Es ist angerichtet

Es ist angerichtet

“Wohltätigkeit ist das Ersaufen des Rechts im Mistloch der Gnade.” (Johann Heinrich Pestalozzi)

Die Organisation „Die Tafel“ ist, von Ort zu Ort und Stadt zu Stadt, unterschiedlich aufgestellt, deshalb einige Worte vorweg hinsichtlich der Tafel-Strukturen vor Ort:

Hier sind die Hilfsbedürftigen, nachdem sie ihren Anspruch nachgewiesen und den bürokratischen Teil hinter sich gebracht haben, in zwei Gruppen aufgeteilt: A und B.
Diese wechseln sich wöchentlich ab, so dass jede Gruppe alle zwei Wochen des Mittwochs für Lebensmittel anstehen darf, die von Supermärkten und Bäckereien der Umgebung abgegeben wurden. Das Los entscheidet darüber, welche Nummer man beim nächsten Besuch hat, was nicht ganz unwichtig ist, denn eine hohe Nummer bedeutet nicht selten, dass Obst und Gemüse, an denen es oft mangelt, bereits vergeben wurden. Selber habe ich schon erlebt, dass ich als eine der Letzten noch zwei Bananen, eine Dosensuppe und Brot und Brötchen erhielt. Überhaupt sind Backwaren das Einzige, das nie zu knapp wird.

Bevor ich Ihnen nun von einigen Erlebnissen dort berichte gilt es erst einmal, das politische Konstrukt „Tafel“ in seiner Entstehung und Funktion näher zu beleuchten.

Vielleicht ist es für einige schon aussagekräftig genug zu erfahren, dass es u.a. die
Unternehmensberatung McKinsey war, die das Konzept der Tafeln mit konzipierte. Ein neoliberaler Anschlag gegen den Sozialstaat, der im Stillen stattfand, wärmstens versteckt unter dem Deckmäntelchen der Nächstenliebe.

Es war die Zeit der Agenda 2010, des vehement betriebenen massiven Sozialabbaus, des Abbaus von Bürgerrechten, von Arbeitnehmerrechten.
Ergänzende Staatsleistungen, die massenhaft nötig wurden, da gut bezahlte und sozialversicherungspflichtige Vollzeitarbeitsplätze in Teilzeitstellen umgewandelt, Leiharbeit und Kurzarbeit nicht mehr Ausnahme sondern Regel wurden, zum Wohle eines „flexibilisierten Arbeitsmarktes“, also des „Hire and Fire“ – Prinzips, das schon in Amerika massenhaft Armut fabriziert hat, wurden dreist in „Hilfe- und Sozialleistungen“ umgedeutet, waren dabei aber nichts weiter, als versteckte Arbeitgebersubventionen. Der Arbeitgeber, der keine Löhne bezahlt von denen man die laufenden Lebenshaltungskosten decken kann, darf sich hier auf den Staat verlassen, der einspringt um „der Wirtschaft nicht zu schaden“.

Zeitgleich wurde dafür gesorgt, dass die Versorgung der Ärmsten keine Staatsangelegenheit mehr ist und möglichst keine Kosten verursacht. Der Anspruch war „nämlich die massive Einschränkung des staatlichen Geldtransfers auf der Grundlage von Bürgerrechten. Statt Geld mit Bürgerrechtsanspruch gibt es großzügige private Spenden an die Bedürftigen auf Grundlage der Menschenrechte.“

Hier wird die Entpflichtung der Menschen vorangetrieben, die den größten Teil des Wohlstandskuchens unter sich aufteilen.
Übersetzt also: Das Recht auf ausreichende Versorgung mit Nahrungsmitteln wurde geopfert und zugunsten einer erhofften Freiwilligkeit der Wohlhabenden und in Hoffnung auf unbezahltes Bürgerengagement in eine Möglichkeit verwandelt.
Der Unterschied zu einem Recht auf Basisversorgung dürfte klar sein:

Der arme Mensch wird abhängig gemacht vom Wohlwollen seiner Mitbürger, ist damit auf Gedeih und Verderb der vermeintlichen „Großzügigkeit“ ausgeliefert, die bei Fehlverhalten, bei Aufbegehren oder einfach nur, weil nicht genug vorhanden ist oder sich gerade nicht genügend edle Spender finden, aufgekündigt werden kann, ohne dass ein juristisches Recht auf Lebensmittel bestünde.

