Autor: SusannahWinter

Szenarien einer digitalen Welt – heute und morgen

Thomas Klauß & Annika Mierke: Szenarien einer digitalen Welt – heute und morgen Wie die digitale Transformation unser Leben verändert
Rezensentin: Susannah Winter

An Zukunftsprognosen hat sich schon so mancher die Finger verbrannt. Man erinnere sich kurz an „Das Pferd wird es immer geben, Automobile hingegen sind lediglich eine vorübergehende Modeerscheinung.“ (Der Präsident der Michigan Savings Bank, 1903) oder wahlweise an „Es gibt keinen Grund dafür, dass jemand einen Computer zu Hause haben wollte.“ (Ken Olson, Präsident von Digital Equipment Corp., 1977)

Auch das vorliegende Buch wagt den Blick in eine mögliche Zukunft.

Wie sieht die zunehmende Digitalisierung aus, was macht sie mit uns? Wie wandeln sich die unterschiedlichen Lebensbereiche, die sozialen, ökonomischen und kulturellen Räume? Welche Gefahren und Chancen bietet das digitale Zeitalter?

Angenehm unaufgeregt und fern eines allgemeingültigen Meinungsbildungsanspruchs gehen die Autoren Thomas Klauß und Annika Mierke diesen und anderen Fragen nach, stets bemüht um ein ausgeglichenes Bild, das weder blind den Fortschritt bejubeln, noch einseitig Angst vor ihm schüren will.

Und der Spagat gelingt.

So erhalten sowohl interessierte Laien, die sich bisher nicht mit der Thematik auseinandergesetzt haben, wie auch „Digital Natives“ in Form dieses Buches eine gut strukturierte, verständlich geschriebene und ansprechend gestaltete Übersicht über die derzeitige Ausgangslage  wie auch die möglichen Zukunftsaussichten des digitalen Wandels.

Was ist schon heute, dank moderner Technik, möglich? Was ist in greifbarer Nähe, wenigstens aber denkbar? Themengerecht steht jedem Käufer des Buches auch eine Ausgabe in Form eines E-Books zur Verfügung, was zumindest für die hilfreich sein dürfte, denen die Schrift des Buches etwas zu klein geraten ist. Womit allerdings der einzig nennenswerte Kritikpunkt schon vorweggenommen wäre.

Die Autoren spannen den Bogen von globaler Entwicklung wie Bevölkerungswachstum und Ressourcenverteilung über Trends wie „Wearables“, also am Körper befindliche Vernetzung in Form von Smart-Watches, Google-Glasses und zunehmend auch „intelligenter Kleidung“, und die bereits heute beobachtbare Tatsache, dass das Internet so allgegenwärtig ist, dass es quasi unsichtbar wird. Sie beleuchten die Digitalisierung der verschiedenen sozialen Lebensbereiche, Konsum, Kunst und Kultur, Bildungsfragen und Bildungsmöglichkeiten, die Arbeitswelt, Gesundheit und Chancen des Fortschritts in der Medizin über Wohnen hin zu Politik, Stadt und Staat, um schließlich die Frage zu stellen: „Wohin geht die Reise?“

Jedes dieser Kapitel ist mit prägnanten Fakten versehen, gut erklärt und dazu noch eindrücklich bebildert, was ein Thema wie dieses, das schnell trocken geraten kann, auflockert und sehr kurzweilig werden lässt.

Bei der Lektüre wird schnell klar, wie sehr das Internet wie auch die fortschreitende Digitalisierung anderer Lebensbereiche, die Gesellschaft an jedem Punkt verändert und noch verändern wird.

Nach einer (für die menschliche Entwicklung) kurzen Phase des Rückzugs des Individuums aus großen gesellschaftlichen Zusammenschlüssen und zunehmender Individualisierung sowie Reduktion der Lebensräume auf Kleinstgruppen, die zumindest in westlichen Wohlstandsgesellschaften in den letzten Jahrzehnten zu beobachten war, sorgt die zunehmende Vernetzung für eine gegenläufige Entwicklung auf anderer Ebene. So wächst eine neue Form der Gemeinschaft zusammen, die nicht auf Geburtenzufall und Ortsansässigkeit fußt, sondern auf ökonomischen Vorteilen wie möglicher Zusammenarbeit über Landesgrenzen hinweg, auf geteilten Interessen, unabhängig vom jeweiligen Standort des Individuums, auf gemeinsamen Zielen, welcher Natur sie auch seien.

Die Bindungen, so stellen die Autoren Klauß und Mierke mit Bezug auf renommierte Soziologen fest, sind so loser und unterliegen einer höheren Fluktuation, sind ausgerichtet auf das größtmögliche Maß an Bedarfsorientierung. Eine Ökonomisierung des Sozialen.

Die Autoren laden zu Gedankenspielen ein:
Wie entwickelt sich die zwischenmenschlichen Beziehungen, wie die Beziehungen zwischen Mensch und Maschine?

Nicht explizit benannt und doch dauerpräsent zeichnen Klauß und Mierke eine Zukunft, in der Mensch und Maschine zwar untrennbar miteinander verwoben sind, in der dennoch der Mensch das Maß aller Dinge bleibt, gerade wenn es um eine Form der Entscheidungsfindung geht, die mehr ist, als das bloße Auswerten von Algorithmen. So wenig, wie die Robotik in absehbarer Zukunft in der Lage sein wird, Jahrtausende der Evolution in physischer Hinsicht nachzuahmen (so haben Roboter noch immer massive Schwierigkeiten in jedwedem Bereich der Feinmotorik, sofern diese nicht gerade für einen Kleinstbereich umfassend programmiert wurde, wie z.b. in der Chirurgie, und in der Bewegung auf unbekanntem Gelände), so wenig ist in naher Zukunft mit der Fähigkeit zur Reflexion, Erkenntnis, philosophischer Befähigung abseits programmierter Texte, abstraktem oder assoziativem Denken zu rechnen.

So zeigt dieses Buch auch die Notwendigkeit auf, im Sinne konstruktivistischer Pädagogik Menschen wieder gezielt vermehrt in den Bereichen Rhetorik und Hermeneutik (kritisches Textverstehen) zu schulen, in der Analyse von Zusammenhängen, Grundlagen (Meta-Wissen) und Hintergründen/Kontexten.  Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass es ebendiese Themenfelder sind, die zugunsten des „MINT-Paradigmas“ verdrängt würden. Und das, obwohl „gerade derart operationalisierbaren Kenntnisse und Fähigkeiten besonders automatisierungsgefährdet sind.“ Zukunftsorientiert zu lehren und zu lernen bedeute, vorrangig die menschliche Fähigkeiten zu stärken, zu denen Maschinen in naher Zukunft nicht in der Lage sein werden, um die Wechselbeziehung Mensch/Maschine möglichst effizient zu gestalten.

Die Autoren schließen das Buch, wie sie es begonnen und auch an jeder Stelle stringent erarbeitet haben:
Mit dem Zeichnen einer (E)Utopie wie auch Dystopie; zwei möglichen Varianten einer digitalen Zukunft.

Die Lektüre weckt Hoffnung und Begeisterung für zukünftige Machbarkeiten. Gerade im Bereich der Medizin versprechen Entwicklung und Technik ungeahnte Möglichkeiten und weitere Verbesserungen des Lebensstandards. Und auch die sozialen Perspektiven, die heute gerade von denen fern der digitalen Welt gerne belächelt werden, sind enorm. Wo in einer Gesellschaft zunehmender Vereinzelung Gelegenheiten eröffnet werden, Alten, Kranken, aus anderen Gründen nicht mobilen Menschen, Gesellschaft und Kommunikation zu erschließen, gibt es nur Gewinner.

Schnell wird mit Lesen des Buches jedoch auch klar, welche Schattenseiten einer flächendeckende Digitalisierung, gerade in Form von „Wearables“ bis hin zu Implantaten, innewohnen: Was der Individualisierung dienen soll, wird dem Individuum, das nicht partizipieren möchte, zum Verhängnis. Die Freiheit, sich dieser Entwicklung zu entziehen, wird mehr und mehr eingeschränkt. Es bleiben keine Räume für die, die sich entscheiden, analog leben zu wollen. Selbst bei Nicht-Nutzung der angebotenen Technik würde man noch immer passiv teilhaben, da Erfindungen wie Google – Glasses und ähnliche Devices des Gegenübers, das eigene Tun aufzeichnen und damit Tracking aller ermöglichen. Das wäre eine klare Einschränkung freiheitlicher Rechte, denen man in einer Art und Weise begegnen müsste, die Räume auch für die schafft, die sich entziehen wollen.

Gerade mit Blick auf Vor- und Nachteile bleibt zu konstatieren, dass es Zeit wird, der staatlichen Trägheit in Sachen Digitalisierung entgegenzuwirken. Der Staat, respektive die Länder, verantwortlich für Bildung und nicht selten auch Ausbildung, hinken hinterher, wenn es um digitale Bildung geht. Nur der digital gebildete Bürger ist auch im Internet ein mündiger Bürger. Anhand des Themas „Fake-News“ lässt sich beobachten, wie unsicher der Umgang vieler Menschen mit Netz-Inhalten ist. Und selbst in Zeiten, in denen die meisten Berufe und Betriebe sich auf digitalen Wettbewerb eingestellt haben, spielt weder das Programmieren, noch digitales Marketing oder ähnliche Kompetenzen in Sachen Netz eine Rolle im aktuellen Bildungssystem. Eine aberwitzige Vernachlässigung in einem Land, das sich nicht auf seiner derzeitigen Wirtschaftsstärke ausruhen kann, sondern zukunftsfähige Konzepte braucht, um im Wettbewerb nicht irgendwann auf der Strecke zu bleiben. Schon ab 2030 droht Asien, Europa und die USA als wichtigste Region mit höherer Wirtschaftskraft und technologischen Investitionen abzulösen. Neben dem veralteten Schulsystem ist auch der juristische Bereich nicht ausreichend auf den Wandel eingestellt. Der kürzlich in die Schlagzeilen geratene, hilflose Versuch des Verbietens von Fake-News durch Heiko Maas, sei hier genannt. Immer noch wirkt der Staatsapparat zu schwerfällig und unflexibel, wenn es um Fragen des Internets geht. Auch die rechtlichen Grundlagen in Sachen unfreiwilliger Datenerfassung, z.b. durch die Nutzung von Wearables, wie oben beschrieben, gälte es beizeiten zu lösen.

Wie auch immer die persönliche Haltung zur Vernetzung aussieht – es ist, wie es immer war:
Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Was wir aber beeinflussen können ist, wie wir mit ihm umgehen. Hier liegt der größte Unterschied zwischen Mensch und Maschine. Wir konstruieren den Rahmen, in dem Gesellschaft stattfindet. Wer die technischen Entwicklungen entweder ignoriert oder nur mit ihrer Ablehnung beschäftigt ist, verpasst, diesen Rahmen mitzugestalten, Regeln für das digitale Miteinander zu entwickeln und sich damit fit für die Zukunft zu machen.

Das Buch von Thomas Klauß & Annika Mierke ist ein guter Einstieg, um sich einen Überblick über die verschiedenen Bereiche der Digitalisierung zu verschaffen und eine Ahnung davon zu entwickeln, in welche Richtung sich die Gesellschaften auf nationaler wie auch globaler Ebene bewegen. Im Gegensatz zu den eingangs zitierten Prognosen erspart es sich konkrete Vorhersagen, ohne jedoch zu vage zu bleiben, und ist gerade dank dieser sachlichen Herangehensweise eine durchaus empfehlenswerte Lektüre.

„Szenarien einer digitalen Welt – heute und morgen Wie die digitale Transformation unser Leben verändert“
Thomas Klauß & Annika Mierke
Das Buch ist im Mai 2017 bei Hanser erschienen (HANSER FACHBUCH) und für 39,00 EUR erhältlich. Ein zusätzlicher Blog greift die Themen und Struktur des Buches auf, ergänzt sie um aktuelle Nachrichten, neuste Entwicklungen und verlinkt Bildmaterialien und Charts.
ISBN 978-3-446-45202-2 E-Book-ISBN 978-3-446-45276-3

Ideen-Expo

Mach doch einfach!
Unter diesem Motto öffnet in diesem Jahr die Ideen-Expo in Hannover ihre Tore. Beworben als größtes Jugend-Event für Naturwissenschaften und Technik, präsentieren sich vom 10. bis 18. Juni 2017 auf dem Expo-Gelände die unterschiedlichen Gewerbe der Jugend von ihrer digitalen Seite und bieten kostenlosen Zugang zu Einblicken in die unterschiedlichsten Berufszweige, vom Malermeister zum Redakteur, von der Chemikerin zur Bürokauffrau. Und mitmachen ist ausdrücklich erwünscht. In allen Hallen finden sich Gelegenheiten, aktiv teilzuhaben. Wie funktioniert ein Motor? Wie sieht es beim NDR hinter den Kulissen aus? Wie stellt man Käse her? Was kann die Medizin in gut 30 Jahren und woran forscht man derzeit? Wie will man selbstständig fahrende Autos in der Zukunft durch die Straßen führen?
Diese und weitere spannende Fragen werden anschaulich beantwortet. Es lassen sich Autos lenken, Motoren von innen betrachten, Fahrzeugsimulatoren stehen zur Verfügung. Wer will, lernt die Käseherstellung kennen oder erlebt „Fernsehen zum Mitmachen“. Auf der diesjährigen Ideen-Expo wird geleistet, was in Schulen häufig immer noch zu kurz kommt: Sie bietet einen Blick auf die zunehmende Digitalisierung des Berufslebens, auf die Anforderungen, die der Wunschjob an die Aspiranten stellt, aber vor allem auch auf die damit verbundenen Möglichkeiten und Chancen für diejenigen, die kurz vor dem Sprung ins Berufsleben stehen.
Wer alles gesehen und ausprobiert hat, jetzt Bescheid weiß über „MINT-Berufe“ (Die bedauerlicherweise immer noch ein gesondertes „GirlsMINT Camp“ brauchen), die LifeScienceArea, den Produktionskosmos und den Zustand der Meere & Ozeane, der kann sich vom Bühnenprogramm weiter mit Wissenswertem versorgen lassen. „Was lief falsch in der Bewerbung?“ „Fit für den Rettungsdienst/das Handwerk/das Land Niedersachsen“ bieten ebenso Hörenswertes, wie das Bühnenprogramm mit Ranga Yogeshwar, Wochentags ab 12 Uhr und am Wochenende ab 14 Uhr, der rund um das Thema Digitalisierung komplizierte Zusammenhänge für jeden verständlich darstellt.

Ein Besuch lohnt, bevor die Expo mit dem Rapper Cro und einem Feuerwerk am 17.06. schließt.

Also nichts wie hin!

 

Eindrücke der Ideen-Expo:

Der OP der Zukunft
Das „Virentaxi“ – DNA-Schäden sollen mit seiner Hilfe zukünftig „repariert“ werden
 Organtransport heute und morgen – Und: Lungenkrebsbehandlung bald außerhalb des Körpers?

Ausbildungsberufe bei den Johannitern – Ausführlich erklärt

Hinter den Kulissen des NDR – Fernsehen zum Mitmachen

Auch die Bundeswehr wirbt um Nachwuchs…

Und hat ihre Fahrzeuge vor Ort…

Wobei es vor allem die Hubschrauber waren, die alle Aufmerksamkeit auf sich zogen. Nicht zuletzt weil…

…sie gelegentlich mit dem einen oder anderen abhoben

Den Rennwagen konnte man von außen wie von innen bestaunen und sich über Motoren und Getriebe informieren

Oder in „Robo City“ darüber aufgeklärt werden, wie Fahrzeuge in Zukunft durch Städte manövriert werden sollen, ganz ohne dass Mensch am Lenkrad sitzen muss

Der Roboter der Arbeitsagentur ist ein durchaus humoriger Gesprächspartner

Unterhaltungsprogramm auf der großen Bühne

Alles gesehen? Klar, wie die Zukunft aussieht? Dann Füße hoch und das Wetter genießen

Kneipe statt Hörsaal

Gestern lud die „FOM – Hochschule für Berufstätige“, in Kooperation mit der Bar „Bardru twentyfive“ in der Königsstraße, zum dritten Teil ihrer Veranstaltungsreihe „Kneipe statt Hörsaal“.
40 Interessierte folgten der Einladung der charmanten Geschäftsleitung, Dr. Daniela Recker, und fanden sich ein zu einem Abend, der ganz unter dem Zitat Dantes stehen sollte:

„Zu was kannst du die Menschenbrust nicht zwingen, verfluchter Durst nach Gold, der uns betört.“

Was sind Geld und Gold? Wie entstanden sie? Welche gesellschaftlichen Auswirkungen hat unser Zahlungssystem? Und nicht zuletzt: Was macht das Geld aus dem Menschen?
Diesen Fragen ging der Vortrag von Dr. Rüdiger Grimm, Professor der Betriebswirtschaftslehre an der FOM, nach. Weiterlesen

Viva la Revolución – den digitalen Wandel gestalten!

Gut 40 Interessierte fanden sich gestern ein, als die Friedrich-Ebert-Stiftung zur Diskussion rund um die „digitale Revolution“ ins Kulturzentrum Pavillon Hannover lud. Vier Experten debattierten, teils miteinander, teils mit den Gästen, Vor- und Nachteile zunehmender Digitalisierung der Gesellschaft.
Teil der Gesprächsrunde waren:

Raúl Aguayo-Krauthausen – Autor und Aktivist
Nicola Röhricht – Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren – Organisationen
Christopher Lauer, MdA a.D. – Experte für Internetbeteiligung
Vanessa Reinwand – Weiss  – Direktorin der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel
Moderation : Graf Fidi Rapper – Autor und Aktivist

Schnell war klar, dass Digitalisierung und der damit verbundene gesellschaftliche Wandel von vielen als Herausforderung angesehen werden. Weiterlesen

Ziviler Ungehorsam

Als die Polizei einen 20-jährigen Afghanen aus einer Berufsschule in Nürnberg abholen will, um ihn in Abschiebegewahrsam zu nehmen, organisieren seine Mitschüler spontan eine Sitzblockade, um dies zu verhindern. Innerhalb kürzester Zeit schließen sich diesem Protest 300 Schüler an. Trotz dieses beeindruckenden Ausdrucks von Solidarität lassen die Beamten nicht ab. Obwohl das Ausmaß des Widerstands aufzeigt, wie sehr der junge Mann in Ausbildung dort integriert, zur Kenntnis genommen und geschätzt wurde: Der Amtsschimmel kennt kein Pardon.

Der junge Mann soll zurück nach Afghanistan, in dessen Hauptstadt noch am selben Tag ein Anschlag 80 Menschen das Leben kosten und die Abschiebung verzögern wird. Eine Autobombe explodiert in der, für afghanische Verhältnisse gut gesicherten, Hauptstadt Kabul inmitten des Diplomatenviertels und zeigte einmal mehr, was von Aussagen, Afghanistan sei ein sicheres Herkunftsland, zu halten ist.

Der Widerstand der Schüler eskaliert. Der Staat und seine Vertreter nehmen es im Zweifel mit Hundertschaften unbewaffneter, kurzbehoster junger Männer und Frauen auf, wenn es um die Umsetzung von „Recht“ geht, das nur durch die Umdeutung eben dieses Rechts zu Recht wurde.

Klingt kompliziert?

Ist es nicht. Es reicht, ein Land, aus dem alleine bis Ende März dieses Jahres 38.000 Menschen geflohen sind, zum „sicheren Herkunftsland“ erklären. Und da wir im Bereich der Rechtsdeuterei sind, mal zu Wahlkampfzwecken, mal zum Eigennutz, lohnt die tiefe Einsicht des Innenministers de Maizière:

Zivilisten seien in Afghanistan nicht Ziel, sondern nur Opfer von Anschlägen. So rechtfertigt de Maizière Abschiebungen… (Abschiebung) sei in „kleinem Umfang“ vertretbar. Dies gelte unter anderem für den Norden des Landes. „Auch in Kabul kann man nicht sagen, dass dort insgesamt die Lage so unsicher ist, dass man die Leute da nicht hinschicken könnte“, argumentierte der Minister.

Übersetzt heißt das: Solange Zivilisten in Afghanistan nicht gezielt sondern nur versehentlich getötet werden, ist Afghanistan sicher. Zumindest für die, die ebenso versehentlich nicht getötet werden.

Ein kleiner Überblick zu Afghanistan:

Die humanitäre Lage verschlechtert sich immer weiter. Durch die anhaltenden Kämpfe zwischen Regierungstruppen und radikal-islamischen Milizen könnten die Bedürftigen nicht mit lebenswichtigen Gütern versorgt werden. Dazu gehören Lebensmittel, Wasser, Unterkünfte und Medikamente. Amnesty International nennt die Abschiebungen „unvertretbar“. (Quelle)

Die Sicherheitslage in Afghanistan ist so unberechenbar, dass auch der UNHCR eine Unterscheidung von »sicheren« und »unsicheren« Gebieten ablehnt. Wegen des bewaffneten Konflikts hat sich die Zahl der Binnenvertriebenen in den vergangenen drei Jahren fast verdoppelt und liegt bei 1,4 Millionen. Seit Anfang des Jahres mussten erneut mehr als 100.000 Menschen ihre Häuser verlassen (Stand 21.5.2017).

Auch die NATO plant, den Militäreinsatz aufgrund der verschlechterten Sicherheitslage wieder deutlich zu verstärken. Weder staatliche noch internationale Akteure sind in der Lage, sich selbst oder abgeschobene Flüchtlinge zu schützen.

Im Februar 2016 hat die UN-Unterstützungsmission für Afghanistan (UNAMA) ihren Jahresbericht veröffentlicht. Demnach hat die Zahl der zivilen Opfer in Afghanistan Rekordniveau erreicht. 2015 gab es die höchste Anzahl an zivilen Opfern seit 2009. Insgesamt verzeichnet der Bericht 11.002 zivile Opfer, davon 3.545 Todesopfer und 7.457 Verletzte. Insgesamt seien von Anfang 2009 bis Ende 2015 genau 58.736 zivile Opfer zu beklagen, darunter 21.323 Todesopfer und 37.413 Verletzte. Besonders Schutzbedürftige seien immer öfter Opfer von Attacken, 2015 stieg die Zahl der weiblichen Opfer um 37 % an und die der Kinder um 14 %. Spiegel Online berichtete am 18. April 2016 über einen gemeinsamen Bericht von UNICEF und UNAMA. Darin heißt es, im Jahr 2015 habe die UNO 132 Übergriffe gegen Bildungseinrichtungen verzeichnet. 369 afghanische Schulen hätten wegen Drohungen, Einschüchterung und Gewalt ganz oder teilweise schließen müssen. Auch Angriffe auf Gesundheitshelfer*innen nehmen zu: Im selben Bericht von UNAMA und UNICEF finden sich Angaben über Angriffe auf Ärzt*innen, Krankenpfleger*innen und Gesundheitseinrichtungen. Diese Angriffe hätten sich von 59 im Jahre 2014 auf 125 im Jahre 2015 gesteigert, zum Opfer gefallen seien ihnen 20 Gesundheitsmitarbeiter*innen, 43 seien verletzt worden und 66 entführt…“ (Quelle: Broschüre „Afghanistan: Kein sicheres Land für Flüchtlinge.“ Pro Asyl, 07.2016)

Das „sichere Herkunftsland“ Afghanistan betritt übrigens auch der Innenminister lieber in Schutzkleidung.

Der Protest in Nürnberg zeigt, dass nicht alle der Menschenrechtsverletzung, die in einer derzeitigen Abschiebung nach Afghanistan steckt, gleichgültig gegenüberstehen. Das darf erleichtern und ist wünschenswert.

Auch Herr de Maizière übte schließlich Kritik – an der Organisation des Vorganges.

Wer erneut eine Übersetzung braucht: Man hätte den Jungen etwas weniger öffentlichkeitswirksam und zu unbestimmter Uhrzeit, um Protest unmöglich zu machen, in Abschiebehaft verbringen müssen.

