Flatrate

Flatrate

Wer der Meinung ist, dass man für Geld alles haben kann, gerät leicht in den Verdacht, dass er für Geld alles zu tun bereit ist. (Benjamin Franklin)

Vom Diskothekenbetreiber zum Bordellbesitzer, sie alle wissen, was das Konsumentenherz dieser Tage höher schlagen lässt:
Die Flatrate
Es ist, in Zeiten von schnellen Bahn- und Flugverbindungen, Führerschein und Auto heute so, dass Mensch kaum noch Zeit hat zwischen Arbeit, IPhone und hektischer Betriebsamkeit. Selbst noch an Feiertagen wird das Programm straff durchorganisiert.
Effizientes Zeitmanagement bis in den privatesten Lebensraum.
Und gerade weil die Zeitnot so groß ist, muss die spärliche Freizeit mit möglichst großem Gewinn und möglichst kostensparend genutzt werden.
So wirbt von der Großraumdisko über die kleine Kneipe alles mit „Flatrate-Saufen“ und günstigeren Cocktails zur „After-Work-Hour“.
Wer möglichst viel kippt innerhalb kürzester Zeit hat bekanntlich mehr vom Abend und von seinem Geld.

Und weil das Geschäft mit den Flatrates so phantastisch läuft, springt auch so mancher Puffbesitzer auf den Schnellzug auf.
Opa freut es, wenn er für seine karge Rente so oft am Abend darf, wie er noch kann.
Und jeder Sparfuchs hält hundert Euro am Abend, inklusive Grundbewirtung und über unterschiedlichste Frauen rutschen für sein gutes Recht.
Der Kunde ist König, selbst wenn er sich benimmt wie ein Bauer.
Es war ein Anruf bei Domian, der mich vorgestern echauffierte, hielt es doch ein Mann für empörend, dass die Bundesregierung sogenannte „Flatrate-Bordelle“ abschaffen wolle. Seiner Meinung nach sei es mehr als ausreichend, dass eine Frau (angeblich) 150 Euro Tageslohn mit nach Hause nähme. Leider teilte er den geneigten Hörern nicht mit, ob die Schicht der so arbeitenden Prostituierten acht oder zehn Stunden beträgt.
So errechnete „Jochen“ einen Verdienst von „4500 Euro“, bei täglicher Arbeit. Dies sei mehr, als er selber verdiene, weshalb dieser Lohn auch mehr als angemessen sei.
Weder hat er Wochenenden und Feiertage in seine Rechnung einbezogen, die für ihn eine Hure offensichtlich nicht braucht, noch sonstige Arbeitsrechte in Erwägung gezogen, die für den „normalen Arbeiter“ eine 38-Stunden-Woche ermöglichen.
Er fuhr fort: „Ich verdiene 2800 Euro, muss dafür jeden Tag anständig arbeiten und steh‘ unter Druck“
Nun kann sich jeder den Stundenlohn aus diesem, angeblich „angemessenen Lohn“ ausrechnen. Unfassbare 15 – 20 Euro, je nach Dauer des Arbeitstages, dürfte Frau hier verdienen für einen Job, den man, sollte man ihn im besten Falle freiwillig machen, nur ein paar Jahre unbeschadet ausübt. Den man kaum täglich in Dauerschicht durchsteht und der Seele und Physis verletzen kann.
Auch bedeutet diese „Tagespauschale“ für die betroffenen Frauen nichts anderes, als dass sie nicht mehr „Nein“ sagen dürfen zum Freier, der sich hier mit einem bestimmten Betrag (Dieser Mann führte an, in einem Bordell, über das er gelesen hatte, 99 Euro im Monat zahlen zu müssen, um dann 3 Stunden pro Tag im Puff zubringen zu können. Bei täglicher Nutzung wäre also der unfassbare Betrag von etwas über 1 Euro die Stunde zu bezahlen) das Recht erkauft, über Frauen nach Wahl zu verfügen.
Dass gerade in diesen Billig-Bordellen oft osteuropäische Frauen arbeiten, nigerianische, rumänische, für die selbst dieser lächerliche Lohn noch viel Geld ist, und die dies nicht freiwillig tun, sondern aus Not, ist dieser ganz besonderen Spezies der Gattung Mann ganz offensichtlich nicht aufgegangen oder schlichtweg egal.
Diese Frauen verdienen schließlich mehr als er und er hat „Druck“. So einfach ist das.
Durch dieses Gespräch angestachelt fand ich dann im Netz den „ Erfahrungsbericht “ eines Journalisten, der einen Club besuchte, der 99 Euro pro Tag verlangt:
„Der durchschnittliche Flatrate-Kunde fickt mit 2,7 Frauen.“
„…die Angestellten dürfen maximal fünf Tage pro Woche arbeiten. „Um sich mental und körperlich zu erholen“, sagt E.“
„Hier hat eine Frau in einer Nacht bis zu 20 Mal Sex. Ich kann und will mir gar nicht vorstellen, wie man sich davon mental erholen soll.“

Selbst wenn die Frauen psychisch und physisch so robust sein sollten, sich derart schnell zu erholen, können sie dann als Zusatzverdienst mit der Abwertung durch Männer, durch die Gesellschaft, durch den Staat rechnen, mit einem ruinierten Männer- und Menschenbild, mit einer erhöhten Chance auf Geschlechtskrankheiten, Alkoholismus und Drogenkonsum.

