Endlich

Endlich

Man schließt die Augen der Toten behutsam; nicht minder behutsam muss man die Augen der Lebenden öffnen. (Jean Cocteau)

So sehr unsere Gesellschaft auch darauf beharrt, auf- und vor allem abgeklärt zu sein, man verfängt sich beim Kratzen an der Oberfläche und näherer Betrachtung des vordergründig schönen Scheins schnell in all den Widersprüchen, die den meisten schon Gewohnheit sind.

Und so hat sich in unserer Medien – und Konsumgesellschaft trotz aller Beteuerungen, ein wissenschaftlich nüchternes Bild vom Leben zu haben, vor allem eine Angst voll ausgeprägt:
Die Angst vor der Endlichkeit

Da der Homo Ökonomikus sich vor allem als Konsument versteht, oder auch von anderen so verstanden und gehandhabt wird, wird von der Wiege bis zur Bahre konsumiert, was das Zeug hält.

Das Leben beginnt hier mit Konsum von Märchen und vor allem Kinderbüchern, die „sauber“ sind. Kein Tod, kein Schmerz, keine Behinderung, keine Sorgen weit und breit. Alte Märchen sind wohl in manchen Kindheiten das einzig nicht „kindgerechte“, nicht „saubere“, schaut man sich die wunderbaren Märchen der Gebrüder Grimm oder z.b. das großartige, nicht-disneyfizierte Original der „kleinen Meerjungfrau“ an. Dort gibt es noch das Scheitern, den Tod, Grausamkeiten, Ängste.
Wir diskutieren heute verwundert, wieso man Kindern solche Geschichten erzählte während wir unsere Kleinen in Watte packen, und ihnen jede reelle Sicht auf das Leben versperren, wo es nur geht. So habe ich persönlich als Kind das Buch „Die Brüder Löwenherz“ von Astrid Lindgren heiß geliebt. Vor einigen Monaten wollte ich es noch einmal lesen, da es als Kind solchen Eindruck hinterlassen hatte. Erschrocken las ich die Rezension einer empörten Mutter, die anprangerte, das Thema Tod in dem Buch sei für Kinder nun denkbar ungeeignet und keinesfalls zu empfehlen. Dem kann ich nur widersprechen. Ganz im Gegenteil geht Astrid Lindgren wie gewohnt sehr liebenswert und vorsichtig mit ihren jungen Lesern um.
Den vermeintlich pädagogisch wertvollen Büchern folgt das Öko-Holzspielzeug, die glutenfreie Kost und Daueraufsicht auf dem Spielplatz. Nicht, dass das Kind sich das Genick bricht bei der wilden Rutschfahrt oder im Sandkasten abhandenkommt.
Später sorgen wir dafür, dass Oma im Krankenhaus leidet und stirbt und erzählen dem Kind, sie sei auf Urlaub.
Das körperlich behinderte, etwas späte, Geschwisterchen wird noch kurz vor der Geburt fachgerecht entsorgt, um der Idealfamilie Mutter, Vater, Kind nichts „zumuten“ zu müssen.
Der Kindergarten sorgt für Bespaßung während Mama und Papa Kurzarbeit und Leiharbeit nachgehen, unbezahlte Überstunden schieben, immer das kontinuierliche Wirtschaftswachstum ihres Landes im Blick, um des Nachts todmüde und von Existenzängsten gequält ins Bett zu fallen. Selbstverständlich wird auch hier schon von klein auf Sorge dafür getragen, dass man das arme Kind nicht mit seiner möglichen Zukunft konfrontiert sondern ihm ausmalt, es könne alles sein, was es wolle, wenn es einmal groß wird.
Dass die so anerzogenen Scheuklappen und unerklärten Widersprüche in Gesagtem und Tat ihren Teil beitragen zu den Scheuklappen der Zukunft, des erwachsenen Menschen, der gar nicht mehr weiß, wie er mit Lebensrealitäten außerhalb illusorischer Idealbilder von ewiger Liebe, ewiger Gesundheit, ewiger Unbekümmertheit umgehen soll, ist hier völlig aus dem Blick geraten.
Denn es geht hier nicht nur um das Wohl des Kindes sondern auch um die Illusionen, die Mama und Papa sich gerne bewahrt hätten, und die ihr Kind nun möglichst lange behalten soll.
Und so wird das Kind bewahrt vor jedem Schmerzchen, vor Ängsten, schlechtem Essen, vermeintlich bösem Spielzeug, vor den Lebensrealitäten von Mama und Papa und wird dabei auch bewahrt vor den Selbstverständlichkeiten des Lebens, vor der Freiheit, vor Erfahrungsprozessen, vor eigenen Entscheidungen und daraus resultierenden Konsequenzen. Und bedauerlicherweise auch davor, ein gleichwertiger Teil der Familie zu sein.
Dabei nehmen Kinder sowieso sehr viel mehr wahr, als die meisten Eltern sich bewusst machen wollen.
Sie erfühlen schlechte Stimmungen, Sorgen und Ängste, hören die Streitigkeiten.
Aus nicht ausgesprochenen Problemen entstehen so beim Kind, anstelle von konstruktiver Entwicklung, offener Konfliktlösung und Aufarbeitung, diffuse Ängste.