Das Recht auf Essen ist der Möglichkeit zu Essen gewichen.

So schreibt das „Aktionsbündnis 20“:
„Die zwanzigjährige Existenz von Tafeln in Deutschland und die zunehmende Verbreitung anderer existenzunterstützender Angebote (Kleiderkammern, Suppenküchen, Lebensmittelausgaben usw.) sind Ausdruck einer sich verfestigenden Armut in Deutschland. Der große Zulauf zu den Tafeln ist ein deutliches Zeichen einer verfehlten Sozialpolitik, die große Teile unserer Gesellschaft von einer gleichberechtigten Teilhabe ausschließt, sie materiell kurz hält und darüber hinaus über die SGB II und SGB III Gesetzgebung permanent bevormundet. Die Tafeln sind kein adäquates Mittel der Armutsbekämpfung, sondern viel mehr ein Seismograph für Armut in einem reichen Land sowie sozialer Ungleichheit und Ungerechtigkeit mitten unter uns.“

Fraglos meinen es die freiwilligen Helfer der Tafeln gut. Dennoch dient ihre kostenfreie Arbeit vor allem denen, die eine Finanzpolitik zugunsten der Unternehmen und zuungunsten der Bürger befürworten.

So viel zu theoretischen Einlassungen über Entstehung, Verbreitung, Sinn und Unsinn der Tafeln.

Da ich, wie hier schon oft erwähnt, aufgrund einer Erkrankung an Depressionen, Angststörung und anderen Begleiterkrankungen auf Sozialleistungen angewiesen bin, gehöre auch ich zu denen, die die Tafel nutzen.

Sehr lange habe ich vor meinem ersten Besuch mit mir gerungen, ob ich diesen Schritt wirklich wagen soll.
Die Anmeldung wie auch das erste Anstehen waren mit einem Gefühl von Scham und Angst verbunden, das ich kaum zu beschreiben vermag.
Schweißausbrüche und Herzrasen, Panik im Kopf, unzählige Gedanken auf einmal, komplett ungeordnet, die mich überrumpelten. Und selbstverständlich auch immer wieder die Frage, wie es bloß dazu hatte kommen können, dass ich hier saß.
Wer bei der Tafel ansteht weiß, dass er am untersten Ende der Nahrungskette, ganz unten in der Gesellschaft, angekommen ist.
Ich hatte damals das Glück, dass an der Tür jemand arbeitete, der unglaublich humorig war und mir mit seinen Späßen und seiner flapsigen Art viel Angst und Scham nahm.
Leider ist dieser Mensch vor gut einem Jahr schwer verunglückt. Ich hoffe, es geht ihm mittlerweile besser. Er wird, zumindest von mir, schmerzlich vermisst.

Der erste Rundgang, wie auch jeder danach, war grauenhaft.

Bevor es losgeht erhält jeder eine Klammer und ein Schildchen mit der Anzahl der im Haushalt lebenden Personen. Diese ist so offen zu tragen, dass die Helfer wissen, wie viel sie geben dürfen.
Jeder bringt Taschen oder Tüten mit, in die dann die Waren geworfen werden.
Die Helfer tragen Handschuhe, die Waren sind in grünen Lagerkisten ausgestellt und dürfen von niemandem angefasst werden. Auch selber aussuchen ist untersagt. Wer was erhält entscheiden ausschließlich die Tafel-Mitarbeiter.

Die Runde beginnt mit Obst. Oft Bananen (ich würde an dieser Stelle gerne Scherze über das Anstehen für Bananen im Westen einflechten. Leider lassen sich weder Humor noch Zynismus sonderlich gut verschriftlichen), Äpfel, gelegentlich Orangen. Mit etwas Glück kann man Erdbeeren ergattern, gelegentlich Weintrauben. Oft, vor allem wenn wenig da ist, sind diese Dinge Familien mit Kindern vorbehalten. Sehr zu Recht, selbstverständlich.

