Monat: Oktober 2017

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Liebe Leser, ich mache mich jetzt mal unbeliebt:

Seit einigen Tagen geistert die Aktion #metoo durch alle sozialen Netzwerke und brachte es bis hin zu einem Beitrag in der Tagesschau. Ich habe bisher vorgezogen, mich nicht zu äußern und habe mich lediglich still geärgert. Bis jetzt.

Aber ich bin tatsächlich auch Opfer geworden. Von Männern UND von Frauen. Und ich kenne viele Männer, die ebenfalls Opfer wurden. Einige von Männer, andere von Frauen. Einige von ihnen wurden von Partnerinnen geschlagen („man schlägt aber nicht zurück. Frauen schlägt man nicht“) und homosexuelle Frauen, die von ihren Partnerinnen geschlagen wurden. Und ich kenne Frauen, die Opfer wurden von Männern und von Frauen. Und jetzt möchte und muss ich mir einmal Luft machten: Die zunehmend radikale Ideologie hinter solchen Geschichten, die einseitige Viktimisierung von Frauen bei gleichzeitiger Benennung von ausschließlich Männern als Täter, ist für mich kaum noch zu ertragen. Da schwingt der gleiche chauvinistische Sexismus mit, den man hier vorgibt, bekämpfen zu wollen. Nein, Frauen sind keine heiligen, zarten Wesen, die den Weltfrieden bringen. Und ja, auch Frauen können Gewalt, Sexismus, Rachsucht, Krieg. Nur: Männer sprechen tendenziell eher nicht darüber, wenn sie Opfer werden. Ist ja weder in der feministischen noch sonstigen gesellschaftlichen Idee existent. Männer werden da gerne belächelt. Es spricht Bände, dass es für Männer hier nur „#Ihave“ (Das Eingeständnis, Täter gewesen zu sein) und ‚#himtoo“ (Mann spricht von sich in der dritten Person und selbstverständlich nur als „auch“) als Gegenhashtags gibt. Oder wahlweise #metoo – aber nur, um Solidarität mit Frauen zu bezeugen. Ich habe in den letzten Wochen vermehrt mit radikalisierten „Feministinnen“ diskutiert. Eine davon brachte es auf einen traurigen Höhepunkt, als es um Gewalt gegen Jungs und Mädchen ging. DASS es auch Jungs treffe, sei schlimm, aber das sei nun wirklich nichts im Vergleich zu dem, was Mädchen durchmachten. Ich wandte ein, dass auch Jungs an Gewalt leiden und die individuelle Erfahrung zähle und auch männliche Gewaltopfer Solidarität bräuchten. Aber nein, die gute Frau beharrte darauf, dass Gewalt gegen Jungs nun wirklich nicht so dramatisch sei. Es wird Zeit, auch Frauengewalt in gleicher Form zu beleuchten und zu benennen. (Denn warum habe ich so lange gezögert, diese Zeilen zu schreiben? Und, Hand aufs Herz, wie oft haben Sie in den letzten Wochen Berichte über weibliche Gewalt gelesen/gesehen?) Und es wird Zeit, mit der massenhaften Viktimisierung der Frau aufzuhören. Es wird Zeit, feministische Radikalismen ebenso zu benennen und zu bekämpfen. Solche einseitigen Aktionen jedenfalls finden nicht (mehr) in meinem Namen statt. Gewalt geht alle an und betrifft auch (fast) alle. Sei es in der Kindheit oder in der Beziehung. Sei sie emotionaler oder physischer Art. Wenn wir nicht anfangen, auch in dieser Debatte gleichberechtigt zu diskutieren, das heißt in dem Fall auch endlich einmal weibliche Gewalt zu benennen, Frauen als gleichwertige Menschen zu betrachten, auch in Sachen Gewalt und Unrecht, schaffen wir keine „Gleichberechtigung“. Nur neue Macht, Ideologie und Gewalt.

Vielleicht wäre eine Rückkehr zu Humanismus und eine Beurteilung von Gewalt und Unrecht anhand der Umstände weit sinnvoller, als eine Geschlechterdebatte.