Herrschaft Angst

Herrschaft Angst

(Auch veröffentlicht auf StarkeMeinungen.de)

 

Es ist ein Kreuz mit der Angst.
Da hat sie uns als evolutionäre Errungenschaft über tausende Jahre das Leben und den Fortbestand ermöglicht, nur um uns heute vor allem ihre hässliche Fratze zu zeigen.
Schaut man sich in der Gesellschaft um, fast könnte man Angst vor der Angst bekommen.

Wo es früher galt, dem Raubtier zu entkommen, einer realen, physischen Bedrohung, erlebt eben im akuten Moment der Angst, macht heute vor allem die mögliche, die potenzielle Bedrohung Angst.
Und die lauert überall.
Alles ist vorstellbar und so wirkt auch alles bedrohlich.

Das Fahrrad, von dem man fallen könnte: Potenziell gefährlich. Und so wird selbst politisch über Helmpflicht debattiert. Denn wenn der Deutsche Angst hat, braucht es Gesetze. Meist bringen die nicht viel, doch blinder Aktionismus beseitigt, zumindest temporär, die schlimmsten Ängste für eine Weile.

Das Auto: Eine potenzielle Todesfalle. Und so sorgen Gesetze für Sicherheit mit Airbags, vorne, hinten, seitwärts. Tempolimits, Gurtpflicht, Schilderwald hat der kluge Gesetzgeber noch als kleines Bonbon zum Verkehrssicherheitspaket hinzugefügt.

Überhaupt ist selbst das Leben außerhalb des öffentlichen Rahmens ein permanenter Drahtseilakt der tödlich enden kann, wenn man nicht angemessene Vorsorge betreibt:
Leitern, Steckdosen, Gasthermen sind angsteinflößende Gegenstände der Moderne.
Dank Staat sind Gasthermen genormt, werden jährlich inspiziert und Steckdosen sind im Falle größter Ängstlichkeit mit Kindersicherung erhältlich oder wahlweise mit speziellen Blinddeckeln verschließbar.
Für die Leiter hat der Staat noch keine ausreichende Regulierung gefunden, obwohl ich überzeugt bin, dass Notfallpläne, die die Anzahl der Stufen auf zwei begrenzen, bereits in irgendwelchen Schubladen schlummern. Irgendein „tragischer Einzelfall“ wird schon für ausreichend Hysterie im Lande sorgen, um umgehendes politisches Handeln erforderlich zu machen.

Man google einmal „Haushalt gefährlich“ und schon eröffnet sich einem die ganze Bandbreite deutscher Paranoia und Angst.
Da droht „gefährlicher Elektrosmog“ (BILD), lauern (sic) „gefährliche Keime“ (Die Welt), wobei zu viel Hygiene dann auch nicht gut ist, denn „zu viel Hygiene kann schädlich sein“ (T-Online) werden gefährliche Gegenstände endlich, endlich beim Namen genannt in einer Broschüre der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Als ungemein bösartig erweisen sichhier „Wasserkocher und Toaster, Filzstifte, Laserpointer, Lichterketten und Steckdosen“.

Zu nennen sind selbstverständlich auch „Schadstoffe in Putzmitteln“ (WDR), Feinstaub, Spielzeug und Kleidung, Fensterputzen, Lebensmittel, Plastik, Fliegen (Wissen.de), Brotschneidemaschinen (Messer sowieso. Am besten beim Bäcker schneiden lassen), Ventilatoren.

Die Liste ließe sich beliebig verlängern.

Der moderne Mensch lebt sicherer als je zuvor und ist dabei angstgeplagt wie nie.

Und gerade weil Angst heute allgegenwärtig ist, lohnt sich zu hinterfragen, wann und warum wir Angst empfinden, was dies mit uns tut und wie wir am besten mit Angst umgehen können.

