Chauvinistischer Feminismus

Chauvinistischer Feminismus

Vorneweg, um nicht missverstanden zu werden:

Ja, es bedarf immer noch einiger Anstrengungen, Chancengleichheit für Männer und Frauen herzustellen, vor allem in Sachen Lohngleichheit.
Und ja, auch Frauen in „klassischen Frauenjobs“, sprich Krankenhaus, Pflege, Erziehung, Service, verdienen eine Diskussion über ein angemessenes Gehalt.
Die bisherige, nicht hinnehmbare, Unterbezahlung basiert zum Teil noch auf alten, christlich-ideologischen Auffassungen darüber, dass der Dank, den man in solchen Berufen erhalte, ja Lohn genug sei und selbstverständlich kommt heute der kapitalistische Grundgedanke hinzu, der Nicht-Produktive Arbeit als gesellschaftlich wertloser erachtet.
Ein Umdenken, Sozialberufe nicht als reinen Kostenfaktor sondern als Notwendigkeit einer produktiven Gesellschaft zu verstehen, wäre wünschenswert.
Ja, es ist ein Unding, dass Frauen als Model, Schauspielerin und Prostituierte besser verdienen, als die meisten Akademikerinnen.
Und ja, auch im Hinblick auf das medial verzerrte Körperbild von Frauen ist Veränderung und Umdenken nötig.
Allein in meinem Bekanntenkreis ist die Zahl der von Essstörungen Betroffenen mittlerweile unübersichtlich hoch.
Und auch ich selber habe ein halbes Leben mit einer Essstörung gelebt.
Pubertäre Unsicherheiten waren fruchtbarer Boden für das verzerrte Frauenbild, das von den Medien schon in meiner Jugend gewinnbringend verkauft wurde.

Und dennoch:

Die Zahl der Stimmen, die dieser Tage in jeder Diskussion, jedem Thema, an jeder Ecke Frauenfeindlichkeit ausmachen wollen, scheint stetig zu wachsen oder wenigstens lauter zu werden. Zwar darf man dem medialen Getöse nicht uneingeschränkt trauen,  da die publizierte Wahrheit und die Realität selten dasselbe sind und boulevardesker Journalismus Randerscheinungen oft zu überproportionaler Wichtigkeit aufbläst.

Aber wer regelmäßig Beiträge in Foren liest oder vielleicht selber schreibt, darf sich über Geschichten aus Absurdistan freuen.

So bekam ich vor kurzem zu einem Artikel über „Terrorismus und die Rolle der Medien“, der nun wirklich herzlich wenig mit Feminismus oder Gendern zu tun hatte, einen freundlichen Kommentar, der mich ganz unerwartet als „Männerversteherin“ outete.

Ich meine nun, Männer wie Frauen gleichermaßen mäßig zu verstehen, wir schauen ja alle nicht in die Köpfe unseres Gegenübers und manche Menschen werden mir für alle Zeiten ein Buch mit sieben Siegeln bleiben.
So hatte ich auch mit vielerlei Reaktionen gerechnet, nicht aber ansatzweise mit einer Feminismusdebatte.

Ich überlas den Artikel noch einmal und stellte fest, dass ich mich durchaus zu beiden Seiten geäußert hatte. Ich war in einem Absatz auch auf Übergriffe auf Frauen eingegangen, hatte Zahlen genannt und Terre de Femme zitiert, dann aber auch, für die Kommentatorin offenbar unverständlich, Folgendes von mir gegeben:

„Wer so, in jungen Jahren, zudem vielleicht noch männlich, mit der Vorstellung im Kopf, Männer müssten die Familie versorgen und nährten daraus ihren Stolz (übrigens eine Haltung, die Männer der meisten Kulturkreise teilen), ständig an Grenzen gerät, die für ihn ohne permanentes „mea culpa“ für etwas, das er selber nicht verursacht hat, nicht zu überwinden sind, für den wird es ein Leichtes, sich zu radikalisieren.“

Weder hatte ich geschrieben, Männer müssten zwanghaft Ernährer spielen, noch hatte ich meine eigene Haltung kundgetan.
Ich hatte lediglich versucht, mich in junge Männer einzufühlen, meist aus anderen Kulturkreisen stammend, in denen Patriarchalismus noch üblicher ist und oftmals ausschlaggebend für die Probleme, die junge Männer haben, wenn Arbeitslosigkeit und Moderne sie in ihrer Männlichkeit zu bedrohen scheinen.

