Monat: März 2016

Terror Live

Kaum waren die ersten Meldungen zu den Terroranschlägen in Brüssel in der Welt, setzte die übliche mediale Reaktion ein:

In den Redaktionen suchte man Live-Material, „Footage“, um die Geschichte möglichst vor den Kollegen der Konkurrenz zu bringen, möglichst eindrucksvoller, möglichst näher am Geschehen.
Man suchte Augenzeugen, am besten noch verängstigt, am besten noch verstaubt, vielleicht blutverschmiert.
Umgehend wurde der Terror verschlagwortet, in Überschriften gepresst, mit Hashtags und Annahmen versehen, damit der Leser keine Sekunde verpassen möge.
Selbstverständlich immer die „Informationspflicht“ im Auge, der sachlich nie gedient wäre.
Was informiert den Medienkonsumenten schon besser darüber, dass Europa vom IS-Terror heimgesucht wird, als weinende Angehörige und Bilder von schreienden und weinenden Menschen, die aus einem qualmenden Zug entkommen.

Und so gab es sekündliche Berichterstattung von BILD über Focus, der SZ über die Tagesschau. „Mittendrin statt nur dabei“, das Motto der Nachrichtenagenturen, Zeitungen, Social-Media-Ableger diverser Medien. Alles im Sinne der verstörten europäischen Wertegemeinschaft, versteht sich. Weiterlesen

Lebens-Wert

Madeline ist 18 Jahre alt, Australierin und Model.

Ihre wachsende Fan-Gemeinde liebt sie für ihren Porzellanteint und lange, rote Haare, für ihre Begeisterungsfähigkeit und dafür, dass sie ihren Werdegang mit den Fans via YouTube und Facebook teilt.

Viele junge Frauen träumen von der Karriere, die Madeline gerade macht. Davon, ebenso wie sie bei der New York Fashion Week mitlaufen zu dürfen und zahllose Titelseiten zu schmücken.
Und doch ist es nicht allein dieser Erfolg, der Madeline Stuart so einzigartig macht.
Es ist die Tatsache, dass Madeline damit der ganzen Welt vor Augen führt, was „Lebenswert“ bedeutet.

Denn Madeline hat das Down-Syndrom. Weiterlesen

Die Sozialdemokratie ist tot

Zuerst veröffentlicht auf FischundFleisch.com

Das Medien- und Bürgerinteresse, das die gestrigen Landtagswahlen im Vorfeld und im Nachhinein begleitete war groß. Größer, als für Landtagswahlen üblich. Die Wahl galt als Stimmungstest für die Bundestagswahl im kommenden Jahr.

Viel wichtiger aber: Es war die erste Wahl seit der „Flüchtlingskrise“, die die Gesellschaft seit Monaten in Wut- und Mutbürger teilt. Schon seit Wochen war klar, dass die AfD trotz, oder gerade wegen, Schießbefehlrhetorik in den Landtag würde einziehen können. Vor den ersten Hochrechnungen lagen die Prognosen bei geschätzten 15 Prozent AfD-Wähleranteil in Sachsen-Anhalt, für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz galten 11 Prozent als wahrscheinlich. Weiterlesen

Reden wir über…  Stottern

Interview mit Ronja Zimm, seit frühester Kindheit von Stottern betroffen

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(Auf dem Foto: Ronja Zimm / Stottern – Momentaufnahmen / Fotografin: Laura Ludwig)

 

Für die meisten Menschen sind Sprache und das Sprechen an sich selbstverständliche Mittel zur Kommunikation. Wir nutzen sie, um uns mitzuteilen, unsere Emotionen und Bedürfnisse, unsere Meinung. Beim Einkaufen, in Beziehung und Familie, in Schule und Beruf ist das gesprochene Wort Basis für zwischenmenschlichen Austausch. Wie wichtig diese Fähigkeit zur Artikulation tatsächlich ist erfahren oft nur die, denen sie temporär oder langfristig abhandenkommt.