Zuständig für die Angst ist die Amygdala:

„Die Amygdala ist ein Organ aus Nervenzellen mit zwei Hälften, aufgeteilt in kleine Stücke in der Form einer Mandel – daher auch der Name, denn Amygdala heißt auf Deutsch „Mandel“. Zieht man eine Linie zwischen Ohr und Schläfe, liegen die Amygdala-Hälften genau dazwischen… Ein Mensch, der von einem Hund gebissen wird, verknüpft die Erinnerung „Hund gestreichelt“ mit Schmerz. Die Amygdala setzt dann ihren Stempel auf die Erinnerung. Und weil ein Lebe­wesen Schmerz vermeiden will, wird der gebissene Mensch vorerst nur angsterfüllt Hunde streicheln können… (in Fällen von Bedrohung) sendet die Amygdala Botenstoffe – die sogenannten Neurotransmitter – an wichtige Nerven und das Stammhirn, den ältesten Teil des Gehirns. Von dort wird vor allem über Hormone die körperliche Reaktion ausgelöst: Die Augen werden aufgerissen, um besser sehen zu können. Die Atmung wird schneller, um mehr Sauerstoff ins Blut zu bringen. Und die Verdauung wird verlangsamt, um Ressourcen zu sparen. Kurz: Der Körper richtet sich darauf ein, sich zu verteidigen“ (Quelle)

Angst ist also Beiwerk des Überlebensinstinktes, der stärksten menschlichen Triebfeder überhaupt.
Auch ist es wichtig zu wissen, wie wir Angst erlernen. Dies geschieht nicht nur über eigene Erfahrung, sondern auch über die Erfahrungen anderer:

„…Erst im Laufe der Jahre erfahren Kinder, dass etwa Kakteen zu berühren keine gute Idee ist. Dabei muss ein Kind nicht selbst Kakteen anfassen – es genügt, wenn es das schmerzverzerrte Gesicht eines anderen sieht. Das Gleiche gilt für Erwachsene: Wer im Krimi ein furchtverzerrtes Gesicht sieht, ängstigt sich mit. So kann sich die Furcht eines Einzelnen auf Millionen von Menschen übertragen, ohne dass wir selbst in Gefahr wären…“

Gerade weil der Mensch evolutionsbiologisch Angst auch über andere Menschen erlernt, ist in der heutigen Zeit der sozialen Netzwerke und medialen Dauerberieselung also wichtig, bewusst filtern zu lernen, welche Informationen relevant sind und welche als irrelevant verworfen werden können.
Dies ist oft schwerer als es klingt, denn Angst, als eine äußerst ursprüngliche Emotion, ist leicht durch entsprechende Bilder und Nachrichten erzeugt.
Der Prozess, Angst zu hinterfragen und im Zweifel zu verwerfen hingegen ist ein vergleichsweise langwieriger Prozess und erfordert Reflexion ebenso wie das Bemühen um Aufklärung und Vernunft. Auch erfordert sie Basisfähigkeiten in der Quellennutzung.
Zu wissen was ein Impressum ist kann ebenso nützen, wie das Hinterfragen der vorhandenen Quellen.

Hilfreich um Macht und Ohnmacht der Emotion „Angst“ zu verstehen ist hier ein Blick in die Geschichte:

So war Angst zu allen Zeiten ein Mittel der Herrschenden, zu lenken und den eigenen Machterhalt zu gewährleisten.
Die Kirche etwa erhob das Erzeugen von Angst zur Kunstform.
Wer nicht blinden Gehorsam leistete, dem drohte die Hölle, ewige Verdammnis, das Fegefeuer.
Den Menschen, die ihr Leben nicht von derartigen Jenseitsvorstellungen manipuliert sehen wollten, wurde weltlicher gedroht.
Die Bannbulle, also die Exkommunikation, war vor allem im Mittelalter mit der Reichsachtverbunden und führte nicht selten zu wirtschaftlichem und sozialem Ruin.

Als Manipulationsmittel taugt Angst selbstverständlich nur, wenn der Manipulierende, in oben genanntem Falle die Kirche, eine Auflösung der Angst, also Sicherheit, in Aussicht stellt. In damaligen Zeiten war dies z.b. der Ablasshandel, selbstverständlich aber auch die angebliche päpstliche und priesterliche Macht, Sünden im Namen Gottes zu vergeben.

Der Mensch wurde in permanenter Angst und damit auch in permanenter Abhängigkeit gehalten.

Erst das Hinterfragen der Machtverhältnisse, des Wahrheitsgehaltes der kirchlichen Doktrin,
machte es schließlich möglich, diese Ängste in die Welt des Aberglaubens und der ideologischen Verblendung zu verbannen.