Und ja, auch in unserer Gesellschaft verbinden viele Männer ihre Leistungsfähigkeit und nicht selten ihre Konkurrenzfähigkeit noch immer mit Männlichkeit und Stolz.

Und warum auch nicht?

Ging es in der Emanzipationsdebatte nicht um Freiheit?
Die Freiheit, über das eigene Leben zu entscheiden, den eigenen Weg zu suchen und, so man Glück hat, auch zu finden?
Ging es nicht um mehr Individualismus anstelle von gesellschaftlichen Normen und Fremdbestimmung?
Warum sollte das Streben nach individuellen Werten, Vorstellungen, Lebensweisen vom Geschlecht abhängig gemacht werden?
Gilt dies für Männer weniger als für Frauen?

In meinem Bekanntenkreis gibt es ein wunderbares Ehepaar, das sich entschieden hat, dass er als Hausmann daheim bleibt.
Es war eine pragmatische Entscheidung. Sie verdiente als Selbstständige mehr, er war der Ruhepol, ein sehr gelassener Typ und ein grandioser Papa.

Aber was ist mit den Frauen, die sich dieser Tage für das klassische Rollenbild entscheiden möchten? Und ja, es gibt diese Frauen, auch in einer Zeit, in der Frau von allen Seiten zu hören bekommt, sie wäre quasi verpflichtet, Arbeit, möglichst mit steiler Karriere, Kindern, Haushalt und sexueller Unabhängigkeit unter einen Hut zu bekommen.

Ich habe mehr als einmal erlebt, dass eine Frau als „asozial“ beschimpft wurde. Nicht etwa, wegen abnormer Verhaltensweisen, sondern weil sie Mutter und Hausfrau war und sich für eine kinderreiche Familie entschieden hatte.
Und, da dies ja vielen relevant scheint, ohne staatliche Bezüge zu erhalten.

Hier wird keine Freiheit geschaffen, lediglich ein neues Frauenbild mit alten Zwängen.

Wer Karriere machen möchte und Hausfrau sein muss, der wird kein Glück und keine Freiheit finden.
Dies gilt aber in gleichem Maße für die Frauen, die sich trotz winkender Altersarmut und mangelnder finanzieller Absicherung für das klassische Rollenbild entscheiden.
Wer dies wünscht, nach reiflicher Überlegung, der wird kein Glück und keine Freiheit finden im Leistungszwang und der Hetze zwischen Job, Haushalt, Kindern.

Nun ist dies eben eine der vielen Wahrheiten:
Lebensbedürfnisse sind unterschiedlich.
Ebenso unterscheiden sich unsere Möglichkeiten und Fähigkeiten von Mensch zu Mensch.
Es gibt Frauen und Männer, die für Konkurrenz und Karriere leben und es gibt Frauen und Männer, die dies nicht können oder wollen.

Sollte es hier nicht darum gehen, die eigenen Wünsche und Machbarkeiten auszuloten?
Wenn ein Verdienst ausreicht, was ja nicht mehr wirklich üblich ist, warum dann nicht das klassische Konzept, so es beide glücklich macht?
Oder das moderne Konzept vom Hausmann oder dem Doppelverdienst.
Dieser Pluralismus wäre doch erst tatsächliche Freiheit.

Worin liegt eigentlich der Unterschied, ob mir eine Frau vorschreibt, wie ich mein Leben zu gestalten habe, oder ein Mann?
Ich empfinde beides als Eingriff in meine Entscheidungsfreiheit.

Und das führt mich zur nächsten Debatte.

Die fand auf Fischundfleisch.at statt und klärte mich darüber auf, dass es „Herrklären“ heißen sollte, „Wenn Typen dir die Welt erklären“.

Wie es heißen sollte, wenn Frauen mir erklären was ich sagen und denken soll, wenn Typen mir die Welt erklären, ließ Frau Schrupp dabei bedauerlicherweise offen.

Nun gehören gerade die Feministinnen, die Männern und anderen Frauen gleichermaßen die Welt erklären wollen und nicht merken, dass sie damit nichts anderes tun als das, was sie Männern vorwerfen, zu denen, die die Ursprungsidee des Feminismus, nämlich die weibliche Entscheidungsfreiheit, außer Acht lassen.

