Politik ist nicht alles, aber alles ist Politik

Politik ist nicht alles, aber alles ist Politik

Eine gute Regierung ist wie eine geregelte Verdauung; solange sie funktioniert, merkt man von ihr kaum etwas. (Erskine Caldwell)

Neulich auf Facebook entflammte eine Debatte darüber, ob und warum manche denn alles politisieren müssten und ob man nicht einmal ohne Politik auskommen könne.
Ich warf ein, dass alles Politik sei.
Dass der Mensch als soziales Wesen, ob er nun wolle oder nicht, damit auch zwangsläufig ein politisches Wesen sei, und erntete Unverständnis.
Die Entrüstung war groß, schließlich gäbe es doch viele private Bereiche, die mit Politik nichts zu tun hätten.
„Nennen Sie mir einen“, bot ich an.
Die simple und zu erwartende Antwort folgte prompt:
„Sex“.
Tatsächlich möchte man meinen, der private Raum sei eben privat.
Dem ist jedoch nicht so. Was hängt am Sex nicht alles, was politisch wäre:
Familienpolitik, Sozialpolitik, Wohnungspolitik.

Sehen Sie, um Sex zu haben müssen schon diverse Vorbedingungen erfüllt werden.
Gut wäre, Sie hätten eine Wohnung.
Nicht nur, dass diese simple Tatsache Ihre Chance auf einen potenziellen Sexualpartner maßgeblich erhöht, sie ist auch eine Frage der Politik.
Die politischen Entscheidungen, wer wo wohnen kann, soll und darf, treffen wir nicht privat.
Auch die Entscheidungen, die zur Höhe Ihrer Löhne führen, die dann erst mitentscheidend sind, wenn es bei Ihrer Wohnungssuche darum geht, welche Wohnung in welchem Stadtteil denn bezahlbar ist, obliegt nicht alleine Ihnen und ist ein Politikum.

Ich möchte nicht bestreiten, dass auch Obdachlose im Zweifelsfalle Sex haben können, doch dürfte die Auswahl an potenziellen Partnern im Falle von Obdachlosigkeit massiv zusammengeschrumpft sein. Auch wäre hier als politische Tatsache zu verbuchen, dass man nicht überall Sex haben darf, nur weil man als Obdachloser quasi zeitgleich außerhalb wie auch innerhalb der Gesellschaft lebt.

Als Obdachloser dürfen Sie sich damit anfreunden, dass Sie von Polizisten, Anwohnern und anderen, mal mehr, mal weniger freundlichen Menschen, des Platzes verwiesen werden. Obdachlos zu sein macht Sie noch nicht frei. Schon gar nicht frei von politischen Entscheidungen.

Gehen wir aber nun von dem günstigen wie politischen Umstand aus, Sie verfügen über Arbeit oder das Glück, eine der wenigen verbliebenen Sozialwohnungen ergattert zu haben, nachdem Sie sich auf dem Wohnungsmarkt die Hacken abgelaufen haben, die ebenfalls ein Politikum sind, denn diese sind entweder in Bangladesch unter unmenschlichen Bedingungen hergestellt, in China von Arbeitssklaven gefertigt oder vielleicht als „deutsche Wertarbeit“ unter Bezahlung des Mindestlohns entstanden, dann sind Sie jetzt in der wunderbaren Lage, sich einen Partner zum Vergnügen oder zur Familienplanung zu suchen.

Die Partnerwahl, von Natur aus schon nicht unbedingt leicht, so Sie nicht mit allen optischen, intellektuellen und finanziellen Vorzügen gleichzeitig ausgerüstet und nicht älter als zwanzig sind, ist nicht nur mühselig sondern nicht selten auch Politikum.
Geld ist nicht nur häufiger Streit- und Trennungsgrund, es ist auch entscheidender Faktor bei der Suche nach einem Partner in Zeiten zunehmender Ökonomisierung des Menschen.
Blättern Sie einmal durch die einschlägigen Annoncen, Sie werden verstehen, was ich meine:
„Er, gut situiert, sucht…“, „Sie, unabhängig und doch anlehnungsbedürftig, sucht…“.

