Brave New World

Brave New World

Zugegeben, ich bin nicht mehr das naive Mädchen, das ich sogar mit Mitte zwanzig noch war. Das glauben konnte, alle Menschen seien tief in ihrem Inneren gut und jeder gäbe sein Bestes. Das glauben wollte, es mangelte nur an einem Lächeln hier und da, an Mühe und Offenheit und Liebe.
Es ist viel passiert in den Jahren meines Lebens und vermutlich ebensoviel passiert in all den Jahren der Leben anderer Menschen.
Wie Funny van Dannen so schön singt: „Naiv kann man nicht werden, naiv muss man sein“, so ist nicht zurückzuholen, was abhandengekommen ist, und vielleicht wäre das nicht einmal wünschenswert, denn Scheuklappen nutzen weder mir noch irgendwem sonst.
Und doch gibt es noch die Momente in denen ich denke, dass ich die Realität noch immer nicht ganz durchschaue oder mich jemand auf dem falschen Fuß erwischt, so unerwartet, dass es weh tut.
Das hat die FAZ, das Pseudo-Linksliberale Blatt heute geschafft, als es den Geburtenschwund bemängelte.
Nicht mit dem Bedauern, die Familien würden kleiner.
Nicht mit dem Bedauern, kulturell käme uns abhanden, was neue Menschen uns bringen könnten.
Nicht mit dem Hinweis darauf, dass es uns an Bereicherung fehle.
Die FAZ ließ heute durchblicken, dass Huxleys Dystopie „Brave new world“, die ich dank meines dünnen Fells nur einige Seiten lang lesen konnte, schon näher an der Realität ist, als es sich irgendjemand hätte wünschen können.
„Brave New World“ beginnt mit einem Besuch im Labor, in dem Menschen nach Bedarf gezüchtet werden. Arbeiter, Akademiker, Elite. Was immer gerade benötigt wird, wird am Fließband gezeugt. Ein gezielt herbeigeführter Sauerstoffmangel während des embryonalen Entwicklungsprozesses schafft den Intelligenzstatus, der benötigt wird. Braucht man dumme aber funktionsfähige Arbeiter, reicht ein kurzes Aussetzen des Sauerstoffs und fertig ist der gewünschte Mensch.
Über diesen Punkt hinaus konnte ich das Buch nicht lesen, zu groß war der emotionale Tumult, den diese Vorstellung in mir auslöste. Der Mensch als Zucht- und Nutzvieh, eine Vorstellung, die heute schon realer wird, als es mir lieb ist, wenn angesichts von so viel Kinderelend fleißig Kinder nach Wunsch gezüchtet und entsorgt werden, so es den Wohlhabenden gefällt.

Und nun titelte heute die FAZ: „Arbeitskräftemangel gefährdet den Standort“.
Nun gut, die Mär von den Deutschen, die sich abschaffen, von der gesellschaftlichen Überalterung und dem demografischen Wandel, sie ist nicht neu.
Doch die FAZ übertraf sich heute selbst.
Sie untertitelte diese Schlagzeile folgendermaßen:
„Dass hierzulande eine Arbeitskräftelücke droht, ist bekannt. Doch eine Vielzahl neuer Studien untermauert nun noch einmal das Problem: Mittlerweile ist Deutschland das Land mit den wenigsten Geburten auf der ganzen Welt. Ist das noch aufzufangen?“

