Inklusion statt Selektion

Inklusion statt Selektion

Heute ist, wie an jedem 21ten März seit 2006, Welt-Down-Syndrom-Tag.

Wieder wird viel darüber geschrieben, dass und warum wir Inklusion fördern sollten.
Getan wird wenig.

Es erfüllt mich noch heute mit Zorn und Scham, wie es mir in dieser vordergründig aufgeklärten Gesellschaft gelingen konnte, keinem Menschen mit physischer Beeinträchtigung näher zu begegnen, bis ich 29 wurde.
Die Schule, die ich besuchte, war auffällig behindertenfrei.
Ebenso mein Freundeskreis, Hort, Kindergarten, die Familie.

Meine Oma hatte eine Poliobehinderung, konnte eine Hand nicht nutzen, was mir allerdings als Kind gar nicht als Einschränkung auffiel. Wie so viele Behinderungen kaum noch Thema sind, wenn man erst einmal mit ihnen umzugehen lernt.
Und diese Erkenntnis, als ich bereits Ende zwanzig war, veranlasste mich, mich näher mit dem Thema Lebensrecht zu beschäftigen.

Wie, um Himmels willen, konnte es passieren, dass eine Gesellschaft, die mit ihrem Pluralismus hausieren geht, um die eigene Wertigkeit gegenüber anderen Ländern mit Mangel an Menschenrechten zu unterstreichen, so wenig Vielfalt in der eigenen Mitte zustande bekommt?
Wie kann es sein, dass öffentlich zwar immer wieder Inklusion gefordert wird, jedoch bestenfalls halbherzig, da das Argument, dass diese zwangsweise mit Leistungsminderung der „normalen“ Schüler einhergehen müsse, noch immer im Vordergrund steht?
Die speziellen Förderschulen waren sicherlich einmal nett gemeint, sollten Schutz bieten. Jedoch bedeuten sie nicht selten Ausgrenzung für Eltern von Behinderten und auch für die Betroffenen selber.

Immer wieder versuchen engagierte Mütter, Väter und Behindertenverbände, diese Hemmschwelle zu durchbrechen. Mit wenig Erfolg.
Behinderungen werden, ganz im Gegensatz zu den öffentlichen Beteuerungen, weitestgehend aus dem Sichtfeld der restlichen Bevölkerung getilgt.

Behinderte im Fernsehen? Fehlanzeige, es sei denn, Aktion Sorgenkind ruft zu Spenden auf.

Dabei gibt es sie, die Menschen mit Down-Syndrom und anderen physischen Einschränkungen, die schauspielern, malen, singen, ebenso kreativ sind wie ihre körperlich unbeeinträchtigten Mitmenschen.
Sie werden schlicht ignoriert.

Und so beginnt ein Teufelskreis, denn Angst macht vor allem, was fremd und neu ist, was man nicht kennt, womit man nie in Berührung geraten ist.
Und anstatt sich mit dieser Angst konfrontativ auseinanderzusetzen, wird auf Vermeidung gesetzt.

Medien, allen voran das Fernsehen, suggerieren das vermeintliche Ideal des Lebens, ähnlich wie es Märchen für Kinder tun.
Schönheit, Gesundheit, Happy End. Der Held kann im Bild des zugespitzt perfektionierten Menschen nicht im Rollstuhl sitzen oder anstelle von Bösewichten einfach nur die Hürden des Alltags überwinden.

So kommt sich Mensch heute selber vor, wie der Held seiner eigenen Geschichte und fühlt sich schon als Versager, wenn die ersten Falten das Bild der ewigen Perfektion trügen, wenn Brüste sich der Schwerkraft beugen und Richtung Kniekehle wandern.
Alles, was fern dieser idealisierten Lebensvorstellung passiert, wird als fehlerhaft eingestuft.

Übergewicht, Erfolglosigkeit, Armut, Kinderlosigkeit… und selbstverständlich Behinderungen.

Wir leben in einem Zeitalter der Normierung, der Unterwerfung unter den kleinsten gemeinsamen Nenner. So muss auch der Begriff „Behinderung“ gesehen werden:

Der Kern des Problems mit dem Begriff Behinderung … liegt in der Unterscheidung von Menschen mit und ohne und damit in der Konstruktion von zwei unterschiedlichen Gruppen, von denen die eine als normal definiert ist und die andere als nicht normal

Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass in Zeiten der Fruchtwasseruntersuchung und Früherkennung alles darauf hinausläuft, dass Selektion, einst von den Nazis propagiert, um „kranke und untüchtige Erbanlagen“ aus dem Volk zu tilgen, wieder Hochkonjunktur hat.
Der Leistungsfetisch unserer Gesellschaft trägt dazu bei, dass Leben wieder in „lebenswert“ und „lebensunwert“ unterteilt wird. Das Kind wird immer mehr zum Luxusgut, zu Eigentum deklariert, das die eigenen Lebensentwürfe vervollständigen soll.