Allein in Deutschland stottern etwa 800.000 Menschen. Bei den meisten zeigt sich diese Sprechbehinderung bereits im Alter zwischen zwei und fünf Jahren. Per Definition ist Stottern eine „Unterbrechung des Redeflusses durch auffällige Blockaden, Wiederholungen oder Dehnungen.“ Tatsächlich entwickelt jedoch so gut wie jeder Stotterer ein individuelles Sprachbild mit ebenso individuellen Ausprägungen der Sprechstörung. Meist wird das Stottern von sekundären Symptomen begleitet. Dazu gehören z.b. das auffällige Verkrampfen der Gesichtsmuskulatur oder zusätzliche Körperbewegungen beim Sprechen. Zudem entstehen durch die gehemmte Kommunikation oft auch Rückzugstaktiken, zu denen das „Verschleiern“ gehört, bei dem Füllwörter oder Synonyme genutzt werden, um bekannte Sprachblockaden zu umgehen, aber auch gravierendere Selbstschutzhandlungen wie komplette Sprechvermeidung oder der Rückzug in soziale Isolation. Weiterführende Informationen finden sich hier.

Eine der rund 800.000 Betroffenen ist Ronja Zimm, 29 Jahre alt.

Susannah Winter: Besteht das Stottern bei dir von Kindheit an? Erinnerst du dich daran, wann die ersten Symptome auftraten und wie diese aussahen?

Ronja Zimm: Ich selbst kann mich nicht daran erinnern, mit dem Sprechen und Stottern angefangen zu haben. Aus Erzählungen weiß ich nur, dass ich in den ersten Monaten wohl noch fließend gesprochen haben soll und das Stottern erst im Kindegartenalter begonnen hat. Aus dieser Zeit sind auch meine ersten bewussten Erinnerungen: Eine Mischung aus Frustration darüber, dass ich durch die Krämpfe nicht mitteilen konnte was ich wollte und Unverständnis darüber, warum ausgerechnet ich so „anders“ war. Das hat die Kindergartenzeit zu einer tränenreichen gemacht. Weiterlesen

Legalize it!

(Auch veröffentlicht auf Peira.org)

Volker Beck, Abgeordneter der Grünen, ist mit Drogen erwischt worden. Crystal Meth soll es gewesen sein. Um genau zu sein, so genau, wie es eben nur spekulative Berichte schaffen: 0,6g des synthetisch hergestellten Methamphetamins, das aufputschend wirkt und den meisten eher von furchteinflößenden Vorher-Nachher-Bildern geläufig sein dürfte. Eine Droge, die vornehmlich mit weißem Prekariat assoziiert wird. Ein Großteil der Reaktionen ist schlicht erbärmlich. Die Bigotterie, die der Empörung innewohnt, vor allem bei denen, die sich ganz besonders hämisch freuen, weil es einen Politiker des ungeliebten Spektrums getroffen hat (und nein, ich bin alles, nur kein Grünen-Wähler), hat ein Ausmaß angenommen, das übelerregender kaum sein könnte. Es ist eine Sache, einen Menschen auf Basis von Inhalten zu kritisieren. Möglichst sachlich und fundiert. Nur geht es hier nicht um Inhalte. Schon gar nicht denen, die am Morgen ihren Kaffee trinken, mittags Energydrinks und Wachmacher schlucken, nach Feierabend ein Bier kippen, sich die nächste Zigarette anzünden und nun angewidert auf den gefallenen Beck zeigen und „Hab‘ ich doch gleich gewusst, dass der nichts taugt“ brüllen. Es sind dieselben Menschen, die sich am Stammtisch tags drauf, bei Wodka und Korn, darüber beschweren, dass die Politik ständig in ihr Privatleben eingreift und ihnen Freiheiten nimmt. Wollten wir eine inhaltliche Debatte führen, wir müssten fragen, warum bestimmte Substanzen zur „Droge“ erklärt und Konsumenten kriminalisiert werden. Wir müssten uns fragen, wer dies bestimmt und warum. Weiterlesen

Lagerhaus für menschliche Seelen

(Zuerst veröffentlicht auf FischundFleisch.com)

Wie ein Lauffeuer muss es sich unter den Wartenden verbreitet haben: Das Gerücht, die Grenze zu Mazedonien sei offen und damit eine Weiterreise ins Innere Europas wieder möglich. Am Grenzübergang zu Mazedonien, dem Grenzposten Idomeni, warten dieser Tage etwa 7000 Flüchtlinge auf ihre Weiterreise. Das Auffanglager dort bietet lediglich Platz für 1500 Menschen, die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Wasser wie auch medizinische Versorgung sind längst nicht mehr sichergestellt. Nach anfänglichem Jubel über die mögliche Weiterreise fand die anstürmende Menge lediglich noch immer geschlossene Grenzzäune vor. Das griechische Fernsehen zeigte Bilder, in denen man beobachten konnte wie es einigen Flüchtlingen gelang, einen Teil der mazedonischen Grenze niederzureißen, bevor die Polizei mit Tränengas gegen sie vorging.

