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Liebe Leser, ich mache mich jetzt mal unbeliebt:

Seit einigen Tagen geistert die Aktion #metoo durch alle sozialen Netzwerke und brachte es bis hin zu einem Beitrag in der Tagesschau. Ich habe bisher vorgezogen, mich nicht zu äußern und habe mich lediglich still geärgert. Bis jetzt.

Aber ich bin tatsächlich auch Opfer geworden. Von Männern UND von Frauen. Und ich kenne viele Männer, die ebenfalls Opfer wurden. Einige von Männer, andere von Frauen. Einige von ihnen wurden von Partnerinnen geschlagen („man schlägt aber nicht zurück. Frauen schlägt man nicht“) und homosexuelle Frauen, die von ihren Partnerinnen geschlagen wurden. Und ich kenne Frauen, die Opfer wurden von Männern und von Frauen. Und jetzt möchte und muss ich mir einmal Luft machten: Die zunehmend radikale Ideologie hinter solchen Geschichten, die einseitige Viktimisierung von Frauen bei gleichzeitiger Benennung von ausschließlich Männern als Täter, ist für mich kaum noch zu ertragen. Da schwingt der gleiche chauvinistische Sexismus mit, den man hier vorgibt, bekämpfen zu wollen. Nein, Frauen sind keine heiligen, zarten Wesen, die den Weltfrieden bringen. Und ja, auch Frauen können Gewalt, Sexismus, Rachsucht, Krieg. Nur: Männer sprechen tendenziell eher nicht darüber, wenn sie Opfer werden. Ist ja weder in der feministischen noch sonstigen gesellschaftlichen Idee existent. Männer werden da gerne belächelt. Es spricht Bände, dass es für Männer hier nur „#Ihave“ (Das Eingeständnis, Täter gewesen zu sein) und ‚#himtoo“ (Mann spricht von sich in der dritten Person und selbstverständlich nur als „auch“) als Gegenhashtags gibt. Oder wahlweise #metoo – aber nur, um Solidarität mit Frauen zu bezeugen. Ich habe in den letzten Wochen vermehrt mit radikalisierten „Feministinnen“ diskutiert. Eine davon brachte es auf einen traurigen Höhepunkt, als es um Gewalt gegen Jungs und Mädchen ging. DASS es auch Jungs treffe, sei schlimm, aber das sei nun wirklich nichts im Vergleich zu dem, was Mädchen durchmachten. Ich wandte ein, dass auch Jungs an Gewalt leiden und die individuelle Erfahrung zähle und auch männliche Gewaltopfer Solidarität bräuchten. Aber nein, die gute Frau beharrte darauf, dass Gewalt gegen Jungs nun wirklich nicht so dramatisch sei. Es wird Zeit, auch Frauengewalt in gleicher Form zu beleuchten und zu benennen. (Denn warum habe ich so lange gezögert, diese Zeilen zu schreiben? Und, Hand aufs Herz, wie oft haben Sie in den letzten Wochen Berichte über weibliche Gewalt gelesen/gesehen?) Und es wird Zeit, mit der massenhaften Viktimisierung der Frau aufzuhören. Es wird Zeit, feministische Radikalismen ebenso zu benennen und zu bekämpfen. Solche einseitigen Aktionen jedenfalls finden nicht (mehr) in meinem Namen statt. Gewalt geht alle an und betrifft auch (fast) alle. Sei es in der Kindheit oder in der Beziehung. Sei sie emotionaler oder physischer Art. Wenn wir nicht anfangen, auch in dieser Debatte gleichberechtigt zu diskutieren, das heißt in dem Fall auch endlich einmal weibliche Gewalt zu benennen, Frauen als gleichwertige Menschen zu betrachten, auch in Sachen Gewalt und Unrecht, schaffen wir keine „Gleichberechtigung“. Nur neue Macht, Ideologie und Gewalt.

Vielleicht wäre eine Rückkehr zu Humanismus und eine Beurteilung von Gewalt und Unrecht anhand der Umstände weit sinnvoller, als eine Geschlechterdebatte.

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Vielen Dank fürs Teilen
Posted on: 21/10/2017SusannahWinter

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40 Kommentare auf "Hashtags"

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dame.von.welt
Gast
„Eine davon brachte es auf einen traurigen Höhepunkt, als es um Gewalt gegen Jungs und Mädchen ging. DASS es auch Jungs treffe, sei schlimm, aber das sei nun wirklich nichts im Vergleich zu dem, was Mädchen durchmachten. Ich wandte ein, dass auch Jungs an Gewalt leiden und die individuelle Erfahrung zähle und auch männliche Gewaltopfer Solidarität bräuchten. Aber nein, die gute Frau beharrte darauf, dass Gewalt gegen Jungs nun wirklich nicht so dramatisch sei.“ Vielleicht hätte die gute Frau von der Dreifaltigkeit der dörflichen Züchtigung profitiert (manchmal bröckelt mein Gewaltverzicht-Credo bedenklich). Von massenhafter Viktimisierung der Frau sehe ich nicht viel,… Read more »
Stefan R.
Gast

Vielen Dank für diesen Beitrag. Habe mir erlaubt, diesen Blog auf meinem zu verlinken.