So sieht es der wirtschafshörige Journalist von heute.
Der Mensch als Lückenfüller je nach Arbeitskräftebedarf.
Benötigen wir gerade Akademiker möge man das Mutterverdienstkreuz wieder aus der Schublade kramen, eine Mütterrente einführen und die Erziehung zu Hause subventionieren.
Brauchen wir Billiglöhner möge das Fußvolk sich ranhalten mit der Fortpflanzung um hörige und willige Sklaven zu schaffen, die anspruchslos aber funktionsfähig sind.
Ein wenig hilflos kommentierte ich auf Facebook folgendermaßen:
„Vielleicht liegt es ja daran, dass Menschen nur noch gewollt werden, wenn es eine “Arbeitskräftelücke” gibt und auch nur noch als “Arbeiter” verstanden werden. Potenzielle Mamas und Papas, die dann auch schon zu müde sind, um nach Doppelschicht und Doppelverdienst und dennoch Leistungsbezug, dann noch Kinder zu machen, mögen vielleicht keine Sklaven mehr zeugen.“
Und doch bleibt der schale Beigeschmack, den mir diese offene Zurschaustellung der Ökonomisierung noch des privatesten Bereiches verursacht hat.
Es gibt zahlreiche Studien darüber, dass gerade Akademikerinnen immer weniger Kinder bekommen. Die Ursachen sind relativ klar.
Selbst ein Doppelverdienst reicht kaum noch aus, um dem Kind die notwendigen Chancen zu gewährleisten.
Die Eliten sorgen dafür, dass ihr Status gewahrt bleibt.
Um den Rest schlagen sich die Abgehängten mit allen Mitteln.
Die beste Bildung ist nicht mehr an staatlichen Schulen zu haben, und da ein Verdienst nicht ausreicht, schwanken die meisten Mütter zwischen permanent schlechtem Gewissen, Selbstaufopferung, unterbezahltem Mini-Job und Erziehungsaufgaben und Papa ist frustriert, weil sein Lohn nicht mal mehr die Kleinstfamilie ernährt.
Und so halten es die meisten klugen Frauen für klüger, keine oder nur wenig Kinder zu bekommen, möglichst spät, nach Eigenabsicherung, um nicht zu versagen, um nicht zu scheitern in der Rolle, die die Gesellschaft für Frauen immer noch als Ideal versteht.
Um ihren Kindern zu ersparen, abgehängt zu werden, ausgenutzt.
Wer heute Kinder plant, der rechnet doppelt und dreifach nach, ob er es sich leisten kann.
Wer heute Kinder plant, der darf damit rechnen, dass auch der Staat doppelt und dreifach rechnet, ob es diese Kinder sind, die sich lohnen und ob es die sind, die er braucht.
Wo eine arbeitslose Frau mit Spott und Hohn rechnen darf, wenn sie vielfache Mutter ist, weil die Gesellschaft das staatlich geförderte Vorurteil von „asozial“ pflegt, wenn die Kinder nicht finanziell besser gestellt sind, so darf eine Akademikerin sich zumindest unterschwellig gefallen lassen, als „asozial“ zu gelten, wenn sie keine Kinder bekommt.
Als wäre das nicht schlimm genug, plappert noch ein Großteil der Bevölkerung diese Vorurteile nach.
So werden Menschen eingeteilt in „gute Mütter-schlechte Mütter“, „gute Kinder-schlechte Kinder“
Die FAZ offenbart hier, scheinbar völlig naiv, wie sehr und wie selbstverständlich Menschen in „nützlich“ und „unnütz“ eingeteilt werden.

An dieser Stelle also ein Aufruf, gesponsert von Wirtschaft, FAZ und Bundesregierung:
Fragen Sie nicht, was der Staat für Sie tun kann, fragen Sie, was Sie für den Staat tun können.
Vermehren Sie sich, so Sie sich akademische Laufbahn Ihrer Kinder und eigene Altersvorsorge leisten können.
Ach, dies können Sie dank zunehmend wirtschaftsorientierter Politik nicht mehr?
Sollten Sie aber.
Ihr Staat braucht Sie und Ihre Fruchtbarkeit, Ihren Gehorsam und Ihre Leidensfähigkeit.
Übrigens werden in naher Zukunft zunehmend auch billige Arbeitskräfte im Sektor Altenpflege und Dienstleistung gebraucht.
Sollte Ihnen also zwischenzeitlich die Finanzierung Ihrer Kinder entgleiten, eine Zukunft ohne Zukunft gibt es auch für die Abgehängten. Zudem obendrein noch die Dauerrolle als Sündenbock für die, die arbeiten und dennoch Staatsgelder in Anspruch nehmen müssen.
Wer hat bei diesen Zukunftsaussichten nicht Lust, sich zu vermehren?

Also, liebe Leser: Füllen Sie diese „Arbeitskräftelücke“ und verhelfen Sie der Wirtschaft zu neuem Aufschwung.

 

(Veröffentlicht am 29.05.15 auf Tonfarbe.wordpress.com)

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Vielen Dank fürs Teilen
Posted on: 17/03/2016SusannahWinter

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