Die Lage in Griechenland verschärft sich zusehends. Spätestens seit Österreich, Slowenien, Kroatien und Serbien auf der Westbalkankonferenz, unter Ausschluss von Deutschland und Griechenland beschlossen haben, nur noch ein bestimmtes Kontingent an Flüchtlingen durchreisen zu lassen, im Falle Österreichs eine Obergrenze von 80 Asylbewerbern pro Tag und eine Durchreiseerlaubnis nach Deutschland von 3200 Flüchtlingen pro Tag,  entsteht in Griechenland ein Rückstau.  Geschätzt 22.000 Flüchtlinge sitzen derzeit dort fest, bis im März geht man von zu erwartenden 70.000 Menschen aus. Weiterlesen

Dankeschön

Mein kleiner Blog „Tonfarbe“ feiert heute sein Einjähriges Bestehen. Genau der richtige Zeitpunkt, um allen Lesern aber auch Mitwirkenden „Danke“ zu sagen. Als ich vor einem Jahr angefangen habe, war ich mir nicht so sicher, ob ich durchhalten würde. Für Menschen mit Depressionen ist Regelmäßigkeit nicht selten ein großes Problem. Tatsächlich darf ich aber heute feststellen, dass ich unruhig werde, wenn ich zwei Wochen lang nichts geschrieben habe und ich Spaß daran finde, während des Schreibens und beim Recherchieren auch immer wieder dazuzulernen. Für die Zukunft geplant ist der Ausbau meiner Serie „Reden wir über…“ (Es schwirren schon an die fünf-sechs Fragebögen durch die Welt und wer noch Interesse hat, möge sich melden) und in Arbeit ist eine Podcast-Alternative für die, die lieber zuhören anstatt sich die Mühe des Lesens zu machen. An dieser Stelle zwei Menschen nochmal ein besonderes Dankeschön: Bernhard Torsch (Du weißt schon, warum) und Veronika Hosiner, die mir den Einstieg in mein Herzensprojekt so leicht gemacht hat. Auch zu Danken gilt es selbstverständlich der Redaktion von “FischundFleisch” für Zuspruch und Unterstützung sowie ein Forum und Herrn Rainer Thiem und der Seite Peira.org, ein lesenswertes Forum der Piraten, für die ich hin und wieder schreiben darf. Ein paar Zahlen zum Schluss: In dem Jahr gab es 6980 Unique Clicks, 9419 Besucher insgesamt, 79 Kommentare, 102 „Gefällt mir“. Vielen lieben Dank jedem Einzelnen für Motivation und Diskurs, Verbesserungsvorschläge und Lob.

Ich freue mich auf das kommende Jahr.

 

(Veröffentlicht am 27.02.16 auf Tonfarbe.wordpress.com)

Reden wir über…  Mukoviszidose

Interview mit Veronika Hosiner, seit der Geburt an Mukoviszidose erkrankt

 

Es ist ein seltener, erblich bedingter Gen-Defekt, der etwa 8000 Betroffenen in Deutschland und knapp 1000 Betroffenen  in Österreich das Leben schwer macht.

Mukoviszidose (von Mucus/Schleim und Viscidus/zäh), auch Cystische Fibrose genannt wird, zumindest heutzutage, in den allermeisten Fällen bereits bei Säuglingen festgestellt. Die Untersuchung auf Mukoviszidose gehört in Deutschland allerdings erst seit 2015 zu den regulären Screenings von Neugeborenen, so z.b. auch Schweiß- und Gentest. Der Schweißtest ist bereits seit 1959 ein verlässliches Diagnoseverfahren zur Feststellung dieser Erbkrankheit, da der Schweiß von Erkrankten einen erhöhten Salzgehalt aufweist. Wer mehr über Diagnosekriterien erfahren möchte, wird hier fündig.

