Rotkäppchen 2.0

Rotkäppchen 2.0

Es war einmal, vor nicht allzu langer Zeit, da begab es sich, dass Rotkäppchen, wohlgenährt und proper und von der 38 Stunden-Woche, Arbeitnehmerrechten und Sozialversicherungen optimistisch gestimmt, sich auf den Weg machte, den mit Leckereien gefüllten Korb zur Großmutter zu bringen, auf dass diese teilhaben möge am Wohlstand.
Überhaupt teilte Rotkäppchen gern, sorgte für reiche Spenden, mal aus eigener Tasche, mal erbeten von anderen Dorfbewohnern, um sie dann denen zu geben, denen sie von Nutzen sein konnten. Und so hatte es über die Jahre geschafft, die Armut fast vollständig zu beseitigen und für Zufriedenheit und Auskommen für alle zu sorgen.
Wer hungerte, dem ward gegeben, wer Durst hatte, bekam Wasser. Und auch für Obdach für beinahe alle war gesorgt.
Und so war Rotkäppchen recht sorglos, denn was gälte es zu fürchten, wenn es doch allen gut ging?
Doch war ihm angeraten worden, immer auf dem rechten Weg zu bleiben, da von rechts und von links ungeahnte Gefahren drohten, die man auf dem vorgegebenen Wege eher nicht zu befürchten hätte.
Und da Fleiß, Gehorsam, Pünktlichkeit bisher gute Dienste geleistet hatten nahm Rotkäppchen sich vor, auch diesmal Folge zu leisten und sich ordnungsgemäß von Abwegen fernzuhalten.
Nun sah Rotkäppchen aber, während es noch fröhlich pfeifend seiner Wege ging, den Wolf, der sich am Wegesrand anscheinend vor Schmerzen wand.
Rotkäppchen und der Wolf hatten in der Vergangenheit eine funktionierende Kooperation gepflegt.
Diese basierte vornehmlich auf der Akzeptanz des Existenzrechts des anderen und der stillschweigenden Einigung darüber, sich gegenseitig keinerlei Schäden zuzufügen und sich ansonsten geflissentlich aus dem Wege zu gehen.
Wo nun das Rotkäppchen den armen Wolf aber so jammernd daliegen sah konnte es nicht anders und ging auf ihn zu:
„Sag, Wolf, was fehlt dir denn, dass du so herzerweichend lamentierst? Kann ich dir behilflich sein?“
Und der Wolf entgegnete in leidendem Ton: „Ach, mein Auskommen, das all die Jahre zusehends wuchs und wuchs, das mir Reichtümer ungeahnten Ausmaßes ermöglichte und mich nährte, es stagniert und droht sogar, verlorenzugehen. Und all dies nur, weil ich ein, vielleicht zwei krumme Gesch…“… er räusperte sich: „Ähm, spekulative Geschäfte gemacht habe, die selbstverständlich nur mehr Wachstum ankurbeln sollten und sich nun als Verlust herausstellen. Nun fürchte ich, dass ich bald Hunger leiden muss, ich Armer. Zwar sind meine Schafherden noch groß, doch dies kann sich morgen schon, ich sage Dir, bereits morgen, ändern. Und auch für dich, liebes Rotkäppchen, wird dies Folgen haben. Wenn mein Auskommen verloren geht, wie schnell ist es dann auch um deines geschehen?“
Rotkäppchen, das sich niemals Gedanken gemacht hatte über mögliche Verluste von Reichtümern und das mit dem zufrieden war, was es hatte, solange es ihm den Magen füllte, auch die Großmutter ernährte und weitere fröhliche Spaziergänge ermöglichte, nickte bedächtig mit dem Kopf. Wenn der große, starke Wolf so laut jammerte, er, der doch sonst eigentlich keine Furcht kannte, dann musste die Krise schlimm sein. Ganz sicher sogar sehr schlimm.
„Lieber Wolf, zwar weiß ich nicht, wie ich dir helfen kann. Doch komm, ich möchte schon einmal Brot, Kuchen und Wein, die ich bei mir trage, mit Dir teilen“.
Der Wolf, noch immer recht weinerlich, nahm gerne an und bediente sich am Weidenkorbe Rotkäppchens. Er trank einen großen Schluck Wein und ließ Rotkäppchen an der Flasche Wasser nippen, die es ebenfalls dabei hatte. Er aß einen großen Bissen vom Kuchen und verschlang das halbe Brot. Vorsorglich, wie er betonte. Denn zwar sei seine Armut noch nicht gekommen, aber sicher wäre dies bald der Fall, ganz sicher sogar. Eine Frage der Zeit sei dies lediglich, wenn nicht alle den Gürtel enger schnallen würden. Für eine Weile. Nur, bis alles überstanden sei.
Damit entrang er Rotkäppchen noch das Versprechen, ihn im Notfalle weiteren Kuchen zu beschaffen, fragte noch, wohin sie denn unterwegs sei und verschwand, satt und dennoch immer noch wehleidig, im Gebüsch.