Was auf den ersten Blick Privatsache ist, wird bei näherer Betrachtung zum Produkt politischer Entscheidungen und gesellschaftlicher Normen und Zwänge.
Sie haben Arbeit? Ihre Chancen stehen gut, ein paarungswilliges Männchen oder Weibchen zu finden.
Derzeit leider arbeitslos? Ich muss Sie enttäuschen. Sie sind gerade aus dem Raster der meisten Partnersuchenden gefallen. Frauen orientieren sich gerne gleichwertig und aufwärts, wenn es um den Lebensstandard geht.
Männer sind finanziell gerne großzügiger, so die Partnerin als „Gegenleistung“ ein bestimmtes Alter nicht überschritten hat und attraktiv genug ist, um über finanzielle Defizite hinwegzusehen.
Klischees, selbstverständlich.
Leider aber Klischees, denen die Realität in nichts nachsteht.
Die Chancen der Frau auf dem Partnermarkt sinken mit zunehmendem Alter und der Anzahl der Kinder.
Dafür haben Männer ohne Arbeit oder Geld schlechtere Chancen, die gewünschte Partnerin zu erobern.

Ob Sie dieser Tage Arbeit haben und wie gut diese bezahlt ist, ist ebenfalls ein Produkt politischer und gesellschaftlicher Prozesse.
Sollten Sie derzeit gar auf Staatsleistungen angewiesen sein, wird die Partnerwahl zur Qual.
Es bleibt Ihnen beinahe nichts anderes übrig, als sich ausschließlich in Ihrer „Klasse“ nach einem Partner umzusehen.
Sollte Ihnen ein Mensch begegnen, der in Lohn und Brot steht und sich daraus eine Partnerschaft entwickeln, so hat der Staat sich das Recht eingeräumt, diesen für Unterhaltszahlungen zur Kasse zu bitten.
Die Chance, dass Ihnen ein potenzieller Wegbegleiter begegnet, der sich für Sie mit Freude und Enthusiasmus vom Staat auf seine Finanzen hin durchleuchten lässt, die Miete allein zahlt und sich damit abfindet, Sie durchzufüttern, ist meines Erachtens und meiner Erfahrung nach, eher gering.

Auch wird es für Sie schwer, überhaupt an den Punkt zu kommen, gemeinsame Interessen zu finden, können Sie sich doch weder Kino noch Essen gehen leisten, Theater und Oper stehen außer Frage, beim Museumsbesuch zücken Sie schamhaft Ihren Leistungsbescheid.

Sollten Ihre Bemühungen, wie auch immer Ihr Kontostand derzeit aussehen mag, doch von Erfolg gekrönt sein, könnten Sie sich vor Augen halten, dass das Bett und das Sofa, die zum Zwecke bereitstehen, politisch genormt sind und, den Hacken ähnlich, unter bestimmten Arbeitsbedingungen fabriziert wurden.

Wenn Sie Pech haben und Ihr Bett quietscht allzu laut während Sie sich dem Liebesspiel hingeben, dann dürfte die politische Idee des Mietvertrages oder Beschwerdebriefes durch Nachbarn greifen.
Sinnvoll ist es also, sich nach Partner und Bett umzusehen, die einen bestimmten Lärmpegel nicht überschreiten.
Die Kondome und etwaigen anderen Verhütungsmittel, die Sie (hoffentlich) nutzen, sind Din-genormt und entsprechen bestimmten Qualitätskriterien.
Das ist gut so, es sei denn, Sie wollen unnötige Risiken eingehen.

Dass Verhütungsmittel an sich mehr sind als nur nützlich, beweist die ewige Diskussion über deren Bezahlung, sowie deren Verbreitung.
Noch immer wettert der Vatikan gegen Verhütung, trotz HIV-Infizierungen breiter Teile Afrikas, und hat dennoch zeitgleich seine Finger in der Verhütungsmittelproduktion. (Siehe: „Die Lehre des Unheils“).

