Ideologische Grabenkämpfe – Ist Religion die Wurzel allen Übels?

Ideologische Grabenkämpfe – Ist Religion die Wurzel allen Übels?

Wir feiern gerade Weihnachten, ein religiöses Fest.

Ein guter Zeitpunkt, nach Sinn und Unsinn von Religion zu fragen, wissenschaftliche und religiöse Weltbilder zu vergleichen und der Frage nachzugehen, ob Religion tatsächlich zu dem  Feindbild taugt, das ursächlich für jeden Krieg und jede Gesellschaftsspaltung sein soll.


Der Kampf um die eine Wahrheit


 

Der tiefe Graben zwischen Wissenschaft und Religion ist alt.
Nicht sonderlich verwunderlich, wurden doch große Vordenker der Wissenschaft unter der Vormacht von Religion verfolgt, ausgestoßen und an Leib und Leben bedroht.
Das Ziel der Wissenschaft in religionsgeprägten Gesellschafen war klar vorgegeben:
Sie sollte den Gottesbeweis erbringen.
Die Basis für jede Wissenschaft jedoch ist Zweifel, Kritik an den eigenen Gedanken, an gesellschaftlichen Normen und Vorgaben und so kann ein Wissenschaftler nur dann frei arbeiten und forschen, wenn er dies ergebnisoffen tun kann.
In gleichem Maße sahen sich auch Geisteswissenschaftler angehalten, Gott zu beweisen.

Und heute? Wir geben gerne vor, in aufgeklärten Zeiten zu leben, doch ganz ohne Dogmatismus kommen auch wir nicht aus.
Wir haben den Gottesglauben (weitestgehend) eingetauscht und glauben heute gerne an den funktionierenden Markt, Dollar, Euro und Yen. Wir glauben an unser politisches System als das einzig Funktionsfähige, die einzige Wahrheit, auch wenn uns Kritiker ein ums andere Mal auf systemimmanente Schwierigkeiten aufmerksam machen, die unser Glaubensgerüst ins Wanken bringen könnten.
Wir glauben, wie jede Generation vor uns, und vermutlich jede Generation nach uns, an unsere eigene Überlegenheit in kultureller und  wissenschaftlicher Hinsicht wie auch hinsichtlich unseres Lebensstils.
Und wer sich für Religion in seinem Leben entscheidet wird zwar nicht verfolgt und bedroht, doch eine der wirksamsten Strafen einer Gesellschaft waren schon immer Ausgrenzung und Spott und wer sich heute dazu bekennt, neben dem wissenschaftlichen auch noch ein religiöses Weltbild zu pflegen, gibt sich schnell der Lächerlichkeit preis.

Auch dieser naturwissenschaftlich ideologische Anspruch, die einzige  Wahrheit zu kennen, hat etwas religiös-dogmatisches. Wobei die meisten Wissenschaftler selbst weit eher geneigt sind, die Grenzen des eigenen Wissens einzuräumen und Wissenschaft als Entwicklungsprozess zu verstehen, als ihre Anhänger.
So fanden z.b. die Grundlagen der Psychoanalyse, bestenfalls halb verstanden  von großen Teilen der Gesellschaft, auch schnell Einzug in den Sprachgebrauch  („Es ist stärker als ich“). Ebenso wie Halbwissen über Genetik sprachlich heute allgegenwärtig ist („Das liegt in den Genen“).

„Wissenschaftler haben herausgefunden, dass…“ Fällt auf fruchtbaren Boden bei Menschen, die auch heute lieber glauben als zu  wissen und nur einer neuen Stimme folgen.
Als Gegenstimme dazu, ebenso blind,  hat sich das andere Extrem herausgebildet, das alles glaubt, wenn es nur das Gegenteil gängiger Ideen anbietet. So nimmt die Anzahl derer, die die Pharmaindustrie verteufeln, da diese nichts als Profite im Sinn hätte, den Medien „Lügenpresse“ entgegenschleudern, Impfen für einen Anschlag auf die Menschheit halten, hinter allen Anschlägen die USA und Israel vermuten eklatant zu. Kein Zeichen von unabhängigem Denken, das zu differenzieren weiß, sondern eine Mischung aus Unbeholfenheit im Umgang mit einem unüberschaubaren Mehr an Informationen und dem Bedürfnis nach der einen, simplen Wahrheit, die es in einer so komplexen Welt gar nicht geben kann.
Die Anhänger der Naturwissenschaften verachten die Religiösen, die Religiösen verachten die Anhänger der Naturwissenschaften. Dabei ergänzen sich beide Seiten hervorragend und profitieren sogar voneinander. Religiöse Thesen („es gibt Gott“, „ es gibt nur eine Wahrheit“) waren in der Geschichte eine gute erste Grundlage für das Erstellen von Antithesen und damit Basis und Anreiz, diese Eingangsbehauptungen auf Realitätsgehalt zu überprüfen. Emotionale und intellektuelle Herausforderung. Ähnlich wie Kinder das elterliche Dogma in Frage stellen lernen, dabei aber eine Grundlage und Gerüst erhalten, so konnte auch der Mensch seinen Entwicklungsprozess, angespornt durch das religiöse Dogma, beschleunigen.