Es soll so aussehen wie es die Phantasie ausmalte, als Mann oder Frau sich vorstellten, wie es einmal sein würde, Familie zu haben. Immer glücklich, immer gesund, irgendwann Enkelkinder.

Kinder als Ego-Erfüllungsgehilfen.

Und nicht zuletzt Kinder im Eigentumssinne, wenn es schließlich darum geht, über deren Leben und Tod zu entscheiden.

Die Nationalsozialisten hielten sich mitnichten selber für schlechte Menschen. Sie glaubten fest daran, der Gesellschaft und auch den Behinderten einen Gefallen zu tun, als sie diese via Zwangssterilisation und Tötung ausrotten wollten.
Und auch heute werden „gute Gründe“ angeführt, warum denn selbst Spätabtreibung, also die Tötung noch bis kurz vor der Geburt, akzeptabel sei.
Ein Hauptgrund, dieser Tage scheinbar Triebfeder für alles Tun und Handeln:

Die Leistungsfähigkeit.

Im besonderen Falle des Down-Syndroms, das leichte wie auch schwere Verläufe kennt, mitnichten aber mangelnde Lebensfähigkeit oder einen Mangel an Lebensqualität bedeuten muss, vor allem auch die elterliche Leistungsfähigkeit. Was ist ein Kind wert, das Mehraufwand bedeutet? Die Kalkulation von Rentabilität, auch emotionaler Rentabilität, hat Einzug gehalten ins Private. Auch Kinder unterliegen der Kosten-Nutzen-Rechnung, wenn sie mehr Arbeit bedeuten, als geplant war, wenn sie nicht vorzeigbar sind, nicht das Bild abrunden, das Lebensplan war.

Dies alles wird versteckt unter dem Deckmäntelchen der vermeintlichen Nächstenliebe.

Man muss schon eine äußerst zynische Ader haben, um zur Tötung eines Kindes dessen eigenes Wohl anzuführen. Viel eher ist unsere Gesellschaft mehr und mehr darauf abgestimmt, Leistung und größtmöglichen Eigennutz als Lebensmittelpunkt zu definieren.
Ein Kind, das mehr Arbeit und Sorge macht, als die persönliche Lebensutopie von Häuschen, Auto, aktivem Ehepartner, Job, weißem Gartenzaun, gesundem Kind, wird zur persönlichen Niederlage, zu Versagen erklärt.

Die tatsächliche Niederlage liegt in der Aufgabe der humanistischen Grundrechte und -Werte.

Das Lebensrecht des Individuums wird geopfert und schafft eine Gesellschaft, die ihre vermeintliche moralische Überlegenheit gegenüber anderer Kulturen, deren Ausrede für Tötung, Steinigung, Verbrennung auf archaischen Lebensideen religiöser Natur fußt, mit der Lüge moralischer Tötung aus Nächstenliebe aufrechtzuerhalten sucht. Dass diese Begründung kaum mehr standzuhalten vermag, als das sich-berufen auf Gott oder Religion, wird nur bei näherem Hinsehen deutlich.

So twitterte Dawkins, fern jedes religiösen Wahns, es sei „unmoralisch, ein Kind mit Down-Syndrom nicht abzutreiben

Radikales Gedankengut ganz ohne Religion.

In Wahrheit kann niemand über den Wert eines Lebens entscheiden, der nicht selber dieses Leben führt.
Als an Depressionen Erkrankte, rein physisch potenziell „Leistungsfähige“, weiß ich durchaus, dass gesunde Arme und Beine, Hände und Füße, noch keinen gesunden oder glücklichen Menschen machen.

In wunderbarer Erinnerung wird mir ein Mann bleiben, den ich bei einem Auftritt (als ich noch beruflich als Sängerin tätig war) beobachten konnte. Der wirbelte im Rollstuhl über die Tanzfläche und schien den Spaß seines Lebens zu haben, während meine linken Füße mir das Tanzen seit jeher verbieten.

Jeder von uns ist schon in diversen Situationen von seinem Gegenüber falsch beurteilt und eingeschätzt worden. Und obwohl die meisten von uns diese Erfahrung machen, glauben nicht wenige immer noch, sie könnten andere von außen beurteilen, könnten einschätzen, was „lebenswert“ ist und was nicht. Sie projizieren ihre eigenen Ängste vor Krankheit und Schmerz auf ihr Gegenüber.
Dass wir bei der Beurteilung anderer immer nur auf der Basis unserer eigenen, kärglichen Erfahrungen urteilen, wird gerne vergessen.