Obwohl es typische Krankheitsbilder gibt, ist doch jeder Verlauf der Mukoviszidose individuell. Häufige Symptome betreffen Lunge, obere Atemwege, Verdauungsorgane und Bauchspeicheldrüse. Der Körper produziert in vielen Organen einen zähen Schleim, der von den Organen kaum abgebaut werden kann. Es kommt zu Symptomen wie Asthma, chronischem Husten, Verdauungsbeschwerden, Darmverschlüssen, Infektionen, Leberschäden, starkem Untergewicht und anderen Begleiterkrankungen.

Eine der 9000 Betroffenen ist Veronika Hosiner, gerade 26 Jahre alt. Wer Veronika das erste Mal sieht vermutet nicht, dass sie ihr Leben mit einer Krankheit verbringt, die immer noch häufig tödlich verläuft und mit einer verminderten Lebenserwartung einhergeht. Sie ist eine äußerst hübsche, sehr schlanke, junge, blonde Frau, die sich auf den ersten Blick nicht von ihren Altersgenossinnen unterscheidet.

Susannah Winter:  Wann wurde bei dir Mukoviszidose festgestellt und durch wen?

Veronika Hosiner: Die Diagnose bekamen meine Eltern direkt nach meiner Geburt mittels Schweißtest der damals gemacht wurde, da meine Mutter bei meiner Geburt bereits 41 Jahre alt war. Weiterlesen

Im Zweifel für Europa – DiEM25

(Zuerst veröffentlicht auf FischundFleisch)

„Nicht ein Europa der Mauern kann sich über Grenzen hinweg versöhnen, sondern ein Kontinent, der seinen Grenzen das Trennende nimmt.“ (Richard von Weizsäcker (*1920), dt. Politiker (CDU), 1984-94 Bundespräsident)

Seit Wochen schon war Yanis Varoufakis durch die Welt gejettet, hatte Werbung für sein neues, politische Projekt gemacht. Heute, am 09.02.16,  sollte das Projekt „DiEM25“, ins Leben gerufen von Yanis Varoufakis, dem ehemaligen Finanzminister Griechenlands, offiziell ins Leben gerufen werden.

Angekündigt war das Ganze als europaübergreifende Bewegung, die Europa demokratisieren soll. Wie ich in anderen Diskussionen schon feststellen durfte, wird dieser Anspruch gerne falsch verstanden. Es geht hier nicht darum, den einzelnen Staaten Europas einen Mangel an Demokratie zu unterstellen, obwohl die demokratische Ausprägung von Land zu Land unterschiedlich gestaltet ist. Vielmehr, so erklärte Varoufakis u.a. im Vorgespräch am Montagabend bei „TalkReal“ in Gesellschaft von Marisa Matias, portugiesischer Präsidentschaftskandidatin für die Linken, Sławomir Sierakowski, den Gründer von Krytyka Polityczna und Valentina Orazzini, internationale Repräsentantin der italienischen Gewerkschaft Fiom Cgil Nazionale, ginge es bei dem Anspruch einer Demokratisierungsbewegung vor allem um die Politik Brüssels, der es an demokratischer Legitimation fehle. Und so lautete dann auch der Einstieg in die Diskussionsrunde: Weiterlesen

Wahlkrimi

(Zuerst veröffentlicht auf FischundFleisch)

In Amerika haben die Kandidaten für das Präsidentenamt sich in Stellung gebracht und durften sich nach einigen Wahlkampfbemühungen dem ersten Stimmungstest stellen.

Beim Caucus stimmen Parteimitglieder bei vielen kleinen Treffen über ihren Wunschbewerber ab. Die Vorwahlen sind seit Montagabend in vollem Gange und Iowa mit seinen 99 Counties, traditionell der erste Staat in dem gewählt wird, hat sich auf Seiten der Republikaner mit Ted Cruz für seinen bevorzugten Präsidentschaftskandidaten entschieden. Gegen alle Erwartungen schlug der den Favoriten aller Umfragen, Donald Trump, um 3,4 Prozentpunkte. Insgesamt kam Cruz auf 27,7 Prozent der Stimmen, Trump auf 24,3 Prozent. Bei den Demokraten gab man mit übersichtlichen 0,2% Hillary Clinton knapp den Vorrang. Gesamtzahlen hier: 49,8% für Clinton, 49,6% für Sanders.