Und auch hierzulande darf man sich immer wieder der Frage stellen, warum Verhütungsmittel nicht gratis oder als Kassenleistung ausgegeben werden.
Von einer Mitarbeiterin einer Krankenkasse wurde mir gar erzählt, dass sogar im Falle der Gefahr einer Risikoschwangerschaft und eigener Lebensgefährdung die Pille nicht als Kassenleistung ausgegeben wird. Der Verhütungszweck nötigt zur Selbstzahlung, unabhängig von gesundheitlicher Notwendigkeit wie Hormonstörung oder Selbstgefährdung im Falle einer Schwangerschaft.

Dem entgegen steht die Tatsache, dass Kosten für eine Abtreibung im Zweifel von der Kasse getragen werden.
Vorsorge bestrafen – Nachsorge bezahlen.
Eine häufig auftretende Grundkrankheit unseres politischen Systems.

In diesem Falle wenden einige oft ein, dass man die paar Euro wohl investieren könne, aber wenn Sie sich ausrechnen, dass ein armer Mensch in diesem Land  nach Abzug der üblichen Kosten (Telefon, Internet, Strom, Miete) je nach Fähigkeit zu haushalten 7-8 Euro am Tag zur Verfügung hat (von denen lediglich 4,70 theoretisch für Nahrung und Getränke gedacht sind), dann sind 25 – 30 Euro Vorkasse für Verhütungsmittel wie Pille, Ring, Drei-Monats-Spritze mehr Geld, als die meisten aufbringen können.

Sie sind bereit loszulegen, Verhütungsmittel sind in Fülle vorhanden, Ihre Stimmung ist noch nicht getrübt?
Dann dürfte Sie spätestens jetzt die Frage nach „Was darf ich, was darf ich nicht“ umtreiben.
In Zeiten des, zum Politikum erhobenen, Geschlechterkampfes ist die Frage danach, wer welche „Rolle“ einnimmt, nicht mehr leicht zu beantworten.

Selten spazieren wir durch ein Lokal unserer Wahl, erblicken einen potenziellen Sexualpartner und sind ehrlich genug, nach einer freundlichen Vorstellung der eigenen Person hinzuzufügen, welche sexuellen Vorlieben uns umtreiben.
Zwar dürfen wir davon ausgehen, dass ein Partner, den wir mit nach Hause genommen haben, zumindest die Frage nach der Vorliebe des Geschlechts unausgesprochen beantwortet hat, doch die Frage nach Dominanz oder Devotion, nach Fetischen oder anderen individuellen Interessen kann im Zweifelsfall zum Politikum werden, so Mann (oder Frau) zu forsch vorgehen sollten.
„Wie sage ich’s am besten“ und „Darf ich es überhaupt sagen“ sind eben auch eine Frage der Gesellschaftsnorm die, je nach vorherrschendem Gesellschaftsstandard, dann auch gesetzlich verankert ist.
Politik in Reinform.

Sollten Sie jetzt immer noch Lust haben, nur zu.
Der Akt an sich gehört, nach all den überwundenen Hürden, ganz Ihnen.
Sex ist nicht zuletzt deshalb so ein großartiger Vorgang, weil all die hübsche, körpereigene Chemie jetzt dafür sorgt, dass der Kopf abschaltet.
Die kurzzeitige Illusion von Freiheit und völliger Hingabe entschädigt für einiges.

Spätestens der Orgasmus holt uns nun aber in die Realität zurück.
Wer nicht verhütet hat, auf den warten an diesem Punkt, so er denn nicht plant sich zu vermehren, Reue und Angst.
Hepatitis und HIV wären nur zwei mögliche Konsequenzen aus ungeschütztem Verkehr und beide hätten Folgen, die durchaus politisch zu betrachten sind. Wer HIV hat darf kein Blut mehr spenden, bestimmte Berufe nicht mehr ausüben, muss auch noch immer soziale Ächtung fürchten.
Die Frage nach der Kostenübernahme für Medikamente ist ein Politikum, nicht minder die Investitionen, die in die Erforschung effektiverer Medikation fließen.
Für Hepatitis gilt Ähnliches.