Rotkäppchen, noch immer besorgt über den Zustand des Wolfes, aber zufrieden, zu seinem Wohlergehen und zur Hilfe beigetragen zu haben, kümmerte sich nicht um den merklich leichter gewordenen Weidenkorb. Es hatte immer noch genug für die Großmutter und wenn es sich selber heute einmal etwas zurücknahm, so wäre doch morgen zu Hause immer noch genug Kuchen, Wein und Brot übrig, um sich daran gütlich zu tun.
Und der Wolf würde sich schon wieder berappen. Schließlich waren seine Felder und Herden groß und er war bekannt dafür, dass er sogar überregional Handel trieb und über Angebot und Nachfrage seine Besitztümer stabil hielt.

So froh gestimmt ging Rotkäppchen weiter seines Weges, kam aber nicht umhin, im Wald eine Veränderung zu bemerken.
Es waren viele Bäume abgeholzt und da, wo sonst die Rosen so schön erblühten, stand jetzt ein Zaun mit Stacheldraht, der sie von den wunderbaren Rosen und deren Duft trennte.
„Privateigentum“ las jetzt ein Schild am Zaun. Und: „Betreten verboten“. Auch: „Eine Rose nur zwei Stücke Kuchen. Kaufe neun, bekomme die zehnte Rose geschenkt“
Rotkäppchen war verwundert. Wie konnten der Wald und all die schönen Blumen darin plötzlich umzäunt und nur gegen Kuchen zu haben sein?
War sie hier nicht aufgewachsen, hatte den Wald ebenso gehegt und gepflegt wie alle anderen?
Rotkäppchens Frohsinn wich einer selten dagewesenen Ernsthaftigkeit.
Der Marsch zur Großmutter fühlte sich plötzlich mühsamer an, der Weidenkorb schwerer.
Wozu sollte die Mühe des weiten Weges gut sein, wenn sie unterwegs nicht an den Rosen riechen oder die Bäume betrachten konnte?
Als endlich Großmutters Haus in Sichtweite kam, war die Erleichterung groß.
Vielleicht hatte Großmutter Antworten auf die Frage, warum plötzlich verboten sein sollte, was zuvor noch immer erlaubt gewesen war.