Während der Agrarstaat Iowa bis in die späten 60er als republikanische Hochburg galt, konnte man seitdem von einem Wandel zum „Swing State“, also einem relativ ausgewogenen Verhältnis zwischen der Wahl von Republikanern und Demokraten, sprechen. Seit 1988 hingegen gewannen beinahe ausschließlich Demokraten die Wahl, wobei hier George W. Bush die Ausnahme darstellte. Im Jahr 2004 gewann dieser, denkbar knapp mit 10 000 Stimmen Vorsprung, die Wahl. Weiterlesen

Von Ursache und Wirkung

(Zuerst veröffentlicht auf Peira.org)

Vor ein paar Tagen stellte der von mir geschätzte Rainer Thiem auf Twitter die These auf, der Kampf gegen Rassisten, gegen AfD und Rechtsruck könne nur dann gewonnen werden, wenn alle anderen Parteien die gesellschaftliche Spaltung nicht länger ignorierten.
Ich warf ein, diese würde nicht ignoriert, sondern sehr wohl wahrgenommen. Da Twitter lange Ausführungen nicht zulässt, diese in Form eines Blogbeitrags:

Ignoriert wird vor allem die Kausalität, die zwischen der Politik der etablierten Parteien während der letzten Jahre und der Situation heute existiert. Diese Einsicht wäre schmerzhaft und würde dazu auffordern, den eigenen Kurs in Frage zu stellen.
Es ist leichter, die Schuld alleine bei den Rattenfängern von Pegida und AfD zu verorten.

Wie in der Physik, Chemie, Soziologie, Biologie, ja wie überall (außer in einigen Gedankenspielen theoretischer Physik) unterliegt alles der Kausalität.
Kein Ereignis steht für sich, ist frei vom Prinzip „Ursache-Wirkung“.
Und selten gibt es nur eine Ursache für ein Ereignis. Gerade in der Politik gilt zumeist das Prinzip der Multikausalität.
Das heißt: Viele Entscheidungen und Ereignisse haben zur heutigen Situation geführt.

Ja, der Rechtsruck in diesem Land, er ist nicht mehr zu leugnen.

Die AfD, unter Petry zunehmend radikalisiert und noch weiter nach rechts gerückt, als sie es unter dem rechts-liberalen Lucke schon war, verzeichnet Zulauf.
Aber er ist nicht vom Himmel gefallen, kein plötzlich aufkommendes Naturphänomen.
Um den Kampf gegen Rechtsruck und Rassismus zu gewinnen, müsste zuerst damit begonnen werden, Ursachen zu benennen.
Und die liegen nicht erst in der Gründung von Pegida und AfD, im Aufkommen der Querfront und im Erfolg von Rattenfängern wie Jebsen, Elsässer und Co. Hier wurden „lediglich“ vorhandene Emotionen, vor allem Angst und Zorn mit sowieso vorhandenen Feindbildern und Klischees verknüpft und für die falschen Belange geschickt nutzbar gemacht. Weiterlesen

Hass

Knapp zwei Wochen sind die Ereignisse am Kölner Hauptbahnhof jetzt her.
Zwei Wochen, in denen man beobachten durfte, wie auf allen Seiten die Masken fielen.
Nun konnte es niemanden wirklich überraschen, dass auch auf Seiten der Flüchtlinge Kriminelle sein würden. Es sind Menschen zu uns gekommen, nicht Heilige.
Und gerade weil der Mensch nicht sonderlich friedlich ist, ist in unseren Breitengraden der Rechtsstaat entstanden, der die Rechte des Einzelnen regelt.
Genauso wenig überrascht es aber wohl, die vermeintlichen „Verteidiger“ von Kultur und Abendland als Spiegelbild der Ideologie zu erleben, die sie zu bekämpfen vorgeben.

Am 05.01.2016 veröffentlichte ich den Beitrag „Übergriffe in Köln“ und entschloss mich, nachdem bereits diverse Posts zum Aufruf zur Gewalt gegen meine Person von der FischundFleisch-Redaktion gelöscht worden waren, einige der Beiträge zu dokumentieren.
Entstanden ist heute eine Dokumentation des Hasses, die nicht zu rechtfertigen ist mit „Sorge um Frauen“, mit „Sorge um Sicherheit“ oder „Liebe zum Vaterland“.
Sie ist repräsentativ für das, was dieses Land tatsächlich bedroht:
Verrohung, Gewalt, radikale Ideologie, Abwendung von rechtsstaatlichen Prinzipien und demokratischen Ideen, Verlust an Respekt vor Meinungsfreiheit und vor Menschenleben.
Es ist eine Bedrohung von innen, nicht von außen.