Nicht die einzige Wechselwirkung zwischen Religion und Naturwissenschaft.
Der Mensch ist als soziales Wesen, nicht reines Vernunftswesen.
Für die Masse an gemäßigten Gläubigen ist Religion eine ethische Richtlinie und das Bemühen darum, ab von naturwissenschaftlichen Ideen und der Reduktion des Menschen auf seine Physis, der „Seele“, dem Geist, eine ähnlich hohe Bedeutung zukommen zu lassen.
Eine vermehrte Hinwendung zur Religion, wie wir sie zur Zeit beobachten, kann auch als Versagen der Naturwissenschaften gedeutet werden, in relevanten Fragen hinsichtlich des Mensch-Seins keine Antworten zu bieten

Als Ergebnis dieser kleinen und großen Feindseligkeiten findet die Bewertung von Menschen auf beiden Seiten des Grabens nicht mehr über das Handeln des Individuums statt, sondern über Ideen und Ideologien und führt damit zu einem Krieg um die Meinungs- und Deutungshoheit.
Religionsfreiheit ist Teil des Grundgesetzes, egal ob man nun „frei von Religion“ leben möchte, oder aus freier Entscheidung mit Religion lebt.

 


Gegensätze


 

Der wohl größte Gegensatz zwischen naturwissenschaftlichen Lebensmodellen und religiösen Ideen liegt in der konträren Umgangsweise mit Unsicherheiten.
Der Mensch muss sich von jeher damit abfinden, dass er auf einige seiner Lebensfragen keine befriedigende Antwort erhält.
„Wo komme ich her?“, „Wo gehe ich hin?“,  „Warum bin ich hier?“
Diese Fragen treiben den Menschen um, seit er sich mit der Entwicklung des Bewusstseins von der restlichen Tierwelt abgesetzt hat.
Dass diese essenziellen Fragen über Sinn und Unsinn des Daseins bestenfalls unzureichend beantwortet werden können, führt zu einem permanenten Gefühl der Unsicherheit.
Und Mensch erträgt Unsicherheit nur schlecht.
Alles soll, wenn möglich, planbar sein.
Geregelte Bahnen für Ausbildung und Beruf, Rente, Eigenheim, Festgehalt, Bausparvertrag.
Auf die Spitze treiben es wohl Lebens- und Sterbeversicherung.

Hier zeigen Naturwissenschaftler und Anhänger von Religionen den größten Unterschied:

Während die eine Seite auf Unsicherheiten und Unwissen mit Neugier und dem Bedürfnis nach Wissenserweiterung reagiert und damit den Schmerz der Unsicherheit hinnimmt, sucht die andere den Weg des geringsten Widerstandes. Religion vermittelt die Illusion zu wissen, was man objektiv betrachtet nicht wissen kann, und erzeugt damit ein künstliches Gefühl von Sicherheit, das der Angst vor dem Unbekannten im Leben ebenso wie der Angst vor dem Tode scheinbar seinen Schrecken nimmt.
Unwissenheit und Unsicherheit sind Schmerz und so trifft die alte Redewendung „Religion ist Opium fürs Volk“ wohl den Nagel auf den Kopf. Wie Religion dient Opium der Schmerzvermeidung und Betäubung. Dabei ist die religiöse Schmerzvermeidung nur von kurzer Dauer.
Wer glaubt muss an seinem Glauben festhalten, damit zwangsläufig den Entwicklungsprozess verweigern, der mit Wissenserweiterung natürlicherweise einhergeht. So macht Glaube, wenn er denn zum Dreh- und Angelpunkt des eigenen Weltbildes wird, unbeweglich und starr und macht es beinahe unmöglich, die Unsicherheiten, die erst zu seiner Notwendigkeit führten, aus der Welt zu schaffen. Es darf in dem gezeichneten Bild voller vermeintlicher Wahrheiten keine Veränderung geben. So sorgt Glaube für seinen eigenen Selbsterhalt.

