Sinn und Unsinn von Patriotismus

Sinn und Unsinn von Patriotismus

 

Zuerst veröffentlicht auf FischundFleisch.com

Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.[Arthur Schopenhauer]

Heimlich, durch die Hintertür, rhetorisch geschönt und parfümiert hat er wieder Einzug gehalten in Deutschland:

Der Patriotismus

Als „Party-Patriotismus“ getarnt, anfänglich für „lustige“ Raab-Events und natürlich für große Fußballereignisse vorbehalten, war dennoch schon in den ersten Zügen seines erneuten Triumphes klar, welche Blüten er treiben würde. Zumindest denen, die sich nicht blenden ließen von „…Schland“ und kollektiver Glückseligkeit unter deutscher Flagge. Wer genau hinhörte, konnte ihn schon vernehmen, den damals noch subtilen Missklang, der sich in das „Wir“-Gefühl einschlich und schnell seinen Fokus auf „Die“ legte. Da gab es „Die Italiener“, die sowieso nur gewinnen, weil sie mehr Glück haben und Fan-Gesänge vor Ort schmetterten freudig: „Ihr seid nur ein Pizza-Lieferant“, bis der Traum vom Finale ausgeträumt war. Und der gegnerische Schütze Balotelli zog den Hass auf sich. Ein Großteil davon mit rassistischer Konnotation. Alles ganz harmlos, versteht sich.

Und Hass gab es seitdem auch ab von Fußball wieder vermehrt. Denn wo „wir“ in neuer Großartigkeit schwelgen, da muss es „die“ geben, die mindestens ein bisschen weniger großartig sind. Da konnte unter flaggeschwenkendem Freudentaumel wieder fabuliert werden von „Lügenpresse“ und „links-grün versifften“ Menschen, vom bösen Muselmanen, der dem Deutschen nicht nur die Frau abspenstig machen will, sondern mindestens plant, in Gänze gleich seine kulturelle Überlegenheit zu vernichten. Das „Wir“ entwickelte so in kürzester Zeit viele Feinde. Presse, Linke, Amerikaner, Juden, Zionisten, Ausländer, „die da oben“. Gerne auch „die da unten“, die „Sozialschmarotzer“, die zu viel kosten. Und damit sowieso kein Teil von „Wir“ sind, gar nicht sein können. Denn das „Wir“ des Patriotismus‘, es gibt nur vor, es hätte ein friedvolles, einheitliches Kollektiv im Sinn. Dass dieses Kollektiv nicht existiert, gar nicht existieren kann in einer Gesellschaft voller Individuen, kommt kaum denen in den Sinn, die die Masse brauchen für den Wahn einheitlicher Norm, die Ordnung und Sicherheit vorgaukelt. Dieses „Wir“ wird schon begrenzt, wo ein Teil des vermeintlichen Kollektivs nicht gesinnungskonform redet und agiert. Da wird das „Wir“ gespalten in „Gute Deutsche“ (Nicht-Linke, Nicht-Sozialschmarotzer, Nicht-Deutsche mit Migrationshintergrund, Nicht-Menschen mit gegenteiliger Haltung, Nicht-Muslime) und „Schlechte Deutsche“.

Jeder, der sich jemals mit dem Phänomen „Patriotismus“ auseinandergesetzt hat, musste hellhörig werden, schon als er das Zähnefletschen noch hinter einem freundlichen Gesicht verbarg. Die Abgrenzung zum Radikalen, auch zu Nationalismus, es gibt sie nicht so klar, wie es manche gerne hätten.

So postete Georg Restle vor einigen Tagen ein Bekenntnis zum Patriotismus. Und machte dabei, vermutlich eher unbemerkt, offensichtlich, was Patriotismus im Kern ist: Eine Spaltung in „Wir“ und „Die“. Eine Identifikation mit der Idee eines Kollektivs, das es tatsächlich nicht gibt. Ein Kampf um Deutungshoheit und Überlegenheit.

„… Ja, ich bekenne: Ich bin Patriot! Weil ich es schätze, in einem Land zu leben, in dem die Religionsfreiheit Verfassungsrang hat, in dem Menschenrechte für alle gelten und das in seinen Willkommensgesten für Flüchtlinge ein großes Herz und internationale Solidarität gezeigt hat. Ich bin Patriot, weil ich es großartig finde, dass schwule und lesbische Partnerschaften in diesem Land anerkannt werden, dass die Spieler der deutschen Nationalmannschaft Boateng, Özil oder Gomez heißen und Spitzenpolitiker Özdemir. Ich bin Patriot, weil ich hier offen streiten kann für mehr Gerechtigkeit, mehr Freiheit und mehr Solidarität. Weil ich die Idee dieses Staates im Grunde für richtig halte, seine Freiheiten für verteidigungs-, seine Ideale für erstrebenswert… Dafür kämpfe ich als Patriot, nicht aus besinnungsloser Liebe, sondern mit kühlem Kopf. Gegen jeden, der mir meine Freiheiten nehmen will; seien es Regierungen, Konzerne oder nationalistisch-rassistische Möchtegernpatrioten“

Hier wird das Spaltungspotenzial doppelt offenbar. Nicht nur wird unterteilt in „Wir Deutsche“ und die Idee „dieses Staates“, verglichen mit anderen Nationen, Staaten und Ideen, sondern es wird zudem noch unterschieden zwischen „guten Patrioten“ und „schlechten Patrioten“. Und die Schlechten, das weiß man, sind immer „die Anderen“.

