher glauben mag. Die staatlichen „Hilfeleistungen“ ermöglichen kaum mehr als zu Hause die Wände anzustarren und die Depression als unabdingbar zu erleben).

Der „Freundeskreis“ schwand, ebenso weitere Lebenschancen.

Ein Versuch, eine Ausbildung zur Logopädin zu erhalten (schulische Ausbildung und daher kostenpflichtig) scheiterte am Arbeitsamt, dass die Heilung der Depression so abgesichert sehen wollte, wie verheilte Knochen nach einem Bruch.
Ich sei „Risikofaktor“.
Auf die Frage, ob man mich lieber lebenslang finanzieren wolle, erhielt ich allen Ernstes ein „Ja“ zur Antwort.
Neue Bekanntschaften sind schwer zu knüpfen, obwohl dies online leichter wird, aber dann meist auch bei oberflächlicher Bekanntschaft bleibt.
Der normgerecht funktionierende Mensch unterstellt schon mal „Faulheit“, weil er nicht begreifen kann, dass eine gesunde Physis noch keinen funktionierenden Menschen macht.

Dabei kann der Depressive kaum selber begreifen, wie seine funktionierende Physis ihn so verraten kann.

Wie so viele andere habe auch ich lange und immer wieder versucht, „normal“ zu wirken, nicht über die Krankheit zu sprechen, bloß nicht offensichtlich „krank“ zu sein. Es war für mich nie von Vorteil, denn Menschen, die ich so kennenlernte, hatten grundsätzlich falsche Erwartungen an mich, die ich nicht erfüllen konnte.

Es war ein ewiger Kreislauf aus enttäuschten Erwartungen der Umwelt und auch dem permanenten Gefühl, meine eigenen Erwartungshaltungen an mich selber nicht erfüllen zu können.
Vielleicht kann ich noch von Glück sprechen, dass ich nie fähig war, mich derart zusammenzureißen, mich dennoch in einen anspruchsvollen Beruf zu quälen, immer den Gedanken im Hinterkopf, lieber sterben zu wollen, nicht weiterzukönnen.
Möglicherweise wäre eine Gesellschaft, die Kranke nicht stigmatisiert sondern in ihre Mitte nimmt, ihnen das Recht auf Selbstbestimmung erhält und ihnen die Zeit lässt die sie brauchen eine, die mit weniger „überraschenden“ Suiziden, auch erweiterten Suiziden, leben müsste.

Denn auch, wenn ein vielleicht absichtlich zum Absturz gebrachtes Flugzeug eine Ausnahme ist, so passieren erweiterte Suizide auch auf Autobahnen, innerhalb von Familien, werden in Kauf genommen bei Suiziden, bei denen sich der Sterbewillige vor Züge oder Autos wirft.
So wie es ist, bleiben jedoch zum Thema lediglich Kommentare, wie ich sie gestern unter einem Zeitungsbeitrag lesen musst: „Hätte er sich mal lieber einen Fön mit in die Badewanne genommen“.

Nicht nur zeigt dieser Satz ganz gut, wie weit her es tatsächlich mit Empathie ist, er zeigt, ohne es zu wollen auch ganz gut, warum manche Menschen sich den „Fön mit in die Badewanne“ nehmen, sich erhängen, erschießen, vor Züge werfen.

Er zeigt Menschen, die sich am toten Individuum nicht stören und dem Medien-Body-Count verfallen.

Er zeigt Menschen, die es für angemessen halten zu fordern, jemand möge still sterben, um ihnen ihre vermeintliche Ruhe zu lassen. Eine Ruhe, die faktisch nicht existiert in einer Gesellschaft, die suizidale Menschen in ihrer Einsamkeit allein lässt. Dass Menschen, die sich absichtlich so spektakulär aus dem Leben verabschieden, möglicherweise genau das einkalkulieren, sich sträuben, auch weiterhin einfach nicht wahr- und ernst genommen zu werden, ist hier Nebensache.

Und wo sollten sie sich auch artikulieren, um verhinderbare Katastrophen aufzuhalten?

Die Äußerung von Suizidgedanken führt in dieser Gesellschaft zwangsläufig zu Zwangspsychiatrie. Wer will dies, so er noch Restverstand hat, schon riskieren? Selbst beim Therapeuten darf man derartige Gedanken nicht äußern, ohne dass dieser verpflichtet wäre, Maßnahmen zur Zwangspsychiatrisierung einzuleiten.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Selbstverständlich „sollte“ ein suizidgefährdeter Mensch freundlichst Rücksicht auf das Leben seiner Mitmenschen nehmen. Dass er aber als suizidaler Mensch in einer permanenten emotionalen Ausnahmesituation ist, die selten mit so viel bewusster Handlungsweise einhergeht, ist nun mal fern dieser Idealvorstellung von freundlicher Rücksichtnahme bis in den Tod.