 


Gemeinsamkeiten


 

Trotz all dieser Differenzen haben Vertreter von Naturwissenschaft und Religion mehr gemein, als ihnen lieb sein kann.
Denn auch bei genauerem Hinsehen mag dem Betrachter nicht aufgehen, wo der Unterschied sein soll zwischen derartigen Aussagen:

„Mein Gott ist größer als Deiner. Wenn Du dich nicht anpasst und unterwirfst, lösche ich Dich aus“ und
„Mein Gen ist besser als Deines. Es macht mich schöner, gesünder, klüger, talentierter. Deshalb arbeiten wir daran, auszumerzen, was uns nicht lebenswert scheint“.

Auch Naturwissenschaftler sind nicht frei von Dogmatismus, Menschenverachtung, Bewertung der Welt und der Menschen und damit auch in eine Unterteilung in „richtig und falsch“, „lebenswert und lebensunwert“.
Zweige der Medizin arbeiten, ganz im Sinne des gesellschaftlichen Leistungsfetischs, flächendeckend an einer Normierung des Menschen.

Es geht mir hier nicht um Kritik an den  Erkenntnissen über menschliche Funktionsweisen, die unstrittig sind, wenn auch noch nicht vollkommen, von denen Psychologie, Biologie, Neurowissenschaften, Soziologie und andere Wissenschaften jeweils den Teilaspekt eines Ganzen ausmachen, sondern um die Bewertung dieser Erkenntnisse durch Menschen und die daraus abgeleitete „Minderwertigkeit“ des Gegenübers sowie die Ideologie der Selektion und „Bereinigung“ einer vermuteten Fehlerhaftigkeit, die aus diesen Erkenntnissen hervorgehen.
Also: Die Einsicht selber ist notwendig, konstruktiv, sinnvoll. Die Bewertung ist es nicht zwangsläufig.

Beispiele dafür liefern die biologistischen (und wissenschaftlich nicht haltbaren) Thesen Sarrazins ebenso, wie unser Umgang mit dem Down-Syndrom und anderen körperlichen Einschränkungen.

Selbstverständlich ist das kein Freifahrtschein für blinden Glauben. Wir müssen auch weiterhin nach Wissenserweiterung streben. Dazu gehört Selbsterkenntnis ebenso, wie Erkenntnis um die Funktionsweise der Welt, die uns umgibt.

Allerdings könnte man dem Verstehen menschlicher Funktionalität und der Erkenntnisfähigkeit alternativ auch Akzeptanz folgen lassen. („Ich verstehe, wie der Mensch aufgebaut ist und funktioniert, belasse ihn aber wie er ist“)

Diese jedoch ist dem Leistungs-, Jugend-, und Normierungsfetisch entgegengesetzt.

Wäre die Medizin schon so weit, ihre Drohungen ewiger Jugend, grenzenloser Gesundheit, ewigen Lebens wahrzumachen, wer würde sich erlauben zu altern, wenn daran irgendwann Job und gesellschaftliche Akzeptanz hängen?

Wer erlaubte sich Krankheit, die nicht selten Auszeit und zumindest temporärer Ausstieg aus der Alltagshektik bedeutet, die neben allen Schmerzen auch Entwicklungs- und Erfahrungsprozess ist, wenn die Folge von Krankheit oder Auszeit Existenzbedrohung und gesellschaftliche Abwertung wie Ausgrenzung bedeutet?
Wer ließe seine behinderten Kinder leben, wenn die Zahl der Behinderten auf ein Niveau sinkt, das Inklusionsdebatten aus dem öffentlichen Bewusstsein schwinden lässt?
Und schließlich: Wer würde freiwillig sterben, wenn der Tod nicht nötig wäre, wer Platz machen für neues Leben und damit auch für neue Gesellschaftsideen und notwendige Veränderung?

Obwohl Schmerz, Krankheit, Tod durchaus ihren Zweck erfüllen, im menschlichen wie im gesellschaftlichen Entwicklungsprozess, ist das erklärte Ziel Verhinderung und Vermeidung dieser Lebensbereiche, ohne ausreichend die Konsequenzen in Betracht zu ziehen.
So findet auch die Wissenschaft hier ihren Weg zur Schmerzvermeidung, dem Hauptaspekt der Religion, geht dabei nur den scheinbar logischeren Umweg.