Dabei kommt Restle in Teilen der Idee des Verfassungspatriotismus, vertreten unter anderem durch Habermas, der sich nicht über Ethnien, sondern über Grundwerte verstanden wissen will, durchaus nahe und zeigt dabei dennoch, dass diese Idee, man könne den Begriff „Patriotismus“ einfach positiv besetzen, um ihm seine Macht zu nehmen, dysfunktional ist. Zumal man die Idee der Menschenrechte, die Grundwerte der Verfassung, als internationales Gut verstehen darf, das in seiner Entwicklung und seinem Entwicklungsbedarf keine „Heimat“ und keine Blutsbande kennt, mit denen der Begriff „Patriotismus“ so untrennbar verbunden ist.

„… Die Bedeutung und Verwendung des Begriffs (Patriotismus, Anm.) änderte sich im Wandel der Jahrhunderte. Als πατριώτης (patriótes) wurden im Altgriechischen ausschließlich Nichtgriechen (Barbaren) bezeichnet, die durch eine gemeinsame Abstammung (πατριά (patriá), zu πατήρ (patér), „Vater“) verbunden waren und so einen Clan oder Stamm bildeten. Über das Lateinische (patriōta) wurde das Wort in die romanischen Sprachen entlehnt und fand über das Französische (patriote) im 16. Jahrhundert schließlich auch Eingang in die deutsche Sprache. Bis in die frühe Neuzeit drückte es jedoch ausschließlich die Vorstellung einer gemeinsamen Herkunft, Heimat, Abstammung oder Ethnizität aus, entsprach also dem heutigen Ausdruck „Landsmann.“ Die Konnotation mit einem besonderen Stolz auf die Heimat oder das „Vaterland“ kam erst im Zuge der europäischen Reformationskriege auf. In den 1560er-Jahren bezeichneten französische Hugenotten ihre Glaubensbrüder gelegentlich als „gute Patrioten“ (bon patriote). Entscheidend für den Bedeutungswandel war der Achtzigjährige Krieg, in dessen Verlauf sich die Anhänger Wilhelms von Oranien im niederländischen Kampf gegen spanische Fremdherrschaft als goede patriotten sahen.“ (Quelle)

Die Idee, ein Wort, das weder im Wortsinne noch im Sinne seiner Herausbildung je etwas anderes gewesen wäre, als ein Hinweis auf die Abstammung, mit anderen Ideen und vor allem auch mit anderen Emotionen besetzen zu wollen, noch dazu in Zeiten, in denen die „guten Patrioten“ (denn auch die „Schießbefehl-Rhetoriker“, die „besorgten Bürger“, die Ausländerfeinde, die neue Rechte verstehen sich als „die guten Patrioten“) wieder auf dem Vormarsch sind, mit all ihren alten Ressentiments und ihrer Ausgrenzungsideologie ist selbst dort verfehlt, wo man nur die besten Absichten unterstellen darf.

Und ihn erhalten zu wollen hält auch die Spaltung in „Wir“ und „Die“ aufrecht. Denn selbst Herr Restle, sonst klar einer derjenigen, die sich um inklusives Gedankengut verdient machen, kommt nicht umhin, für seinen „guten Patriotismus“ „…kämpfen zu wollen. Nicht aus besinnungsloser Liebe, sondern mit kühlem Kopf …“. Hier sind Kampf wie kühler Kopf jedoch bereits verloren an die Begrifflichkeit.

Es sind Ideen, die verbinden, nicht der Personalausweis.

Es sind Werte, die verbinden, nicht der Ort der Geburt.

Es sind gemeinsame Ideale und Lebensvorstellungen, die Gemeinsamkeiten schaffen, nicht Flaggen, Selbsterhöhung und Parolen von Kampf und Kollektivismus.

Und diese Ideen und Werte kennen keine Heimat. Schon gar nicht in Zeiten der Globalisierung, in denen Menschenrechtsaktivisten sich vernetzen können von China über die Türkei, von Afrika über Amerika. So können sich zwei Menschen kontinentübergreifend in ihren Lebensauffassungen näher sein, als sie es zwangsläufig mit dem eigenen Nachbarn sein müssen. Und sie kennen kein Kollektiv, bewegen und agieren nicht besinnungslos gemeinsam, sondern verbinden sich nach Bedarf und lösen sich, falls gewünscht, wieder voneinander. Keine Schicksals-, sondern eine Wahlgemeinschaft temporärer Natur.

Der Patriotismus hat ausgedient. Es ist ihm und seinen Anhängern bedauerlicherweise nur noch nicht aufgegangen.

Zuletzt steckt in jedem Patriotismus der Krieg, und deshalb bin ich kein Patriot. (Jules Renard (1864 – 1910), französischer Roman- und Tagebuchautor)

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Posted on: 28/09/2016SusannahWinter

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