Wenn die Benzinkosten für die Fahrt zum Bordell die Kosten für die Frau übersteigen, die dort ihre Dienste anbietet, läuft einiges falsch.
Für eine Gummipuppe mit dem schönen Namen „Lindsay Blowhan“, erhältlich in zwei Farben, zahlt man derzeit in einem namhaften Sexshop übrigens 24,99 Euro und damit mehr als für die stundenweise Zuwendung durch einen lebenden, atmenden, warmen Menschen.

Nicht falsch verstehen: Ich halte Prostitution nicht per se für frauenverachtend und halte noch viel weniger von zunehmender Forderung nach Kriminalisierung der Prostitution an sich.
Prostitution gilt nicht umsonst als das „älteste Geschäft der Welt“ und kein Gesetz würde es je schaffen anderes zu bewerkstelligen, als die Prostitution in den Untergrund zu verdrängen, was den Frauen noch weniger Rechte einräumen und diese in noch dramatischere Abhängigkeiten führen würde. Die einzigen Profiteure einer zunehmenden Illegalisierung wären Menschenhändler und Zuhälter.
Studien dazu gibt es bereits in Schweden, wo ein rigoroserer Umgang mit Prostitution eben dies bewirkt hat.

In einer im August 2005 veröffentlichten EU-Studie wird angeführt, dass in Schweden mit Einführung des Gesetzes die Anzahl sexuell ausgebeuteter Personen im Innenbereich innerhalb von zwei Jahren um knapp 15 % gestiegen sei; im Jahr 2000 seien 80 % der Prostituierten im Innenbereich sexuell ausgebeutet worden… Im November 2013 beschloss die schwedische Regierung, die Situation der Prostitution in Schweden erneut untersuchen und bewerten zu lassen.[18] Die Gleichstellungsministerin Maria Arnholm vermutete, dass der Menschenhandel trotz der schwedischen Gesetzgebung stark zugenommen habe“

Auch wenn hierzulande Frau Schwarzer und ihre Gesinnungsgenossinnen laut für ein Verbot trommeln, weil ihre persönliche Vorstellung vom Leben freiwilliger Prostitution keinen Platz einräumt, so heißt dies nicht, dass es diese nicht gibt.
Allein in meinem weiteren Umfeld kenne ich einige, die sich damit eine Weile ein Zubrot ermöglicht haben. Freiwillig.
Und für Frauen, die sich für diesen Beruf entscheiden, muss es von angemessener Gesellschaftsakzeptanz über einklagbare Löhne bis hin zu Anlaufstellen bei Nötigung durch Zuhälter oder Freier mehr Rechte geben, nicht weniger.
Sicherlich kann man über Art und Ursache der „Freiwilligkeit“ diskutieren. Denn ja, auch die Not, den eigenen Unterhalt verdienen zu müssen ist eine Form der Nötigung.
Dieser Form der Nötigung unterliegen aber auch Putzfrauen, Servicekräfte und andere Arbeitnehmer(innen) in gleichem Maße.
Auch gehörte zur Stärkung der Frauenrechte hier eine Überarbeitung des Bleiberechtes für verschleppte Frauen, die nicht nur Armut, Zuhälter und Freier fürchten müssen, sondern auch nicht auf Hilfe hoffen dürfen, wenn sie sich an offizielle Stellen wenden, da im Zweifelsfalle die Abschiebung droht. Eine Frau, die Abschiebung fürchten muss ist eine Frau, die selbst in unerträglichsten Situationen ihr „Schicksal“ hinnimmt und sklavisch auch den Männern zur Verfügung steht, die sie im Normalfall und in freiwilliger Situation nicht mit der Kneifzange anfassen würde.
Bei meinen Recherchen zu diesem Artikel fand ich alleine in meinem Umfeld schon ein „Billig-Bordell“, das zudem noch Sex ohne Kondome anpries.
Lebensgefahr also für Niedrigpreise, nur weil Man(n) glaubt, sein Lohn sei ja auch nicht sonderlich hoch, also könne Frau zufrieden sein, derart „großzügig“ entlohnt zu werden?
Ist hier nach allem Gehörtem, Gelesenem, Gesehenem, das Eingreifen des Staates, das dieser überaus liebenswerte Mann beklagte, zu begrüßen?
Selbstverständlich.
Ein Gesetz, das Frauen in Prostitution vor Ausbeutung, Nötigung, Abhängigkeit schützt, ist mehr als überfällig.