Ebenfalls gemein ist beiden das Beharren auf der kompletten Entscheidungsunfähigkeit des Menschen.
Wo der Religiöse Gott als Verursacher für alles Weltengeschehen sehen mag, gelegentlich finstere Kräfte am Werk wähnt, entmündigt der Biologe den Menschen auf Basis von Genen, neurologischen Vorgängen, Körperchemie. (Selbstverständlich gibt es auch hier auf beiden Seiten Ausnahmen.)
Dieses offensichtliche Bedürfnis nach Selbstentmündigung findet sich nicht nur auf beiden Seiten dieses ideologischen Grabenkampfes sondern quer durch alle menschlichen Bereiche des Lebens.
Wie sehr sich die Ideen gleichen, kann man im alltäglichen Sprachgebrauch beobachten. Was früher „Das liegt in Gottes Hand“ war wird heute sprachlich ausgedrückt mit „Das liegt wohl in den Genen“. Übersetzt also: „Da kann man nichts machen“

 


Entscheiden wir uns für Entscheidungsfähigkeit


 

Politisch betrachtet manifestiert sich die Tendenz zur Selbstentmündigung im hierarchischen System der Fremdbestimmung, das dabei immer nur kurzzeitig erfolgreich, wenn auch sehr effektiv in dieser Kurzfristigkeit ist, um sich dann durch Umstürze gescheitert zu sehen.
Sklaverei, Entrechtung, Entmündigung haben im Laufe der Zeit immer das natürliche menschliche Bedürfnis der Emanzipation und Selbstgestaltung zur Folge.
Nur, um dann wieder in alte Verhaltensweisen zu verfallen und die eigene Zukunft , im festen Glauben an ein Wohl in der Selbstaufgabe, erneut in Herrschern und äußeren Mächten sehen zu wollen, obwohl eine Herrschaftsstruktur nachweislich diese Erwartungen nicht erfüllen kann.

Das stetig wachsende, keinesfalls komplette, Wissen über menschliche Funktionalität auf physischer Basis sollte nicht von der Fähigkeit zur Selbstbestimmung ablenken, sondern diese ergänzen.
Selbstbestimmt bedeutet in diesem Kontext (für mich):

Im Rahmen der vorgegebenen Möglichkeiten nach bestem Wissen und Gewissen und auf Basis der eigenen Fähigkeiten denken und handeln.

(Der Unterschied zwischen sozialdarwinistischer Menschenverachtung und Verständnis für Machbarkeiten, die nicht immer Erfolg bedeuten müssen. Abzugrenzen auch von der realitätsfernen Idee, man müsse nur wollen, dann gelänge auch alles. „Der Glaube versetzt Berge“)

Von welch großer Bedeutung die menschliche Entscheidungsfähigkeit, so begrenzt sie unter gewissen Umständen auch sein möge, ist, bezeugen umwälzende Entscheidungen und Ideen der Geschichte. Das Schaffen von Gesetzen und die Verurteilung der Barbarei basieren auf der menschlichen Fähigkeit zur Erkenntnis und der Fähigkeit zur Differenzierung in „Richtig und Falsch“.
Die Aufklärung und der Versuch, Menschenrechte zu implementieren, die Sklaverei abzuschaffen, Bildung zu ermöglichen, Erfolge der Entscheidungsfähigkeit des Menschen. Die Liste ist lang.

Großes Potenzial zu einer gemeinsamen Gesellschaftsidee läge im Bestreben nach dieser menschlichen Unabhängigkeit von höheren Mächten, seien diese nun physischer oder metaphysischer Natur.

Der Kern der Geschichte des „Sündenfalls“, so man sie nicht wörtlich nimmt, hat eben diesen menschlichen Entwicklungsprozess, hin zur Erkenntnisfähigkeit und mit ihr einhergehend auch Entscheidungsfähigkeit, zum Thema. Eine Geschichte, die uns auch die Wissenschaft lehrt, wenn sie uns die Entwicklung menschlichen Bewusstseins vor Augen führt.
Einer der wichtigsten Unterschiede zwischen Mensch und Tier ist das „Bewusstsein“ und mit ihm der Verlust, einfach nur zu sein, ohne moralische Maßstäbe.
Der Gewinn ist umso größer: Der Mensch denkt, kann Großes denken, künstlerisch gestalten, erfinden, forschen, Entscheidungen treffen nach Abwägen der Gegebenheiten.

Jedoch macht uns auch hier der Hang zur Schmerzvermeidung einen Strich durch die Rechnung.
Denn wie Unsicherheit kann  Verantwortung eine Bürde sein, Antagonist einer „Spaßgesellschaft“, die nach acht Stunden Arbeit lieber „abschalten“ möchte.
Der Glaube, Gene oder Gott lenkten noch den kleinsten Gedanken degradiert den Menschen zu Marionetten.
Dabei wäre es für diese Debatte sogar gleich, ob und zu wie viel Entscheidung der Mensch tatsächlich imstande ist.
Allein die Idee, er könne nichts entscheiden, entschuldigt die Falschen, fördert destruktives Verhalten und macht Bemühen um mehr Verantwortung obsolet.

