Armut? Wo?

Armut? Wo?

Vor einigen Tagen hat der paritätische Wohlfahrtsverband erneut seinen jährlichen Armutsbericht vorgelegt.
Die Berechnungen bestätigen einmal mehr den Trend flächendeckend wachsender Armut.
15,5 Prozent der Menschen in Deutschland sind demnach mittlerweile von Armut betroffen.
12,5 Millionen Menschen, meist Kinder, Alte, Alleinerziehende, Arbeitslose.

Während sich einige Journalisten an der Frage abarbeiteten, ob die Berechnungsgrundlageangemessen sei, um Armut zu definieren, die in Deutschland ohnehin in den meisten Beiträgen zur „relativen Armut“ degradiert wird, verpassten sie einmal mehr die Chance, die Ursachen und zukünftigen Folgen zu beleuchten.

Da verschwand die Lebensrealität einer nicht unbeträchtlichen Anzahl an Menschen hinter Theorien, Rechenbeispielen und Statistiken.

Armut in Deutschland scheint einem Großteil der schreibenden Zunft immer noch zu abstrakt, um wahr zu sein. Hier spielt sicherlich die Herkunft der meisten Journalisten eine nicht unwesentliche Rolle. Lediglich 9% kommen aus dem Arbeitermilieu, 43% aus Angestelltenverhältnissen, 24% aus Beamtenfamilien, 18% haben Eltern in Selbstständigkeit, der Rest hat Eltern, die selber Journalisten waren oder in freien Berufen arbeiten. [FNi ]

Wir alle sehen die Welt gefärbt durch die Brille der eigenen Erfahrungen. Woher sollen Menschen, die vornehmlich dem Mittelstand entspringen wissen, wie sich Armut anfühlt?
Dass Armut mehr sein kann, als Hungerbauch und Obdachlosigkeit?

Der Blick der Medienschaffenden wird hier zum Blick der Gesellschaft, wie man an Kommentaren in Netzwerken ablesen kann.

„Armut? Wo?“

Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Und so existiert für viele Armut nicht, ist für sie lediglich das Gejammer von Menschen, denen es „eigentlich noch zu gut geht“, angeblich ein aufgeblasenes Wohlstandswehwehchen.
Man schreibt oder liest von „sozialer Teilhabe“, wieder eine Abstraktion der Realität, eine leere Worthülse, die nicht ausreicht, um den zunehmenden Ausschluss Armer aus der Gesellschaft zu verdeutlichen.

Dass Armut in Deutschland vor allem Isolation bedeutet, Ausgrenzung, bei längerer Dauer ein erhöhtes Risiko psychischer und physischer Erkrankungen, kann der Mensch, der tatsächlich nicht betroffen ist, kaum nachvollziehen. Schon gar nicht, wenn all sein Fokus auf die Oberfläche, auf Konsum, Medien, das nach außen erhaltene Bild eines angeblichen Sozialstaates, ausgerichtet ist.

Die immer länger werdenden Schlangen vor Einrichtungen der „Tafel“ halten viele vielleicht für nicht ganz so schön. Aber man sieht ja: Es wird für die Armen gesorgt.
Dass gerade „Die Tafel“ ein Ausdruck eines neuen Umgangs mit Armut ist, merken nur die, die dort anstehen müssen, so sie denn ihr Schamgefühl überwinden können.

Es war die Unternehmensberatung McKinsey, die das Konzept der Tafeln mit erarbeitet hat. Ein neoliberaler Anschlag gegen den Sozialstaat, der im Stillen stattfand, wärmstens versteckt unter dem Deckmäntelchen der Nächstenliebe.