Zynisch.

Zynisch auch:

Während man in Deutschland noch debattiert und protestiert, scheint ein Großteil der Österreicher bereits die Segel gestrichen zu haben.

Dort wurden, noch am Tag des Anschlages, 17 Asylbewerber nach Afghanistan geflogen mit dem Hinweis, die Reiswarnungen gälten nur für Österreicher.

Leseempfehlung: Nancy Isenberg, „White Trash – The 400-Year Untold History of Class in America“

Die Themen „Klassenidentät, Klassengeschichte, Klassenkampf“ werden heute gerne als Überbleibsel linker Ideologien belächelt oder das Aufgreifen eben dieser zu bloßem Populismus erklärt, wenn politisch rechte Hardliner sich dieser Thematik annehmen. „Die Mitte“ ist sich weitgehend sicher und propagiert eben dies in weiten Teilen: Der Kapitalismus, Rechtsstaatlichkeit, hier in Deutschland auch das Bekenntnis zur „sozialen Marktwirtschaft“ hätten das Klassengefüge weitestgehend aufgehoben, soziale Mobilität breiten Teilen der Gesellschaft ermöglicht.

Wie sehr unsere heutige Lebensweise, unsere Ideen von Menschenwert, unsere Sprache, Erbrecht und damit Chancenrecht, noch immer von der Geburt abhängen und damit beständig den vergangenen Mustern folgen, wird mit Lektüre des Buches ersichtlich, ohne dass Isenberg jemals diesen Vergleich anstreben oder belehrend den Zeigefinger erheben würde. Dabei ist es auch gleich, dass das Buch vorrangig amerikanische Klassengeschichte beleuchtet, denn schnell wird klar: Die Basisidee ist europäisch, importiert durch die ersten Siedler. Amerika hat sich nicht neu erfunden. Europa erfand Amerika. Das Märchen einer klassenlosen Gesellschaft.

Das äußerst lesenswerte Buch , bis auf Vorwort und Nachwort betont sachlich und ohne persönliche Einlassungen der Autorin gehalten, um Fakten bemüht, mit reichlich Hintergrundwissen und mithilfe zahlreicher Quellentexte sorgfältig erarbeitet, unterstreicht zudem die Relevanz der Rhetorik im Klassendiskurs schon bei der Titelauswahl: „White Trash“. Wer hier reine Provokation zu Vermarktungszwecken vermutet, der wird im Laufe der Lektüre eines Besseren belehrt und lernt verstehen, dass „White Trash“, also „Weißer Müll“ mitnichten als Zuspitzung zu verstehen ist, reine Polemik von Isenberg. „White Trash“ steht vielmehr stellvertretend für einen von zahlreichen Begriffen für ein weißes Prekariat; für den Umgang mit einer Schicht, die das Selbstverständnis einer gesamten Nation bedroht und allein deshalb schon mit Verachtung in Form rhetorischer Abwertung gestraft wird. So bietet dieses Buch nicht nur einen Blick auf die Klassengeschichte Amerikas, sondern mit ihm auch tiefgreifende Einsichten zu den Entwicklungen eines, immer auch rhetorisch geführten, Klassenkampfes, der über die Jahrhunderte bis heute das Verhältnis der Gesellschaftsschichten zueinander geprägt hat.

Wir erfahren, wie sehr das frühe Amerika, dessen Gründerväter die aristokratischen Ideen der Klassenhierarchie Englands noch verinnerlicht hatten, diese auch nach der Trennung vom Königreich noch lebten. Ein Grund der Besiedelung des „neuen Kontinents“ war es, die Armen, „Human Waste“, aus England zu vertreiben, Platz in der Heimat zu schaffen, um sie Übersee einem Nutzen zuzuführen, den die heimische Ökonomie nicht mehr bot, oder sie wenigstens aus den Städten zu vertreiben, in denen sie kaum mehr geduldet wurden. Wie es John White in „The Planters Plea“ ausdrückte: „Colonies ought to be Emunctories or Sinkes of States; to drayne away the filth.“ (S. 17) Amerika schien das zu bieten, was England so dringend fehlte: Land. Und mit ihm Wachstums, Ausbau der ökonomischen Möglichkeiten, Arbeit für alle. Und vor allem die Möglichkeit, den „Schmutz“ aus den Städten zu entfernen und einem Nutzen zuzuführen.

Schon die Verteilung des Landes, teils vor Ort, teils aus der Ferne Englands verwaltet, gründete auf alten Hierarchien und beließ die Armen in ihrem Status als „Waste“, „filth“ und „rubbish“. Sie durften auf kaum mehr hoffen, als auf Sklavenrang, den sie auch an ihre Kinder weitergaben.

Wie Isenberg anmerkt, waren die Engländer besessen von dem Ausdruck „Waste“. Ein Begriff, der übersetzt viele Facetten beinhaltet. „Vergeudung“ ebenso wie „Müll“, „Ausschuss“, „Abfall“. (S.19) Amerika war „Wasteland“, ungenutztes Land.
„Waste was there to be treated, and then exploited. Waste was wealth as yet unrealized.“ (John Smith) Diese Definition bezog sch auf Mensch und Land. Es galt den Engländern, ungenutzte Menschen, wie auch ungenutztes Land, nutzbar zu machen. Zugleich legte er den Wert bestimmter Menschen fest und festigte Klassenbewusstsein.

Die ersten Kolonien waren Feldversuche, umgesetzte Theorien, die sich als mal mehr, mal weniger tauglich erwiesen. Roanoke und Jamestown litten an Fehlentscheidungen, Zwangsarbeit, Todesstrafe, einem Mangel an Frauen, aber auch daran, dass von den vielen Männern, die man zur Arbeit vor Ort verschifft hatte, viele keine Ahnung vom Fällen von Bäumen oder der Farmarbeit hatten.

Der Einzug von Tabak als Nutzpflanze durch John Rolfe (S.25) verhalf schließlich zu einer wachsenden Ökonomie. Tabak erzielte hohe Preise und galt vielen als „neues Gold“, sorgte damit aber für eine Verschärfung der Klassenidee vor Ort. Ein Handel mit Sklaven begann. Damals noch vorrangig „indentured servants“, Menschen, die durch eine Schuld gebunden waren, wurden für Geld gehandelt und verkauft.

Der angeblich niedere Mensch, „Offscouring of the earth“, schon mit Beginn der Besiedelung mit Land und Vieh gleichgesetzt, das einem Nutzen zugeführt werden muss, erfährt nun schon durch seine Benennung die „Klassifikation“. Eingeschiffte Frauen wurden als fruchtbar oder „verdorbene Ware“ (S.28) („Corrupt“) eingestuft, Männer an ihrer Arbeitsfähigkeit gemessen. Theoretisch standen unter den Leibeigenen kurz darauf nur in Kriegen gefangengenommene Indianer und „die Fremden“ (S.30), aus anderen Kolonien importierte Schwarze.

Praktisch jedoch standen weiße und schwarze Sklaven oft auf einer Stufe, waren kaum mehr als Eigentum und der Arbeit verpflichtet, aus der es kein Entkommen gab, außer dem Tod.

So wie die Aristokraten ihre Rechte durch Erb- und Blutideologie gerechtfertigt sahen, galt diese Weitergabe des eigenen Wertes, gemessen an den Erbanlagen, auch für die Kinder von Sklaven und Schuldnern. Kinder und Frauen wurden zur Arbeit herangezogen, sollte der Schuldner vor Tilgung seiner Schulden sterben. Ein Kreislauf, aus dem es kein Entkommen gab. Zumal jeder Wohlstand seit Gründung der ersten Kolonien an, an Land und Eigentum, Nutzvieh und Sklaven geknüpft war. Ein Mensch ohne Land war ein Mensch ohne Wert. So bildete sich früh ein Klassensystem heraus, das Wenigen ermöglichte, hunderte von Sklaven zu halten und durch Handel den Landbesitz zu erweitern, während ein Großteil der Bevölkerung darben musste. Arm blieb arm.

Selbst mit der geschichtsträchtigen Ausformulierung von Menschenrechten durch Jefferson in der „Declaration of Independance“ – „All men are created equal“ – war in keiner Form erwünscht oder geplant, demokratische Rechte allen zugängig zu machen. Vielmehr ging es um die privilegierte Klasse der Grundbesitzer – weiße Männer. Jefferson selbst darf als Befürworter einer Ideologie gesehen werden, die den Gedanken, reines Blut zu züchten und Menschen in Klassensysteme einzuordnen, stützte. Von Jefferson stammt u.a. folgender Satz: „The circumstance of superior beauty is thought worthy of attention in the propagation of our horses, dogs and other domestic animals: why not in that of man?“ Umfassende Demokratie, die den Leibeigenen das Recht politischer Mitsprache ermöglicht hätte, wurde als Bedrohung für das, von Landbesitzern als funktionierend angesehene, Klassensystem gesehen. Und doch darf man gerade an diesem Satz, „All men are created equal“, heute wieder die Macht der Worte feststellen, wenn eine Neudeutung, respektive eine Ausweitung dieses Grundrechts auf alle, als Leitfaden einer Idee von Menschenrechten wirkt.

Benjamin Franklin verdammte die Sklaverei. Jedoch nicht um der Menschenrechte willen, sondern weil seiner Meinung nach Sklaverei die schlechtesten Eigenschaften in den „Engländern“ hervorrief. „Slavery made Englishmen idle and impotent…They become proud, disgusted with Labour and (are) being educated in Idleness, are rendered unfit to get a Living by Industry.“ (S. 68) Die Idee von „Free Labor“ war nicht das Resultat einer Menschenrechtsidee sondern Ergebnis der Überlegung, Weiße würden Arbeit verabscheuen lernen, so ihnen diese abgenommen würde. Auch dieser Gedankengang war es, der das Nord-Süd-Gefälle Amerikas begründete, im Laufe dessen eine „Free Labor Zone“ im Norden entstand. Im Süden hielt man hingegen an Sklaverei fest. Diese sei wirtschaftlich effektiver. Zudem würde sie nicht Weiße mit Sklaven gleichstellen. Zeitgleich warnte eine besorgte Elite vor „Poor Whites“. Man solle sie beobachten und kontrollieren, ihnen so wenig wie möglich politische Freiheit zugestehen ohne sie zu menschenunwürdig zu behandeln. (S. 161) Diese seien „neidisch auf die Reichen (S. 160) und würden mit dem Versprechen von Freiheit „unheilige Bedürfnisse“ entwickeln, zu denen man „Social Mobility“ zählte. Man sah die eigene, privilegierte Klasse gefährdet und zog mit, den eigenen Bedürfnissen angepasster, Propaganda, in den Bürgerkrieg.

Wie so oft in der Geschichte verhalf Rhetorik den Sklavenhaltern in vielerlei Hinsicht zur Selbstrechtfertigung. Entmenschlichung durch Sprache erlaubte, einen Menschen nicht mehr als Menschen zu sehen und ihm somit die Rechte verweigern zu können, die einem vollwertigen Menschen zustehen müssten. Die entwertende Sprache, zuerst auf den alten Ideen einer göttlichen Berufung des Königs und damit gottgewollten Hierarchien fußend, erfuhr eine neue Blütezeit mit Einzug des Darwinismus. „Survival of the fittest“ wurde nach Gutdünken gedeutet und diente Intellektuellen wie auch Herrschenden zur Legitimation des bestehenden Klassensystems. Mithilfe dieser Ideen erlebte auch die Eugenik ihren Siegeszug. Die Idee der Zucht reinen, überlegenen Blutes bestimmte lange das Denken derjenigen, die sich selber für „superior“ hielten.

Wie wenig wissenschaftlich die Argumentation tatsächlich war, zeigt der Mangel an Studien, die „Inbreeds“ der gleichen Erziehung ausgesetzt hätten, den gleichen Chancen, den gleichen physischen Möglichkeiten wie Ernährung und Eindämmung harter Arbeit oder gar hygienischen Bedingungen.

Über all die Jahrhunderte diente Sprache Macht und Machterhalt (Legitimation durch Sprache), der Ausübung von Gewalt (Abwertung durch Sprache) und Propaganda (Selbstreferenzielle Bewerbung des Ist-Zustandes als einzig sinnvolle Option. U.a. massiv betrieben vor dem Bürgerkrieg). Seitdem Wahlkampf stattfand, wurde zudem um Stimmen geworben. Der Wahlausgang hing nicht selten an der Frage der Sprache, die der Kandidat wählte. Es galt, als einer aus dem Volke aufzutreten, während zeitgleich die Bedürfnisse der Landeigentümer nach klaren Klassenstrukturen nicht angetastet wurde.

Bis hinein ins 20te Jahrhundert, in dem erste Stimmen laut wurden, die Sozialdarwinismus und Zuchtideen in Frage stellten, wie die von Du Bois, (S.174), der in den Raum stellte, „White rule had corrupted the normal course of evolution. Instead of allowing the best (whether black or white) to rise, racism had actually undermined the Darwinian argument. It had not only NOT improved the withe race, but a false hegemony had led to the survival of some of the worst stocks of mankind.“ stellte kaum jemand die Klassenidee in Frage.

Das aufkeimende Civil-Rights-Movement Mitte des 20ten Jahrhunderts ist nicht umsonst begleitet von Political Correctness. Die Forderung, sich nicht „Nigger“, „Bastard“, „Mulatto“, „Inbred“, „Trash“, „Offscourings“ „Low-Downer, „White Nigger, Degenerate, White Trash, Redneck, Trailer Trash, Swamp people.“ nennen lassen zu müssen schließt daran an, zudem nicht entsprechend behandelt zu werden. Nicht durch Benennung ein Mensch geringerer Klasse zu werden, stigmatisiert für die simple Tatsache des Geburtenzufalls.

Und nicht zufällig werden auch heute wieder Stimmen laut die fordern, man müsse bestimmte Dinge wieder sagen dürfen. Doch entgegen dieser Stimmen geht es bei Political Correctness eben nicht um Zensur, sondern um das Recht des Individuums, menschenwürdig benannt zu werden, um die Idee „All men are created equal“ irgendwann doch Realität werden zu lassen.

Gesellschaft ist Kommunikation. Kommunikation erfordert Konsens. Je breiter die Ablehnung gegen stigmatisierende Sprache und stigmatisierendes Handeln, desto wirksamer der Widerstand. Auch heute noch existiert hier wie in Amerika das Klassengefüge. Wie auch Isenberg bemerkt, hat sich der aristokratische Gedanke insofern verschoben, als dass er heute noch mehr als damals den finanziellen Background in den Fordergrund stellt. Doch auch heute noch sind Bildung und Wohlstand vorrangig Erbrecht. So kann uns das Buch lehren, ein Klassenbewusstsein zu entwickeln und ein Verständnis dafür, dass auch heute noch Armut oft vorrangig mit dem Vorwurf des Eigenverschuldens behaftet ist, auch heute noch Menschen gefeiert werden für ihre Herkunft mehr als für ihre Leistung. Wir haben den Klassenkampf nicht hinter uns gelassen. Auch nicht die Rhetorik, die z.b. hierzulande für die Einstufung „asozial“ sorgte. Wir könnten aber, mit Blick auf die Geschichte, lernen, uns nicht der Idee zu beugen, die Lyndon Johnson (S. 315) von sich gab:
„If you can convince the lowest white man he’s better than the best colored man, he won’t notice you’re picking his pocket. Hell, give him someody to look down on, and he’ll empty his pockets for you.“

 

(Nancy Isenberg, „White Trash. The 400-Year Untold History of Class in America, Penguin Books 2016 / ISBN 9780143129677 – Paperback Edition)

Terror in Manchester

Es gibt sicherlich unzählige Gründe, über den Terror zu schreiben, der Manchester heimgesucht hat. Noch mehr Gründe gibt es jedoch für mich, dies nicht zu tun.

Ich verweise auf meinen alten Beitrag „Terrorismus und die Rolle der Medien

Gerade der Attentäter wollte eben diese Aufmerksamkeit und er sollte damit nicht erfolgreich sein.

All mein Mitgefühl den Opfern und Angehörigen.

Toutes mes félicitations !

Macron soll mit 65% den Wahlsieg deutlich in der Tasche haben. Gut für Europa, zumindest kurzfristig. Dennoch ist auch dieser Mann kein Gewinn und es bleibt zu hoffen, dass trotz Macron mit Macron die Einsicht aufkommt, dass ein neoliberales „Weiter so“ die Radikalen stärkt. Noch wehren sich die, die glauben, mit Europa etwas zu verteidigen zu haben. Das wird nicht ewig so bleiben, wenn es keinen Kurswechsel gibt. Dann ist dies bestenfalls ein Aufschub.

Die Thesen des de Maizière

Zuerst erschienen auf FischundFleisch.com

 

Das Lutherjahr ist eingeläutet und just zu dieser Zeit mag Thomas de Maizière keine Zurückhaltung mehr üben. Frei nach „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ ließ der Bundesinnenminister seine zehn Thesen via Presse in die Welt tragen. Und welches Organ böte sich da als seriöser und verlässlicher an, als die BILD?

„Ich will mit einigen Thesen zu einer Diskussion einladen über eine Leitkultur für Deutschland“… „Wer sich seiner eigenen Kultur sicher ist, ist stark.“ (Quelle)

Nun ist schon der Begriff „Kultur“ an sich schwammig. Für die einen ist es „Kultur“, BILD zu lesen, Würstchen zu grillen und Fähnchen zu schwenken, wenn die deutsche Nationalmannschaft spielt, während man sich zuflüstert, dass diese so deutsch aber nun gar nicht mehr sei.

Der andere schätzt die FAZ und lässt als „Kultur“ einzig Oper, Theater, ein Glas Rotwein und intellektuelle Gespräche gelten.

Und auch die, mit diesen Beispielen vorgeschobene, „Kultur des Pluralismus“ wäre nicht geltend zu machen, denn so sehr die intellektuelle Kultur die des Proletariats belächelt und für minderwertig hält, so sehr verachten weite Teile des Proletariats alles elitäre.

Eine „Kultur“ – das funktioniert schon innerhalb der vielen Sub-Kulturen in Deutschland nicht. Zugehörig fühlen, so meint es wohl die Aussage um „Stärke“, kann man sich zu allem und zu nichts in diesem Lande. Und bleibt, so man denn per Zufall in Deutschland geboren wurde, doch deutsch. Unabhängig von Haltung und Lebensentwurf. Auch dann, wenn man sich mehr als Grieche, Amerikaner oder Engländer fühlen sollte.

De Maizière führt zehn Eigenschaften auf, die seiner Auffassung nach Teil einer deutschen Leitkultur sind. Etwa soziale Gewohnheiten: In Deutschland gebe man sich zur Begrüßung die Hand, zeige sein Gesicht und nenne seinen Namen. „Wir sind nicht Burka“, schreibt de Maizière.“ (Quelle)

Ich weiß nicht, ob Sie jetzt kurz vor den Feiertagen einkaufen waren wie ich, ob Sie in letzter Zeit mal durch die Innenstadt einer Messestadt gelaufen sind, ob Sie regelmäßig das Haus verlassen, um neue Bekanntschaften zu machen oder nicht. Sollten Sie wenigstens auf gelegentlicher Basis mit Menschen zusammentreffen, dürfte Ihnen aufgefallen sein: Zu den „sozialen Gewohnheiten“ gehört Höflichkeit sicher nicht mehr. Nicht das reichen der Hand, (so man nicht aus beruflichen Gründen quasi verpflichtet ist), nicht mal unbedingt das Nennen des Namens. Die „freundlichen“ Menschen, die mir gerade gestern den Einkaufswagen in die Hacken schoben, schickten sich jedenfalls nicht an, mir dafür freundlich die Hand zu reichen und mich im Anschluss zum Kaffee einzuladen.

Und natürlich sind wir nicht Burka. (Ich habe übrigens erst eine zu Gesicht bekommen. Und das, obwohl ich in einem „Problemviertel“ lebe).

Wir sind aber auch nicht Fußball. Man soll es kaum glauben, aber es gibt Menschen, die mögen Sport nicht sonderlich. Wir sind nicht Bratwurst, wir sind nicht Oper, wir sind nicht Bikini, wir sind nicht Minirock, wir sind nicht Latex, Lack und Leder.

„Wir“ sind auch nicht Christentum, Islam, Judaismus, Buddhismus oder Esoterik.

Ein homogenes „Wir“ existiert nämlich schlicht nicht. Das ist überhaupt erst der Anspruch, den wir mit Gesetzen an uns gestellt haben: Ein pluralistischer Staat zu sein, in dem das Individuum möglichst frei entscheiden kann. Kleidung, Religion, die Haltung zum eigenen Staat. Alles eine Frage der persönlichen Präferenz.

„Zur Leitkultur gehörten zudem Allgemeinbildung, der Leistungsgedanke, das Erbe der deutschen Geschichte mit dem besonderen Verhältnis zu Israel und der kulturelle Reichtum. Deutschland sei ein christlich geprägter, Religionen freundlich zugewandter aber weltanschaulich neutraler Staat, so de Maizière.“ (Quelle)

Schauen Sie sich um: Um die Allgemeinbildung der Masse ist es, oft je nach sozialer Herkunft, eher bescheiden bestellt. Der Leistungsgedanke? Also macht die Arbeit den Menschen und nicht der Mensch die Arbeit? Tatsächlich gibt es fleißige und faule Deutsche und beide Seiten haben, unabhängig von der Haltung de Maizières zu ihnen, ihre Existenzberechtigung. Und wie es um das Verhältnis breiter Teile der Bevölkerung zu Israel steht, dazu liest man dieser Tage genug. Die Kommentarspalten sind voll des Hasses. Alle ausweisen? Wohl kaum. Solange die Aussage nicht justiziabel ist, fällt sie unter die „Meinungsfreiheit“. Der „kulturelle Reichtum“ ist international. Unsere Demokratie ist griechisch, die Autos nicht Biodeutsch, sondern zum Teil in asiatischen Ländern gefertigt. Bier sollen die Sumerer oder Ägypter erfunden haben. Brot sollen ebenfalls die Ägypter zumindest so verfeinert haben, dass es unserer heutigen Brotbacktradition am nächsten kommt. Das Christentum – Ach, das muss ich Ihnen wohl nicht erklären, wo doch Allgemeinbildung Usus ist. Und selbst unsere verfassungsrechtlichen Grundlagen haben lange vor uns andere ausformuliert.

Und Deutschland ein weltanschaulich neutraler Staat? Sagt der Innenminister aus der „Christlich demokratischen Union“ deren Kanzlerin noch den Amtseid mit den optionalen Worten „So wahr mir Gott helfe“ schloss? Seien wir ehrlich: der Gedanke des Säkularismus hat es hierzulande nicht so weit gebracht, wie man sich das hätte wünschen dürfen. Ganz sicher aber halten sich unsere Staatsvertreter an kein Gebot der Neutralität. Wobei man hier eben auch festhalten darf, dass man entweder „Religionen freundlich zugewandt, oder aber neutral ist. Beides geht nicht.