Reaktionen auf meinen Blogbeitrag „Übergriffe in Köln“

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Übergriffe in Köln

In der Silvesternacht in Köln kam es am Kölner Hauptbahnhof zu massiven sexuellen Übergriffen auf junge Frauen. Über sechzig von ihnen haben bisher Anzeige erstattet.
Seit Bekanntwerden dieser Meldung übertreffen sich Teile der Medien und User sozialer Netzwerke in Täterzahlen und angebliche wahren Berichten über die Tathergänge.
Und wie nicht anders zu erwarten sind sich die meisten Facebook-User und Forentrolle sicher: Das waren Flüchtlinge.
Selbst heute noch geisterte, trotz einiger relativierender Zeitungsartikel, die Zahl von tausend Tätern durch die Kommentarspalten.
Auf beinahe jeder Wall konnte man die Empörten nach „sofortiger Abschiebung von mindestens tausend Flüchtlingen“ rufen hören, und selbstgefällig klingende „wusste ich doch gleich, dass die alle so sind.“ – Kommentare erfreuten sich daran, endlich einen Grund für Hasstiraden gefunden zu haben. Auch auf FischundFleisch unter dem Beitrag von Antje Schrupp tobte der (fast übliche) Mob (selbstverständlich auch mit den falschen Zahlen und reichlich Polemik bewaffnet). Eine Bekannte durfte sich via Twitter Morddrohungen und Aufrufe zur eigenen Vergewaltigung gefallen lassen, nachdem sie lediglich Fakten präsentiert hatte.
Aber Fakten, Vernunft und Vertrauen in den Rechtsstaat sowie in rechtsstaatliche Prinzipen, das mag Mensch, der dringend seine Vorurteile bestätigt sehen möchte, nicht gerne lesen und hören.

Auch ich durfte mir z.b. wie folgt drohen lassen:
“Hopefully Germans won’t forget traitors like Susannah Winter when you begin sorting out your problem”

Und dies sind die vorläufigen Fakten, Ergebnisse polizeilicher Ermittlungen: Weiterlesen

Erdogans Machtspiele

Der Rutsch ins neue Jahr, er gelang nicht jedem.
Kaum hatte 2016 begonnen überschlug sich die Presse mit Berichten über Äußerungen des türkischen Staatschefs Erdogan.
Dieser träumt noch immer von einer Verfassungsänderung, von mehr Macht und Befugnissen für sein Amt, von einer Präsidialherrschaft nach russischem Vorbild.
Zwar holte die AKP mit Ahmet Davutoglu, dem ehemaligen Außenminister und loyalen und treuen Anhänger Erdogans, die absolute Mehrheit und kann alleine regieren, für eine Verfassungsänderung jedoch, die auch Davutoglu anstrebt, bräuchte es eine Zweidrittel-Mehrheit und damit zusätzliche Stimmen der Opposition.

Wie mehrere türkische Medien berichteten, soll Erdogan auf die Frage, ob die Türkei zu einem Präsidialsystem umgebaut werden und dabei zentralstaatlich organisiert bleiben könne,geantwortet haben:

“Es gibt aktuell Beispiele in der Welt und auch Beispiele in der Vergangenheit. Wenn Sie an Hitler-Deutschland denken, haben Sie eines. In anderen Staaten werden Sie ähnliche Beispiele finden.”

Dem Medienecho folgte prompt das Dementi, die Worte Erdogans seien aus dem Zusammenhang gerissen worden. Weiterlesen

Ideologische Grabenkämpfe – Ist Religion die Wurzel allen Übels?

Wir feiern gerade Weihnachten, ein religiöses Fest.

Ein guter Zeitpunkt, nach Sinn und Unsinn von Religion zu fragen, wissenschaftliche und religiöse Weltbilder zu vergleichen und der Frage nachzugehen, ob Religion tatsächlich zu dem  Feindbild taugt, das ursächlich für jeden Krieg und jede Gesellschaftsspaltung sein soll.