Und so waren die Gedanken der Aufklärung wegweisend. Kants Definition gilt bis heute:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude [wage es verständig zu sein]! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Leider ist heute zu beobachten, dass sich das Gros der Gesellschaft allein deshalb schon aufgeklärt fühlt, weil es in der Vergangenheit in ihren Reihen große Aufklärer gegeben hat und sie die Schulpflicht über sich haben ergehen lassen, anstatt Aufklärung als individuelle, persönliche Arbeit an der eigenen Wahrnehmung zu verstehen.
Wie auch die Demokratie, kann die Aufklärung niemandem „gebracht“ werden. Sie ist ein Prozess, geknüpft an Denken, Hinterfragen, kritischer Beobachtung. Sie ist ein Akt der Selbstbefreiung.

(Und sie wird bestenfalls zu Ende gedacht und hinterfragt das eigene Gedankenresultat. Kaum einer, der sich Verschwörungsvideos auf You Tube ansieht, ist ein aufgeklärter Mensch. Und wenn er noch so sehr glaubt, einer zu sein. Sonst sähe er jedes Video ebenfalls als potenzielle Manipulation und subjektive Darstellung. Dies gilt in gleichem Maße für faktenresistente Impfgegner, HIV-Leugner und andere Paranoiker)

Dass wir Angst auch über unsere Mitmenschen erlernen ist einer der Gründe, warum Angst derart um sich greift.
Während wir früher in kleinen Dörfern und Städten gelebt haben, oft nur von wenigen Menschen umgeben, ist heute die ganze Welt vernetzt.
Und so hören wir von Haiattacken vor Kalifornien, von Angriffen durch Hunde in einer Stadt am anderen Ende des Landes.
Und da selektive Berichterstattung ein medien- und presseimmanentes Problem ist, also nur über das berichtet wird, was selten geschieht, ab der Norm passiert, Unglück oder Katastrophe ist, kann es dem Menschen, der nicht die Frage nach der Allgemeingültigkeit eines Berichtes stellt, so vorkommen, als gäbe es fast nur beißende Kampfhunde, als sei jede Autofahrt ein Risiko…

…Und wie dieser Tage in Sachen „Meinung und Angst“ üblich, jeder Flüchtling ein potenzieller islamistischer Terrorist oder mindestens eine Gefährdung für Kultur und Abendland.

Sie werden keine Berichte darüber finden, dass das tausendste Gassi gehen mit Hasso, der zudem noch ein Staffordshire Bullterrier ist, komplett ereignislos war und Hasso irgendwann in hohem Alter sanft entschlummerte.
Sie werden auch nicht lesen, dass Herr Müller 50 Jahre unfallfrei durch den Verkehr kam  und nun schließlich aufgrund einer altersbedingten Sehschwäche nicht mehr fahren kann.

Ebenso wenig begegnen Ihnen die unzähligen Migranten und ehemaligen Flüchtlinge, die hierzulande still und leise arbeiten oder gearbeitet haben, nie mit dem Gesetz in Konflikt kamen und Religion ungefähr so intensiv betreiben wie es Christen hier seit Jahrzehnten tun, wenn einmal im Jahr, zu Weihnachten, die Kirche aufgesucht wird.

Verstärkt wird diese Wahrnehmung brennglasartig durch den Hang der Menschen, ihre eigene Meinung und Haltung durch außen bestärkt sehen zu wollen.

So wird, nachdem erst die Angst geweckt ist weil das Lokalblatt in der Woche zuvor von einem Übergriff durch einen Menschen mit Migrationshintergrund berichtet hat, im Internet gesucht und selbstverständlich auch gefunden.
Oder man kennt jemanden, der kennt jemanden der hat mal gehört, dass ein anderer…

Aus der Gier nach Auflage und Klickzahlen einerseits und dem permanenten Bedürfnis, Ängste gleichzeitig bestätigt sowie mit Lösungsvorschlägen gemildert zu sehen andererseits, ist eine unschöne Wechselbeziehung zwischen (Boulevard)-Presse und Lesern geworden.