Nach dem Obst kommen die Kisten mit Gemüse. Üblich sind hier ein paar Blattsalate, Paprika, Tomate, Möhrchen, Gurke. Allerdings kann man hier, so man denn eine hohe Nummer gezogen hat, damit rechnen, keine Paprika mehr zu Gesicht zu bekommen. Und Gurken sind dann meist auch schon vergriffen. Dann gibt es noch Saisonales, je nachdem, was in den Supermärkten gerade übrig blieb. Das kann schon mal Spargel sein, Aubergine, Zucchini.

Anschließend wartet die Ecke, die immer wieder unterschiedlich reich ausgestattet ist. Hier gibt es, je nach Spendenlage, alles Mögliche. Vom Joghurt über Quark bis hin zum Dosenessen und abgepackten Nudeln. Einmal gab es dort auch „nur“ Mehl und ein paar Stücke Schokolade.

Schließlich die Brottheke. Der einzige Bereich, der verlässlich gut befüllt ist und neben Brot und Brötchen auch oft noch Kuchen offeriert.

Damit habe ich Sie, liebe Leser, auf einen Tafel-Rundgang mitgenommen. Und doch wissen Sie noch nichts.

Sie haben nicht erlebt, wie sich die Menschen mit hoher Nummer noch vor der Tür um die letzten Plätze drängeln, sei die Reihenfolge nun festgelegt  oder nicht. Sie wissen noch nichts von der Trostlosigkeit, den der Anblick der wartenden Menschen vor der Tür bietet, denn Stühle, Warteräume, solchen Luxus gibt es nicht. Schonungslos ist man den Blicken der Passanten ausgeliefert, die mal mehr, mal weniger mitleidig an einem vorbeilaufen.

Sie haben nicht gesehen, wie sich alle unter den kleinen, überdachten Bereich drängeln wenn es regnet und es eine Frage des Gnadenaktes und der Anzahl der Wartenden ist, ob man bei Regen drinnen warten darf.

Sie haben nicht den Ton gehört, in dem eine Tafel-Mitarbeiterin Menschen zurechtweist, die die „Unverschämtheit“ besitzen, sich Waren gezielt aussuchen zu wollen.

Sie mussten nicht erleben, dass ein Mann, der den Rundgang hinter sich hatte und nur kurz seine Tasche abstellte, kurze Zeit später feststellen musste, dass diese volle Tasche gestohlen worden war.
Irgendwer hatte es wohl für nötig gehalten, jemanden in gleicher Lage noch zu bestehlen.

Sie mussten nicht mitansehen, wie Helfer der Tafel Menschen in scharfem Ton darauf hinwiesen, man könne ja auch „Danke“ und „Guten Tag“ sagen. Sie haben die Abfälligkeiten nicht gesehen, mit denen manche bedacht werden, und ja, vor allem die, die offensichtlich einen Migrationshintergrund haben.

Sie haben nicht gesehen, was die Verteilungsmacht, wie jede andere Macht auch, mit Menschen in eben dieser Machtposition tut.

Hier herrscht eine klare Rollenverteilung. Auf der einen Seite der Arme, der demütig, dankbar und höflich zu sein hat, auf der anderen Seite der „Helfer“, der Gutes tut und ohne monetäre Entlohnung zu fordern doch Entlohnung fordert.

Natürlich werden die Helfer nicht gesondert psychologisch geschult. Sonst wüssten sie vielleicht, was Scham und Demütigung für Konsequenzen im Verhalten haben: Manche Menschen beugen sich, andere begehren auf. Der Mensch, der es wagt, aus dem Sortiment noch auswählen zu wollen tut dies nicht aus „Dreistigkeit“. Er will die Illusion der Kontrolle über sein Leben bewahren. Er will den Gedanken festhalten, er könne Entscheidungen treffen, die man ihm längst genommen hat. Das ist nichts Boshaftes oder gar Undankbares, es ist lediglich eine menschliche Reaktion auf einen unmenschlichen Vorgang.

In der Taz ist zur Tafel aus der Perspektive der Hilfesuchenden ein guter Artikel erschienen.