Der Kampf um die eine Wahrheit


 

Der tiefe Graben zwischen Wissenschaft und Religion ist alt.
Nicht sonderlich verwunderlich, wurden doch große Vordenker der Wissenschaft unter der Vormacht von Religion verfolgt, ausgestoßen und an Leib und Leben bedroht.
Das Ziel der Wissenschaft in religionsgeprägten Gesellschafen war klar vorgegeben:
Sie sollte den Gottesbeweis erbringen.
Die Basis für jede Wissenschaft jedoch ist Zweifel, Kritik an den eigenen Gedanken, an gesellschaftlichen Normen und Vorgaben und so kann ein Wissenschaftler nur dann frei arbeiten und forschen, wenn er dies ergebnisoffen tun kann.
In gleichem Maße sahen sich auch Geisteswissenschaftler angehalten, Gott zu beweisen.

Und heute? Wir geben gerne vor, in aufgeklärten Zeiten zu leben, doch ganz ohne Dogmatismus kommen auch wir nicht aus.
Wir haben den Gottesglauben (weitestgehend) eingetauscht und glauben heute gerne an den funktionierenden Markt, Dollar, Euro und Yen. Wir glauben an unser politisches System als das einzig Funktionsfähige, die einzige Wahrheit, auch wenn uns Kritiker ein ums andere Mal auf systemimmanente Schwierigkeiten aufmerksam machen, die unser Glaubensgerüst ins Wanken bringen könnten. Weiterlesen

Wir haben wieder eine Kolonie

(Ebenfalls veröffentlicht Auf Peira.org)

„Keine Festung ist so stark, dass Geld sie nicht einnehmen kann“ (Marcus Tullius Cicero/ römischer Politiker, Anwalt, Schriftsteller und Philosoph)

Wir leben in Zeiten zunehmender Öffentlichkeit und wenig ist Politikern und Personen des öffentlichen Lebens wichtiger, als die Fassade zu wahren, was nicht selten Beugung von Sprache zur Folge hat.
So sind Kriege bevorzugt „Interventionen mit militärischen Mitteln“, tote Zivilisten lediglich „Kollateralschaden“ und bei gewaltsam aus der Bevölkerung entfernten Bevölkerungsgruppen spricht man von „ethnischer Säuberung“.

Und still und heimlich hat sich unter dem Deckmäntelchen der „Privatisierung“ der Neo-Kolonialismus in Griechenland ausgebreitet.

Nach einem kurzen, schmerzhaften Krieg über die politische Deutungshoheit, mit Verlusten fast ausschließlich auf griechischer Seite, der mit der zu erwartenden, umfassenden Kapitulation der griechischen Polit-Hoffnungsträger und dem Bruch des europäischen Solidaritätsgedankens ebenso einherging, wie mit erhöhten Suizidraten und dem Verlust eines funktionierenden Gesundheitswesens, mussten die Griechen Abschied nehmen von demokratischen Ideen, politischer Autonomie und der Hoffnung darauf, mit einer demokratisch einwandfreien Revolte und einem lauten „Oxi“ aufbegehren zu können gegen den vornehmlich deutschen Austeritätskurs.
Dieser Sieg war nicht zuletzt auch deshalb möglich, weil die Solidarität der restlichen Europäer fehlte. Zwar gab es hierzulande Stimmen, die den griechischen Ruf nach Selbstbestimmung und Menschenwürde mittrugen, doch ein Großteil der Bürger war zu beschäftigt mit Meldungen über mögliche Kosten, die aus der Krise entstehen könnten. Weiterlesen

In den Sternen

“Mit Würde auf der Welt zu sein heißt, jeden Tag sein Horoskop zu korrigieren.” (Umberto Eco)

Keine Klatschzeitschrift, kein Lokalblättchen, das ohne Horoskop auskäme.
Zwar verzichten die seriöseren Tageszeitungen auf Zukunftsprognosen für ihre Leserschaft, aber auch Blättchen wie „BILD“ erfreuen ihre Leser gerne mit dem kurzen Blick in die Sterne.
Das Online-Angebot von BILD umfasst zudem Einblicke in Tages-, Monats- und Jahreshoroskop, eine „Sexfaktor-Typologie“, ein Erotik-Horoskop, ein Party-Horoskop und ein Wellness-Horoskop.