„Die Gesellschaft sei konsensorientiert und Kompromisse konstitutiv für die Demokratie. Auch einen „aufgeklärten Patriotismus“ zählt der Christdemokrat zur Leitkultur. Ein solcher Patriot liebe sein Land ohne andere zu hassen. Schließlich seien auch die Westbindung Deutschlands, sein Bekenntnis zu Europa sowie ein gemeinsames kollektives Gedächtnis für Orte, Ereignisse und Traditionen Teil der Leitkultur.“ (Quelle)

Dass die Gesellschaft konsensorientiert ist, schließt eben nicht pluralistische Lebensweisen aus, sondern verweist lediglich darauf, dass diese zusammenfassend durch eine bestimmte Staatsvertretung dann in Kompromissform, im Sinne des Schutzes individueller Rechte, politisch repräsentiert werden. Das versteht sich in einem Rechtsstaat von selbst und bekräftigt weder die vorangegangenen „Thesen“, noch verneint es diese. „Aufgeklärter Patriotismus“ ist ein Oxymoron. Dazu schrieb ich bereits in der Vergangenheit. Selbst die freundlichste und am wenigsten völkisch ausgerichtete Idee des „Verfassungspatriotismus“ hält einer näheren Betrachtung sowie der geschichtlichen Entwicklung des Begriffes nicht stand. Nebenbei: Hier ist die Meinung von Herrn de Maizière, wie auch die Lebensidee aller anderen „guten Patrioten“ absolut irrelevant. Man kann als Deutscher oder als Einwanderer nichts oder alles vom Patriotismus halten. Keine Haltung bedingt die Staatsbürgerschaft oder verneint diese. Was viele „gute Patrioten“ von der Aufforderung, andere nicht zu hassen halten, lässt sich dieser Tage ebenso beobachten, wie die Idee der „Westbindung“, wenn man sich den zunehmenden Hass auf Amerika anschaut. Und das „Bekenntnis zu Europa“ verneinen ebenfalls die am lautesten, die mit ebensolcher Inbrunst „Patriotismus“ schreien. Alle ausweisen? Und nein, liebe Mitbürger: Ein kollektives Gedächtnis für Orte, Ereignisse und Traditionen existiert schlicht nicht. Seien sie beruhigt. Ich weiß nicht um Ihr Leben und Sie wissen nicht um meines. Manche Dinge dürfen tatsächlich bleiben, wie sie sind. Sie haben Dinge gesehen, die ich nie sehen werde und Vice versa.

An keiner der Aussagen de Maizières ließe sich ernsthaft ein Kollektiv von „Deutschen“, respektive einer deutschen Kultur, definieren. Was man an seinen Forderungen jedoch wunderbar festmachen kann, ist die Wertigkeit des Rechtsstaates. Denn alles, was „Deutsche“ verbindet, ist die Verpflichtung, gesetzestreu zu handeln. Unabhängig von Religion und Herkunft.

Und zum Glück auch unabhängig von Thesen eines Volksvertreters, der zudem auch Vertreter dieses Rechtsstaates ist, und genau weiß, dass die Verfassung keiner Meinung unterliegt und auch keiner Debatte, zu der eingeladen werden sollte.

Und zur Erinnerung, auch gerne zu Hände de Maizière abschließend Artikel 2 Absatz 1, sowie Artikel 4 des deutschen Grundgesetzes:

„„Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“

„Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet. Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz“

Lügen wie gedruckt? Vorwurf „Lügenpresse“

(zuerst erschienen auf Peira.org)

 

Von der Lüge im Politischen Teil 2

Bevor ich, wie bereits im ersten Teil angekündigt, auf die Frage nach der Lüge in Presse und Journalismus eingehe, möchte ich noch einmal kurz die Definition von „Lüge“ erläutern, die auch dem letzten Text als Einleitung dienen sollte: Das Wesen der Lüge ist vornehmlich die Intention, der Vorsatz. Sei es, um sich besser darzustellen, sei es für andere Formen der eigenen Vorteilsnahme.

In diesem Kontext gilt es nun auch, einen Mode gewordenen Schlachtruf dieser Tage zu betrachten:

„Lügenpresse“ – spätestens seit Aufmarsch der ersten Pegida-Veranstaltungen, der „Friedenswinter“-Bewegung, die mit Frieden herzlich wenig am Hut hatte, seit Populisten aller politischen Lager wachsenden Zulauf verzeichneten, geisterte dieser Vorwurf durch die Gesellschaft. Vor allem das rechte Lager skandierte diesen Begriff genüsslich und häufig in einem unerschütterlichen Glauben an eine „links-grün-versiffte“ (sic) Presse, die in ihren Augen den „Willen des Volkes“ verlog.

Nun ist der Begriff an sich nicht sonderlich originell, dafür aber umso geschichtsträchtiger. Weiterlesen

Politik ist nicht alles, aber alles ist Politik

Eine gute Regierung ist wie eine geregelte Verdauung; solange sie funktioniert, merkt man von ihr kaum etwas. (Erskine Caldwell)

Neulich auf Facebook entflammte eine Debatte darüber, ob und warum manche denn alles politisieren müssten und ob man nicht einmal ohne Politik auskommen könne.
Ich warf ein, dass alles Politik sei.
Dass der Mensch als soziales Wesen, ob er nun wolle oder nicht, damit auch zwangsläufig ein politisches Wesen sei, und erntete Unverständnis.
Die Entrüstung war groß, schließlich gäbe es doch viele private Bereiche, die mit Politik nichts zu tun hätten.
„Nennen Sie mir einen“, bot ich an.
Die simple und zu erwartende Antwort folgte prompt:
„Sex“. Weiterlesen

Aus meinem YouTube-Kanal: „Back“

 

Music, Guitar, Mixing, Mastering: Stathi Vassiliadis
Vocals, Lyrics: Susannah Winter

Nach ein paar Jahren Abstinenz wird es Zeit, wieder zu singen. Neben Songwriting demnächst auch wieder ein Bandprojekt, sowie ein Akustikensemble.

Gewidmet ist dieser Song Rainer, einem aufwühlenden Abend und der Tatsache, dass es „ist, was es ist“. Danke

Welt-Down-Syndrom-Tag trifft auf Welt-Poesie-Tag

 

 

Tja, wie erwartet: Nach dem fulminanten Getöse zum „Wetlfrauentag“ großes Schweigen im Walde zum „Welt-Down-Syndrom-Tag“. Dafür aber hehre Freude über Poesie.

 

Ich dichte mal:
Wir reden gern von „lebenswert“
Wenn wir uns Wein einflößen
Wenn wir in Essen, Trinken schwelgen
Uns gar zu zweit entblößen

Geschwiegen wird, wen wundert es
Alleine dieser Tage
Wenn „lebenswert“ gefordert wird
In Sachen Kinderfrage

Denn was ist schon ein Leben wert
Mit Extra-Chromosomen
Wer Kohle kostet und nicht scheffelt
Gilt hier als schlechtes Omen

Viel Mühe, Arbeit, Kummer Sorgen
Bringt so ein neues Leben
Dabei ist’s doch verantwortlich
Für’s Eltern-Ego-Streben

Und weil man es nicht haben muss
Bring man es über’n Jordan
Und hält’s lieber mit der Reimerei
Für heute und für fortan

Wahl oder nicht Wahl, das ist hier die Frage

 

Ohne große Überraschungen verlief die Wahl des Bundespräsidenten. Im ersten Wahlgang holte Frank-Walter Steinmeier die absolute Mehrheit, insgesamt 931 von 1.239 möglichen Stimmen.

Die große Koalition, schon während der gemeinsamen Regierungszeit in der komfortablen Position, die Opposition schon alleine der Größenverhältnisse wegen um die Möglichkeit zu bringen, überhaupt als Opposition zu agieren.

So scheiterte im Mai 2016 der Antrag der Linken vor dem Bundesverfassungsgericht, der auch einer Opposition der jetzigen Größe die üblich oppositionellen Befugnisse einräumen sollte, die dank der zahlenmäßigen Übermacht von schwarz-rot nicht mehr ausgeübt werden konnten. Dazu gehörte unter anderem das Recht, Gesetze auf ihre verfassungsrechtliche Legitimität hin zu überprüfen. Die Normenkontrollklage, ein übliches Oppositionsrecht, das allerdings ein Quorum von 25%. Derzeit hält die Opposition aus Linken und Grünen jedoch nur 20% der Sitze und ist somit praktisch handlungsunfähig, wenn es darum geht, Beschlüsse und Gesetze auf ihren verfassungsrechtlichen Gehalt hin überprüfen zu lassen. Weiterlesen

Getrennte Wege – Die SPD und die Arbeitnehmerrechte

Zuerst erschienen auf FischundFleisch.com

Der Jubel großer Teile der Presse war in dieser Woche kaum zu überhören: Die SPD hat endlich ihren Kanzlerkandidaten. Und es ist nicht Sigmar Gabriel, der noch bis zuletzt die Umfragewerte abwartete und dann einsehen musste, dass dieser Tage wenig so relevant ist, wie Popularität.

Das macht eine altgediente Partei selbstverständlich noch nicht zu Populisten, wenn inhaltliche und personelle Entscheidungen nach Beliebtheitswerten entschieden werden.Und schon gar nicht relevant, da darf man sich sicher sein, war die Frage des Datums der Entscheidung.

Ein Schelm wer glaubt, der Tag sei nicht rein zufällig auf denselben Tag gefallen, an dem das Bundesverfassungsgericht über eine SPD-initiierte, massive Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsrechtebeschneidung entscheiden sollte. Weiterlesen

Die Geister, die ich rief

 

Zuerst erschienen auf Peira.org

Von der Lüge im Politischen – Teil 1

Mal offen, mal unterschwellig: Der Vorwurf, in der Politik und der politikbegleitenden medialen Berichterstattung würde permanent gelogen, ist omnipräsent. Aber auch Medien und Politiker gehen mit dem Vorwurf der Lüge nicht zimperlich um. Der politische Gegner, das Internet, die Umfragen der anderen: Kein Ort, an dem nicht angeblich gelogen würde, dass sich die Balken biegen.

Diese Idee führte dann wohl auch dazu, dass die Gesellschaft für deutsche Sprache das Wort „postfaktisch“ zum Wort des Jahres kürte. Dabei darf „postfaktisch“ als Begriff an sich als „postfaktisch“ angesehen werden, impliziert er doch, es hätte vorher eine „faktische“, also faktentreuere Zeit gegeben. Ein Trugschluss. Hätte es auch zum Unwort eher getaugt, gereicht es in „postfaktischen“ Zeiten jedoch oft, in aller Munde zu sein für Ruhm und Ehr‘. Weiterlesen

Frostig

 

Trat man in den letzten Tagen morgens vor die Tür, begrüßte einen der Nachtfrost, der von einem Tag auf den anderen Straßen und Autos, Bäume und Büsche überzog. Und man kommt kaum umhin, Parallelen zu ziehen. Auch unsere Gesellschaft wird frostiger, den Nachbarländern geht es nicht anders. Und auch mit dem Frost verhält es sich in jedem Jahr ähnlich: Von der Bahn über die Post bis hin zum regulären Autofahrer will ihn niemand kommen sehen haben, obwohl selbst ohne meteorologische Vorhersagen Winter eben im Winter einzukalkulieren wäre.
Die Kausalität „Winter = Potenziell kalt und glatt“ funktioniert, trotz verlässlicher Prognosen und Wahrscheinlichkeiten, für die meisten Menschen offensichtlich nicht in einem Maße, das sie Vorkehrungen treffen lassen würde. Und wie der Bodenfrost zuverlässig Blechschäden, Verspätungen und gelegentlich auch Tote fordert, wenn er gar zu garstig wird, ist auch die soziale Kälte, so man sie verdrängt bis es zu spät ist, geeignet, gesellschaftliche Schäden und Schäden am Menschen zu verursachen. Beides absehbar. Lange vorher. Nur, dass der Winter den jährlichen Turnus pflegt, während die Abkehr von Menschenrechtsideen ihrem eigenen, historischen Rhythmus folgt. Doch auch für sie gibt es Vorzeichen. Was dem Winter der Herbst, das Laub auf den Straßen, die kahlen Bäume, ist der Abkehr vom Humanismus, von Recht und Sozialstaat die öffentliche Anfeindung, die Ausgrenzung der Schwachen, Alten, Behinderten, Armen, Gleichgültigkeit gegenüber Gesellschaft und dem Gegenüber und nicht zuletzt die Zuwendung zum Autoritarismus. Weiterlesen

Nun also doch

 

Es ist einer dieser Tage, an denen ich gerne mehr Einfluss hätte, mehr Leute erreichen würde mit dem, was ich schreibe. Wir sehr würde ich mir wünschen, in diesem Moment würden einige ihre Aufmerksamkeit von Trump abwenden und für einen Moment ins eigene Land schauen. Der Bundestag billigt nun doch die Ausweitung von Tests an Demenzkranken. Ich hatte über den Gesetzesentwurf bereits im Juni berichtet:

http://tonfarbe.us/2016/06/13/gruppennuetzig/ Weiterlesen

Reden wir über…  Epilepsie

Interview mit Markus aus Wien, 47 Jahre alt, seit frühester Kindheit an Epilepsie erkrankt

Man schätzt, dass 0,5% – 1% der Bevölkerung an Epilepsie leiden. Noch mehr, etwa 2%, erleben wenigstens einmal in ihrem Leben einen epileptischen Anfall. Die Dunkelziffer dürfte höher sein. Findet sich eine Ursache für eine Epilepsie (z.B. ein alter Schlaganfall oder eine Raumforderung, siehe Schnittbild des Gehirns), handelt es sich um eine symptomatische Form. Bei den meisten sogenannten idiopathischen Epilepsien konnte eine genetische Ursache festgestellt werden. In einigen Fällen bleibt die Ursache jedoch ungeklärt. Von Patient zu Patient variieren sowohl die Anfallhäufigkeit, wie auch die Intensität und Art der Anfälle. Für die meisten Epileptiker gehören jedoch Absencen, Auren oder gar der gefürchtete „Grand Mal“ zum Lebensalltag.

Einer von ihnen ist Markus aus Wien, 47 Jahre alt.

Susannah Winter: Hallo Markus, vielen Dank, dass du dich bereiterklärt hast, an „Reden wir über …“ mitzuwirken. Du hast im Vorfeld das Alter der ersten Anfälle um das 6-7 Lebensjahr angesetzt. Wie sah der erste Anfall aus? Wie schnell gab es die Diagnose? Wie sahen allgemein die ersten Behandlungsvorschläge aus und würdest du diese in Rückschau als „hilfreich“ und „vorbeugend“ einstufen? Falls nicht: Was hättest du dir in Retrospektive von Ärzten, Familie gewünscht? Was wäre hilfreich gewesen?

Markus aus Wien: Nach mehr als 40 Jahren hab ich mich im Zuge dieses Interviews erstmals wieder mit meiner alten Krankenakte beschäftigt. Womit alles begann ereignete sich, als ich fünf Jahre alt war. Es war ein Familienausflug, bei dem ich plötzlich umgefallen bin und für mehrere Stunden im Koma lag. Laut Krankenbericht war es eine Meningoencephalitis, eine Gehirnhautentzündung. Das Koma ist mehr als 40 Jahre her, aber ich kann mich noch immer genau an den Moment des Erwachens erinnern. An meine ersten Worte „Wo bin ich?“, ich sehe die Zimmerdecke noch genau vor mir. Den Moment werde ich nie vergessen. Danach begannen die Anfälle. Die ersten Jahre immer wieder einige kleinere Anfälle in der Woche. Bis ich dann mit elf den ersten großen Grand Mal hatte. Weiterlesen

„Spring doch“

 

Was muss das für ein unfassbares Bild gewesen sein.
Ein junger, verzweifelter Mensch, dem gerade die Flucht aus Somalia und damit vor Bürgerkrieg und Elend gelang, die Flucht vor Islamisten und al-Shabaab-Miliz der so viel durchgestanden hat und nun dennoch an seiner Vergangenheit zu zerbrechen drohte, schickt sich an, sich in den Tod zu stürzen.
Er ist gerade 15 oder 17 Jahre alt (Die Angaben variieren), noch ein halbes Kind und die natürliche Reaktion eines emotional gesunden Menschen bestünde darin, Angst um sein Leben zu haben, ihn abbringen zu wollen. Vielleicht denkt ein normaler Mensch in so einem Moment an seine eigenen Kinder daheim, die dieses Alter bereits hinter sich haben und schon an den alltäglichen Krisen der Pubertät fast gescheitert wären. Oder an die Kinder daheim, die noch jünger sind, aber schon in wenigen Jahren im selben Alter wären. Vielleicht denkt man aber auch an die eigene Jugend zurück, erinnert sich daran, um wie vieles größer jedes kleine Unglück schien und wie desolat die emotionale Lage dann bei jemandem sein muss, der nicht nur kleine Zurückweisungen erlebt oder bloß nicht das gewünschte Weihnachtsgeschenk erhalten, sondern Mord und Verfolgung erlebt hat, das eigene Leben aufs Spiel gesetzt hat, nur um einen Ort zu finden, der ihm Frieden und Ruhe bringen möge. Weiterlesen

Eigenwerbung

 

 

Kleiner Hinweis in eigener Sache:

Ich möchte diesen Monat ganz besonders die aktuelle Ausgabe der „Konkret“ ans Herz legen. Ich durfte eine kleine Literaturrezension schreiben („Liebe ist nicht genug – Ich bin die Mutter eines Amokläufers“ von Sue Klebold), die im aktuellen Heft zu finden ist.

Aber ein Blick in die „Konkret“ lohnt sich so oder so 😉

Vielen Dank

Sinn und Unsinn von Patriotismus

 

Zuerst veröffentlicht auf FischundFleisch.com

Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.[Arthur Schopenhauer]

Heimlich, durch die Hintertür, rhetorisch geschönt und parfümiert hat er wieder Einzug gehalten in Deutschland:

Der Patriotismus Weiterlesen

Das linke Populismus-Wagnis

Zuerst erschienen auf Peira.org

 

Im Schatten der AfD, ihrer Wahlerfolge und Mobilisierung von Nichtwählern, wurden in den letzten Monaten immer wieder Stimmen im linken Parteienspektrum laut, auch die Linke (In diesem Text zusammenfassend für die diversen linken Parteien) müsse mehr Populismus wagen. Möchte man wissen, was von dieser Forderung zu halten ist, muss man sich nur anschauen, welche prominenten Vertreter dieser Idee anhängen:

Glühende Verfechter des linken Populismus‘ sind u.a. Jakob Augstein, der immer mal wieder mit antiamerikanischen und antisemitischen Ressentiments aufwartet und damit durchaus auf Erfahrung in Sachen Populismus zurückblicken kann. Auch Querfrontler Ken Jebsen wurde in der Vergangenheit nicht müde, auf KenFM „Für einen linken Populismus“ zu werben. Allein diese beiden Vertreter der Populismus-Theorie, nach der auch die linke Bewegung Emotionen schüren, Polemik wagen, simplifizieren sollte macht klar, in welch trüben Gewässern man fischt, sollte man sich auf diese Form des Stimmenfangs einlassen. Weiterlesen

Die nackte Kaiserin

 

 

Wie ein Jahr vor der Bundestagswahl nicht anders zu erwarten, entbrennt gerade die Diskussion über die Frage, ob Frau Merkel noch einmal für das Amt der Bundeskanzlerin antreten wird. Neben der Problematik, ob eine Demokratie 16 Jahre währende Regentschaften überhaupt verträgt und ob diese, wie schon zu Zeiten Kohls, nicht einfach nur ein weiteres Zeichen dafür sind, dass die Fähigkeiten zur demokratischen Selbsterneuerung innerhalb der Parteistrukturen ins Stocken geraten, ist es selbstverständlich auch die Uneinigkeit über die Rolle Merkels in der Flüchtlingsfrage, die die Gemüter umtreibt.

Ein Kabarettist sagte über Bundeskanzlerin Merkel einmal, es sei wahre Kunst, wenn die Leute einen mit der eigenen Politik gar nicht mehr in Verbindung brächten.

Wie richtig er damals, noch vor der berühmt-berüchtigten Aussage „Wir schaffen das“ lag, zeigen die Reaktionen von links und rechts auf diese rhetorische Seifenblase.
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Reden wir über…  Borderline

Interview mit Maike Schollmeier, 29 Jahre alt, Borderlinerin etwa seit ihrem zwölften Lebensjahr

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(Auf dem Foto: Maike Schollmeier, Copyright: Florian Schmidt)

 

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung verdankt ihren Namen der Tatsache, dass man die Erkrankung nach psychoanalytischem Verständnis zwischen neurotischen und psychotischen Störungen ansiedelte (Borderline – Grenzlinie). Traumatische Erfahrungen, soziale Vernachlässigung wie auch genetische Faktoren gelten als verantwortlich für das Entstehen dieser psychiatrischen Erkrankung, die die Betroffenen mit massiven Ängsten, innerer Zerrissenheit, intensiven emotionalen Schwankungen, Spannungszuständen zurücklässt, die in vielen Fällen zu autoaggressivem, massiv selbstverletzendem Verhalten führen. Betroffen sind nach Schätzungen etwa 3% der Bevölkerung, junge Frauen wie auch Männer.

Weiterführende Informationen finden sich unter anderem hier.

Eine der Betroffenen ist Maike Schollmeier, 29 Jahre alt, diagnostiziert mit Borderline, Depressionen und einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung.

Susannah Winter: Es gilt als gesichert, dass ein Zusammenspiel zwischen genetischen Faktoren und in vielen Fällen frühe traumatische Erfahrungen für die Entstehung der Borderline-Störung verantwortlich sind. Über die Hälfte der Betroffenen berichtet von schwerwiegendem Missbrauch in der Kindheit, über 60% von emotionaler Vernachlässigung, fast alle aber über ein soziales Umfeld, in welchem sie sich in hohem Maße als fremd, gefährdet und gedemütigt erlebt haben. Auch du hast ja im Vorgespräch bereits angedeutet, dass die Erlebnisse mit deiner alkoholkranken Mutter und der kontrollsüchtigen Oma auslösende Faktoren für deine Erkrankung waren.  Kannst du ein wenig über frühe Kindheit, die Art der traumatischen Erlebnisse und die frühe Jugend mit Beginn der Erkrankung schildern? Wie war dein Leben vor, wie mit der Erkrankung. Was war die nachhaltigste Veränderung?

Maike Schollmeier: Zuallererst muss ich leider eingestehen, dass ich wenig Kindheitserinnerungen habe. Ich weiß, dass ich schon immer eher introvertiert und ruhig war. Ich habe immer versucht, es allen anderen recht zu machen, damit auch alle stolz auf mich sind. Nie hegte ich den Gedanken, auf mich und meine Handlungen selbst stolz sein zu können. Belohnungen in Form von sozialen Aufmerksamkeiten und Belobigungen waren für mich schon immer von anderen abhängig, ob die Umsetzung der Handlungen mir schwerfiel oder nicht, spielte dabei für mich nie eine Rolle. Weiterlesen

Armut in Europa und die Folgen der Migration

„Reicher Mann und armer Mann / standen da und sahn sich an. / Und der Arme sagte bleich: / »wär ich nicht arm, wärst du nicht reich“ (Bertolt Brecht)

 

Es ist schon lange kein Geheimnis mehr: Seit Jahren wächst die Armut in Europa. Trauriger Spitzenreiter ist Rumänien mit einer Armutsgefährdungsquote von 25,4 Prozent. Die geringste Armutsquote weist derzeit die Tschechische Republik mit 9,7 Prozent auf. (Ein Resultat auch der Berechnung des Armutsfaktors mithilfe des Medianeinkommens) Doch auch hier steigt das Armutsrisiko und mit ihm die Angst vor Armut. Und auch hier sind die Gründe im Prinzip dieselben, wie überall in Europa.