Hier wurde dafür gesorgt, dass die Versorgung der Ärmsten keine Staatsangelegenheit mehr ist und möglichst keine Kosten verursacht. Der Anspruch war „nämlich die massive Einschränkung des staatlichen Geldtransfers auf der Grundlage von Bürgerrechten. Statt Geld mit Bürgerrechtsanspruch gibt es großzügige private Spenden an die Bedürftigen auf Grundlage der Menschenrechte.“
Hier wird die Entpflichtung der Menschen vorangetrieben, die den größten Teil des Wohlstandskuchens unter sich aufteilen.

Fraglos meinen es die freiwilligen Helfer der Tafeln gut. Dennoch dient ihre kostenfreie Arbeit vor allem denen, die eine Finanzpolitik zugunsten der Unternehmen und zuungunsten der Bürger befürworten.
Es handelt sich hier um eine versteckte Kürzung der Sozialleistungen, die vormals Bürgerrecht waren.

Dass der äußere Anschein eines existierenden Sozialstaates jeder näheren Betrachtung kaum noch standzuhalten vermag, und als Märchen schnell zu entlarven wäre, spricht Bände über den Versuch der meisten Nicht-Betroffenen, diese Zukunftsmöglichkeit für das eigene Leben möglichst ausblenden zu wollen.

Ganz wie Kinder, die glauben, das Monster, das sie nicht sehen, könne ihnen nichts zuleide tun.

Die vorgelegten Zahlen des paritätischen Wohlfahrtsverbandes sind keine, die verwundern sollten. Der Ausbau des Niedriglohnsektors wird spätestens seit der Regierung Schröder vehement durch Politik und Wirtschaft vorangetrieben.
Vormals gut bezahlte Vollzeitstellen weichen Minijobs, die keine Möglichkeit zur Absicherung und Vorsorge bieten und nicht selten werden diese Arbeitnehmer zu sogenannten „Aufstockern“, die trotz Arbeitsplatz Staatshilfen in Anspruch nehmen müssen, um das Existenzminimum gewährleistet zu wissen.

Das ist nichts weiter als versteckte Arbeitgebersubventionierung, denn die Kosten zur Lebenserhaltung der notwendigen Arbeitskraft sollte der Arbeitgeber bezahlen, der diese in Anspruch nimmt, nicht der Staat. Es ist eine, für einige Arbeitgeber wohl leidliche, Tatsache, dass Menschen noch immer schlafen müssen, krank werden, und nach Beenden ihrer leistungsfähigen Lebenszeit auf Rente und Existenzrecht pochen.

Der Mensch, über seine Nutzbarkeit hinaus, ist bestenfalls lästig.

Die ehemals durch Gewerkschaften und jahrzehntelange Arbeitnehmerkämpfe mühsam erarbeiteten Rechte werden derzeit untergraben und abgebaut, ohne nennenswerten Aufschrei der zuständigen Gewerkschaften oder gar der Gesellschaft. Und sollte doch einmal eine Gewerkschaft zum Streik aufrufen, kann sie sich sicher sein, dass die mediale Berichterstattung sowie die Ideologie in diesem Lande, dem Leistungsfetisch das Wort zu reden, ein angemessenes Ausmaß an Streik unmöglich macht.

Ein gutes Beispiel dafür war die Debatte um den Streik der GDL und eine emotionalisierende begleitende Berichterstattung der Leitmedien, die Claus Weselsky, den Bundesvorsitzenden der Gewerkschaft deutscher Lokführer, in möglichst schlechtes Licht rückte, und eine SPD, die daraufhin allen Ernstes das Streikrecht kleinerer Gewerkschaften gänzlich abschaffen wollte. Ein Schelm, wer Böses dabei dachte und sich daran erinnert fühlte, dass der Sozialabbau und die Lohndrückerei erst von SPD und Grünen möglich gemacht worden waren.

Anstatt die Ursache für den Bedarf neuer Arbeitskämpfe zu beseitigen, sollen die Mittel zur Gegenwehr beseitigt und Armut zementiert werden.