Auf jedes Leben wartet früher oder später das erste Hinfallen, die ersten schmerzvollen Erfahrungen. Gerade als Kinder lernen wir, diese als Teil des Lebens zu sehen und zu verstehen, wieder aufzustehen und weiterzumachen… Je später wir diese Erfahrung machen, desto erschütterter ist unser Weltbild im Nachhinein.
Und wer gar seine gesamte Kindheit derart überbehütet verbringt hat nur zwei Optionen, mit der ungewohnten Situation, mit Schmerz, Leid, Tod konfrontiert zu sein, umzugehen:
Äußerst schmerzhafte Konfrontation, die ja neben dem tatsächlich in dem Moment erlebten auch noch die Erschütterung der Kindheitslügen beinhaltet, oder das Bemühen, den erlernten Kurs beizubehalten, wegzusehen und unangenehme Wahrheiten auch weiterhin zu verlügen.
So ist es nicht verwunderlich, dass unsere Gesellschaft, bestehend aus einer wachsenden Anzahl an Individuen, die schon in früher Kindheit nichts anderes kennengelernt haben, als diese emotionale Abgrenzung von den Realitäten ihrer Eltern und der Restgesellschaft, sich immer häufiger darauf verständigt, Alter, Tod, Krankheit an den Gesellschaftsrand zu verlegen, außer Sichtweite.
Dies gilt in gleichem Maße für alle anderen schmerzhaften Seinszustände wie Armut, Obdachlosigkeit, Behinderung, psychische Erkrankungen und Vereinsamung.
Es ist der Weg des geringsten Widerstandes, aber es ist auch Ausdruck äußerster Hilflosigkeit im Umgang mit allem, was das vermeintliche Idealbild, das Märchen, Pädagogik, elterliche Hoffnungen für das Kind, Kindergärten, Schulen (so diese nicht ausnahmsweise inklusiv arbeiten), Medien, allen voran das Fernsehen mit seinen Happy End-Schnulzen und menschlicher Selbstoptimierungsideologie, zerstören könnte.
Mensch glaubt, die Wissenschaft müsse doch mittlerweile eigentlich weit genug sein, um ihm eben dieses Leben zu gewährleisten, ein Leben, das Sicherheit bietet vor Krankheit, Enttäuschungen und vor allem vor dem Tod.

Dass der Tod nicht ausschließlich das alles zerstörende Monstrum ist, das Schreckgespenst, das es zu besiegen gilt, lernen oft erst die, die schon kurz vor der Begegnung stehen.
Der Tod an sich ist in vielerlei Hinsicht durchaus eine sinnvolle Lebenseinrichtung.
Er ist (noch) und war lange Garant für Verhinderung von Überbevölkerung und damit auch Absicherung dafür, dass die nachfolgenden Generationen mit Nahrung und anderen Ressourcen versorgt waren.
Er steht nicht selten am Ende des Alterns für das Beenden von Krankheit und Schmerzen.
Auch sorgt er dafür, dass Platz wird für neue Lebensweisen und Ideen, für Revolutionen oder Frieden.
Er sorgt für einen steten gesellschaftlichen Entwicklungsprozess.
Eine Wissenschaft, die „ewiges Leben“ schafft, hätte gesellschaftlich Fataleres Geschaffen, als den Bau der Atombombe.
Eines der wunderbarsten Bücher, das ich je gelesen habe, ist das Buch „Alle Menschen sind sterblich“ von Simone de Beauvoir.
Ein wunderbarer Roman, der die philosophische Frage nach der Sinnhaftigkeit des Todes und des Sterbens beinhaltet.
Was den Tod für die meisten Menschen so erschreckend macht, und dies gilt in etwas geringerem aber ähnlichem Maße für all die vorher genannten Ängste vor Behinderung, Leid und Schmerz, ist der Kontrollverlust.
Kontrolle über alles im Leben jedoch ist fragile Illusion.
Für diese Illusion die Freiheit und das Leben aufzugeben, bevor dieses tatsächlich durch den Tod beendet wird, halte ich für das größte Sakrileg.
Ich wünschte, Herr Gauck und all die anderen Politiker, die permanent von Freiheit faseln und diese beschwören, würden eben dem Taten folgen lassen und ihr ewiges Bedürfnis nach Kontrolle über die Gesellschaft aufgeben.
Ebenso wünschte ich, wir könnten uns als Gesellschaft darauf verständigen, unseren Ängsten vor Kontrollverlust anders zu begegnen, als mit weißem Gartenzaun um den vermeintlich verdienten Wohlstand und die Ausgrenzung derer, die uns an die Möglichkeit der Verarmung erinnern, anders jedenfalls, als mit Ausgrenzung derer, die uns an Leid und Tod erinnern.
Nur Konfrontation gäbe uns die Möglichkeit, mit unseren Ängsten, damit aber auch mit unserem kärglichen Rest an Freiheit in einer derart kontrollsüchtigen Welt konstruktiver umzugehen.