Tschechische Republik

Ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes in Tschechien berichtet im Deutschlandfunk:

„… „Es ist leider wahr. Die Zahl armer Menschen steigt bei uns von Jahr zu Jahr. Wir können die Nachfrage kaum befriedigen. Das ist eine direkte Folge einer schlechten Sozialpolitik und der drastischen Sparmaßnahmen“ Weiterlesen

Der normale Irrsinn – von der zwanghaften Suche nach simplen Antworten

 

„In unserer verrückten Gesellschaft ist es ganz normal, dass sogar normale Menschen verrückt spielen.“ (Ernst Ferstl, österreichischer Lehrer, Dichter und Aphoristiker)

Der Amoklauf von München, wie so oft sekundengenau verfolgt, getwittert, gepostet, schon vor Gewissheiten in Grund und Boden analysiert von der Presse, selbstverständlich aus dem hehren Grund der Informationspflicht, er hat das Potenzial, Errungenschaften von Jahrzehnten zunichte zu machen. So lange hatte es gebraucht, psychische Erkrankungen zumindest weitestgehend vom Stigma der Unzurechnungsfähigkeit, des „Irre seins“, des Zweifels am Lebenswert der Betroffenen zu befreien. Nicht, dass die Fortschritte in dem Bereich tatsächlich gefestigt gewesen wären. Depressive, Schizophrene, Psychotiker, Borderliner und alle anderen Erkrankten kannten auch in Zeiten der Aufklärung über mögliche Krankheitsursachen, Traumaforschung, Psychoanalyse, flächendeckender Berichterstattung die Erfahrung, nicht ernstgenommen zu werden, Mensch zweiter Klasse zu sein. Nicht nur am Arbeitsmarkt, sondern auch im gesellschaftlichen Miteinander. Diejenigen, deren Erkrankungen gar so weit gingen, dass sie zur Arbeitsunfähigkeit führten, lebten in den meisten Fällen mit dem Damoklesschwert der Angst vor Verlust der Existenzgrundlagen im Falle von „unkooperativem Verhalten“, bei Verweigerung von Medikamenten, litten unter normierten Therapieansätzen, die selten mehr zu bieten hatten als das Pochen auf „Tagesstruktur“, waren permanent konfrontiert mit dem Stigma „Faulheit“, die dem gesellschaftskompatiblen Menschen fast noch widerlicher ist, als das Stigma „Verrückt“. Weiterlesen

Zum Putschversuch in der Türkei – Die seltsame Nachbetrachtung deutscher Medien und europäischer Politiker

 

Die Nacht von Freitag auf Samstag begann mit dramatischen Schlagzeilen:

„Putschversuch in der Türkei“ konnte man lesen. Kurze Sondersendungen informierten darüber, dass nach bisherigem Erkenntnisstand Teile des Militärs den Sender TRT gestürmt hätten, Flughäfen besetzt hielten, dass Kriegsrecht ausgerufen und eine Ausgehsperre verhängt hätten. Über das Staatsfernsehen TRT ließen die Putschisten die Erklärung verlautbaren, dass eine „Machtübernahme zur Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit“ geplant sei. Ein „Friedensrat“ solle vorerst allen Bürgern in der Türkei, „unabhängig von Rasse, Religion und Sprache“ Freiheit garantieren. (Quelle „Standard Live-Feed“). Mehr war bis dahin nicht bekannt. Spekuliert wurde viel, während immer wieder von Schüssen berichtet wurde.

Erdogan, zum Zeitpunkt des Putsches in Marmaris urlauben, rief umgehend seine Unterstützer zu Demonstrationen gegen den Putschversuch auf. Explosionen im Parlament folgten Aufstände von Erdogan – Treuen. Social – Media – Kanäle fielen (selbstverständlich unerklärlicherweise) aus.

Die türkische Regierung war schnell dabei, den Putsch für gescheitert zu erklären. Ministerpräsident Yildirim erklärte die Lage für „unter Kontrolle“. Und Erdogan selber, zurück vor Ort, ließ sich nicht nehmen, sich via TV inmitten seiner Anhänger zu präsentieren und zu erklären, die „Säuberung des Militärs“ von Laizisten fortsetzen zu wollen. Auch erklärte er, er erwäge die Wiedereinführung der Todesstrafe. Weiterlesen

Reden wir über…  Sucht

Interview mit Jonas M. (Name auf Wunsch anonymisiert), in der Vergangenheit heroinabhängig, derzeit in einem Substitutionsprogramm und auf dem Weg aus der Sucht.

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(Fotoquelle: Pixabay)

 

Viele Wege führen in die Sucht. Gelegentlich ist es simpler Gruppenzwang, das Bedürfnis, irgendwo dazuzugehören. Manchmal auch einfach nur Neugier. Viel öfter jedoch steckt dahinter eine Lebensgeschichte, die den Drang, dem eigenen Leben entfliehen zu wollen, seelischer Schmerzen Herr zu werden, begünstigt und verstärkt. Physische und psychische Gewalt im Elternhaus kann ebenso Auslöser werden wie Eltern, die selber konsumieren. Sei es nun Alkohol oder andere Substanzen. Natürlich ist, neben den soziologischen Gründen, oft auch eine physische Prädisposition vorhanden.

Aus der Sucht führen hingegen weit weniger Wege und meist sind diese alleine zu gehen. Wer, oft nach einer langen Drogenkarriere, erstmal beim Heroin angelangt ist, für den gibt es nicht mehr allzu viele Alternativen. Nicht wenige sterben. Sei es an einer Überdosis, an gepanschten Drogen, an Hepatitis und anderen Erkrankungen, zugezogen durch schmutzige Nadeln. Einige schaffen den kalten Entzug, ein leidvoller Weg, doch einer, an dessen Ende ein Leben ohne Drogen stehen kann.

Ein dritter Weg ist das Substitutionsprogramm. Hier wird durch die regelmäßige Verabreichung von Opioiden, die im Gegensatz zum Heroin nur schmerzlindernd wirken, jedoch kein „High“ erzeugen, und deren Gabe nach und nach reduziert wird, der Abhängige so behutsam wie möglich aus seiner Sucht entwöhnt.

Diesen Weg geht gerade Jonas M., der nach langen Jahren der Abhängigkeit allmählich wieder in einem Leben ohne Drogen Fuß fasst.

SusannahWinter: Hallo Jonas. Vielen Dank für deine Bereitschaft, so offen mit mir zu sprechen. Gerade das Thema „Sucht“ ist ja mit gesellschaftlicher Stigmatisierung verbunden. Umso wichtiger, Betroffenen, Angehörigen von Betroffenen und Menschen, die zwar keine Berührungspunkte mit Drogen und Drogensucht hatten, möglicherweise aber Vorurteile pflegen, Einsichten in Beweggründe, Erleben und Konsequenzen zu ermöglichen.

Zu den Fragen: Drogensucht soll zwar in gewissem Maße auch erblich sein, zumindest soll es eine gewisse Prädisposition gegeben, steht als Krankheit jedoch so gut wie nie nur für sich, sondern braucht Auslöser, die oft in traumatischen Erlebnissen, Kindheitstraumata, Erfahrungen liegen. Oft beginnen auch Süchte, Alkoholismus, Drogenkonsum bereits im Jugendalter, bzw. bei jungen Erwachsenen, jedoch nicht zwangsläufig. Es kann auch nach Trennungen, Verlusten, schwierigen Lebensphasen zum Suchteinstieg kommen. Was würdest du heute als Ursache für deine Sucht ausmachen? Gibt es eine Vorgeschichte?

Jonas M.: Als ich zwölf war, meine beiden Brüder gerade zehn und elf, ließ meine Mutter sich von meinem gewalttätigen und alkoholkranken Vater scheiden. Von meinem Familienleben kann ich also nicht viel erzählen da ich nach meinem siebzehnten Lebensjahr fast keines mehr hatte. Ich wollte meiner alleinerziehenden Mutter nicht mehr zur Last fallen und zog mit siebzehn von zu Hause aus. Weiterlesen

Brexit

Zuerst erschienen auf FischundFleisch.com

 

Knapp 52% der 72,2% Wahlberechtigten, die gestern den Weg ins Wahllokal fanden, stimmten für den Brexit, den britischen Ausstieg aus der EU.

Ihr Votum gegen Europa und für die Rückkehr zur Nationalstaatlichkeit mag tatsächlich Menschen überraschen, doch selbst ein Votum für Europa wäre wohl nur ein, mit dem Tod von Jo Cox viel zu teuer erkaufter, Aufschub gewesen.

Der Zerfall Europas, der nicht erst mit dem Brexit beginnt, er war lange absehbar. Die horizontale wie vertikale Machtschieflage innerhalb Europas hat das Bündnis längst brüchig gemacht.

Der vormals als „ demokratischer Staatenbund auf Augenhöhe“ gedachte Zusammenschluss hat auf horizontaler Ebene verpasst, den kleineren Staaten dasselbe Mitspracherecht zu gewährleisten, wie es z.b. Deutschland und Frankreich genießen. Und besonders Deutschland spielt hier eine ruhmlose Rolle wenn es um das Durchboxen der eigenen Interessen und das unterminieren der kleineren, wirtschaftlich schwächeren Staaten geht. Auf vertikaler Ebene ist Brüssel zu einem Bürokratiemonstrum avanciert, das verpasst hat, den demokratischen Legitimationsprozess in einer Form zu installieren, der den Bürgern das Gefühl gibt, Europäer mit Entscheidungsbefugnissen zu sein. Weiterlesen

Gruppennützig

 

 

Zuerst erschienen auf FischundFleisch.com

Kurz vor Beginn des kollektiven Fußballtaumels dank EM ist still und leise und von den Medien weitestgehend ignoriert, ein Gesetzesentwurf von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) eingereicht worden, der Medikamententests an Demenzkranken zulassen will. Hierbei handelt es sich keinesfalls um die Erkrankten im Anfangsstadium, die noch ein gewisses Maß an Krankheitseinsicht hätten, juristisch damit als „einwilligungsfähige Erwachsene“ gelten könnten. Hier sollen die Menschen für Medikamentenstudien herangezogen werden, die aus den Studien selber keinen Nutzen mehr ziehen können und schon gar nicht einwilligungsfähig im juristischen Sinne sind.

Von „Gruppennützigkeit“ ist hier die Rede. Was so euphemistisch zur sozialen Wohltat umgedeutet wird, bedeutet den Bruch mit bisherigen Grundrechtsverständnissen. Weiterlesen

Reden wir über…  Autismus

INTERVIEW MIT Karl Hollerung, Autist

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(Karl Hollerung)

 

Spätestens seit dem Film „Rain Man“ ist der Begriff „Autismus“ den meisten bekannt. Leider hat aber eben auch dieser Film, wie so viele andere Klischeedarstellungen autistischer Menschen, ein Bild von Autismus in den Köpfen gefestigt, das der vielfältigen Realität der meisten Autisten nicht gerecht wird. Das Bild des schaukelnden, in sich gekehrten Inselbegabten, dessen Leben ohne fremde Hilfe nicht zu meistern ist macht es vielen Autisten schwer, in der Gesellschaft Fuß zu fassen.

Fragt man: „Was ist Autismus“, so erhält man auf der Seite „Autismus Deutschland e.V. – Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus“ folgende kurze Erklärung:

„Autismus ist eine komplexe und vielgestaltige neurologische Entwicklungsstörung. Häufig bezeichnet man Autismus bzw. Autismus-Spektrum-Störungen auch als Störungen der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung, die sich auf die Entwicklung der sozialen Interaktion, der Kommunikation und des Verhaltensrepertoires auswirken.“

Es gibt einige typische Merkmale, die in unterschiedlicher Ausprägung auftreten.

Zu nennen wären:

  • Schwierigkeiten in der Kommunikation und sozialen Interaktion
  • Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten, die zwanghaft wiederholt werden und Probleme mit plötzlichen Veränderungen im Alltag
  • Eine atypische Wahrnehmung und Verarbeitung von Sinneseindrücken, die oft intensiver und reicher ist, als es der „Norm“ entspricht.

Und doch gleicht kein Autist dem anderen. Jeder von ihnen erlebt Autismus als etwas ganz Persönliches, Individuelles.

Karl Hollerung ist einer von ihnen und bereit, uns einen kleinen Einblick in sein Erleben zu gewähren:

Susannah Winter:  Besteht deine Erkrankung von Geburt an? Wenn nicht, wann traten die ersten Symptome auf, wie sahen diese aus? Autismus wird ja, je nachdem wie stark die Ausprägung ist, typischerweise bereits in den ersten Lebensmonaten diagnostiziert, gelegentlich allerdings auch erst in späteren Lebensjahren. Wann gab es in deinem Fall die Diagnose und durch wen?

Karl Hollerung:  Als erstes möchte ich klarstellen, dass Autismus eine andere Art der menschlichen Wahrnehmung und der menschlichen Kommunikation ist. Autist ist man auch sein Leben lang, von der Geburt bis zum Tode. Aus diesen Gründen kann man nicht von einer Erkrankung sprechen. In der heutigen, zunehmend chaotischen Welt wird eine autistische Wahrnehmung jedoch zu einem immer größer werdenden Problem, weshalb man heute durchaus von einer Behinderung sprechen kann. Ich denke, dass dies in früheren Zeiten anders gewesen sein dürfte. Weiterlesen

Redebedarf?

Auch erschienen auf Peira.org

Es lässt sich nicht mehr beschönigen: Die AfD ist im Aufwind.

Der Populismus der Rechtsnationalen, er verfängt in den Köpfen derer die sich abgehängt sehen oder wahlweise in Angst und Panik verfallen bei dem Gedanken an ein Deutschland, das sich „abschaffen“ könnte. Kein rein deutsches Phänomen, eher ein Produkt zunehmender Wohlstandsschieflage, eine systemimmanente Problematik. Gerade auch die etablierten Parteien haben lange genug an eben dieser Angst gearbeitet, spielten mit Ängsten, wenn sie Armutsdrohkulissen etablierten, die Schlangen vor den Tafeln lang und länger werden ließen, Bilder von Alten und Armen salonfähig machten, die sich mit dem Wühlen nach Pfandflaschen im Müll ein paar Euro zum Aufstocken oder gar dem zusammengekürzten Existenzminimum ein paar Euro dazuverdienten und als Reaktion höhnisch Pfandringe forderten. Das Damoklesschwert der drohenden Not, es fand sich  in den Beteuerungen, die Rente sei nur noch sicher so man denn selber Vorsorgen träfe (und nicht zuletzt damit Geld in die Taschen der Privatwirtschaft spülte), ohne auch nur annähernd ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass zehn Prozent der Bevölkerung am Existenzminimum leben und Vorsorge keine Willens- oder Entscheidungsfrage darstellt. Weiterlesen

Neubeginn

Seit zwei Jahren war ich meinem Blog „Tonfarbe“ treu, doch nun ist es Zeit für Neues. Das letzte Jahr war für mich voll von Ereignissen, die neu waren. Neue Erfahrungen, neue Erlebnisse, neue Ideen. So wie sich Privates in Teilen änderte, so änderten sich Möglichkeiten und Bedürfnisse. So hat mich der Klavierunterricht bereichert und aufgezeigt, dass ich in naher Zukunft gerne einiges an selbstgeschriebenen Songs veröffentlichen würde. Die Arbeit daran läuft. Und so viel sei verraten: Auch hier bleibe ich politisch. Die neue Webseite soll also für verschiedene Themen Raum lassen.

Politik, Inklusion, soziale Themen werden jedoch selbstverständlich ein Teil davon bleiben.

Ich freue mich auf den Neubeginn und hoffe, Sie bleiben mir treu

Überreste der sozialen Marktwirtschaft – Die Facetten der Armut

Altersarmut

Auf Anfrage der Linkspartei hat die Bundesregierung eine  Berechnung der Rente vorgelegt. Demnach müsste ein Mindestlohn 11,68 Euro betragen, um nach 45 Jahren Arbeit bei einer Wochenarbeitszeit von 38,5 Stunden eine Rente zu erhalten, die oberhalb der Grundsicherung liegt. Berechnungsgrundlage war die, ab Sommer geltende, gesetzliche Rente. Das Wissen um diese Rechenergebnisse hielt die Bundesregierung selbstverständlich nicht davon ab, sich auf der eigenen Homepage des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales selber über den grünen Klee zu loben:

„Stärkstes Rentenplus seit 23 Jahren- Altersbezüge steigen zum 1. Juli im Westen um 4,25 Prozent, im Osten um 5,95 Prozent“ ließ man dort am 21.03.2016 verlautbaren. Dass diese Steigerungen dennoch wenigstens bei der Hälfte aller zukünftigen Rentner nicht ankommen werden, ging trotz des lauten Eigenlobs der großen Koalition seit Tagen durch die Presse. Bis zu 50% der Menschen seien von Altersarmut bedroht hieß es von Welt bis FAZ. Schon heute gilt, dass gut die Hälfte der Beschäftigten Abstriche bei der Rente machen müssen. Weiterlesen

Reden wir über…  Zungenkrebs

Interview mit Claudia Braunstein, an Zungenkrebs erkrankt

 

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(Vienna Foodcamp)

 

Zungenkrebs, der vorwiegend ab der sechsten Lebensdekade auftritt, gehört in den Bereich der Mundhöhlenkarzinome. Diese liegen mit 6 Prozent der Krebserkrankungen damit an sechster Stelle der Häufigkeit aller Karzinome, wobei Männer doppelt so häufig betroffen sind wie Frauen. Zu den Anfangsbeschwerden können Schmerzen, Mundgeruch und Sprechbehinderungen gehören. Gerade bei Tumorbildung in der Mundhöhle, die oft lange unentdeckt bleiben, gilt eine Früherkennung als enorm wichtig für den erfolgreichen Verlauf der anschließenden Therapie. Tabak und Alkoholmissbrauch gelten als Hauptrisikofaktoren, sind jedoch nicht zwingend ursächlich.

Eine der Betroffenen ist Claudia Braunstein, der man auf den ersten Blick nicht ansieht, welche Rolle der Krebs in ihrer Vergangenheit gespielt hat:

Susannah Winter: Wie alt warst du, als du die ersten Symptome des Mundhöhlenkarzinoms bemerktest?  Welche Beschwerden zeigten sich? Hast du sofort an Krebs gedacht? Wie lange hat es gedauert, bis du einen Arzt aufgesucht hast?

Claudia Braunstein: Im Nachhinein gesehen zeigten sich die ersten Symptome im Frühjahr 2011, da war ich 48 Jahre alt. Ich hatte um die Osterzeit herum zwei goldene Inlays innerhalb einiger Tage verloren. Das war nicht wirklich tragisch, weil es keine Schmerzen verursachte. Allerdings biss ich mir mit den scharfen Zahnkanten mehrmals auf den hinteren Zungenrand. Das verursachte kleine weiße Stellen, wie man sie eben kennt, wenn man sich in die Zunge beißt. Ich hatte mir dann umgehend einen Zahnarzttermin vereinbart, um die Inlays wieder einsetzen zu lassen. Aus verschiedenen Gründen hat sich der Termin mehrmals verschoben. Einmal musste ich geschäftlich ins Ausland, ein anderes Mal erkrankte der Zahnarzt. Schließlich war es dann bereits die zweite Julihälfte, dass ich endlich zum Arzt kam. Die kleine weiße Stelle machte ja keine Probleme, ich habe sie mit einer Tinktur behandelt und mit Salbeitee gespült. Also gab es null Grund für eine Beunruhigung. Keine Schmerzen, keine Schluckbeschwerden. Einfach nichts, was auf etwas Ernstes hindeuten hätte können. Weshalb ich dann letztlich doch beim Arzt landete, war der Umstand, dass mir beim Fisch essen eine Gräte in die kleine Wunde rutschte und einen unbeschreiblichen Schmerz verursachte, der vom Kopf bis in die Zehenspitzen fuhr. Noch am gleichen Tag erhielt ich einen eingeschobenen Termin. Und wieder ging es mir nur darum, die Inlays einzusetzen, weil ich ja die scharfen Kanten als Verursacher für diese kleine weiße Stelle erachtete. An ein Karzinom oder einen Tumor hatte ich nicht eine Sekunde gedacht, zumal mir eine Krebserkrankung in diesem Bereich gar nicht in den Sinn kam. Weiterlesen

Was du nicht willst, das man dir tu

Mein Beitrag zur ‪#Schmähgedicht‬-Challenge der Jungle World.

Ich bin keine „Dichterin“ und mein Versmaß holpert, aber es steckt Herzblut drin. Außerdem hoffe ich, dass sich noch ein paar Menschen beteiligen. Merkel kann uns nicht alle rügen ^^

 

In der Türkei am Bosporus
Da lebt ein kleiner Mann
Der allzu gern ein Großer wär‘
Man nennt ihn Erdogan

Der strebt nach Einfluss und nach Macht
Weltweit, auch hierzuland‘
Und als dies noch unmöglich schien
Spielt Krieg ihm in die Hand

Die engen Bande zum IS
Sie zahlen sich nun aus
Man zahlt Milliarden, man hofiert
Den Demokraten-Graus

Denn Deutschland gilt auf dieser Welt
Nur eines als gefährlich
Das ist der dunkle, fremde Mann
Und seien wir mal ehrlich:

Wer braucht schon dieses Arbeitsvieh
Wo Billiglöhner schuften
Wo Sklaverei verboten ist
Soll das Pack verduften.

Da lässt man Kohle, Wert, Humor
Auf dass man sich verbündet
Vorbei ist’s mit dem freien Land
Das Kemal einst begründet

Und doch soll dieser Freiheitsfeind
Europas Partner sein
Er, der die Presse, Frauen, hasst
Wo, frag ich, bleibt das „Nein“?

Wo sind sie hin die hohlen Phrasen
Die viel beschwor’nen Werte?
Reicht eine Krise, deutsche Angst
Für unmenschliche Härte?

Da wird Satire abgeschafft,
verging uns eh, das Lachen
In einig Merkel-Phrasenland
Gilt’s Grenzen zu bewachen

Nun wagen wir gemeinsam mal
Den Blick Richtung Türkei
Und sollten fragen, bitteschön:
Was ist denn da noch „frei“?

Ist dies der Weg, den wir beschreiten
Ist das der Wert der „Ruh‘“?
Dann ist was kommt mehr als verdient

Was du nicht willst, das man dir tu

Terror Live

Kaum waren die ersten Meldungen zu den Terroranschlägen in Brüssel in der Welt, setzte die übliche mediale Reaktion ein:

In den Redaktionen suchte man Live-Material, „Footage“, um die Geschichte möglichst vor den Kollegen der Konkurrenz zu bringen, möglichst eindrucksvoller, möglichst näher am Geschehen.
Man suchte Augenzeugen, am besten noch verängstigt, am besten noch verstaubt, vielleicht blutverschmiert.
Umgehend wurde der Terror verschlagwortet, in Überschriften gepresst, mit Hashtags und Annahmen versehen, damit der Leser keine Sekunde verpassen möge.
Selbstverständlich immer die „Informationspflicht“ im Auge, der sachlich nie gedient wäre.
Was informiert den Medienkonsumenten schon besser darüber, dass Europa vom IS-Terror heimgesucht wird, als weinende Angehörige und Bilder von schreienden und weinenden Menschen, die aus einem qualmenden Zug entkommen.

Und so gab es sekündliche Berichterstattung von BILD über Focus, der SZ über die Tagesschau. „Mittendrin statt nur dabei“, das Motto der Nachrichtenagenturen, Zeitungen, Social-Media-Ableger diverser Medien. Alles im Sinne der verstörten europäischen Wertegemeinschaft, versteht sich. Weiterlesen

Lebens-Wert

Madeline ist 18 Jahre alt, Australierin und Model.

Ihre wachsende Fan-Gemeinde liebt sie für ihren Porzellanteint und lange, rote Haare, für ihre Begeisterungsfähigkeit und dafür, dass sie ihren Werdegang mit den Fans via YouTube und Facebook teilt.

Viele junge Frauen träumen von der Karriere, die Madeline gerade macht. Davon, ebenso wie sie bei der New York Fashion Week mitlaufen zu dürfen und zahllose Titelseiten zu schmücken.
Und doch ist es nicht allein dieser Erfolg, der Madeline Stuart so einzigartig macht.
Es ist die Tatsache, dass Madeline damit der ganzen Welt vor Augen führt, was „Lebenswert“ bedeutet.

Denn Madeline hat das Down-Syndrom. Weiterlesen

Die Sozialdemokratie ist tot

Zuerst veröffentlicht auf FischundFleisch.com

Das Medien- und Bürgerinteresse, das die gestrigen Landtagswahlen im Vorfeld und im Nachhinein begleitete war groß. Größer, als für Landtagswahlen üblich. Die Wahl galt als Stimmungstest für die Bundestagswahl im kommenden Jahr.