Gestern jedoch übertraf der Gang zur Tafel alle bisherigen, ließ mich aufgewühlt und zornig zurück.

Ich stand dort wie üblich in der Schlange und war eben am Obst vorbei, blickte auf und sah dort… unseren CDU-Bürgermeister. Ich, verbal leider weit weniger eloquent als schriftlich, sagte: “Herr Bürgermeister. Ich habe Sie ja gar nicht erkannt.” Er wollte mir, freudig darüber, erkannt zu werden soeben die Hand entgegenstrecken. Die übliche Politikergeste. Ich: “Wie können Sie die letzten Jahre massiven Sozialabbaus, der zu dem hier geführt hat, vertreten?”. Vermutlich hatte der Christdemokrat mehr Dankbarkeit erwartet, antwortete aber, ebenfalls politikerüblich, mit einer hohlen Phrase: “Ich bin überzeugter Vertreter von Sozialrechten”. Von welchen genau, das gab er bedauerlicherweise nicht an. Und ich war leider auch schon an ihm vorbei und der nächste Verteilende, vermutlich viel zu stolz, an der Seite des Bürgermeisters umsonst arbeiten zu dürfen und diese Arbeit mit dem bürgermeisterlichen Besuch geadelt und geehrt zu sehen, sah mich einer Mischung aus kalter Zurückhaltung und Verachtung für mein Aufbegehren an.

Nach Erhalt der Lebensmittel bin ich nochmal zurück und erinnere mich vor Zorn kaum noch, was ich sagte. Zorn darüber, wie ein Zootier ungefragt dem Politzirkus dienen zu müssen, zornig, dass sich ein Verantwortlicher an mir die Weste reinwäscht, zornig ob der Tafel-Mitarbeiter, die sich offensichtlich geehrt fühlten, anstatt reelle Kritik anzubringen, zornig, dass niemand sonst in meinen Zorn einstimmen mochte. Und, auch wenn man dies ob meiner schriftlichen Streitkultur kaum glauben mag: Ich tue mich schwer mit emotionalen Äußerungen, welche Emotion es auch immer sei. Ich kann nicht gut streiten. So war es für mich schon die äußerste Haltungsentgleisung dem Bürgermeister etwas wie “Es ist ein Unding, dass Sie das hier vertreten können” zu sagen. Zurück kam etwa: “Ja, schönen Tag noch”. Am Tisch, an dem man seine Klammer abgibt, die man während des Rundgangs offen trägt, insistierte ich, dass ich es unmöglich fände, dass der Bürgermeister dort stünde, der doch mit seiner Politik maßgeblich zur Situation beitragen würde. Als Antwort auch hier Unverständnis: “Aber er ist doch unser Bürgermeister. Wir haben ihn gewählt.” Meine Antwort: “Ich habe ihn nicht gewählt.” “Tja”.
Ich bedankte mich ausdrücklich für deren Arbeit, wollte nicht, dass sie meine Empörung auf sich münzen, und war beim Verlassen den Tränen nah, ob so viel Ignoranz und Gleichgültigkeit, fassungslos in dem Bewusstsein, dass dieser Mensch in den kommenden Tagen vermutlich groß im Lokalblatt stehen wird, inklusive Konterfei und Laudatio auf sein “soziales Engagements”. Ich bin froh, etwas gesagt zu haben. Und frustriert, nicht genug sagen zu können, um dieses öffentliche Zementieren von Armut als das bloßzustellen was es ist: PR für einen Politiker, PR für eine Organisation, die es nicht geben sollte, das Lenken der Blicke auf angebliche Wohltaten, die nur besser versteckte Untaten sind.
Vielleicht schreibe ich einen Leserbrief an die Lokalzeitung, die hier ganz offen CDU-ausgerichtet ist. Wie stehen wohl meine Chancen, dass man meine Kritik abdruckt?

Wenn die meisten sich schon armseliger Kleider und Möbel schämen, wieviel mehr sollten wir uns da erst armseliger Ideen und Weltanschauungen schämen. (Albert Einstein)

 

(Veröffentlicht am 02.07.15 auf Tonfarbe.wordpress.com)

 

 

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Posted on: 18/03/2016SusannahWinter

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