Es sollte aber genauso wenig akzeptabel sein, dass er sich selber tötet, aus Not und Leid, wie es inakzeptabel sein sollte, dass er andere tötet aus Not und Leid.
Beide Gedankengänge verböten sich aus einer gesunden empathischen Haltung.

Dass dies in den Augen vieler Menschen nicht gilt, spricht Bände über die angebliche „Gesundheit“, vor allem der emotionalen, einer Gesellschaft, die Menschen für entbehrlich hält.
Und je lauter diese über soziale Missstände klagen, je weniger sie in ihrer „Abnormität“ die Erwartung der Funktionalität erfüllen, desto entbehrlicher.

So hält sich Dieter Nuhr für lustig, wenn er mal wieder erklärt, die Menschen in unserem Lande seien einfach nur nicht dankbar genug, wenn sie Armut oder soziale Missstände anprangern.
Frau Merkel ergeht sich in Beteuerungen, Deutschland ginge es so gut wie nie.
Und Herr Gauck freut sich an seiner „Freiheit“ und vergisst, dass seine persönliche Freiheit noch lange nicht die Freiheit der Masse ist.

Die meisten Depressiven leiden nicht zuletzt auch an der Gesellschaft, die bedingungsloses Einfügen und Funktionieren verlangt. Die Nachdenken und Hinterfragen nur im überschaubaren Rahmen begrüßt. Die bestimmte soziale „Normen“ voraussetzt, die nicht selten die Aufgabe der persönlichen Authentizität bedeutet.

So ist denn auch die Frage, wer verrückt sei, der Erkrankte oder die durchnormierte Gesellschaft, sehr mühsam. Wenn ich dieser Tage darüber rede, ich sei „krank“ tue ich dies meist nur unter Vorbehalt und in Anführungszeichen. Ich halte mich lediglich für nicht kompatibel mit dieser Form der Gesellschaftsordnung. Ich nutze nur das vorgegebene Vokabular, um mich mit den zuständigen Personen angemessen verständigen zu können.

Zur Berichterstattung über den Flug 4U9525 muss ich noch anmerken:

Es wird derzeit viel, zu viel, spekuliert.
Dass die Medien dies ohne viel Selbstkritik können ist fragwürdig genug.
Egal, ob der Co-Pilot nun an Depressionen, Schizophrenie, Borderline oder einer anderen psychischen Erkrankung litt:
Es gilt, keine voreiligen Rückschlüsse zu ziehen.
Weder vom Erkrankten auf allgemeingültige Erkenntnisse über die Erkrankung, denn jeder Mensch reagiert individuell auf bestimmte Störungen und Krankheiten, noch von der Erkrankung auf den Menschen.
Die depressiv Erkrankten unterscheiden sich untereinander ebenso, wie Borderline und Schizophrenie beim Individuum immer wieder andere Gesichter annehmen.

Auch bleibt zu erwähnen, dass die Eltern des medial einhellig verurteilten Co-Piloten ihr Kind vermutlich ebenfalls für schützenswert und „normal“ gehalten haben und nicht nur dessen Verlust verkraften müssen, sondern auch den kollektiven Hass, die Verachtung, die unrechtmäßig öffentlich gemachten Bilder.

Ist es „normal“, dass eine Medienlandschaft sich geschlossen in Spekulationen ergehen darf? Ist es „normal“, dass eine Menge, die noch eben in kollektiver Rührseligkeit ihrer Betroffenheit Ausdruck verlieh, in kollektiven Hass verfällt? Wie viel „Wahn“ liegt in dem ständigen Bedürfnis nach Sensation und kann diese Gesellschaft in weiten Teilen nicht froh sein, dass diese Verhaltensweise noch nicht pathologisiert wurde?

Es ist eine Sache, die Hergänge des Absturzes dank Flugschreiber zumindest faktisch nachvollziehen zu können. Etwas anderes ist die Annahme, man könnte jemals die Motivation der handelnden Personen nachvollziehen. Und so bleibt, was nach jeder Tragödie bleibt: Wir werden nie „wissen“ was genau geschehen ist. Uns bleibt nur, die Dinge hinzunehmen. Ohne weiteres Blutvergießen, ohne Blutschuld und Aufschrei nach einem Schuldigen und Opferlämmern.

Wir haben die öffentliche Hinrichtung vor vielen Jahren abgeschafft, ebenso die Idee der „Vogelfreiheit“.

Es wäre an der Zeit, mit Hetzjagden dieser Art ähnlich zu verfahren.

 

(Veröffentlicht am 27.03.15 auf Tonfarbe.wordpress.com)

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Posted on: 17/03/2016SusannahWinter

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