Viel wichtiger aber: Es war die erste Wahl seit der „Flüchtlingskrise“, die die Gesellschaft seit Monaten in Wut- und Mutbürger teilt. Schon seit Wochen war klar, dass die AfD trotz, oder gerade wegen, Schießbefehlrhetorik in den Landtag würde einziehen können. Vor den ersten Hochrechnungen lagen die Prognosen bei geschätzten 15 Prozent AfD-Wähleranteil in Sachsen-Anhalt, für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz galten 11 Prozent als wahrscheinlich. Weiterlesen

Reden wir über…  Stottern

Interview mit Ronja Zimm, seit frühester Kindheit von Stottern betroffen

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(Auf dem Foto: Ronja Zimm / Stottern – Momentaufnahmen / Fotografin: Laura Ludwig)

 

Für die meisten Menschen sind Sprache und das Sprechen an sich selbstverständliche Mittel zur Kommunikation. Wir nutzen sie, um uns mitzuteilen, unsere Emotionen und Bedürfnisse, unsere Meinung. Beim Einkaufen, in Beziehung und Familie, in Schule und Beruf ist das gesprochene Wort Basis für zwischenmenschlichen Austausch. Wie wichtig diese Fähigkeit zur Artikulation tatsächlich ist erfahren oft nur die, denen sie temporär oder langfristig abhandenkommt.

Allein in Deutschland stottern etwa 800.000 Menschen. Bei den meisten zeigt sich diese Sprechbehinderung bereits im Alter zwischen zwei und fünf Jahren. Per Definition ist Stottern eine „Unterbrechung des Redeflusses durch auffällige Blockaden, Wiederholungen oder Dehnungen.“ Tatsächlich entwickelt jedoch so gut wie jeder Stotterer ein individuelles Sprachbild mit ebenso individuellen Ausprägungen der Sprechstörung. Meist wird das Stottern von sekundären Symptomen begleitet. Dazu gehören z.b. das auffällige Verkrampfen der Gesichtsmuskulatur oder zusätzliche Körperbewegungen beim Sprechen. Zudem entstehen durch die gehemmte Kommunikation oft auch Rückzugstaktiken, zu denen das „Verschleiern“ gehört, bei dem Füllwörter oder Synonyme genutzt werden, um bekannte Sprachblockaden zu umgehen, aber auch gravierendere Selbstschutzhandlungen wie komplette Sprechvermeidung oder der Rückzug in soziale Isolation. Weiterführende Informationen finden sich hier.

Eine der rund 800.000 Betroffenen ist Ronja Zimm, 29 Jahre alt.

Susannah Winter: Besteht das Stottern bei dir von Kindheit an? Erinnerst du dich daran, wann die ersten Symptome auftraten und wie diese aussahen?

Ronja Zimm: Ich selbst kann mich nicht daran erinnern, mit dem Sprechen und Stottern angefangen zu haben. Aus Erzählungen weiß ich nur, dass ich in den ersten Monaten wohl noch fließend gesprochen haben soll und das Stottern erst im Kindegartenalter begonnen hat. Aus dieser Zeit sind auch meine ersten bewussten Erinnerungen: Eine Mischung aus Frustration darüber, dass ich durch die Krämpfe nicht mitteilen konnte was ich wollte und Unverständnis darüber, warum ausgerechnet ich so „anders“ war. Das hat die Kindergartenzeit zu einer tränenreichen gemacht. Weiterlesen

Legalize it!

(Auch veröffentlicht auf Peira.org)

Volker Beck, Abgeordneter der Grünen, ist mit Drogen erwischt worden. Crystal Meth soll es gewesen sein. Um genau zu sein, so genau, wie es eben nur spekulative Berichte schaffen: 0,6g des synthetisch hergestellten Methamphetamins, das aufputschend wirkt und den meisten eher von furchteinflößenden Vorher-Nachher-Bildern geläufig sein dürfte. Eine Droge, die vornehmlich mit weißem Prekariat assoziiert wird. Ein Großteil der Reaktionen ist schlicht erbärmlich. Die Bigotterie, die der Empörung innewohnt, vor allem bei denen, die sich ganz besonders hämisch freuen, weil es einen Politiker des ungeliebten Spektrums getroffen hat (und nein, ich bin alles, nur kein Grünen-Wähler), hat ein Ausmaß angenommen, das übelerregender kaum sein könnte. Es ist eine Sache, einen Menschen auf Basis von Inhalten zu kritisieren. Möglichst sachlich und fundiert. Nur geht es hier nicht um Inhalte. Schon gar nicht denen, die am Morgen ihren Kaffee trinken, mittags Energydrinks und Wachmacher schlucken, nach Feierabend ein Bier kippen, sich die nächste Zigarette anzünden und nun angewidert auf den gefallenen Beck zeigen und „Hab‘ ich doch gleich gewusst, dass der nichts taugt“ brüllen. Es sind dieselben Menschen, die sich am Stammtisch tags drauf, bei Wodka und Korn, darüber beschweren, dass die Politik ständig in ihr Privatleben eingreift und ihnen Freiheiten nimmt. Wollten wir eine inhaltliche Debatte führen, wir müssten fragen, warum bestimmte Substanzen zur „Droge“ erklärt und Konsumenten kriminalisiert werden. Wir müssten uns fragen, wer dies bestimmt und warum. Weiterlesen

Lagerhaus für menschliche Seelen

(Zuerst veröffentlicht auf FischundFleisch.com)

Wie ein Lauffeuer muss es sich unter den Wartenden verbreitet haben: Das Gerücht, die Grenze zu Mazedonien sei offen und damit eine Weiterreise ins Innere Europas wieder möglich. Am Grenzübergang zu Mazedonien, dem Grenzposten Idomeni, warten dieser Tage etwa 7000 Flüchtlinge auf ihre Weiterreise. Das Auffanglager dort bietet lediglich Platz für 1500 Menschen, die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Wasser wie auch medizinische Versorgung sind längst nicht mehr sichergestellt. Nach anfänglichem Jubel über die mögliche Weiterreise fand die anstürmende Menge lediglich noch immer geschlossene Grenzzäune vor. Das griechische Fernsehen zeigte Bilder, in denen man beobachten konnte wie es einigen Flüchtlingen gelang, einen Teil der mazedonischen Grenze niederzureißen, bevor die Polizei mit Tränengas gegen sie vorging.

Die Lage in Griechenland verschärft sich zusehends. Spätestens seit Österreich, Slowenien, Kroatien und Serbien auf der Westbalkankonferenz, unter Ausschluss von Deutschland und Griechenland beschlossen haben, nur noch ein bestimmtes Kontingent an Flüchtlingen durchreisen zu lassen, im Falle Österreichs eine Obergrenze von 80 Asylbewerbern pro Tag und eine Durchreiseerlaubnis nach Deutschland von 3200 Flüchtlingen pro Tag,  entsteht in Griechenland ein Rückstau.  Geschätzt 22.000 Flüchtlinge sitzen derzeit dort fest, bis im März geht man von zu erwartenden 70.000 Menschen aus. Weiterlesen

Dankeschön

Mein kleiner Blog „Tonfarbe“ feiert heute sein Einjähriges Bestehen. Genau der richtige Zeitpunkt, um allen Lesern aber auch Mitwirkenden „Danke“ zu sagen. Als ich vor einem Jahr angefangen habe, war ich mir nicht so sicher, ob ich durchhalten würde. Für Menschen mit Depressionen ist Regelmäßigkeit nicht selten ein großes Problem. Tatsächlich darf ich aber heute feststellen, dass ich unruhig werde, wenn ich zwei Wochen lang nichts geschrieben habe und ich Spaß daran finde, während des Schreibens und beim Recherchieren auch immer wieder dazuzulernen. Für die Zukunft geplant ist der Ausbau meiner Serie „Reden wir über…“ (Es schwirren schon an die fünf-sechs Fragebögen durch die Welt und wer noch Interesse hat, möge sich melden) und in Arbeit ist eine Podcast-Alternative für die, die lieber zuhören anstatt sich die Mühe des Lesens zu machen. An dieser Stelle zwei Menschen nochmal ein besonderes Dankeschön: Bernhard Torsch (Du weißt schon, warum) und Veronika Hosiner, die mir den Einstieg in mein Herzensprojekt so leicht gemacht hat. Auch zu Danken gilt es selbstverständlich der Redaktion von “FischundFleisch” für Zuspruch und Unterstützung sowie ein Forum und Herrn Rainer Thiem und der Seite Peira.org, ein lesenswertes Forum der Piraten, für die ich hin und wieder schreiben darf. Ein paar Zahlen zum Schluss: In dem Jahr gab es 6980 Unique Clicks, 9419 Besucher insgesamt, 79 Kommentare, 102 „Gefällt mir“. Vielen lieben Dank jedem Einzelnen für Motivation und Diskurs, Verbesserungsvorschläge und Lob.

Ich freue mich auf das kommende Jahr.

 

(Veröffentlicht am 27.02.16 auf Tonfarbe.wordpress.com)

Reden wir über…  Mukoviszidose

Interview mit Veronika Hosiner, seit der Geburt an Mukoviszidose erkrankt

 

Es ist ein seltener, erblich bedingter Gen-Defekt, der etwa 8000 Betroffenen in Deutschland und knapp 1000 Betroffenen  in Österreich das Leben schwer macht.

Mukoviszidose (von Mucus/Schleim und Viscidus/zäh), auch Cystische Fibrose genannt wird, zumindest heutzutage, in den allermeisten Fällen bereits bei Säuglingen festgestellt. Die Untersuchung auf Mukoviszidose gehört in Deutschland allerdings erst seit 2015 zu den regulären Screenings von Neugeborenen, so z.b. auch Schweiß- und Gentest. Der Schweißtest ist bereits seit 1959 ein verlässliches Diagnoseverfahren zur Feststellung dieser Erbkrankheit, da der Schweiß von Erkrankten einen erhöhten Salzgehalt aufweist. Wer mehr über Diagnosekriterien erfahren möchte, wird hier fündig.

Obwohl es typische Krankheitsbilder gibt, ist doch jeder Verlauf der Mukoviszidose individuell. Häufige Symptome betreffen Lunge, obere Atemwege, Verdauungsorgane und Bauchspeicheldrüse. Der Körper produziert in vielen Organen einen zähen Schleim, der von den Organen kaum abgebaut werden kann. Es kommt zu Symptomen wie Asthma, chronischem Husten, Verdauungsbeschwerden, Darmverschlüssen, Infektionen, Leberschäden, starkem Untergewicht und anderen Begleiterkrankungen.

Eine der 9000 Betroffenen ist Veronika Hosiner, gerade 26 Jahre alt. Wer Veronika das erste Mal sieht vermutet nicht, dass sie ihr Leben mit einer Krankheit verbringt, die immer noch häufig tödlich verläuft und mit einer verminderten Lebenserwartung einhergeht. Sie ist eine äußerst hübsche, sehr schlanke, junge, blonde Frau, die sich auf den ersten Blick nicht von ihren Altersgenossinnen unterscheidet.

Susannah Winter:  Wann wurde bei dir Mukoviszidose festgestellt und durch wen?

Veronika Hosiner: Die Diagnose bekamen meine Eltern direkt nach meiner Geburt mittels Schweißtest der damals gemacht wurde, da meine Mutter bei meiner Geburt bereits 41 Jahre alt war. Weiterlesen

Im Zweifel für Europa – DiEM25

(Zuerst veröffentlicht auf FischundFleisch)

„Nicht ein Europa der Mauern kann sich über Grenzen hinweg versöhnen, sondern ein Kontinent, der seinen Grenzen das Trennende nimmt.“ (Richard von Weizsäcker (*1920), dt. Politiker (CDU), 1984-94 Bundespräsident)

Seit Wochen schon war Yanis Varoufakis durch die Welt gejettet, hatte Werbung für sein neues, politische Projekt gemacht. Heute, am 09.02.16,  sollte das Projekt „DiEM25“, ins Leben gerufen von Yanis Varoufakis, dem ehemaligen Finanzminister Griechenlands, offiziell ins Leben gerufen werden.

Angekündigt war das Ganze als europaübergreifende Bewegung, die Europa demokratisieren soll. Wie ich in anderen Diskussionen schon feststellen durfte, wird dieser Anspruch gerne falsch verstanden. Es geht hier nicht darum, den einzelnen Staaten Europas einen Mangel an Demokratie zu unterstellen, obwohl die demokratische Ausprägung von Land zu Land unterschiedlich gestaltet ist. Vielmehr, so erklärte Varoufakis u.a. im Vorgespräch am Montagabend bei „TalkReal“ in Gesellschaft von Marisa Matias, portugiesischer Präsidentschaftskandidatin für die Linken, Sławomir Sierakowski, den Gründer von Krytyka Polityczna und Valentina Orazzini, internationale Repräsentantin der italienischen Gewerkschaft Fiom Cgil Nazionale, ginge es bei dem Anspruch einer Demokratisierungsbewegung vor allem um die Politik Brüssels, der es an demokratischer Legitimation fehle. Und so lautete dann auch der Einstieg in die Diskussionsrunde: Weiterlesen

Wahlkrimi

(Zuerst veröffentlicht auf FischundFleisch)

In Amerika haben die Kandidaten für das Präsidentenamt sich in Stellung gebracht und durften sich nach einigen Wahlkampfbemühungen dem ersten Stimmungstest stellen.

Beim Caucus stimmen Parteimitglieder bei vielen kleinen Treffen über ihren Wunschbewerber ab. Die Vorwahlen sind seit Montagabend in vollem Gange und Iowa mit seinen 99 Counties, traditionell der erste Staat in dem gewählt wird, hat sich auf Seiten der Republikaner mit Ted Cruz für seinen bevorzugten Präsidentschaftskandidaten entschieden. Gegen alle Erwartungen schlug der den Favoriten aller Umfragen, Donald Trump, um 3,4 Prozentpunkte. Insgesamt kam Cruz auf 27,7 Prozent der Stimmen, Trump auf 24,3 Prozent. Bei den Demokraten gab man mit übersichtlichen 0,2% Hillary Clinton knapp den Vorrang. Gesamtzahlen hier: 49,8% für Clinton, 49,6% für Sanders.

Während der Agrarstaat Iowa bis in die späten 60er als republikanische Hochburg galt, konnte man seitdem von einem Wandel zum „Swing State“, also einem relativ ausgewogenen Verhältnis zwischen der Wahl von Republikanern und Demokraten, sprechen. Seit 1988 hingegen gewannen beinahe ausschließlich Demokraten die Wahl, wobei hier George W. Bush die Ausnahme darstellte. Im Jahr 2004 gewann dieser, denkbar knapp mit 10 000 Stimmen Vorsprung, die Wahl. Weiterlesen

Von Ursache und Wirkung

(Zuerst veröffentlicht auf Peira.org)

Vor ein paar Tagen stellte der von mir geschätzte Rainer Thiem auf Twitter die These auf, der Kampf gegen Rassisten, gegen AfD und Rechtsruck könne nur dann gewonnen werden, wenn alle anderen Parteien die gesellschaftliche Spaltung nicht länger ignorierten.
Ich warf ein, diese würde nicht ignoriert, sondern sehr wohl wahrgenommen. Da Twitter lange Ausführungen nicht zulässt, diese in Form eines Blogbeitrags:

Ignoriert wird vor allem die Kausalität, die zwischen der Politik der etablierten Parteien während der letzten Jahre und der Situation heute existiert. Diese Einsicht wäre schmerzhaft und würde dazu auffordern, den eigenen Kurs in Frage zu stellen.
Es ist leichter, die Schuld alleine bei den Rattenfängern von Pegida und AfD zu verorten.

Wie in der Physik, Chemie, Soziologie, Biologie, ja wie überall (außer in einigen Gedankenspielen theoretischer Physik) unterliegt alles der Kausalität.
Kein Ereignis steht für sich, ist frei vom Prinzip „Ursache-Wirkung“.
Und selten gibt es nur eine Ursache für ein Ereignis. Gerade in der Politik gilt zumeist das Prinzip der Multikausalität.
Das heißt: Viele Entscheidungen und Ereignisse haben zur heutigen Situation geführt.

Ja, der Rechtsruck in diesem Land, er ist nicht mehr zu leugnen.

Die AfD, unter Petry zunehmend radikalisiert und noch weiter nach rechts gerückt, als sie es unter dem rechts-liberalen Lucke schon war, verzeichnet Zulauf.
Aber er ist nicht vom Himmel gefallen, kein plötzlich aufkommendes Naturphänomen.
Um den Kampf gegen Rechtsruck und Rassismus zu gewinnen, müsste zuerst damit begonnen werden, Ursachen zu benennen.
Und die liegen nicht erst in der Gründung von Pegida und AfD, im Aufkommen der Querfront und im Erfolg von Rattenfängern wie Jebsen, Elsässer und Co. Hier wurden „lediglich“ vorhandene Emotionen, vor allem Angst und Zorn mit sowieso vorhandenen Feindbildern und Klischees verknüpft und für die falschen Belange geschickt nutzbar gemacht. Weiterlesen

Hass

Knapp zwei Wochen sind die Ereignisse am Kölner Hauptbahnhof jetzt her.
Zwei Wochen, in denen man beobachten durfte, wie auf allen Seiten die Masken fielen.
Nun konnte es niemanden wirklich überraschen, dass auch auf Seiten der Flüchtlinge Kriminelle sein würden. Es sind Menschen zu uns gekommen, nicht Heilige.
Und gerade weil der Mensch nicht sonderlich friedlich ist, ist in unseren Breitengraden der Rechtsstaat entstanden, der die Rechte des Einzelnen regelt.
Genauso wenig überrascht es aber wohl, die vermeintlichen „Verteidiger“ von Kultur und Abendland als Spiegelbild der Ideologie zu erleben, die sie zu bekämpfen vorgeben.

Am 05.01.2016 veröffentlichte ich den Beitrag „Übergriffe in Köln“ und entschloss mich, nachdem bereits diverse Posts zum Aufruf zur Gewalt gegen meine Person von der FischundFleisch-Redaktion gelöscht worden waren, einige der Beiträge zu dokumentieren.
Entstanden ist heute eine Dokumentation des Hasses, die nicht zu rechtfertigen ist mit „Sorge um Frauen“, mit „Sorge um Sicherheit“ oder „Liebe zum Vaterland“.
Sie ist repräsentativ für das, was dieses Land tatsächlich bedroht:
Verrohung, Gewalt, radikale Ideologie, Abwendung von rechtsstaatlichen Prinzipien und demokratischen Ideen, Verlust an Respekt vor Meinungsfreiheit und vor Menschenleben.
Es ist eine Bedrohung von innen, nicht von außen.

Reaktionen auf meinen Blogbeitrag „Übergriffe in Köln“

HassgegenmichCollage

HassgegenmichCollage2
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Übergriffe in Köln

In der Silvesternacht in Köln kam es am Kölner Hauptbahnhof zu massiven sexuellen Übergriffen auf junge Frauen. Über sechzig von ihnen haben bisher Anzeige erstattet.
Seit Bekanntwerden dieser Meldung übertreffen sich Teile der Medien und User sozialer Netzwerke in Täterzahlen und angebliche wahren Berichten über die Tathergänge.
Und wie nicht anders zu erwarten sind sich die meisten Facebook-User und Forentrolle sicher: Das waren Flüchtlinge.
Selbst heute noch geisterte, trotz einiger relativierender Zeitungsartikel, die Zahl von tausend Tätern durch die Kommentarspalten.
Auf beinahe jeder Wall konnte man die Empörten nach „sofortiger Abschiebung von mindestens tausend Flüchtlingen“ rufen hören, und selbstgefällig klingende „wusste ich doch gleich, dass die alle so sind.“ – Kommentare erfreuten sich daran, endlich einen Grund für Hasstiraden gefunden zu haben. Auch auf FischundFleisch unter dem Beitrag von Antje Schrupp tobte der (fast übliche) Mob (selbstverständlich auch mit den falschen Zahlen und reichlich Polemik bewaffnet). Eine Bekannte durfte sich via Twitter Morddrohungen und Aufrufe zur eigenen Vergewaltigung gefallen lassen, nachdem sie lediglich Fakten präsentiert hatte.
Aber Fakten, Vernunft und Vertrauen in den Rechtsstaat sowie in rechtsstaatliche Prinzipen, das mag Mensch, der dringend seine Vorurteile bestätigt sehen möchte, nicht gerne lesen und hören.

Auch ich durfte mir z.b. wie folgt drohen lassen:
“Hopefully Germans won’t forget traitors like Susannah Winter when you begin sorting out your problem”

Und dies sind die vorläufigen Fakten, Ergebnisse polizeilicher Ermittlungen: Weiterlesen

Erdogans Machtspiele

Der Rutsch ins neue Jahr, er gelang nicht jedem.
Kaum hatte 2016 begonnen überschlug sich die Presse mit Berichten über Äußerungen des türkischen Staatschefs Erdogan.
Dieser träumt noch immer von einer Verfassungsänderung, von mehr Macht und Befugnissen für sein Amt, von einer Präsidialherrschaft nach russischem Vorbild.
Zwar holte die AKP mit Ahmet Davutoglu, dem ehemaligen Außenminister und loyalen und treuen Anhänger Erdogans, die absolute Mehrheit und kann alleine regieren, für eine Verfassungsänderung jedoch, die auch Davutoglu anstrebt, bräuchte es eine Zweidrittel-Mehrheit und damit zusätzliche Stimmen der Opposition.

Wie mehrere türkische Medien berichteten, soll Erdogan auf die Frage, ob die Türkei zu einem Präsidialsystem umgebaut werden und dabei zentralstaatlich organisiert bleiben könne,geantwortet haben:

“Es gibt aktuell Beispiele in der Welt und auch Beispiele in der Vergangenheit. Wenn Sie an Hitler-Deutschland denken, haben Sie eines. In anderen Staaten werden Sie ähnliche Beispiele finden.”

Dem Medienecho folgte prompt das Dementi, die Worte Erdogans seien aus dem Zusammenhang gerissen worden. Weiterlesen

Ideologische Grabenkämpfe – Ist Religion die Wurzel allen Übels?

Wir feiern gerade Weihnachten, ein religiöses Fest.

Ein guter Zeitpunkt, nach Sinn und Unsinn von Religion zu fragen, wissenschaftliche und religiöse Weltbilder zu vergleichen und der Frage nachzugehen, ob Religion tatsächlich zu dem  Feindbild taugt, das ursächlich für jeden Krieg und jede Gesellschaftsspaltung sein soll.


Der Kampf um die eine Wahrheit


 

Der tiefe Graben zwischen Wissenschaft und Religion ist alt.
Nicht sonderlich verwunderlich, wurden doch große Vordenker der Wissenschaft unter der Vormacht von Religion verfolgt, ausgestoßen und an Leib und Leben bedroht.
Das Ziel der Wissenschaft in religionsgeprägten Gesellschafen war klar vorgegeben:
Sie sollte den Gottesbeweis erbringen.
Die Basis für jede Wissenschaft jedoch ist Zweifel, Kritik an den eigenen Gedanken, an gesellschaftlichen Normen und Vorgaben und so kann ein Wissenschaftler nur dann frei arbeiten und forschen, wenn er dies ergebnisoffen tun kann.
In gleichem Maße sahen sich auch Geisteswissenschaftler angehalten, Gott zu beweisen.

Und heute? Wir geben gerne vor, in aufgeklärten Zeiten zu leben, doch ganz ohne Dogmatismus kommen auch wir nicht aus.
Wir haben den Gottesglauben (weitestgehend) eingetauscht und glauben heute gerne an den funktionierenden Markt, Dollar, Euro und Yen. Wir glauben an unser politisches System als das einzig Funktionsfähige, die einzige Wahrheit, auch wenn uns Kritiker ein ums andere Mal auf systemimmanente Schwierigkeiten aufmerksam machen, die unser Glaubensgerüst ins Wanken bringen könnten. Weiterlesen

Wir haben wieder eine Kolonie

(Ebenfalls veröffentlicht Auf Peira.org)

„Keine Festung ist so stark, dass Geld sie nicht einnehmen kann“ (Marcus Tullius Cicero/ römischer Politiker, Anwalt, Schriftsteller und Philosoph)

Wir leben in Zeiten zunehmender Öffentlichkeit und wenig ist Politikern und Personen des öffentlichen Lebens wichtiger, als die Fassade zu wahren, was nicht selten Beugung von Sprache zur Folge hat.
So sind Kriege bevorzugt „Interventionen mit militärischen Mitteln“, tote Zivilisten lediglich „Kollateralschaden“ und bei gewaltsam aus der Bevölkerung entfernten Bevölkerungsgruppen spricht man von „ethnischer Säuberung“.