Der Duderich
Gast
Hallo Susannah, ich würde Dir gerne im vollem Umfang zustimmen. Kann ich aber leider nicht. 🙂 Zu 100% unterschreiben kann ich Deinen Schlußsatz: „Vielleicht wäre eine Rückkehr zu Humanismus und eine Beurteilung von Gewalt und Unrecht anhand der Umstände weit sinnvoller, als eine Geschlechterdebatte.“ Ich denke aber, dass körperliche und sexuelle Gewalt schon tendenziell von Männern ausgehen. Ob das jetzt so genetisch determiniert ist, oder sozialisationsbedingt, wäre wohl eine spannende Frage. Ich war mal in einer Beziehung gegenseitiger Liebe. Das hört sich gelesen noch schwülstiger an, als gedacht, aber es war halt so. Es war nicht Liebe in reiner Form.… Read more »
altautonomer
Gast
1. Teil Unbeliebt (siehe oben) würde ich nicht sagen, aber unsolidarisch. Während hier mit der Attitüde der Querdenkerin und bei Stefan R. die Unschuldsvermutung als Methode der Relativierung gewählt wurde, empfinde ich gerade den oben stehenden Text als antifeministisch und in der Tradition der Ideologie von Maskulisten und Antifeministen, die ja auch gerne den Focus beim Thema Gewalt auf sich gerichtet hätten. Ja, auch ich habe ein paar Tage gezögert, hier einen kritischen Kommentar zu schreiben. Worum geht es denn? Es geht NICHT darum, dass die öffentliche Aufmerksamkeit sich auf einen einmaligen, spektakulären Vorfall wie z. B., dass Jennifer Lawrenz… Read more »
altautonomer
Gast
2. Teil Auch das Thema „Frauen als Täterinnen“ ist ein alter Hut. Martha Mamozai („Komplizinnen“) und Bettina Zeller nebst Jolanda Jung haben mit ihrer Essaysammlung „Wenn Frauen hassen“ jeweils schon 1995 Interessantes und Amüsantes dau geschrieben. MeeTo nun als Anlass zu nehmen, über Gewalt von Frauen gegen Männer zu schreiben, ist ein Heimspiel für wikimannia und Konsorten -http://de.wikimannia.org/Gewalt_gegen_M%C3%A4nner- . Gewalt von Frauen gegen Männer hat faktisch nicht die Signifikanz (Männerhäuser versus Frauenhäuser?????), dass es „Zeit wird, auch Frauengewalt in gleicher Form zu benennen und zu beleuchten“ (Zit. Susannah W.). Das ist so schräg, als ob der Holocaust mit dem Argument… Read more »
altautonomer
Gast

„Wenn wir nicht anfangen, auch in dieser Debatte gleichberechtigt zu diskutieren, das heißt in dem Fall auch endlich einmal weibliche Gewalt zu benennen, Frauen als gleichwertige Menschen zu betrachten, auch in Sachen Gewalt und Unrecht, schaffen wir keine „Gleichberechtigung“. “ (Die Keule der Unschuldsvermutung lasse ich mal im Kescher.)

Dazu einen Nachtrag: Es ist selbstverständlich völlig legitim, weibliche und männliche Gewalt zu vergleichen. Wenn aber diese Vergleiche nicht zu dem Resultat führen, die existierenden Differenzen herauszuarbeiten, handelt es sich um eine soziologisch unhaltbare Gleichsetzung.

altautonomer
Gast
Ihre Antworten vermitteln mir eine Ahnung, warum Sie sich mit dem Duderich so einig sind (Schulterklopferblog) . Wenn die Inhalte meiner Argumente erdrückend sind, weichen Sie aus auf die Metaebene der Rhetorik und kritisieren meine Stil. Sie wollten sich nach eigenem Bekenntnis unbeliebt machen- Wenn sich aber hier nicht nur Fanboys melden, schlägt ihre geschliffene Wortwahl schnell in Schaumsprache und Binsen um:“Gewalt ist individuelles Erleben. Kein geschlechtsgebundenes“. Kann ich mit leben. So wie Sie mit dem Beifall der Maskulisten wie z. B. Manndat und Arne Hoffmann leben müssen, die Ihren Text sicher mit endlosem Schenkelklopfen lesen würden, weil er deren… Read more »
aki
Gast
Zur Täterinnenschaft von Frauen wissen wir insgesamt noch recht wenig Zuverlässiges. Jedoch haben in der bundesdeutschen Prävalenzstudie von 2004 auch Frauen teilweise angeben, mit der Gewalt in der Paarbeziehung begonnen zu haben (ca. 14 % der Betroffenen von Partnergewalt); konkret nachgefragt worin diese Handlungen bestanden, wurden aber eher Aspekte von Mitschuld beschrieben (etwa: „ich habe ihn provoziert“), sowie verbaleoder leichtere körperliche Übergriffe („ich habe ihn am Pulli angefasst“),und nur sehr selten eine einseitige schwerereGewaltinitiative berichtet (vgl. Schröttle/Müller 2004, Langfassung S. 238). Eine neuere systematische Untersuchung zur Tötung von Intimpartnern in 66 Ländern zeigt auf, dass das Risiko für Frauen, Opfer… Read more »
Claudia Braunstein
Gast

Liebe Susannah, der letzte Satz sagt eigentlich alles, danke dafür, liebe Grüße, Claudia

aki
Gast

Da es hier sehr ruhig ist, gbe ich noch einen aus:

https://editionf.com/gefangen-in-stereotyper-maennlichkeit

Ein köstlich ironischr Text zum Thema allgemein. Kostprobe:

„Es ist zum Heulen
Und wir, liebe Frauen, sollten endlich anerkennen, dass die Männer bei all diesen Themen doch die wahren Verlierer sind. Wir haben ihnen die Wickeltische, das Recht auf sexy Körper, den Flirt im Büro und den Spaß an Komplimenten genommen. Wir sperren sie in Führungsrollen, wo sie nie hinwollten, während wir in den von ihnen bezahlten Küchen die Zimtschnecken rollen dürfen, die sie viel lieber selbst gebacken hätten. „

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