Ist das überhaupt noch Feminismus im eigentlichen Sinne oder nicht schon eine feministische Form von Chauvinismus?
Die klügste Definition von Feminismus, die ich bisher gelesen habe, lautete:

„Feminismus ist die Freiheit, selber zu entscheiden. Alles andere ist Interpretation“

Ich kenne humorige, charmante, gebildete und kultivierte Männer, aber auch den biertrinkenden Handwerker, dessen liebste Hobbys Fußball und grillen im Sommer sind (dass gerade dieser Mensch dabei aber immer hilfsbereit ist und ein offenes Ohr hat beweist einmal mehr, wie wenig Schubladen taugen).
Ich habe auch Männer kennengelernt, die ausnahmslos unangenehm waren.

Aber es gibt auch Frauen ohne Benimm die anderen über den Mund fahren, die alles besser wissen müssen, die Samstags vorm Fußballspiel sitzen, Bier trinken, mit Bleifuß Auto fahren, ruppig, unhöflich oder dominant sind.

Ich halte es ebenso für Sexismus, Attribute wie „besserwisserisch“, „ungehobelt“, „unkultiviert“ zwingend Männern anzulasten, wie ich es für Sexismus halte, Frauen grundsätzlich als hysterische, handtaschenwedelnde Schuhfetischistinnen darzustellen.

Sexismus ist, bestimmte Verhaltensweisen, meist mit negativer Konnotation, zwanghaft geschlechterspezifisch verorten zu müssen.

Darin scheinen beide Seiten gut.

Ging es in der Debatte nicht ursprünglich darum, Frauen nicht am genormten Bild vom Frausein und Männer nicht an klischeehaften Männerbildern festzumachen, sondern an ihrer Art zu leben, mit anderen umzugehen, an individuellen Eigenschaften?

Auch Männer leiden an Essstörungen, an falschen Körperbildern.
Als ein Mann, mit dem ich einige Male ausgegangen war, mich beim Essen fragte, ob ich fände, dass er zu dick sei, fühlte ich mich komplett überrumpelt.
Und verkneife mir seitdem weitestgehend, Ähnliches zu fragen. Nun weiß ich, wie Männer sich fühlen müssen.
Was soll man darauf antworten?
„Ja, eben weil ich dich so abstoßend übergewichtig fand, habe ich genau Dich haben wollen?“

An dieser Stelle eine Entschuldigung an alle Männer, die ich jemals mit dieser Frage belästigt haben sollte.

Und auch Männer arbeiten in Altenpflege, Krankenhäusern, Service und Erziehung.
Zwar muss man sagen, dass der prozentuale Anteil zu wünschen übrig lässt, dennoch gibt es sie und sie verdienen Erwähnung.

Wir sollten aus der geschlechterfixierten Debatte endlich wieder eine Debatte über mehr Individualismus werden lassen.

Denn alle Menschen, egal welchen Geschlechts, haben ein Recht auf angemessene Bezahlung. Angemessen bedeutet, dass man von einem Vollzeitjob seine laufenden Kosten tragen und seinen Unterhalt finanzieren können sollte, ohne gezwungen zu sein um Zusatzleistungen beim Staat betteln zu müssen. Und auch, für gleiche Leistung gleichen Lohn zu erhalten.

Alle Menschen, egal welchen Geschlechts, haben ein Recht auf die freie Wahl, wie sie ihr Leben gestalten wollen, unabhängig von der Erwartungshaltung ihrer Umwelt.

Und auch erlebtes Unrecht wird individuell wahrgenommen und sollte auch so bewertet werden.

Zu guter Letzt:

Es ist bedauerlich zu sehen, welchen Beigeschmack der Begriff „Feminismus“ dieser Tage bekommen hat, wie sehr die kleinkarierten Grabenkämpfe um winzige Begrifflichkeiten und Rechthaberei die wirklichen Notwendigkeiten überdecken, denn auch ich verstehe mich als „Feministin“, auch wenn meine Definition des Feminismus’ ein wenig freier ausfällt.

Ich gehöre zu den dankbaren Abnehmern eines Bildungssystems, das auch mir als Frau offen stand, bin dankbar, nicht gegen Kühe und Schafe in die Ehe gegeben worden zu sein , als Frau nicht mehr schweigen zu müssen, wählen zu dürfen und meine Sexualität frei leben zu können.

Von hier an jedoch, meine lieben „Mitfrauen“, ist es meine Entscheidung, welches Vokabular ich nutze, wie ich mein Leben gestalte, wie ich Feminismus definiere und wie gut ich Männer verstehe. Ich brauche keine wohlmeinende, leitende Hand oder Anweisungen.

Das ist meine Freiheit, die keiner Definition bedarf, außer meiner eigenen.

 

(Veröffentlicht am 03.03.15 auf Tonfarbe.wordpress.com)

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Posted on: 17/03/2016SusannahWinter

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