Und still und heimlich hat sich unter dem Deckmäntelchen der „Privatisierung“ der Neo-Kolonialismus in Griechenland ausgebreitet.

Nach einem kurzen, schmerzhaften Krieg über die politische Deutungshoheit, mit Verlusten fast ausschließlich auf griechischer Seite, der mit der zu erwartenden, umfassenden Kapitulation der griechischen Polit-Hoffnungsträger und dem Bruch des europäischen Solidaritätsgedankens ebenso einherging, wie mit erhöhten Suizidraten und dem Verlust eines funktionierenden Gesundheitswesens, mussten die Griechen Abschied nehmen von demokratischen Ideen, politischer Autonomie und der Hoffnung darauf, mit einer demokratisch einwandfreien Revolte und einem lauten „Oxi“ aufbegehren zu können gegen den vornehmlich deutschen Austeritätskurs.
Dieser Sieg war nicht zuletzt auch deshalb möglich, weil die Solidarität der restlichen Europäer fehlte. Zwar gab es hierzulande Stimmen, die den griechischen Ruf nach Selbstbestimmung und Menschenwürde mittrugen, doch ein Großteil der Bürger war zu beschäftigt mit Meldungen über mögliche Kosten, die aus der Krise entstehen könnten. Weiterlesen

In den Sternen

“Mit Würde auf der Welt zu sein heißt, jeden Tag sein Horoskop zu korrigieren.” (Umberto Eco)

Keine Klatschzeitschrift, kein Lokalblättchen, das ohne Horoskop auskäme.
Zwar verzichten die seriöseren Tageszeitungen auf Zukunftsprognosen für ihre Leserschaft, aber auch Blättchen wie „BILD“ erfreuen ihre Leser gerne mit dem kurzen Blick in die Sterne.
Das Online-Angebot von BILD umfasst zudem Einblicke in Tages-, Monats- und Jahreshoroskop, eine „Sexfaktor-Typologie“, ein Erotik-Horoskop, ein Party-Horoskop und ein Wellness-Horoskop.

Werbung macht hier „Viversum“ als Anbieter dieser umfassenden „Lebensberatung“ und verspricht auf einem blinkenden Banner: „Astrologen kennen schon heute Antworten auf Ihre Fragen“.
Der Klick auf das Gratisangebot führt zum Online-Portal von „Viversum“ und lockt:

„Was erwartet Sie 2016?
Finden Sie 2016 Ihre große Liebe? …Erfahrene Kartenleger, Astrologen, Hellseher und Wahrsager wissen schon heute, was das neue Jahr für Sie persönlich bereit hält….“ Weiterlesen

Dunkle Zeiten

Letzte Nacht war es zum ersten Mal merklich kühler, der Winter steht vor der Tür.
Es wird schon am späten Nachmittag dunkel und wer kann, der schaltet jetzt das Licht ein, brüht mithilfe des Wasserkochers einen Tee auf, setzt sich gemütlich vor Laptop oder Fernseher, dreht langsam die Heizung auf oder lässt sich am Abend ein Bad ein.

Weitestgehend unbemerkt bleiben die, die nicht können.

Obwohl Energiearmut und Stromsperren immer häufiger werden, ist dieses Thema in Politik und Medien kaum präsent.
Einzig „Die Linke“ hat sich, wie jedes Jahr in den letzten Jahren, gegen die Stromsperrung ausgesprochen, nachdem sie bereits im Dezember 2014 einen Antrag beim deutschen Bundestag eingereicht hat, in dem sie ein Verbot der Stromsperren veranlassen wollte.
Wie erwartet wurde dieser Antrag abgelehnt (beinahe selbstverständlich: CDU/CSU sprachen sich dagegen aus, ebenso die SPD. Lediglich die Grünen enthielten sich.)
Gleiches widerfuhr dem Antrag auf Senkung der Stromsteuer.

352.000 Menschen waren im Jahr 2014 ohne Strom und damit mehr als in den Jahren zuvor.
Damit ist Deutschland Europameister im Strom sperren.
War es schon vor der Energiewende und der daran geknüpften EEG-Umlage für viele schwer, ihre Stromrechnung zu begleichen, so hatte diese Strompreiserhöhung gerade für Geringverdiener, Mini-Jobber, Rentner, Transfergeldempfänger katastrophale Folgen. Weiterlesen

„Sterbehilfe“ – Ein Euphemismus

Am 06.11.2015 will der Bundestag über eine mögliche Neuregelung zum Thema „Tötung auf Verlangen“ abstimmen.
Liest man sich durch Foren, Beiträge diverser Journalisten, zappt durch Polit-Talks, so scheint die Haltung der meisten klar.
Eine Neuregelung wird bejubelt, quasi herbeigesehnt.

Und ich muss an dieser Stelle einräumen:
Über Jahre klang der Euphemismus „Sterbehilfe“ auch für mich wie eine soziale Wohltat.
Auch ich war überzeugt davon, dass wir als Sozialstaat mit dem Anspruch, Menschenrechte hochzuhalten, doch sicherlich nur das Beste für Kranke, Alte, Sterbende wollten, wenn wir diese von ihrem Leid erlösten.

Aber ich glaubte damals auch noch, dass ich mit einem Lächeln die Welt verändern könnte, dass Menschen im Kern gut seien und jeder sein Bestes täte.
Ich glaubte an die Heilsversprechen von Chancengleichheit, gelungener Emanzipation, war überzeugt davon, in einer phantastisch funktionierenden Demokratie zu leben und hielt Armut in unserem Land für ein Gerücht.

Kurzum: Ich war naiv. Weiterlesen

Zwischen Wahrheit und Wahrnehmung

Ich möchte in diesem Beitrag die Frage aufwerfen, inwieweit das medial gesponnene Sommermärchen einer gutherzigen, großzügigen und grenzöffnenden Kanzlerin der Realität entspricht.

Selbstverständlich ist es in einem politischen Beitrag müßig, über „Wahrheit“ zu diskutieren.
Jede Wahrheit fußt in erster Linie auf subjektiver Wahrnehmung.
Physiologisch betrachtet ist unsere sensorische Wahrnehmungsfähigkeit beschränkt.
Visuell auf bestimme Farben, akustisch  auf bestimmte Frequenzen.
Auch der menschliche Geruchssinn ist, im Gegensatz zu dem vieler Tierarten äußerst begrenzt.
Auf psychologischer Ebene nehmen wir alle neuen Erfahrungen durch die Brille bereits gemachter Erfahrungen wahr, sind, entgegen häufig anders lautender Behauptungen, gar nicht fähig, „objektive“ Beobachtungen zu machen, sondern auf Subjektivität beschränkt.
Und philosophische Ansätze zur Wahrheitsfindung gibt es zuhauf, wobei jeder These, so durchdacht sie auch sein mag, eine Antithese entgegensteht.

„Die eine Wahrheit“, sie existiert schlicht nicht.

Was wir gerne „Wahrheit“ und „Realität“ nennen ist oft nicht mehr, als der kleinste gemeinsame Nenner, auf den alle Beteiligten sich einigen können.

Wenn wir also „Wahrheit“ im politischen Sinne hinterfragen wollen gilt es, ähnlich wie in der Wissenschaft, dies durch Verifikation und Falsifikation zu tun, um am Ende der Debatte wenigstens den Kern der Aussage beweisen oder widerlegen zu können.

In diesem Falle geht es mir um das medial entworfene Bild Merkels als „Grenzöffnerin“ und Personifikation der „Willkommenskultur“ und die mediale Selbstinszenierung Merkels einerseits, und den Vergleich mit tatsächlich von ihr getroffenen politischen Entscheidungen andererseits. Weiterlesen

„Sehe ich krank genug aus?“

Sie steht wieder ins Haus, die turnusmäßig alle zwei Jahre stattfindende „Amtsärztliche Begutachtung zur Feststellung der Erwerbsfähigkeit“ und wie üblich bleibe ich in der Nacht vorher schlaflos.
Es ist jetzt vier Uhr Morgens und die innere Anspannung, die sich in den letzten Tagen vor allem in schlechter Laune, Verstärkung der Depression und damit einhergehenden Müdigkeit zeigte, in Anspannung und Hang zu selbstverletzendem Verhalten, sie nimmt langsam ab.
„Noch ein paar Stunden, dann ist es eh vorbei“ beruhigt mein Kopf.

Und doch bleibt der Bürokratieirrsinn, der diesem Termin innewohnt, bestehen.

Eine, mir fremde, Ärztin (es mag in anderen Fällen ein Arzt zuständig sein) lässt mich vorstellig werden, um dann in kurzem Gespräch von höchstens 15 Minuten festzustellen, ob ich nicht doch arbeitsfähig sein könnte.
Nicht nur, dass jeder seriöse Arzt angesichts der Möglichkeit, dies in einer Viertelstunde können zu sollen, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde, es ist auch für mich ein Graus.
Eine physische Erkrankung manifestiert sich sichtbar, lässt sich auf Röntgenbildern sehen, mit Bluttests feststellen.
Die psychische Erkrankung versteckt sich hinter der Maske physischer Funktionalität.
Und so gehen mir vor dem Termin absurde Dinge durch den Kopf:

„Sehe ich krank genug aus“?

Wie krank muss ich aussehen, oder wie genau sieht man als Depressive wohl krank aus?
Ich lebe mit dauerhaften, seelischen Schmerzen, die physischen Schmerzen in nichts nachstehen, zumindest im persönlichen Vergleich. Weiterlesen

Herrschaft Angst

(Auch veröffentlicht auf StarkeMeinungen.de)

 

Es ist ein Kreuz mit der Angst.
Da hat sie uns als evolutionäre Errungenschaft über tausende Jahre das Leben und den Fortbestand ermöglicht, nur um uns heute vor allem ihre hässliche Fratze zu zeigen.
Schaut man sich in der Gesellschaft um, fast könnte man Angst vor der Angst bekommen.

Wo es früher galt, dem Raubtier zu entkommen, einer realen, physischen Bedrohung, erlebt eben im akuten Moment der Angst, macht heute vor allem die mögliche, die potenzielle Bedrohung Angst.
Und die lauert überall.
Alles ist vorstellbar und so wirkt auch alles bedrohlich.

Das Fahrrad, von dem man fallen könnte: Potenziell gefährlich. Und so wird selbst politisch über Helmpflicht debattiert. Denn wenn der Deutsche Angst hat, braucht es Gesetze. Meist bringen die nicht viel, doch blinder Aktionismus beseitigt, zumindest temporär, die schlimmsten Ängste für eine Weile.

Das Auto: Eine potenzielle Todesfalle. Und so sorgen Gesetze für Sicherheit mit Airbags, vorne, hinten, seitwärts. Tempolimits, Gurtpflicht, Schilderwald hat der kluge Gesetzgeber noch als kleines Bonbon zum Verkehrssicherheitspaket hinzugefügt.

Überhaupt ist selbst das Leben außerhalb des öffentlichen Rahmens ein permanenter Drahtseilakt der tödlich enden kann, wenn man nicht angemessene Vorsorge betreibt:
Leitern, Steckdosen, Gasthermen sind angsteinflößende Gegenstände der Moderne.
Dank Staat sind Gasthermen genormt, werden jährlich inspiziert und Steckdosen sind im Falle größter Ängstlichkeit mit Kindersicherung erhältlich oder wahlweise mit speziellen Blinddeckeln verschließbar.
Für die Leiter hat der Staat noch keine ausreichende Regulierung gefunden, obwohl ich überzeugt bin, dass Notfallpläne, die die Anzahl der Stufen auf zwei begrenzen, bereits in irgendwelchen Schubladen schlummern. Irgendein „tragischer Einzelfall“ wird schon für ausreichend Hysterie im Lande sorgen, um umgehendes politisches Handeln erforderlich zu machen. Weiterlesen

Und sie bewegt sich doch!

„Und sie bewegt sich doch“ (Galileo Galilei)

Nein, hier ist nicht die Erde gemeint, denn das kopernikanische Weltbild hat sich lange durchgesetzt, ist bewiesen und Teil der Allgemeinbildung geworden.

Tatsächlich beziehe ich mich auf die deutsche Regierung, allen voran auf Frau Merkel, der Meisterin der Hinhaltetaktik, der Politik der kleinen, kaumt sichtbaren Schritte, von denen viele rückwärts gemacht werden und für die auf der Stelle treten noch zum Sprint umgedeutet wird, wenn die PR-Abteilung dies gebietet.
Die Kunst des Schweigens, des Aussitzens, Abwartens, selbst Kohl hatte sie nicht derart perfektioniert.
Und doch geschehen gelegentlich Dinge, die das Reden und Handeln nötig machen.
Und sie müssen offensichtlich geschehen, im Übermaß, um eine Kanzlerin, die nicht vorausschauen und gestalten möchte, zum Reagieren zu nötigen.
Wie, nicht zum ersten Mal geschehen, in der derzeitigen Flüchtlingsdebatte.

Die Flüchtenden sind nicht vom Himmel gefallen, sind nicht überraschend und über Nacht in Italien, Ungarn, Österreich, Deutschland, Griechenland aufgetaucht, ohne Grund und Anlass.
Frau Merkel lässt sich dieser Tage für ihre Grenzöffnung feiern, die internationale Presse springt auf den Zug auf und verpasst einmal mehr, die jetzige Situation als das zu begreifen, was sie ist:

Der Beweis für eine träge, wenig vorausschauende Politik einer Kanzlerin, die nicht gestaltet, nicht agiert sondern sich lediglich auf das Nötigste beschränkt. Von der Finanzkrise über Flüchtlingselend, kein Problem wäre groß genug gewesen, mehr zu tun als zu reagieren, auszusitzen, abzuwarten und am Ende nur zu tun, was nicht mehr zu vermeiden ist.
Dies aber mit einer gut geölten PR-Maschinerie und so wenig inhaltlich untermauerter Aussage wie möglich, immer ein wenig verspätet, da sich so die Erwartungshaltung der Mehrheit erkennen lässt, damit der eigene Thron, das geschaffene Selbstbild, nichts ins Wanken geraten möge.

Doch es war nicht Frau Merkel, die die Grenzen öffnete. Weiterlesen

Es brennen Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland

Ich habe mit einem Artikel zum Thema „Flüchtlinge“ lange gerungen. Warum? Vermutlich ein Gemisch aus der Schockstarre, die die rasant fortschreitende Verschärfung der Lage hierzulande mit sich brachte, das Entsetzen über fast tägliche Übergriffe auf Flüchtlinge, seien sie nun verbaler oder tätlicher Natur. Empörung über den Mangel an Empörung seitens der Politik, die außer wenigen, lauen Verlautbarungen weit schweigsamer war, als es die „Nous sommes Charlie“ – Fraktion, die sich sonst gern für medienwirksame Anteilnahme feiern lässt, hätte vermuten lassen.
Im Nachbarland aktiv Anteilnahme heucheln ist offensichtlich leichter, als konkretes Handeln wo Handlungsbedarf besteht.
Auch die scheinbare Normalität, mit der Menschen, teils sogar mit Klarnamen, ihren Hass im Netz verbreiten, die tägliche Konfrontation mit der zunehmend radikalisierten Menschenverachtung, sie hat mich tief getroffen.

Es brennen Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland

Und doch sieht der Mob, von Pegida über NPD, sowie den Rest „besorgter Bürger“, vor allem die „Asylflut“ (sick) als Bedrohung.

Es brennen Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland

Und doch trinkt Sigmar Gabriel lieber ein Bier mit Til Schweiger, der bei Maischberger als genialen Plan gegen rechte Demonstrationen schon mal eine Verfassungsänderung fordert und das Versammlungsrecht ganz abgeschafft sehen will, während ganz zufällig Fotografen anwesend sind um für PR zu sorgen, als sich konkret zu distanzieren von den „besorgten Bürgen“.

Wäre auch eher schwierig, diese Kehrtwende zu vermitteln, war es doch Gabriel, der PEGIDA, die Bewegung „besorgter Bürger“, wie sich Nazis heute lieber nennen lassen,  mit seiner Anwesenheit beehrte, immer darauf hinweisend, man müsse ihren „Sorgen“ Gehör schenken. Weiterlesen

Freier Wille in Zeiten „sozialer“ Marktwirtschaft

Es gibt Momente im Leben, die einschneidend sind, Weggabelungen an denen das Schicksal oder man selbst Weichen stellt von denen man weiß, dass sie entscheidend sind für alle kommenden Jahre, in denen man sich an eben diesen Moment erinnern wird, noch unsicher, ob reuig oder zufrieden.

In diesen Momenten sind auch die alten Entscheidungen wieder so präsent, als hätte man sie gestern gefällt.
All die Vorkommnisse, die das Jetzt und Hier erst ermöglicht haben.
In dieser Woche wird ein derart einschneidendes Erlebnis für mich Realität und auch wenn ich damit hadere, so scheint es doch die einzig richtige Entscheidung zu sein. Weiterlesen

Krieg oder Frieden?

Europa erlebt, so wird es derzeit propagiert, die längste Friedensperiode seiner Geschichte.
Und ja, Europa gilt als Wirtschaftsmacht. Der Abbau der Grenzen und die Konzentration auf Handel und Wirtschaft, innerhalb Europas ebenso wie im Export nach Übersee, haben kurzzeitig den Eindruck erwecken können, der Schlüssel zu Frieden sei gefunden. Es werden keine Bomben über Europa abgeworfen und trotz blühenden Rüstungshandels auch keine Panzer und Drohnen im Raum Europa genutzt. (Außerhalb Europas ist dies dann wieder eine andere, recht ruhmlose Geschichte).

Aber herrscht hier Frieden? (Als alte Sprachfetischistin möchte ich dann auch immer fragen, ob Frieden überhaupt „herrschen“ kann, oder ob nicht überall da, wo jemand oder etwas „herrscht“ nicht zwangsläufig Macht und damit Kriegspotenzial gegeben ist).
Oder ist unsere Unterteilung in Krieg und Frieden auf Basis herkömmlicher Definitionen nur gnadenlos veraltet? Weiterlesen

Landesverrat? Verrat an demokratischen Grundrechten!

Seit Jahren steht Netzpolitik.org mit gutem und gut recherchiertem Journalismus dafür ein, dass das Internet frei bleibt.
Das Bewahren der Netzneutralität sowie ein freier Zugang der vernetzten Bürger zu Informationen sind Hauptanliegen des Journalisten  Markus Beckedahl und des Berufsbloggers Andre Meister.

So finden sich auf dem Blog dann auch Artikel über die neue französische Geheimdienstgesetzgebung, die dem Geheimdienst tiefgreifendere Überwachungsbefugnisse einräumt, Beiträge über BND-Überwachungen, Berichterstattung zum ewigen ThemaNetzneutralität sowie den politischen Bemühungen, diese zu unterwandern und auch Blogpostswie „Wie die Bundesnetzagentur Geheimdienst-Spionage aufklären wollte, aber vom Kanzleramt daran gehindert wurde“.

Ganz offensichtlich nicht die einzige Form der Aufklärung, die dem Kanzleramt sauer aufstößt.

Auch Heiko Maas‘ wankelmütige Haltung zur Vorratsdatenspeicherung sowie Generalbundesanwalt Range, dessen Aufklärungswille in Sachen NSA sich ganz offensichtlich inengen Grenzen hält, wurden auf Netzpolitik.org unter die Lupe genommen. Weiterlesen

Streitschrift für das Tabu

Der folgende Text entstand aus der Idee heraus, in klassischer Debattenkultur Pro und Contra eines Themas zu beleuchten und ich freue mich, Stefan Schett dafür gewonnen zu haben, sich in seinem Text gegen das Tabu einzusetzen.

Wenn wir heute über Tabus diskutieren, kommen wir nicht umhin uns zu fragen, ob wir uns in unserer scheinbar aufgeklärten und vorgeblich liberalen Zeit überhaupt noch mit nennenswerten Tabus konfrontiert sehen.

Sexualität ist in, früher verpönten und heutzutage doch eher harmlos anmutenden, Ausführungen in Form tiefer Dekolletés, nackter Beine, aufreizender Kleidung, omnipräsent.
Und auch zu Pornographie, früher verschämt unter der Ladentheke weitergereicht, besteht heute, nicht zuletzt dank Internet, freier Zugang und ein weit entspannteres Verhältnis.

Können wir deshalb annehmen, dass tatsächlich eine tiefgreifende und nachhaltige Enttabuisierung stattgefunden hat? Oder ist es nur eine neue Gesellschaftsnorm mit eigenen Tabus, neuen Spielregeln, im alten Gewand?

Eine Facebookfreundin postete vor nicht allzu langer Zeit ein altes Gemälde, das eine füllige Frau in aufreizender Pose und voller Schambehaarung zeigt und wurde daraufhin mehrfach „entfreundet“.
Man störte sich nicht an der Nacktheit, sondern vielmehr an der zur Schau gestellten Schambehaarung, die hier u.a. Assoziationen von „DDR“ und „Nazideutschland“ wachriefen.
Es fiel der Vorwurf, sie sei „reaktionär“.
Der Versuch, dieser Logik zu folgen muss also lauten: Frauen damals trugen Schamhaar völlig schamlos, wer also heute Schamhaar zur Schau stellt, ist reaktionär und teilt das damalige politische Weltbild. Weiterlesen

Streichelzoo

Während Frau Merkel erfolglos versucht zu „menscheln“ und vor laufender Kamera ein Flüchtlingskind streichelt, ohne dabei viel menschlicher zu wirken als der Terminator, während sie zeitgleich das Projekt Europa an die Wand fährt mit einer ebenso unmenschlichen wie politisch unsinnigen Austeritätspolitik, deren neu vereinbarte Einschnitte in den griechischen Haushalt eine wachsende humanitäre Katastrophe erwarten lassen, mitten in Europa, mitten in Wohlstand und Reichtum, mehren sich viel leiser und unbemerkter die Nachrichten über Brandanschläge und ähnliche Übergriffe auf Flüchtlingsheime.

Man darf sich auch hier durchaus fragen, welchen Anteil die derzeitige Politik an dem Erstarken des rechten Randes hat.

Wenn die Leitfigur der „Leitkultur“ angesichts des Flüchtlingselends, der Verzweiflung und einer mangelnden Zukunftsaussicht kaum mehr zu bieten hat, als hohle Phrasen und eine Streicheleinheit, wie kann vom politikfernen, medial indoktrinierten Menschen ohne nennenswerten Intellekt erwartet werden, mit der Flüchtlingsproblematik besonnener umzugehen?

Der technokratische Führungsstil Merkels, ständig verteidigt unter dem Deckmäntelchen rationaler Entscheidungen, die als einzige „die Realität“ im Auge hätten, er wirkt doch realitätsfern und unbeholfen, einmal mit den Konsequenzen des eigenen Handelns konfrontiert.
Die Realität der Kanzlerin ist eben fern der Lebensrealitäten derer, die das Ergebnis rechtskonservativer Politik zu tragen haben. Weiterlesen

OXI

Die ersten Hochrechnungen sind da, die Mienen der Berichterstatter des öffentlich-rechtlichen Fernsehens tragen offen Trauer zur Schau.
Immer wieder wird die Frage wiederholt, wie das passieren konnte.
Immer wieder wird suggeriert, das „Nein“ der Griechen sei ein „Nein“ zu Europa, dass es „den Griechen“ (sic) darum ging, nicht sparen zu wollen.

Das OXI jedoch ist kein Nein zu Europa. Es ist lediglich und ausschließlich ein Nein zu einer Austeritätspolitik, die schon lange nachweislich gescheitert ist.

Sie können einem Menschen, der nichts mehr hat und von einer wachsenden Schuldenlast erdrückt wird, nicht zum Sparen raten. Er hat einfach nichts mehr zu sparen.
Man kann einem nackten Mann nicht in die Tasche greifen.