Es ist nicht der Tod, der uns hier des Lebens beraubt.
Es ist die Angst vor dem Tod, die dies bewirkt.

Das Leben ohne Risiko eben vor allem von Ängsten geprägt. Und was schon das Individuum umtreibt, manifestiert sich aufs Unschönste im Staat.
Überwachung aller Orten, damit die Angst, man könnte nicht sicher sein, mit blindem (oder in diesem Falle besser: Alles sehendem) Aktionismus weichgespült wird.
Dass im Leben grundsätzlich nichts sicher ist, lässt sich derart einfacher ausblenden.
Dabei ist das einzig sichere im Leben der Tod.
Und so spezialisieren sich Individuen und Staat auf das vermeintliche Ausmerzen der Restrisiken.
Neben einer Reihe von Verboten für Drogen (da selbstschädigend) und Waffen (da potenziell fremdschädigend) erweitern wir ständig das Repertoire an Zwangssicherheitsstandards für Rad- und Autofahrer, schaffen staatlich verordnete Notausgänge und regelmäßige Feuerübungen, Feuerwarnmelder überall, Anschnallpflicht, Vorratsdatenspeicherung, Wetterüberwachung, stellenweise Überwachung des Weltraums auf Suche nach Meteoriten.
Gelegentlich wundere ich mich, dass unsere Bürgersteige noch nicht per staatlicher Zwangsverordnung wattiert wurden und ich als Erwachsene scharfe Messer und Scheren benutzen darf.
Noch.

Wir alle kommen, ganz gleich wie übervorsichtig wir waren, irgendwann einmal an den Punkt, an dem es den Tod zu begrüßen gilt.
Gerade bei Kübler-Ross aber auch anderen Sterbebegleitern aus der Palliativmedizin und der Hospizbewegung hört und liest man immer wieder, wie wichtig es ist, dann bereit zu sein, loszulassen. Das setzt aber voraus, sich im besten Falle schon vorher mit dem Sterben auseinandergesetzt zu haben.
Dazu gehört auch die Einsicht, dass unsere Kontrollmöglichkeiten beschränkt sind.
Nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist Krebs mittlerweile die zweithäufigste Todesursache
(Und nein, liebe Eso-Verschwörungstheoretiker, nicht weil uns böse Chemtrails vergiften, sondern weil unser weitestgehend funktionierendes Gesundheitssystem alle anderen möglichen Todesursachen vorher wegimpft, kuriert, heilt und der Körper schließlich an irgendetwas sterben muss und wird. Und so gerne ich unseren Staat kritisiere: An der Sterblichkeit ist er ausnahmsweise einmal nicht schuld. Wohl aber an den Bedingungen vorneweg).
Alle werden wir also, bis es schließlich so weit ist, schon mehr oder weniger dramatische Erfahrungen mit Krankheit und Leiden gemacht haben.
Im besten Falle nicht alleine.
Und egal wie groß oder klein die Lebensfreude war, so kann es doch oft nach jahrelangem Schmerz und mit erschöpfender Lebenskraft auch Segen sein, dass wir sagen dürfen:

Das Leben ist endlich

Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern dass man nie beginnen wird, zu leben. (Marcus Aurelius)

 

(Veröffentlicht am 15.05.15 auf Tonfarbe.wordpress.com)

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Posted on: 17/03/2016SusannahWinter

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