Sie hatten Glück, beide Partner sind gesund und erwarten nun ein (hoffentlich ebenso gesundes) Baby?
Herzlichen Glückwunsch!

Ihr persönliches Glück teilen Sie mit der gesamten Gesellschaft, es bindet Sie ein in politisch gestaltete Vorgänge.
Vorsorgeuntersuchungen, IGeL-Leistungen, Schwangerschaftskurse, die Frage danach, ob Mann die Vaterschaft anerkennt und ob Frau ihn überhaupt Vater sein lässt, die dann mit einer schriftlichen Erklärung seitens des Vaters nach der Geburt, politisch korrekt, bürokratisch geklärt wird.
Ebenso die Frage nach der Hebamme und ob Sie es sich leisten können, zuhause zu entbinden, nachdem die Krankenkassenleistungen für Hebammen, die außerhalb von Krankenhäusern Kindern auf die Welt helfen, in astronomische Höhen gestiegen sind.

Ihr gemeinsames Kind ist nun da, die Freude groß.
Jetzt bleibt nur zu klären, wer zu Hause bleibt und wer den Job behält.
Welche Kita zuständig ist, und ob Plätze vorhanden sind, auf die Sie nicht Jahre warten müssen.
Ob Ihre Wohngegend kinderfreundlich gestaltet und damit die Fahrt vom Kindergarten zur Arbeit machbar ist.
Wie hoch das Kindergeld bemessen ist oder ob die Unterhaltszahlungen monatlich eingehen oder eingeklagt werden müssen.
Dafür wäre dann im Zweifel ein Anwalt vonnöten.

Die Frage danach, wie politisch Sex denn nun ist, sie ließe sich endlos fortführen.
Denn Politik ist keine Frage der persönlichen Einstellung.
Der Mensch ist, als Teil einer großen Gesellschaft, automatisch und ohne sich dafür zu entscheiden, bereits ein politisches Wesen.
Die einzige Entscheidung, die er treffen kann ist die, ob er dies aktiv oder passiv sein möchte, bewusst oder unbewusst.

Der Ausdruck Politik wurde, mit Umwegen über das Lateinische (politica, politicus), nach griechisch Πολιτικά (politiká) gebildet. Dieses Wort bezeichnete in den Stadtstaaten des antiken Griechenlands alle diejenigen Tätigkeiten, Gegenstände und Fragestellungen, die das Gemeinwesen – und das hieß zu dieser Zeit: die Polis – betrafen. Entsprechend ist die wörtliche Übersetzung von politiká anzugeben als „Dinge, die die Stadt betreffen“ bzw. die „politischen Dinge“. In dieser Bedeutung ist „Politik“ vergleichbar mit dem römischen Begriff der res publica, aus dem der moderne Terminus der „Republik“ hervorgegangen ist. Eine begriffsgeschichtlich besonders prominente Verwendung fand das Wort als Titel eines Hauptwerks des antiken Philosophen Aristoteles, der Politik (Quelle: Wikipedia)

Der Mensch innerhalb der Polis, also der Stadt oder des Gemeinwesens, ist bereits ohne sein Zutun ein politischer Mensch.
Ich persönlich habe mich dafür entschieden, dies bewusst wahrzunehmen und als Teil meines Lebens zu akzeptieren, zu begreifen, dass es kein Thema gibt, das nicht im Kern auch eine politische Frage ist, also Frage eines Gestaltungsprozesses, der permanent stattfindet.

Und, allen Unkenrufen zum Trotze, ist Sex auch für mich immer noch ein ganz phantastischer Vorgang.

Gerade in dem Bewusstsein, dass alles Politik ist, Politik aber nicht alles.

Je weniger die Leute davon wissen, wie Würste und Gesetze gemacht werden, desto besser schlafen sie. (Otto von Bismarck)

 

(Veröffentlicht am 23.06.15 auf Tonfarbe.wordpress.com)

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Vielen Dank fürs Teilen
Posted on: 17/03/2016SusannahWinter

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