Was hier permanent unter den Tisch gekehrt wurde, und ja, hier muss man propagandistisches Vorgehen anprangern, ist die Tatsache, dass „Sparen“ in diesem Falle das Ausbluten der Ärmsten verlangte. Das ist die direkte Übersetzung der schönenden Begriffe “Reformen” und “Sparen”, als gäbe es nocht etwas zu sparen: Rentenkürzungen, Kürzungen von Sozialleistungen, Kürzungen im Gesundheitssystem. Sie mögen es gelesen haben oder nicht, aber die Suizidraten sind gestiegen, die Zahlen derer, die sich eine angemessene Gesundheitsfürsorge nicht mehr leisten können sind gestiegen, die Säuglingssterblichkeitsrate ist gestiegen. DAS ist mit Sparen gemeint, wenn der Vorwurf fällt, die griechische Regierung wolle nicht sparen. Übersetzt ist dies der Vorwurf, die Regierung wolle Teile seiner Bevölkerung nicht der Austerität opfern. Weiterlesen

Es ist angerichtet

“Wohltätigkeit ist das Ersaufen des Rechts im Mistloch der Gnade.” (Johann Heinrich Pestalozzi)

Die Organisation „Die Tafel“ ist, von Ort zu Ort und Stadt zu Stadt, unterschiedlich aufgestellt, deshalb einige Worte vorweg hinsichtlich der Tafel-Strukturen vor Ort:

Hier sind die Hilfsbedürftigen, nachdem sie ihren Anspruch nachgewiesen und den bürokratischen Teil hinter sich gebracht haben, in zwei Gruppen aufgeteilt: A und B.
Diese wechseln sich wöchentlich ab, so dass jede Gruppe alle zwei Wochen des Mittwochs für Lebensmittel anstehen darf, die von Supermärkten und Bäckereien der Umgebung abgegeben wurden. Das Los entscheidet darüber, welche Nummer man beim nächsten Besuch hat, was nicht ganz unwichtig ist, denn eine hohe Nummer bedeutet nicht selten, dass Obst und Gemüse, an denen es oft mangelt, bereits vergeben wurden. Selber habe ich schon erlebt, dass ich als eine der Letzten noch zwei Bananen, eine Dosensuppe und Brot und Brötchen erhielt. Überhaupt sind Backwaren das Einzige, das nie zu knapp wird.

Bevor ich Ihnen nun von einigen Erlebnissen dort berichte gilt es erst einmal, das politische Konstrukt „Tafel“ in seiner Entstehung und Funktion näher zu beleuchten.

Vielleicht ist es für einige schon aussagekräftig genug zu erfahren, dass es u.a. die
Unternehmensberatung McKinsey war, die das Konzept der Tafeln mit konzipierte. Ein neoliberaler Anschlag gegen den Sozialstaat, der im Stillen stattfand, wärmstens versteckt unter dem Deckmäntelchen der Nächstenliebe. Weiterlesen

Terrorismus und die Rolle der Medien

Die SZ fragt heute: “Machen sich Journalisten zu Handlangern des internationalen Terrors, indem sie groß über die Anschläge berichten?” und “Wie sollten Medien über Terror berichten?”
Angesichts der Berichterstattung rund um die Anschläge in Tunesien eine gute Frage. Und diese wird, wie die SZ ebenfalls bemerkt, nicht zum ersten Mal gestellt. Wie mediale Berichterstattung und Terror sich gegenseitig befeuern habe ich bereits in einem Gastbeitrag auf Bernhard Torschs Blog “Der Lindwurm” unter die Lupe genommen, nachdem die Attentate in Paris und Kopenhagen die Presselandschaft erschütterten. Deshalb zum Thema noch einmal damaliger Artikel, da er nichts an Aktualität eingebüßt hat:

Zu den Attentaten in Paris und Kopenhagen ist viel geschrieben worden. Viel Reißerisches, zu viel für mein Verständnis, aber auch einige gute Beiträge wie z.b. der Blog-Beitrag des Lindwurm,“Der Zauber des Kailifats” und der unbedingt lesenswerte Artikel von Georg Seesslen, “Beginnend mit Worten, endend mit Blut”, der wohl spannendste Versuch bisher, die Ursachen für Terroranschläge dieser Art in Europa, verübt durch junge Menschen mit Migrationshintergrund, aber im jeweiligen Land geboren, zu erklären. Europäer von Geburt und dennoch offensichtlich so fremd im eigenen Land, dass die Perspektive, die jede denkbare eigene Zukunft bietet, nicht wert ist, das eigene Leben zu erhalten. So fremd, dass der Hass sogar den stärksten menschlichen Instinkt, den Überlebenstrieb, außer Kraft setzt. Die Frage danach, woher Hass und Entfremdung kommen wird in obigen Artikeln schon detailliert untersucht.

Mich treibt vor allem die Frage um, welchen Anteil Medien und Berichterstattung an der Zuspitzung der Geschehnisse haben. Weiterlesen

Politik ist nicht alles, aber alles ist Politik

Eine gute Regierung ist wie eine geregelte Verdauung; solange sie funktioniert, merkt man von ihr kaum etwas. (Erskine Caldwell)

Neulich auf Facebook entflammte eine Debatte darüber, ob und warum manche denn alles politisieren müssten und ob man nicht einmal ohne Politik auskommen könne.
Ich warf ein, dass alles Politik sei.
Dass der Mensch als soziales Wesen, ob er nun wolle oder nicht, damit auch zwangsläufig ein politisches Wesen sei, und erntete Unverständnis.
Die Entrüstung war groß, schließlich gäbe es doch viele private Bereiche, die mit Politik nichts zu tun hätten.
„Nennen Sie mir einen“, bot ich an.
Die simple und zu erwartende Antwort folgte prompt:
„Sex“.
Tatsächlich möchte man meinen, der private Raum sei eben privat.
Dem ist jedoch nicht so. Was hängt am Sex nicht alles, was politisch wäre:
Familienpolitik, Sozialpolitik, Wohnungspolitik.

Sehen Sie, um Sex zu haben müssen schon diverse Vorbedingungen erfüllt werden.
Gut wäre, Sie hätten eine Wohnung.
Nicht nur, dass diese simple Tatsache Ihre Chance auf einen potenziellen Sexualpartner maßgeblich erhöht, sie ist auch eine Frage der Politik.
Die politischen Entscheidungen, wer wo wohnen kann, soll und darf, treffen wir nicht privat.
Auch die Entscheidungen, die zur Höhe Ihrer Löhne führen, die dann erst mitentscheidend sind, wenn es bei Ihrer Wohnungssuche darum geht, welche Wohnung in welchem Stadtteil denn bezahlbar ist, obliegt nicht alleine Ihnen und ist ein Politikum. Weiterlesen

Die Monarchie ist tot. Es lebe die Demokratie!

Kaum waren die Hochzeitsbilder der schwedischen Royals via Live-Übertragung und Tagesschau publik gemacht worden (in der altehrwürdigen Tagesschau, dem immer noch als seriös geltenden Fossil deutscher Nachrichtenlandschaft, gab es die Bilder inklusive Begeisterung über eine Braut in „weißer Spitze“, womit das Weltgeschehen wie immer auf den Punkt gebracht wurde) gingen mit Evelyn Roll von der SZ die royalen Pferde durch:

„Angela Merkel – Die stille Königin“

So schwärmt die Journalistin, deren Artikel im Feuilleton deutlich besser aufgehoben gewesen wäre, im Artikel dann auch:
„Sie ist die mächtigste Frau der Welt, die informelle Königin von Europa.“

Ganz dieser Ideologie folgend schäumt der gesamte Text über vor unterwürfiger Huldigung der Kanzlerin, ganz wie es zu anderen Zeiten Monarchen gebührte.
Kritischer Journalismus, ein Eckpfeiler der Demokratie, erkämpft in jahrelanger Mühe, noch heute nicht überall selbstverständlich, hinweggefegt mit wenigen Sätzen die mich Schamgefühle ob meines eigenen Östrogengehalts entwickeln ließen.
So beschäftigt sich der Text mit der Frage nach Frau Merkels Garderobe, ihrem Auftreten, der „Kanzlerinnenraute“, dem Rätsel um die Bedeutung ihrer nicht vorhandenen Handtasche (um Margaret Thatcher nicht allzu ähnlich zu wirken) und dann mit der Frage, ob Frauen „mit Macht besser umgehen können“.
Dies ist, wie auch im Text selber angemerkt, tatsächlich sexistisch. In beide Richtungen.
Nicht nur wird die Geschlechterfrage über die inhaltliche gestellt, was Männer und Frauen gleichermaßen diskriminiert, auch der restliche Text degradiert die Journalistin selber, und damit die Frau an sich, zu einem Menschen, der sich um nichts Wichtigeres zu sorgen weiß, als um Handtäschchen, Garderobe und Oberflächlichkeiten.
Ein unglaublich vereinfachter und einseitiger Blick auf ein Amt und eine Person, die mehr ist als nur die „erste Frau im Kanzleramt“.
Im Falle von Frau Roll ist diese Frage jedenfalls mit einem klaren „Nein“ zu beantworten, denn die Macht des Journalisten liegt in seiner Möglichkeit, den Leser über Inhalte aufzuklären, kritisch zu sein, zu hinterfragen. Weiterlesen

Die Subjektivität der Ästhetik

Vor einigen Tagen stolperte ich über einen Beitrag von Claudia Braunstein, die regelmäßig auf Fisch&Fleisch bloggt, meist über ihre zurückliegende Krebserkrankung, und deren Einlassungen ich schon einige Male mit Interesse gelesen habe.
Diesmal jedoch ließ mich der Text ein wenig zornig zurück, ist er doch Ausdruck für so Vieles, das in dieser Gesellschaft aus dem Ruder läuft.

Der Titel des Beitrages fasst zugleich auch den Inhalt zusammen: „Einen postmenopausalen Körper sollte man nicht mehr in einen Bikini stecken“.

„Sollte“? Sagt wer?
Die Deutlichkeit, in der hier der vielbeschworene Freiheitsanspruch, den die westliche Welt für sich geltend macht, ad absurdum geführt wird, ist nicht zu überlesen.
Dies gilt in gleichem Maße für den, auf die eigenen Fahnen geschriebenen, Feminismus und die Dauerpredigt von Toleranz.
Ich finde man sollte sich dem alter entsprechend kleiden“ lautete dann auch der Kommentar einer anderen Dame.
Als hätte es den Kampf gegen das Modediktat für Frauen nie gegeben.
Als hätte jemand das Rad der Zeit zurückgedreht, den Kampf um Minirock, Bikini und eine selbstverständlichere Sexualität für Frauen wieder eingemottet, eingetauscht gegen Prüderie und Zwang.
Das so verherrlichte Körperbild ist, wie die meisten anderen Gesellschaftserscheinungen, wenig mehr als die Verkörperung der vermeintlichen Tugenden, die eine Gesellschaft zum Ideal erhebt. Unseres verdeutlicht recht unverblümt den gesellschaftlichen Konsens, Disziplin, Unterordnung, Perfektionismus und Kontrolle zu „verkörpern“. In der Verachtung, die dem Unwillen oder der Unfähigkeit sich zu fügen folgt, zeigt sich auch unser Umgang mit dem Scheitern an sich.
Der Leistungszwang hat seinen Weg gefunden, noch in die privatesten Räume des Menschen vorzudringen, denn privater als die persönliche Körperlichkeit ist kaum möglich. Weiterlesen

Flatrate

Wer der Meinung ist, dass man für Geld alles haben kann, gerät leicht in den Verdacht, dass er für Geld alles zu tun bereit ist. (Benjamin Franklin)

Vom Diskothekenbetreiber zum Bordellbesitzer, sie alle wissen, was das Konsumentenherz dieser Tage höher schlagen lässt:
Die Flatrate
Es ist, in Zeiten von schnellen Bahn- und Flugverbindungen, Führerschein und Auto heute so, dass Mensch kaum noch Zeit hat zwischen Arbeit, IPhone und hektischer Betriebsamkeit. Selbst noch an Feiertagen wird das Programm straff durchorganisiert.
Effizientes Zeitmanagement bis in den privatesten Lebensraum.
Und gerade weil die Zeitnot so groß ist, muss die spärliche Freizeit mit möglichst großem Gewinn und möglichst kostensparend genutzt werden.
So wirbt von der Großraumdisko über die kleine Kneipe alles mit „Flatrate-Saufen“ und günstigeren Cocktails zur „After-Work-Hour“.
Wer möglichst viel kippt innerhalb kürzester Zeit hat bekanntlich mehr vom Abend und von seinem Geld.

Und weil das Geschäft mit den Flatrates so phantastisch läuft, springt auch so mancher Puffbesitzer auf den Schnellzug auf.
Opa freut es, wenn er für seine karge Rente so oft am Abend darf, wie er noch kann.
Und jeder Sparfuchs hält hundert Euro am Abend, inklusive Grundbewirtung und über unterschiedlichste Frauen rutschen für sein gutes Recht.
Der Kunde ist König, selbst wenn er sich benimmt wie ein Bauer. Weiterlesen

Brave New World

Zugegeben, ich bin nicht mehr das naive Mädchen, das ich sogar mit Mitte zwanzig noch war. Das glauben konnte, alle Menschen seien tief in ihrem Inneren gut und jeder gäbe sein Bestes. Das glauben wollte, es mangelte nur an einem Lächeln hier und da, an Mühe und Offenheit und Liebe.
Es ist viel passiert in den Jahren meines Lebens und vermutlich ebensoviel passiert in all den Jahren der Leben anderer Menschen.
Wie Funny van Dannen so schön singt: „Naiv kann man nicht werden, naiv muss man sein“, so ist nicht zurückzuholen, was abhandengekommen ist, und vielleicht wäre das nicht einmal wünschenswert, denn Scheuklappen nutzen weder mir noch irgendwem sonst.
Und doch gibt es noch die Momente in denen ich denke, dass ich die Realität noch immer nicht ganz durchschaue oder mich jemand auf dem falschen Fuß erwischt, so unerwartet, dass es weh tut.
Das hat die FAZ, das Pseudo-Linksliberale Blatt heute geschafft, als es den Geburtenschwund bemängelte.
Nicht mit dem Bedauern, die Familien würden kleiner.
Nicht mit dem Bedauern, kulturell käme uns abhanden, was neue Menschen uns bringen könnten.
Nicht mit dem Hinweis darauf, dass es uns an Bereicherung fehle.
Die FAZ ließ heute durchblicken, dass Huxleys Dystopie „Brave new world“, die ich dank meines dünnen Fells nur einige Seiten lang lesen konnte, schon näher an der Realität ist, als es sich irgendjemand hätte wünschen können.
„Brave New World“ beginnt mit einem Besuch im Labor, in dem Menschen nach Bedarf gezüchtet werden. Arbeiter, Akademiker, Elite. Was immer gerade benötigt wird, wird am Fließband gezeugt. Ein gezielt herbeigeführter Sauerstoffmangel während des embryonalen Entwicklungsprozesses schafft den Intelligenzstatus, der benötigt wird. Braucht man dumme aber funktionsfähige Arbeiter, reicht ein kurzes Aussetzen des Sauerstoffs und fertig ist der gewünschte Mensch.
Über diesen Punkt hinaus konnte ich das Buch nicht lesen, zu groß war der emotionale Tumult, den diese Vorstellung in mir auslöste. Der Mensch als Zucht- und Nutzvieh, eine Vorstellung, die heute schon realer wird, als es mir lieb ist, wenn angesichts von so viel Kinderelend fleißig Kinder nach Wunsch gezüchtet und entsorgt werden, so es den Wohlhabenden gefällt. Weiterlesen

Zu einem Beitrag auf Fisch+Fleisch oder die Inflation der Menschenverachtung

Ich habe nun einige Tage mit mir gerungen, ob ich mich zu einem, auf F+F veröffentlichten, Beitrag äußern sollte.
Solche Widersprüche haben ja immer den unschönen Beigeschmack, dass der Ursprungspost mehr Aufmerksamkeit erhält, als ihm zustehen sollte.

Auf der anderen Seite ist die dort vertretene Haltung symptomatisch für viele westliche Länder dieser Tage, deren Rechtsruck sich nur noch schwer ignorieren lässt.
Der Beitrag nannte sich „Grundsicher(ung) zum Kotzen – die Inflation der Arbeit in Österreich…“, eingestellt von „Chaos“ und las sich dann auch, wie es schon die Überschrift versprach.https://www.fischundfleisch.com/blogs/politik.html?view=entry&id=6972 Undifferenziert und getränkt von Fäkalsprache, vielen Ausrufezeichen und vor allem einer Emotion, die man von Pegida bis hin zu anderen Menschen, die sich als die besseren Bürger verstehen, immer wieder vorfindet: Empörung.

Empörung über Ausbildungsprogramme für Menschen, die die Unverschämt hatten, schon länger als erwünscht arbeitslos zu sein. Wobei sich hier leicht einwenden ließe, dass eine Ausbildung doch ein Zeichen für guten Willen darstellt, einen Platz in der Arbeitswelt ergattern zu wollen und durchaus auch Arbeit ist.
So ergeht sich denn der Text in Empörung über alles, was der Schreibenden zufolge derart faulen Menschen nicht zukommen sollte:
„…Nun gibt es mittlerweile die Grundsicherung, die für Alleinerziehende 827,82 ausmacht. Das Kind bekommt zusätzlich noch etwas. Aber dem nicht genug, haben die „Armutsgefährdeten“ Anspruch auf Mietkostenzuschuss, kriegen das Schulbetreuungsgeld des Kindes ersetzt, sind rezeptgebührenbefreit, GIS-Gebühren-befreit und wenn der Winter kalt ist, gibt es sogar noch Heizkostenzuschuss….“ Weiterlesen

Rotkäppchen 2.0

Es war einmal, vor nicht allzu langer Zeit, da begab es sich, dass Rotkäppchen, wohlgenährt und proper und von der 38 Stunden-Woche, Arbeitnehmerrechten und Sozialversicherungen optimistisch gestimmt, sich auf den Weg machte, den mit Leckereien gefüllten Korb zur Großmutter zu bringen, auf dass diese teilhaben möge am Wohlstand.
Überhaupt teilte Rotkäppchen gern, sorgte für reiche Spenden, mal aus eigener Tasche, mal erbeten von anderen Dorfbewohnern, um sie dann denen zu geben, denen sie von Nutzen sein konnten. Und so hatte es über die Jahre geschafft, die Armut fast vollständig zu beseitigen und für Zufriedenheit und Auskommen für alle zu sorgen.
Wer hungerte, dem ward gegeben, wer Durst hatte, bekam Wasser. Und auch für Obdach für beinahe alle war gesorgt.
Und so war Rotkäppchen recht sorglos, denn was gälte es zu fürchten, wenn es doch allen gut ging?
Doch war ihm angeraten worden, immer auf dem rechten Weg zu bleiben, da von rechts und von links ungeahnte Gefahren drohten, die man auf dem vorgegebenen Wege eher nicht zu befürchten hätte.
Und da Fleiß, Gehorsam, Pünktlichkeit bisher gute Dienste geleistet hatten nahm Rotkäppchen sich vor, auch diesmal Folge zu leisten und sich ordnungsgemäß von Abwegen fernzuhalten.
Nun sah Rotkäppchen aber, während es noch fröhlich pfeifend seiner Wege ging, den Wolf, der sich am Wegesrand anscheinend vor Schmerzen wand.
Rotkäppchen und der Wolf hatten in der Vergangenheit eine funktionierende Kooperation gepflegt.
Diese basierte vornehmlich auf der Akzeptanz des Existenzrechts des anderen und der stillschweigenden Einigung darüber, sich gegenseitig keinerlei Schäden zuzufügen und sich ansonsten geflissentlich aus dem Wege zu gehen.
Wo nun das Rotkäppchen den armen Wolf aber so jammernd daliegen sah konnte es nicht anders und ging auf ihn zu:
„Sag, Wolf, was fehlt dir denn, dass du so herzerweichend lamentierst? Kann ich dir behilflich sein?“ Weiterlesen

Endlich

Man schließt die Augen der Toten behutsam; nicht minder behutsam muss man die Augen der Lebenden öffnen. (Jean Cocteau)

So sehr unsere Gesellschaft auch darauf beharrt, auf- und vor allem abgeklärt zu sein, man verfängt sich beim Kratzen an der Oberfläche und näherer Betrachtung des vordergründig schönen Scheins schnell in all den Widersprüchen, die den meisten schon Gewohnheit sind.

Und so hat sich in unserer Medien – und Konsumgesellschaft trotz aller Beteuerungen, ein wissenschaftlich nüchternes Bild vom Leben zu haben, vor allem eine Angst voll ausgeprägt:
Die Angst vor der Endlichkeit

Da der Homo Ökonomikus sich vor allem als Konsument versteht, oder auch von anderen so verstanden und gehandhabt wird, wird von der Wiege bis zur Bahre konsumiert, was das Zeug hält.

Das Leben beginnt hier mit Konsum von Märchen und vor allem Kinderbüchern, die „sauber“ sind. Kein Tod, kein Schmerz, keine Behinderung, keine Sorgen weit und breit. Alte Märchen sind wohl in manchen Kindheiten das einzig nicht „kindgerechte“, nicht „saubere“, schaut man sich die wunderbaren Märchen der Gebrüder Grimm oder z.b. das großartige, nicht-disneyfizierte Original der „kleinen Meerjungfrau“ an. Dort gibt es noch das Scheitern, den Tod, Grausamkeiten, Ängste.
Wir diskutieren heute verwundert, wieso man Kindern solche Geschichten erzählte während wir unsere Kleinen in Watte packen, und ihnen jede reelle Sicht auf das Leben versperren, wo es nur geht. So habe ich persönlich als Kind das Buch „Die Brüder Löwenherz“ von Astrid Lindgren heiß geliebt. Vor einigen Monaten wollte ich es noch einmal lesen, da es als Kind solchen Eindruck hinterlassen hatte. Erschrocken las ich die Rezension einer empörten Mutter, die anprangerte, das Thema Tod in dem Buch sei für Kinder nun denkbar ungeeignet und keinesfalls zu empfehlen. Dem kann ich nur widersprechen. Ganz im Gegenteil geht Astrid Lindgren wie gewohnt sehr liebenswert und vorsichtig mit ihren jungen Lesern um.
Den vermeintlich pädagogisch wertvollen Büchern folgt das Öko-Holzspielzeug, die glutenfreie Kost und Daueraufsicht auf dem Spielplatz. Nicht, dass das Kind sich das Genick bricht bei der wilden Rutschfahrt oder im Sandkasten abhandenkommt.
Später sorgen wir dafür, dass Oma im Krankenhaus leidet und stirbt und erzählen dem Kind, sie sei auf Urlaub. Weiterlesen

Vor Ort

Medienkritik ist dieser Tage in aller Munde. Mal differenziert, wie Stefan Niggemeier sie auf seinem Medienwatch-Blog präsentiert, mal undifferenziert und populistisch wie in PEGIDAs Pöbeleien gegen die vermeintliche „Lügenpresse“
Und auch für mich ist es an dieser Stelle nicht das erste Mal, auf den Zustand der Medien, Beißreflexe von Journalisten und Berichterstattung im Allgemeinen zu sprechen zu kommen.

Gerade in den letzten Tagen drängt sich mir die Frage auf, ob und wie nah man an Katastrophen dran sein muss, um sich „ein Bild zu machen“.
Oder vielmehr: Wie nah ein Journalist mitsamt Kamerateam am Ort der jeweils aktuellen Tragödie sein muss, um uns ein Bild zu machen.
Besser noch viele Bilder.
Bilder von Betroffenen, von Angehörigen, von Wrackteilen, zerstörten Häusern, von Blutflecken der letzten Bombenopfer, von aufgereihten Särgen, Auffanglagern und hungernden Kindern.
Dies ist keine willkürliche Aufzählung sondern ein kleiner Zusammenschnitt der letzten paar Wochen, nur die Dinge, an die ich mich sofort erinnern konnte. Vermutlich fehlt noch etliches.