 


Nicht Religion tötet Menschen.
Menschen töten Menschen


 

Wenn wir also auch in naher Zukunft wieder von religiösem Terror oder einer besseren Welt ohne Religion hören, sollte uns klar sein:

Religion ist ein Katalysator, ein starker, unter den vielen Möglichen, denn Religion verknüpft die essenziellen Fragen des Lebens mit einfachen Antworten. Sie bietet den Weg des geringsten Widerstandes und ist daher so verlockend für viele. Dennoch wäre eine Welt ohne Religion kaum friedlicher.
Menschen töten für Geld, Politik, falsches Ehrgefühl, Liebe, Eifersucht, Land, Macht, Einfluss, Hass, Nationalstolz.
Töten ist, auch wenn gutmeinende Geister gerne anderes behaupten, leider allzu menschlich, lässt sich auch bei Primaten, allen voran den Schimpansen, die uns genetisch am nächsten sind, beobachten. Auch die führen Kriege. Vor allem territoriale, aber auch um Vorräte, bessere Früchte, Wasser.
Auch ist der, scheinbar ausschließlich religiös motivierte, Terror dieser Tage vor allem auch mit politischen Ideen verbunden. Streben nach Macht, Deutungshoheit, Selbst- und Fremdbestimmung, Hass auf andere Lebensweisen.

Es ist nicht Religion an sich, die Gewalt und Krieg verursacht, sondern die ihr zugrundeliegende Idee, die eigene Lebensauffassung sei wertiger als die der anderen.
Und diese Idee ist nicht exklusiv religiöser Natur.
Sie beginnt im Individuum („Ich bin reich/gebildet/schön/schlank/, also bin ich besser, als…“) findet seine Fortsetzung in  der gesellschaftlichen Keimzelle Familie („Guckt euch die Kinder der Nachbarn an, wie gut, dass wir besser sind“), findet ihren Ausdruck in Dorf-Fehden, führt zu Feindschaften und Ablehnung unter Nationen („Die Amis sind alle dumm und ungebildet. Zum Glück sind wir besser“, „Die Griechen sind faul. Zum Glück sind wir so fleißig“). Es ist die menschliche Natur, einfache Antworten, Schmerzvermeidung und den Weg des geringsten Widerstandes zu wählen sowie das menschliche Bedürfnis nach Selbsterhöhung durch das Erniedrigen anderer, das uns dieser Tage vermehrt begegnet. Religion ist an vielen Stellen lediglich die Kostümierung dieser Ideologie.

Und so sollte klar sein: Auch das Entwerten gemäßigt Religiöser als „minderwertig“, „dumm“, „rückständig“ entspringt eben dieser Idee der Selbsterhöhung, ist im selben Maße dogmatisch, wie sie den Dogmatismus der Gegenseite zu verachten vorgibt.

 


Zum Schluss


 

Sollte ich meine Eingangsfrage selber beantworten müssen, so bliebe mir nur der Schluss:

Nein, Religion ist nicht die Wurzel allen Übels. Religion mag, einem Brennglas gleich, das Potenzial haben, negative menschliche Eigenschaften zu verstärken. Aber diese finden ihren Weg auch ohne Religion. Jedes andere Dogma könnte ähnliche Kräfte entfalten. Wer auch sonst einfache Antworten auf komplexe Sachverhalte in Frage stellt, sollte sich von der Idee einer besseren Welt ohne Religion ebenfalls verabschieden.

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern noch besinnliche Feiertage

Nachwort: Der obige Text analysiert lediglich Gemeinsamkeiten und Unterschiede einiger Aspekte von Religion und Naturwissenschaft. Weder erhebt er den Anspruch, vollständig zu sein (in einem Blogbeitrag mit begrenzter Textlänge kaum möglich), noch spiegelt er die Haltung der Autorin wieder. „Religion“ bezeichnet hier jede Religion und ist nicht auf eine Konfession begrenzt.

Auch sei der Vollständigkeit halber hinzugefügt, dass die meisten Menschen eine Mischung aus naturwissenschaftlicher und spiritueller Ideologie wählen und nicht ausschließlich der einen oder anderen Seite zuzuordnen sind. Dies konnte, der Textlänge zuliebe, nur am Rande so differenziert dargestellt werden.

 

(Veröffentlicht am 25.15.15 auf Tonfarbe.wordpress.com)

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Posted on: 18/03/2016SusannahWinter

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