Tatsächlich haben wir uns, ganz im humanistischen Sinne, einmal entschieden, jedem Leben einen Wert beizumessen.
Wir schworen nach dem zweiten Weltkrieg „Nie wieder“ und doch haben wir uns erneut verführen lassen, ausgerechnet den Stimmen Glauben und Vertrauen zu schenken, die darauf beharren, beurteilen zu können, welches Leben wertvoll sei, und welches besser dran, so man es denn nur rechtzeitig terminierte.
Wann kommt es endlich zur kollektiven Erkenntnis, dass die Beurteilung des eigenen Lebenswertes nur dem Individuum unterliegen kann, das dieses Leben lebt? Und zwar, wenn das Leben bereits im Gange oder vielleicht schon gelebt ist. Auch wir werden erst am Ende unseres Lebens für uns selber beurteilen können, welchen Wert wir unserem eigenen Leben beimessen, was sich gelohnt hat und was nicht.

Jeder Versuch, dies von außen zu tun, kann nur scheitern.

Sinnvoll wäre wohl, an dieser Stelle  Behindertenverbände und Behinderte selber zu fragen. Und diese positionieren sich klar für ihr Lebensrecht.

Selbstverständlich.

Liebe Leser: Was würden Sie tun, wenn jemand Ihnen das Lebensrecht abspricht weil er glaubt, es besser zu wissen und dies in Ihrem Namen zu können und zu dürfen?

Nun wird an dieser Stelle immer wieder angeführt, man könne den Eltern ein behindertes Kind kaum „zumuten“ [sic].
Ich möchte an dieser Stelle einmal polemisch fragen, was dann mit Eltern passieren sollte, so das Kind diese als unzumutbar erfährt, und daraufhin entscheidet, es hätte lieber bessere, tauglichere Eltern? Wie wollen wir auf Dauer mit Mitmenschen verfahren,  die man vermeintlich niemandem „zumuten“ kann?

Wie hätten wir auf Basis dieser Handlungsweise wohl noch vor nicht allzu langer Zeit über Homosexuelle entschieden? Über Juden? Über Schwarze?

Ist eine Debatte über Lebenswert nicht viel Unzumutbarer?

Wer entscheidet über Zumutbarkeit, wenn Ärzte dieser Tage an Stelle von grundlegender Aufklärung über die jeweilige Behinderung lieber gleich Abtreibung empfehlen, oft sogar nachdrücklich, nicht selten die eigenen Praxiskosten im Auge.
Woher soll das Wissen über die tatsächlichen Folgen eines Lebens mit einem Kind mit Trisomie 21 herkommen, wenn die Gesellschaft alles tut, um diese Erfahrung zu unterbinden?
Und darf Angst allein ein Tötungsgrund sein in einem Schwangerschaftsstadium, in dem das Kind lange schon selbstständig lebensfähig ist?

Dass auch Ärzte sehr wohl wissen, dass die Grenzen, die das Gesetz für die legalisierte Tötung von Behinderten gesetzt hat, willkürlich sind, eben ganz im Sinne der Legalisierung, zeigen die in letzter Zeit immer wieder aufkeimenden Diskussionen, unter anderem im „Journal of Medical Ethics“, über den Infantizid und die angebliche Notwendigkeit, Eltern im Zweifelsfalle auch nach der Geburt noch das Recht auf Tötung des nicht wunschgemäßen Kindes zuzugestehen.

Eltern sind, und das gilt für alle Menschen gleichermaßen, fern der Unfehlbarkeit.
Wie kann man glauben, Eltern könnten unfehlbar ein Urteil über Leben und Tod fällen?
Dank der Tatsache, dass mittlerweile 90% Prozent der Schwangerschaften, in denen mit Hilfe von Früherkennung das Down-Syndrom festgestellt wird (mit mangelnder Genauigkeit), unterbrochen werden, dürfte Inklusion in noch weitere Ferne rücken.

Je weniger inklusionswürdige Menschen geboren werden, desto kleiner werden die Möglichkeiten für die Lebenden.
Schon jetzt wächst der Druck auf Eltern, die sich für das Leben ihres Kindes entscheiden.
Immer wieder berichten Eltern von Anfeindungen, wenn sie sich mit ihren Kindern innerhalb unserer Gesellschaft bewegen.

Aus der „Möglichkeit“ abzutreiben ist mittlerweile beinahe eine Verpflichtung geworden.