Dienstagmorgen begann mein Tag mit Bildern eines professionell ernst dreinblickenden Journalisten, dessen Gesicht einen Großteil des Bildes ausmachte, während er von tausenden Opfern des Erdbebens in Nepal berichtete.
Selbstverständlich vor Ort.

In einer Nachrichtensendung am Mittwoch informierte ein Journalist, ebenfalls aus Nepal, nahe der Erdbebenzone, und berichtete telefonisch, wie die Menschen im Hotel sich verkrochen und mit Nachbeben rechneten. Dann brach die Leitung für einen Moment ab. Man hätte Schlimmstes vermuten können, für einige Sekunden, dann stand die Leitung wieder.
Am Mittwochabend war der Aufmacher der Tagesschau ebenfalls Nepal, die Sendung begann mit einem allgemeinen Beitrag und dem Konterfei einer offensichtlich verzweifelten Frau in Übergröße. Weiterlesen

Nicht mein Europa

Es ist noch gar nicht lange her, da lag sich das Land in gemeinsamer Trauer in den Armen, hatte es doch 150 Tote zu beklagen, 72 von ihnen deutscher Nationaliät.
Umgekommen waren diese bei einem, höchstwahrscheinlich absichtlich herbeigeführten, Flugzeugabsturz.
Wäre dies zu verhindern gewesen mit härteren Kontrollen und Berufsverboten für Depressive? Wohl kaum, aber der gemeine Politiker übt sich gerne in blindem Aktionismus wann immer er die Chance sieht, seine Umfragewerte zu steigern, ohne dass dies Geld oder viel Mühe kosten würde.
Dass ein Berufsverbot für psychisch Erkrankte nicht nur mehr Stigmatisierung mit sich brächte, sondern auch eine größere Anzahl Erkrankter, die im Zweifelsfalle nicht mit den Zuständigen Berufsärzten sprächen, eben aus Angst vor lebenslangem Berufsverbot, wird hier gerne und geflissentlich ignoriert. Der Bürger will Sicherheiten, die es nicht geben kann. Er bekommt Überregulierung, die niemandem nützt und nur der kurzfristigen Illusion von Handlungsfähigkeit dient.

Und doch: War es nicht ein rühriger Anblick? Eine ganze Nation scheinbar vereint in kollektiver Empathie.
Im Fernsehen wurde ein Humorverbot verhängt, das Land trug Trauer.
Es könnte einem ganz warm ums Herz werden…

Wäre da nicht erneut eine Vielzahl an Flüchtlingen, ersoffen an Europas Grenzen.
900 tote Schwarze alleine am letzten Sonntag, die aus Elend, Armut, Leid zu flüchten suchten.
Heute erneut die Meldung von Toten und knapp geretteten Menschen.
Es sind mittlerweile Tausende Tote, ertrunken vor der Festung Europa. Weiterlesen

Biographisches, dem Augenblick geschuldet

Ein wenig neidisch bin ich in der Vergangenheit am Bildungstempel, dem Universitätsgebäude, vorbeigefahren, wenn ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt musste.
Das Welfenschloss, idyllisch gelegen inmitten des Welfengartens, einem prächtigen Teil der Herrenhäuser Gärten, markiert das Ende des Klassizismus und wirkt in der heutigen Nutzung weit angemessener, als der in der Zeit des Baus angedachten Unterbringung des Adelsgeschlechtes. Geschichtsträchtig. Ein Prunkbau. Zugegebenermaßen sind die An- und Neubauten nicht halb so ansehnlich und doch:
Ich stellte mir regelmäßig vor, dass es etwas Erhabenes haben müsste, dort die Stufen hinaufzusteigen und einer von denen zu sein, die sich auf den Weg ins Bildungsbürgertum machen.

Meine eigene Herkunft ist von einem mehr als bildungsfernen Elternhaus geprägt.
Ich war schon in Jugendjahren zumindest dahingehend schon immer eine Ausnahme, als dass ich wohl die Einzige in der Familie war, die gerne und regelmäßig ein Buch zur Hand nahm.
Die persönlichen Anlagen und Befähigungen sind jedoch eine Sache, die Prägung durch Familie und auch die Optionen die einem durch Gesellschaft und Elternhaus offenstehen eine ganz andere  Und so las ich, zeichnete ich, sang ich, schrieb ich schon in Jugendjahren mit viel Begeisterung, aber da der Rest meiner Familie eher nicht dazu neigte, sich zu irgendetwas ab von Glotze, gelegentlichem Grillen, Fußball oder lauter Musik begeistern zu lassen, blieb ich damit alleine. Und vor allem unterfördert wie auch unterfordert. Weiterlesen

Am Anfang war das Wort

Wer, wie ich, noch verordneten Religionsunterricht erlebt hat, der war auch irgendwann mit dem Johannesevangelium konfrontiert. Dessen erster Satz ist mittlerweile in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen:

„Am Anfang war das Wort“

(Tatsächlich heißt es im Johannesevangelium noch „im Anfang war das Wort“, jedoch würden wir dies heute so nicht mehr sagen.)

Meine Sprachaffinität und das ständige „Warum?“, das ich in meinem Hinterkopf mit mir herumtrage, ließen nicht locker.
Konnte am Anfang das Wort gewesen sein?
Was steht am Anfang allen Seins und Tuns?

Ich untersuchte meine eigene Vorgehensweise, meinen Sprachgebrauch und stellte fest, dass das Wort, so sehr ich es auch liebte, bestenfalls Mittler war.
Vor jedem Wort stand die Intention. Ein Gemisch aus Emotionen, Willen, Vorstellung, dem das Wort dann Form gibt.
Das Wort ist, in begrenzter Weise, Ausdruck unseres inneren Chaos‘.
Wir ordnen mit Worten unsere Gedanken und geben ihnen Form, schaffen damit gleichzeitig die Möglichkeit, unser Gegenüber teilhaben zu lassen.

Nichts unterscheidet den Menschen so sehr vom Tier, wie die Fähigkeit zur Sprache in Wort und Schrift.
Nichts hat die Menschheit so sehr vorangebracht  wie die Möglichkeit, Erfahrungen und Erlebnisse zu dokumentieren und der nächsten Generation weiterzureichen, so dass diese nicht dieselben Erfahrungen erneut machen musste, sondern aufbauend auf der letzten Generation weiter forschen, lernen, entdecken konnte.
Die Primatenforschung liefert da phantastische Einblicke in die Möglichkeiten aber auch die Begrenztheit der kulturellen Weiterentwicklung der Affen, da diese im besten Falle aus Erfahrung, sehen und Übernehmen vorgelebter Verhaltensweisen lernen, so dass Erfahrungen zwar von Generation zu Generation weitergereicht werden, jedoch ohne direktes Antrainieren nicht überdauern würden. Weiterlesen

Opferlamm

An diesem Wochenende feiern Christen das Osterfest, Kreuzigung und Auferstehung Christi.
Meines Erachtens ein guter Zeitpunkt, sich mit dem Hauptthema dieser Feierlichkeit, dem Märtyrertod und der Märtyrerverehrung auseinanderzusetzen.

Die Geschichte ist voll von Menschen, die für ihren Glauben, für Revolutionen, Kriege oder aber das Ende von Kriegen, ihr Leben gelassen haben.
Und wie gerne sehen wir zu denen auf, die allem Anschein nach mutiger waren als wir, tapferer und im Kampf gegen Unrecht erfolgreicher.

Die Geschichte der Opferrituale ist sogar noch älter und zieht sich durch beinahe alle Kulturen. Es wurden Ernte, Tiere und gelegentlich Menschen geopfert, um die Gunst der Götter zu erhalten.
Warum aber ist für unsere Gesellschaft, wie für so viele Gesellschaften zuvor, dafür das große Opfer, sein Leben zu geben, scheinbar so unabdingbar?
Und ließe sich mit einer anderen Haltung als der Todesverehrung nicht mehr erreichen, sachlicher und konstruktiver? Weiterlesen

Stigma Depression

Die Presse vermeldet heute:

Germanwings Co-Pilot krankgeschrieben. Durch Psychiater.

Da ist es wieder, das Bild des vermeintlich „Irren“, dessen Abnormität nicht nur befremdlich sondern auch gefährlich ist.
Ein Land schwelgt pressegelenkt in kollektiver Betroffenheit, aber was wäre dieses, vermeintlich geteilte, Leid ohne die Auflösung, die Erlösung der Betroffenen durch einen Schuldigen, der die Welt erklärt, der alles wieder ins recht Licht rückt:

„Normal und Anders“, „Schuldig und Unschuldig“, „Krank und Gesund“.

Chaos und Zufall, so will es der Mensch, kann und darf es in der Welt nicht geben.

Das Bewusstsein, dass ein Unglück aber auch Straftaten jeden treffen können, die eigene Person, die eigenen Kinder, es muss um jeden Preis verdrängt werden. Und so braucht die kollektive Einigkeit den Sündenbock, braucht den Glauben daran, sich noch die kleinste und größte Katastrophe erklären zu können.
Und so folgt die einhellige und nicht selten bigotte Einigkeit in Trauer auch diesmal wieder der Idee, dass es einen Sündenbock braucht, den man verdammen kann, um danach erneut an ewige Unversehrtheit glauben zu können.

Der fast zwanghafte Versuch, sich die Welt so einfach erklären zu können, führt diesmal zur Depression. (Nachtrag: Die noch uneinige Presse ließ wohl eben verlauten, es seien vielleicht doch keine Depressionen gewesen. Was genau, das wisse man noch nicht)
Der Verantwortliche kann schließlich nicht „normal“ sein, denn normale Menschen würden nie töten, als Geisterfahrer auf die Autobahn fahren, stalken, stehlen… bis sie es tun.

Dass es zwischen „normal“ und „psychisch krank“ mindestens ebenso viele Facetten gibt, wie sie auch in den Begriffen „normal“ und „psychisch krank“ enthalten sind, all diese menschlichen Nuancen werden für einfache Wahrheiten geopfert. Weiterlesen

Inklusion statt Selektion

Heute ist, wie an jedem 21ten März seit 2006, Welt-Down-Syndrom-Tag.

Wieder wird viel darüber geschrieben, dass und warum wir Inklusion fördern sollten.
Getan wird wenig.

Es erfüllt mich noch heute mit Zorn und Scham, wie es mir in dieser vordergründig aufgeklärten Gesellschaft gelingen konnte, keinem Menschen mit physischer Beeinträchtigung näher zu begegnen, bis ich 29 wurde.
Die Schule, die ich besuchte, war auffällig behindertenfrei.
Ebenso mein Freundeskreis, Hort, Kindergarten, die Familie.

Meine Oma hatte eine Poliobehinderung, konnte eine Hand nicht nutzen, was mir allerdings als Kind gar nicht als Einschränkung auffiel. Wie so viele Behinderungen kaum noch Thema sind, wenn man erst einmal mit ihnen umzugehen lernt.
Und diese Erkenntnis, als ich bereits Ende zwanzig war, veranlasste mich, mich näher mit dem Thema Lebensrecht zu beschäftigen.

Wie, um Himmels willen, konnte es passieren, dass eine Gesellschaft, die mit ihrem Pluralismus hausieren geht, um die eigene Wertigkeit gegenüber anderen Ländern mit Mangel an Menschenrechten zu unterstreichen, so wenig Vielfalt in der eigenen Mitte zustande bekommt?
Wie kann es sein, dass öffentlich zwar immer wieder Inklusion gefordert wird, jedoch bestenfalls halbherzig, da das Argument, dass diese zwangsweise mit Leistungsminderung der „normalen“ Schüler einhergehen müsse, noch immer im Vordergrund steht?
Die speziellen Förderschulen waren sicherlich einmal nett gemeint, sollten Schutz bieten. Jedoch bedeuten sie nicht selten Ausgrenzung für Eltern von Behinderten und auch für die Betroffenen selber. Weiterlesen

„Pleite-Griechen“ und das deutsche Armutszeugnis

Fast möchte man seinen Augen und Ohren nicht trauen, wenn man dieser Tage den Fernseher einschaltet, Zeitung liest oder durchs Internet surft.
Beinahe einhellig beschwört der Medienchor den dreisten, gierigen, faulen Griechen, der dem armen Deutschen an sein Bestes und Liebstes will:

Sein Geld.

So titelte etwa die FAZ: „Griechenland soll sich gegenüber Deutschland im Ton mäßigen”, „Politganoven“, „Die Grenzen der Geduld mit Griechenland“

Die SZ beschwor „Was Tsipras noch lernen muss“, befand: „Zu viel eitles Geschwätz, Schäuble nennt griechische Beschwerde über ihn “Unsinn”“ und entwickelte sogar hellseherische Fähigkeiten: „Drohen, pfänden – scheitern“

Die Welt wertete: „Der geniale Bluff des griechischen Winzlings“, „Was erlaube Tsipras?“ und verhalf einmal mehr Söder zu mehr Bedeutung als ihm tatsächlich zuzugestehen ist: „Warum Söder den Griechen eine letzte Chance gibt“.
Nun liegt das Schicksal der Griechen zum Glück nicht in der Hand Söders, aber eine griffige Schlagzeile ist es allemal.

Der Spiegel erklärte Alexis Tsipras per Titelseite zu „Europas Alptraum“ und zum „Geisterfahrer“

Und wenn in solch harmonischer Einigkeit gehetzt wird, darf die BILD nicht fehlen, die BILD-konforme Lösungsvorschläge zu bieten hatte: „Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen“, wie immer mit der Angst der Leser spielte: „Angst um unser Geld“ (Überhaupt ist „Angst“ eines der liebsten BILD-Schlagworte). Weiter ging es mit:  „Warum zahlen wir den Griechen ihre Luxus-Renten“, „BILD gibt den Pleite-Griechen die Drachmen zurück“ und gipfelte schließlich in der hetzerischen Frage: „Der Russe oder der Grieche, wer ist gefährlicher für uns“ [sic] und einer Mitmach-Online-Kampagne für Leser, die sich via Selfie mit einem klaren „Nein“ gegen Griechenland – Hilfen und für BILD-Hetze aussprechen durften: “Nein – Keine weiteren Milliarden für die gierigen Griechen”.

Dass Populismus wie dieser der gierigen BILD zu mehr Auflage verhilft? Sicherlich bestenfalls ein kleiner Nebeneffekt. Weiterlesen

Wider den Irrationalismus

“Ein sehr unwissendes Volk wird sich gerade wegen seiner Unwissenheit zu einer Religion voller Wunder neigen.”  (Henry Thomas Buckle, Geschichte der Zivilisation)

Es gibt dieser Tage gute, gewichtige Gründe, die Frage nach der Notwendigkeit einer Bildungsstrukturreform zu stellen.
Das Ausmaß an Anti-Aufklärerischen Tendenzen, die derzeit laut werden, sollte jeden Menschen, der Bildung für einen Eckpfeiler gesunder Gesellschaft und Demokratie hält, erschrecken.

Anti-Impfler, hysterische Esoteriker, Chemtrail-Anhänger, Verschwörungstheoretiker, die noch hinter den offensichtlichsten Fakten Mossad, Zionisten und CIA in Kooperation vermuten, die sich als Opfer „höherer Mächte“ sehen, Opfer böser Pharmafirmen, der Amerikaner und anderer „Besatzermächte“:

Sie alle glauben zu wissen.

Und sie alle glauben, es ginge um ein Meinungsdiktat, wenn eine ebenso große Anzahl an Menschen auf Fakten pocht, auf Vernunft, Wissenschaft, kausale Argumentation.
Dabei fordert niemand von ihnen, sie mögen nicht kritisch sein. Die Aufforderung, den eigenen Theorien und Glaubensdingen ähnlich kritisch gegenüberzustehen, wie den Fakten, die sie glauben verneinen zu können, gilt hier dennoch schon als illegitime Kritik an einer „Meinung“.

Einer “Meinung” jedoch sollte ein gesunder Meinungsbildungsprozess vorausgehen. Der basiert auf einer Kausalkette, die man notfalls erklären kann.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir einen Großteil der Dinge nicht mehr „glauben“ müssen, sondern uns, so wir denn zu selbstständiger Recherche und des Lesens an sich fähig sind, ein eigenes Bild machen können. Dabei scheitern die meisten dieser „kritischen Bürger“ schon an simpler Verifikation ihrer vermeintlichen „Quellen“. Weiterlesen

Ich liebe den Kapitalismus

Nachdem diese Überschrift mir nun hoffentlich die gewünschte Leserschaft eingebracht hat (und mir die Hälfte meiner Facebookfreunde gerade die Freundschaft aufgekündigt haben oder an meinem Verstand zweifeln), muss ich mich wohl erklären, denn mit dem Kapitalismus verbindet mich bestenfalls ein eher ambivalentes Verhältnis.

Aber der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel, und wenn Sie, liebe Leser, die Sie auf einen Gesinnungsgenossen gehofft hatten, nun enttäuscht sein sollten, bitte ich um Verständnis.
Es war, so gebe ich hier offen zu, ein Marketingkniff, der Sie locken sollte, meinen Text zu lesen.

Denn genau darum soll es hier gehen:
Um Werbung, Marketing, PR und den schönen Schein.

Eine alte Werberegel lautet:
„Wer nicht wirbt, der stirbt“ und „So etwas wie schlechte PR gibt es nicht.“

Dies gilt mittlerweile für alle Bereiche unserer Gesellschaft.
Es gibt nichts, das nicht verkauft würde: Gesichter, Meinungen, Sport, Politik.
Marketing ist alles im Kapitalismus.
Bedarf wecken, notfalls da, wo keiner ist:

„Wäscht nicht sauber, sondern rein“
„Backen ist Liebe“
„Nichts ist unmöglich“

Das ewige Heilsversprechen von Glück, ewiger Jugend, grenzenloser Freiheit, hübsch verpackt in Werbeslogans, präsentiert auf öffentlichen Werbeflächen, im TV, Radio, auf Wahlkampfplakaten.
So man nicht als Eremit enden möchte, gibt es kein Entkommen vor der Werbeflut. Weiterlesen

Chauvinistischer Feminismus

Vorneweg, um nicht missverstanden zu werden:

Ja, es bedarf immer noch einiger Anstrengungen, Chancengleichheit für Männer und Frauen herzustellen, vor allem in Sachen Lohngleichheit.
Und ja, auch Frauen in „klassischen Frauenjobs“, sprich Krankenhaus, Pflege, Erziehung, Service, verdienen eine Diskussion über ein angemessenes Gehalt.
Die bisherige, nicht hinnehmbare, Unterbezahlung basiert zum Teil noch auf alten, christlich-ideologischen Auffassungen darüber, dass der Dank, den man in solchen Berufen erhalte, ja Lohn genug sei und selbstverständlich kommt heute der kapitalistische Grundgedanke hinzu, der Nicht-Produktive Arbeit als gesellschaftlich wertloser erachtet.
Ein Umdenken, Sozialberufe nicht als reinen Kostenfaktor sondern als Notwendigkeit einer produktiven Gesellschaft zu verstehen, wäre wünschenswert.
Ja, es ist ein Unding, dass Frauen als Model, Schauspielerin und Prostituierte besser verdienen, als die meisten Akademikerinnen.
Und ja, auch im Hinblick auf das medial verzerrte Körperbild von Frauen ist Veränderung und Umdenken nötig.
Allein in meinem Bekanntenkreis ist die Zahl der von Essstörungen Betroffenen mittlerweile unübersichtlich hoch.
Und auch ich selber habe ein halbes Leben mit einer Essstörung gelebt.
Pubertäre Unsicherheiten waren fruchtbarer Boden für das verzerrte Frauenbild, das von den Medien schon in meiner Jugend gewinnbringend verkauft wurde.

Und dennoch:

Die Zahl der Stimmen, die dieser Tage in jeder Diskussion, jedem Thema, an jeder Ecke Frauenfeindlichkeit ausmachen wollen, scheint stetig zu wachsen oder wenigstens lauter zu werden. Zwar darf man dem medialen Getöse nicht uneingeschränkt trauen,  da die publizierte Wahrheit und die Realität selten dasselbe sind und boulevardesker Journalismus Randerscheinungen oft zu überproportionaler Wichtigkeit aufbläst. Weiterlesen

Armut? Wo?

Vor einigen Tagen hat der paritätische Wohlfahrtsverband erneut seinen jährlichen Armutsbericht vorgelegt.
Die Berechnungen bestätigen einmal mehr den Trend flächendeckend wachsender Armut.
15,5 Prozent der Menschen in Deutschland sind demnach mittlerweile von Armut betroffen.
12,5 Millionen Menschen, meist Kinder, Alte, Alleinerziehende, Arbeitslose.

Während sich einige Journalisten an der Frage abarbeiteten, ob die Berechnungsgrundlageangemessen sei, um Armut zu definieren, die in Deutschland ohnehin in den meisten Beiträgen zur „relativen Armut“ degradiert wird, verpassten sie einmal mehr die Chance, die Ursachen und zukünftigen Folgen zu beleuchten.

Da verschwand die Lebensrealität einer nicht unbeträchtlichen Anzahl an Menschen hinter Theorien, Rechenbeispielen und Statistiken.

Armut in Deutschland scheint einem Großteil der schreibenden Zunft immer noch zu abstrakt, um wahr zu sein. Hier spielt sicherlich die Herkunft der meisten Journalisten eine nicht unwesentliche Rolle. Lediglich 9% kommen aus dem Arbeitermilieu, 43% aus Angestelltenverhältnissen, 24% aus Beamtenfamilien, 18% haben Eltern in Selbstständigkeit, der Rest hat Eltern, die selber Journalisten waren oder in freien Berufen arbeiten. [FNi ] Weiterlesen

Politischer Aschermittwoch

Am 18.02. war es wieder so weit: Es war der Tag des politischen Aschermittwoch, von jeher der Tag, an dem Politiker aller Couleur mit markigen Sprüchen vor Kameras bei denen punkten wollen, die noch nicht ganz ausgenüchtert sind vom Karneval, feuchtfröhlicher Feierlaune und alkoholgetränktem Versuch von Laissez-faire, der nie so wirklich locker und gelassen wirken mag. Und so schienen auch die Politiker meist eher bemüht als enthusiastisch, wenn sie Bierkrug schwenkend die nächste Kamera suchten, um mit dem Maß in der Hand möglichst bürgernah zu wirken. Selbst Frau Merkel, die sonst eher auf Kettchen in Schwarz-Rot-Gold setzt, um ihre vermeintliche Bürgernähe visuell zu bezeugen, hielt brav lächelnd das Bierglas in die Kamera, ertrug die Blasmusik und dachte sich ihren Teil. PR ist alles, dieser Tage. Und die Kanzlerin ist PR-Profi. Gekonnte Auftritte in WM-Stadien, Bierzelten und in, mit Claqueuren versetzten, Talk-Shows sind ihre leichteste Übung. Wenn die umgesetzte Politik schon nicht stammtischgerecht ist, so muss es doch diese Auftritte geben, die dem bierduseligen potenziellen Wähler das Gefühl vermitteln, ernst genommen und verstanden zu werden. Und so sollten das gute, deutsche Bier, gebraut nach Reinheitsgebot, die Blasmusik und Festzeltatmosphäre vor allem eines suggerieren:Wir sind Menschen aus dem Volk. Wir teilen eure Sorgen. Wir sind genau wie ihr. Es sind vorgeschriebene Reden, auswendig gelernte Phrasen und tausendfach wiederholte Wahlslogans, die hier als Ersatz für reelle Kommunikation und Auseinandersetzung herhalten mussten. Selbstverständlich darf man davon ausgehen, dass Frau Merkel sich kurz darauf wieder in die Limousine setzte um sich zum nächsten öffentlichen Stelldichein fahren zu lassen, während sie auf dem Weg diverse politische Gespräche per Telefon abwickelte, anstatt betrunken nach Hause zu torkeln, um am nächsten Tag den Kater auszukurieren. Weiterlesen