Neben Alkohol und Sex darf ein dritter boomender Flatrate-Zweig nicht unter den Tisch gekehrt werden:
Das Geschäft mit Leihmüttern.
Wieder sind es Frauen, die ihre Körperlichkeit verkaufen.
Wieder möglichst billig für möglichst viel „Produkt Kind“.
Hochgelobt von wohlhabenden Wohlstandbürgern, nicht selten Homosexuellen, die die Auswirkungen der Menschenverachtung noch kaum selbst überwunden haben dürften, werden hier Menschen nach Maß gezüchtet und Frauen dafür gekauft, sich unzählige Male mit Sperma und Eizelle befruchten zu lassen, bis es klappt mit dem Kinderwunsch.
Mit Vorliebe wird dies in Indien betrieben, wo Frauen und ihre Gebärmütter noch zu Dumpinglöhnen zu haben sind.
Dass dabei, außer den Käufern und Unterhändlern, alle Menschen auf der Strecke bleiben wird ausgeblendet für die Illusion, ein Recht auf Familie zu haben.
Ein wunderbarer Artikel dazu in der von mir so oft gescholtenen FAZ von Martina Lenzen-Schultebemüht sich um einen Blick hinter die Kulissen des gepriesenen Traums der Leihmutterschaft.

„Dort gibt es das Schnupperpaket für 15000 Dollar mit Leihmutter der Wahl und drei Zyklen künstlicher Befruchtung bis hin zum All-inclusive-Angebot für ein Vierfaches dieses Honorars. Das beinhaltet eine Flatrate für unlimitierte Leihmutterschaften, bis es klappt mit einer Geburt, plus Extraarrangement für Zwillinge oder Drillinge ohne Aufpreis.“
„…Die Studie erschüttert das romantisch-verklärte Bild von der indischen Leihmutter, die sich und der eigenen Familie ein besseres Leben verschafft. Stattdessen wird darin ein Blick in die schäbigen Hinterhöfe des Reproduktionstourismus geworfen. Ein Tourismus, der alle ideellen und geldwerten Vorteile den Eltern, Ärzten und Agenturen zuschustert und die Gesundheitsrisiken der Leihmütter wissentlich in Kauf nimmt.
Die Vertreter der Agenturen unterhalten eigens soziale Netzwerker in Armutsenklaven, die die Frauen rekrutieren. Keine einzige der befragten Leihmütter konnte sagen, wie viele Embryonen ihr eingepflanzt worden waren. Keine wusste, was es bedeutet, wenn überzählige Embryonen in ihrem Bauch getötet –„reduziert“ – werden. Es ist durchaus nicht unüblich, mehrere Embryonen einzupflanzen, um die Erfolgschancen für ein Kind zu erhöhen. Wachsen aber drei oder mehr in der Gebärmutter der Leihmutter heran, wird wegen der Gefahren einer Mehrlingsschwangerschaft wieder reduziert, am liebsten auf zwei. Zwillinge sind nämlich vorteilhaft, eine Art Happy Hour für die Eltern in spe, wie es ein Arzt beschreibt: „Wenn sie Zwillinge kriegen, heißt das ‚two in one shot‘; sie müssen nicht doppelt zahlen.“ Was das patriarchalisch grundierte indische Gesundheitssystem von den Leihmüttern hält, wird erstaunlich freimütig von einem Arzt offenbart: „Nein, wir fragen sie (die Leihmütter) nie, und sie werden nicht mal darüber informiert, wie viele übertragen werden. Das sind ungebildete Mädchen, Analphabeten.“

Ich empfehle bei Interesse den gesamten Artikel.

Ich wünsche mir von Herzen ein Adoptionsrecht für Homosexuelle, das es noch zu erkämpfen gilt.
Aber Menschen, die Menschenhandel betreiben, blieben doch besser kinderlos. Welche Werte hätten sie weiterzugeben außer Dollar, Euro, Yen?

Wir haben unser eigenes Versprechen einer besseren, humaneren Welt hinter uns gelassen und der Menschenverachtung, dem Menschenhandel und der Sklaverei wieder Tür und Tor geöffnet.
Nicht alles, was man tun kann, muss man tun.
Nicht alles, was man kaufen kann, muss gekauft werden.
Unrecht war zu allen Zeiten nicht selten gesetzlich legitimiert, was Gesetze nicht zu einem Ersatz eigener Wertvorstellungen macht. Auch werden hier Gesetze umgangen, indem das Unrecht einfach in andere Länder verlagert wird.
Die einfachste Fragestellung wäre wohl: „Möchte ich, dass andere mit mir umgehen, wie ich mit ihnen verfahre?“
Liebe ist nicht käuflich, Leben ist nicht käuflich, auch wenn es kurzzeitig so aussehen mag.
Der hohe Preis sind die Konsequenzen dieser Finanz- und Selbstverwirklichungsideologie, getragen meist von denen, die dank „Flatrate“-Wahn ausgebeutet zurückbleiben.

Was der liebe Gott vom Gelde hält, kann man an den Leuten sehen, denen er es gibt. (Peter Bamm)

 

(Veröffentlicht am 03.06.15 auf Tonfarbe.wordpress.com)

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Vielen Dank fürs Teilen
Posted on: 17/03/2016SusannahWinter

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