Und so werden Eltern von Trisomie-21-Kindern nicht selten gefragt, ob eine Abtreibung nicht besser gewesen wäre, wenn sie nur rechtzeitig Bescheid gewusst hätten.
Ein Kind mit Behinderung als „vermeidbarer Faktor“.
Ein Schlag ins Gesicht für liebende Eltern, die neben mehr Mühe auch noch Ausgrenzung am eigenen Leib ertragen müssen.
Eine Bekannte berichtete, dass der Spruch „Unter Hitler hätte es das nicht gegeben“ gefallen sei.

Und auch in Foren sorgen sich Mitbürger zum Thema Down-Syndrom:

Ein Problem entsteht doch erst ,wenn die Eltern nicht mehr in der Lage sind, die Obhut weiter zu übernehmen infolge Alter oder Tod. Dann muß die Allgemeinheit herhalten; hier liegt wohl die ablehnende Haltung

Die Errungenschaft humanistischer Werte, solidarischer Gesellschaftsordnung, sie werden hier, ganz im neoliberalen Sinne des Leistungsfetischs, der Möglichkeit geopfert, jemand könne Geld kosten. Dass auch der Schreiberling dieser Zeilen früher als gedacht einen Schlaganfall erleiden, einen Unfall haben könnte und so ebenfalls um eine Neueinordnung seiner Frage nach dem Wert des Menschen an sich nicht herumkäme? Kein Thema.
Der Verdrängungsmechanismus des Menschen, wenn es um Krankheit und Tod geht, macht’s möglich.

Ein weiterer Kommentar lautete:
Wer bestimmt, dass es ein Recht auf Leben gibt.? Niemand außer Gott und den Eltern deren Kind ihr Leben ist und beeinflußt. Niemand hat das Recht Eltern zu zwingen, ein Kind auf die Welt zu bringen, das nicht nur ihr Leben,auf Dauer verändert, sondern auch dem Kind ein Leben zumutet in dem es nachweislich nie alleine zurecht kommt und immer auf die Hilfe anderer angewiesen ist. Auch in der Natur selbst gibt es eine Auswahl und die ist oft viel grausamer aber gerecht.

Nicht nur werden hier Gott und Eltern als Allmacht in Einklang gebracht, auch (und wie immer in dieser Diskussion) wird die natürliche Selektion herangezogen.
Ein Schelm, wer nun einwerfen möchte, dass wir dann auch kollektiv auf Impfung, moderne Geburtsmedizin und Antibiotika verzichten müssten und damit eingestehen, dass auch unser Leben aller Wahrscheinlichkeit nach auf den Errungenschaften moderner Medizin basiert.
Mit ein wenig Empathie kann man auch als Nicht-Betroffener auf den Gedanken kommen, dass sich der Wert eines Menschen an mehr messen lassen muss, als an Kosten.
In der derzeitigen Lage eines sich verschärfenden Turbo-Kapitalismus jedoch offensichtlich schwerer als gedacht.

Ein sicherer Spiegel für Gesellschaftswerte sind auch hier wie immer Kinder selbst.
Und so kopieren Kinder und Jugendliche das aggressive Gesellschaftsverhalten der Erwachsenen:
„Spasti“, „Krüppel“, „Behindi“ sind gängige Schimpfworte unter Kindern und Jugendlichen und machen die gelernten Werte, oder eher den Mangel daran, deutlich.
Wir dürfen nicht vergessen, dass es nicht das erste (und ganz sicher nicht das letzte) Mal ist, dass Menschen glauben, höherwertig zu sein oder andere als minderwertig einstufen zu dürfen.
Dies galt für andere Religionen, andere Ethnien, andere politische Ansichten.
Und immer wieder wurde im Namen der Idee, es vermeintlich besser zu wissen, getötet.

Eine Gesellschaft jedoch, die die Tötung legitimiert, delegitimiert sich selbst, wie auch den Anspruch auf eigenen moralischen Mehrwert.

Inklusion ist mehr, als ein „Gefallen“ für Behinderte und deren Eltern. Sie ist mehr, als eine soziale Wohltat in eine Richtung.
Tatsächlich wäre sie auch gesunde Konfrontation, die alle gleichermaßen bereichert und auch der eigenen Fehlbarkeit und der Möglichkeit der eigenen Leistungsunfähigkeit Raum einräumt.
Sie wäre ein Weg, irrationale Ängste in die Mottenkiste zu räumen, in die sie gehören.

Vor allem aber würde sie dem versprochenen „Nie wieder“ Rechnung tragen.

 

(Veröffentlicht am 22.03.15 auf Tonfarbe.wordpress.com)

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterEmail this to someoneShare on LinkedIn
Vielen Dank fürs Teilen
Posted on: 17/03/2016SusannahWinter

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Benachrichtige mich zu:
avatar
wpDiscuz