Das Häuschen der Großmutter war von bescheidener Größe, wirkte auf Rotkäppchen aber immer warm und einladend.
Als es jedoch heute die Wohnstube betrat, die sonst hell und freundlich wirkte, konnte es kaum etwas erkennen. Die Gardinen waren zugezogen und kein Lichtstrahl kam herein.
Im Schlafzimmer sah es schemenhaft die Großmutter liegen, erkannte sie an der Nachthaube und konnte ihre Gestalt unter der Bettdecke ausmachen.
„Sag, Großmutter, warum ist es denn so dunkel hier drinnen? Soll ich nicht die Gardinen aufziehen und ein wenig Licht ins Dunkel bringen?“
„Nein“, antwortete die Großmutter mit brüchiger Stimme: „Nein, nein. Es ist gut so, wie es ist. Ich mag mich heute nicht zeigen. Und auch sonst bin ich lieber im Dunklen. Ich bin krank, das versichere ich Dir. Und es ist besser für uns beide, wenn nicht alles zu sehen ist. Glaube mir, ich meine es nur gut mit Dir“.
Rotkäppchen nickte besorgt und kam einen Schritt näher.
Nur wenig konnte es von der Großmutter sehen, aber das Wenige verwunderte doch:
„Sag Großmutter, warum hast Du denn so große Augen?“
„Damit ich dich besser sehen kann. Alles, was du tust. Immer und überall. Schließlich muss ich dich beschützen können, mein Kind, wenn dir irgendjemand ein Leides tun will. Glaubst du nicht auch, dass es da besser für dich ist, dass ich immer ein Auge auf Dich habe? Fühlst du dich nicht gleich sicherer?“
„Nun ja, aber Großmutter, warum hast Du denn so große Ohren?“
„Kind, wie naiv Du bist. Weißt Du denn nicht, dass so viele da draußen in der großen, unsicheren Welt, dir Deine Freiheit rauben wollen? Dass sie dir an Leib und Leben, an Wohlstand und Werte wollen? Wie sollte ich sie sonst rechtzeitig kommen hören, wenn nicht mit großen Ohren, die alles hören. Und ich verspreche dir, was auch immer ich höre, es bleibt zwischen uns. Du kannst mir blind vertrauen. Denn mein Kind du solltest wissen, dass ich es immer und ausschließlich gut mit dir meine.“
„Gut, gut, Großmutter. Aber sag: Wieso hast Du denn auf einmal so große Pranken?“
„Mein Kind, mit ihnen kann ich festhalten, was die ganze Welt uns nehmen will. Sie beschützen dich mit ihren Klauen, denn ohne Kampf geht es nun mal nicht in der Welt. Auch halten sie Althergebrachtes fest und kämpfen für dich, und immer nur für dich, gegen die Feinde, die uns bedrohen. Oder hat dir bisher schon jemand ein Leides tun können? Nein? Siehst du, wie gut sie funktionieren?“
„Nun gut, Großmutter, aber warum hast Du denn so furchtbar scharfe Zähne?“
Zähne und Augen blitzten auf.
„Damit ich dich mit Haut und Haar fressen kann“
Und erst jetzt erkannte das Rotkäppchen, wen es vor sich hatte.
Es war der Wolf in Verkleidung der lieben Großmutter, die er schon gefressen hatte, als Rotkäppchen noch mit sorgenvoller Miene die umzäunten Rosen betrachtet hatte.
Er hatte sie dazu gebracht, die Tür zu öffnen mit der gleichen Geschichte, mit der er sich Rotkäppchens Hab und Gut erschlichen hatte, um sich das alte Großmütterchen dann in Gänze einzuverleiben.
„Aber Wolf“, rief Rotkäppchen entsetzt: „Du bist doch satt nachdem ich dir von meinem Kuchen und meinem Brot gegeben habe. Du hast mehr gefressen, als dein Magen je verdauen könnte. Deine Ländereien sind noch da, deine Schafherden so reich und üppig wie eh und je. Du hast schon Großmutter gefressen. Was willst du nun auch mir an meine Existenz? Kannst du dich nicht genügen? Es ist doch genug für uns beide da“.
„Was soll ich mich mit einem Haus, mit einem Baum, mit einer Blume begnügen, wenn ich hunderte von jeder Sorte haben kann? Was soll mir ein Kuchen reichen, wenn die ganze Bäckerei zu haben ist? Warum sollte ich teilen? Für naive Ideologie? Wem sollte diese dienlich sein?“
Und so warf sich der Wolf auf das Rotkäppchen und verschlang es mit wenigen Bissen, renovierte in den Folgetagen das Haus und ließ es meistbietend versteigern.

Und die Moral von der Geschicht‘?
Wenn’s einen Jäger braucht, ist keiner in Sicht

 

(Veröffentlicht am 19.05.15 auf Tonfarbe.wordpress.com)

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Posted on: 17/03/2016SusannahWinter

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