BILD, das Paradebeispiel für Angst-„Journalismus“, versucht es gar nicht erst subtil.
„Angst“ ist eines der meistgenutzten BILD-Schlagworte um, wie üblich bei der Manipulation durch Angst, regelmäßig „Die Wahrheit“ als Erlösung anzubieten.
Was über Jahrhunderte funktioniert hat, muss heute nicht schlecht sein, denken sich vermutlich die BILD-Redakteure, immer auf die Auflage schielend.
Unsere Natur, auf Basis von Empathie Angst zu erlernen, wird gerade in den Boulevardmedien mit dementsprechenden Fotos gelenkt und verstärkt.
(Auf Angst als Auflagengarant bin ich hier schon näher eingegangen)

Und so ist sie noch immer da, die „selbst verschuldete Unmündigkeit“.
Ihre Triebfeder heute wie damals die Angst.

Dabei lässt der Intellekt des Menschen ihm die Wahl, wie er auf seine eigene Angst reagieren will.
Die Geschichte zeigt die diversen Optionen.
So war in Zeiten ohne Wissenschaft das Gewitter etwas, das Angst machte.
Die Reaktionen eines simplen Gemütes bestanden vor allem aus Furcht und Aberglaube.
Es waren Götter oder ein Gott, die zürnten. Es wurden Rituale entwickelt, die diesen Zorn abwehren oder besänftigen sollten, Erklärungsmodelle ohne logische Basis geschaffen.
Alternativ dazu begannen andere, nach Ursachen und Hintergründen zu forschen um somit das Leben in Angst vor zürnenden Göttern obsolet zu machen.

Gerade die diffusen Ängste, zu denen u.a. soziale Phobien, Verlustängste, Prüfungsängste, Versagensängste, Xenophobie zählen, sind schwerer in den Griff zu bekommen, lassen sie sich doch nicht mit einem simplen, naturwissenschaftlichen Modell widerlegen.
Sie alle beschäftigen sich nicht mit einer konkreten Angst, die situationsbezogen ist, sondern mit dem Möglichen, dem Vorstellbaren.
Ursachen für diffuse Ängste sind z.b. frühkindliche Erfahrungen, Traumata und gelegentlich auch genetische Prädisposition.

Man kann ihnen nur mit Sachlichkeit und Realismus begegnen, mit Fakten, dem Hinterfragen der eigenen Motivation, mit dem Aufspüren der Ursachen. Auch lohnt die Beobachtung des eigenen Nachrichtenkonsumverhaltens.
Ein verhaltenstherapeutischer Ansatz wäre, die Angst als gegeben anzunehmen, den Umgang mit ihr jedoch zu verändern, wenn sie selbst- oder fremdschädigend zu werden droht.
Den Fokus von Einzelfällen, medialer Panikmache, reißerischen Bildern, einseitigen Webseiten weg, gezielt hin zu Texten, die im ersten Moment das eigene Weltbild nicht widerspiegeln, um Voreingenommenheit auszugleichen kann helfen, ein differenzierteres Bild der Situation zu erhalten.
Auch hilft bei diffusen Ängsten oft, die Angstsituation nicht zu vermeiden sondern zu suchen, um so die maßlos gewachsenen Befürchtungen über mögliche Gefahren und Bedrohungen der Realität anzugleichen.
Xenophobe wären also als Helfer in Flüchtlingsheimen weit besser aufgehoben, als auf PI-News, BILD.de, RTL und unter Gesinnungsgenossen.

Ein hehres Anliegen, ich weiß.
Und doch eines, das gerade durch Menschen wie Herrn Strache, Frau Petry und andere Rechtspopulisten immer dringlicher wird. Aber auch die Konservativen und Sozialdemokraten haben eine konstruktive Politik, die positive Anreize schafft, zugunsten einer Strafmentalität aufgegeben, die Angst machen soll und permanente Drohkulisse schafft.
Sie alle spielen mit dieser Angst, nutzen sie als Manipulations- und Herrschaftsmittel und machen dieses Anliegen dringlicher denn je.

Der Kampf gegen sich selbst, gegen Vorurteile und Ängste ist immer ein wenig mühsamer, als der Kampf gegen das Objekt der Angst.
Doch als Lohn winken Unabhängigkeit, Aufklärung, Freiheit, Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit.

Gestern wie heute erstrebenswerter als das Leben unter der „Herrschaft Angst“.

 

(Veröffentlicht am 22.09.15 auf Tonfarbe.wordpress.com)

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Posted on: 18/03/2016SusannahWinter

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