In sozialen Netzwerken jedoch regte sich wenig Sympathie und noch weniger Solidarität mit den Streikenden. „Ich verdiene auch nicht viel. Warum sollten die mehr verdienen?“ war so, oder ähnlich, formuliert ein gängiger Kommentar.

Diese Form des Sozialneides macht die Abwärtsspirale des gesamtdeutschen Lohnniveaus erst möglich.
Es ist die Angst um die eigene Existenzsicherung, die Menschen offenbar panisch um sich beißen lässt.
Dass diese Existenzsicherung aber nur in Solidarität möglich ist, will nicht in die Köpfe der Diskutanten.
Erst ein möglichst breit gefächerter Wohlstand sichert den Wohlstand aller.
Und erst ein auf wenige Menschen verteilter Wohlstand gefährdet den Wohlstand aller.
Nicht die Forderung nach weniger Lohn für andere ist die Antwort auf Streik, sondern die Forderung danach, auch der eigene Lohn möge wieder angemessen sein, das eigene Streikrecht gestärkt werden.

Man darf, so man denn eins und eins zusammenzählen kann, auch davon ausgehen, dass die derzeitige Joblage und das Unterwandern der Sozialabgaben, sowie die zunehmende Privatisierung der Altersvorsorge, die sich dank der Niedriglöhne nicht bezahlen lässt, für einen Anstieg der Altersarmut sorgen werden.

Auch muss man kein ausgewiesener Zyniker sein, um im Hinblick auf diese Entwicklung auch die zunehmende Forderung nach „Sterbehilfe“ kritisch und argwöhnisch zu betrachten.

Das wohl größte Drama ist aber der Anstieg der Kinderarmut, auf wirtschaftlicher wie auf sozialer Ebene.
Auf wirtschaftlicher Ebene bedeutet er nicht selten einen Mangel an Bildung und Ausbildung, auf sozialer Ebene nicht selten einen Mangel an Kommunikationsfähigkeit und anderen sozialen Befähigungen.
Beide Aspekte wirken sich am Ende fatal auf eine Gesellschaft aus, die Bildung für alle nicht aus reinem Altruismus implementiert hat, sondern aus dem Verständnis heraus, dass ein gut gebildeter und gut ausgebildeter Mensch den Wohlstand der gesamten Bevölkerung mehren und sichern hilft.

Menschen, die abgehängt werden, entwickeln hingegen nicht selten Aversionen bis hin zu Hass und kontraproduktivem Verhalten gegenüber denen, die ihnen Teilhabe verwehren.
Wir erschaffen in unserer Mitte eine immer größere Anzahl an jungen Menschen, die unsere Gesellschaft ablehnen und damit ein unüberschaubares Potenzial an Menschen, die Populisten und Menschenfängern folgen und bereit sind, sich zu radikalisieren.

Das Individuum ist ein Teil der Gesellschaft, jedes Individuum gestaltet diese Gesellschaft mit, passiv oder aktiv.
Kein Mensch ist reine Statistik oder eine bloße Theorie. Der Mangel an Verständnis für diese simple Tatsache, für den simpelsten Humanismus, beschleunigt die Zersetzung des gesamten Gesellschaftsgefüges.

Wer die Frage: „Armut? Wo?“ nicht als bloßes rhetorisches Konstrukt nutzt, sondern sich ernsthaft damit befasst, wird fündig werden und sich der Frage stellen müssen, wie wir als Gesellschaft gegensteuern wollen, bevor unsere humanistischen Grundsätze gänzlich unterwandert oder aber wir selber betroffen sind.

i Quelle:

Professor Dr. Hans Mathias Kepplinger, Milieus und Medien, Medienseminar der Bundeszentrale für politische Bildung

Erregungszustände

Neue Medien, neue Politik, neue Publika

10. Mai 2011 in Berlin

(Veröffentlicht am 28.02.15 auf Tonfarbe.wordpress.com)

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Posted on: 17/03/2016SusannahWinter

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