Werbung macht hier „Viversum“ als Anbieter dieser umfassenden „Lebensberatung“ und verspricht auf einem blinkenden Banner: „Astrologen kennen schon heute Antworten auf Ihre Fragen“.
Der Klick auf das Gratisangebot führt zum Online-Portal von „Viversum“ und lockt:

„Was erwartet Sie 2016?
Finden Sie 2016 Ihre große Liebe? …Erfahrene Kartenleger, Astrologen, Hellseher und Wahrsager wissen schon heute, was das neue Jahr für Sie persönlich bereit hält….“ Weiterlesen

Dunkle Zeiten

Letzte Nacht war es zum ersten Mal merklich kühler, der Winter steht vor der Tür.
Es wird schon am späten Nachmittag dunkel und wer kann, der schaltet jetzt das Licht ein, brüht mithilfe des Wasserkochers einen Tee auf, setzt sich gemütlich vor Laptop oder Fernseher, dreht langsam die Heizung auf oder lässt sich am Abend ein Bad ein.

Weitestgehend unbemerkt bleiben die, die nicht können.

Obwohl Energiearmut und Stromsperren immer häufiger werden, ist dieses Thema in Politik und Medien kaum präsent.
Einzig „Die Linke“ hat sich, wie jedes Jahr in den letzten Jahren, gegen die Stromsperrung ausgesprochen, nachdem sie bereits im Dezember 2014 einen Antrag beim deutschen Bundestag eingereicht hat, in dem sie ein Verbot der Stromsperren veranlassen wollte.
Wie erwartet wurde dieser Antrag abgelehnt (beinahe selbstverständlich: CDU/CSU sprachen sich dagegen aus, ebenso die SPD. Lediglich die Grünen enthielten sich.)
Gleiches widerfuhr dem Antrag auf Senkung der Stromsteuer.

352.000 Menschen waren im Jahr 2014 ohne Strom und damit mehr als in den Jahren zuvor.
Damit ist Deutschland Europameister im Strom sperren.
War es schon vor der Energiewende und der daran geknüpften EEG-Umlage für viele schwer, ihre Stromrechnung zu begleichen, so hatte diese Strompreiserhöhung gerade für Geringverdiener, Mini-Jobber, Rentner, Transfergeldempfänger katastrophale Folgen. Weiterlesen

„Sterbehilfe“ – Ein Euphemismus

Am 06.11.2015 will der Bundestag über eine mögliche Neuregelung zum Thema „Tötung auf Verlangen“ abstimmen.
Liest man sich durch Foren, Beiträge diverser Journalisten, zappt durch Polit-Talks, so scheint die Haltung der meisten klar.
Eine Neuregelung wird bejubelt, quasi herbeigesehnt.

Und ich muss an dieser Stelle einräumen:
Über Jahre klang der Euphemismus „Sterbehilfe“ auch für mich wie eine soziale Wohltat.
Auch ich war überzeugt davon, dass wir als Sozialstaat mit dem Anspruch, Menschenrechte hochzuhalten, doch sicherlich nur das Beste für Kranke, Alte, Sterbende wollten, wenn wir diese von ihrem Leid erlösten.

Aber ich glaubte damals auch noch, dass ich mit einem Lächeln die Welt verändern könnte, dass Menschen im Kern gut seien und jeder sein Bestes täte.
Ich glaubte an die Heilsversprechen von Chancengleichheit, gelungener Emanzipation, war überzeugt davon, in einer phantastisch funktionierenden Demokratie zu leben und hielt Armut in unserem Land für ein Gerücht.

Kurzum: Ich war naiv. Weiterlesen

Zwischen Wahrheit und Wahrnehmung

Ich möchte in diesem Beitrag die Frage aufwerfen, inwieweit das medial gesponnene Sommermärchen einer gutherzigen, großzügigen und grenzöffnenden Kanzlerin der Realität entspricht.

Selbstverständlich ist es in einem politischen Beitrag müßig, über „Wahrheit“ zu diskutieren.
Jede Wahrheit fußt in erster Linie auf subjektiver Wahrnehmung.
Physiologisch betrachtet ist unsere sensorische Wahrnehmungsfähigkeit beschränkt.
Visuell auf bestimme Farben, akustisch  auf bestimmte Frequenzen.
Auch der menschliche Geruchssinn ist, im Gegensatz zu dem vieler Tierarten äußerst begrenzt.
Auf psychologischer Ebene nehmen wir alle neuen Erfahrungen durch die Brille bereits gemachter Erfahrungen wahr, sind, entgegen häufig anders lautender Behauptungen, gar nicht fähig, „objektive“ Beobachtungen zu machen, sondern auf Subjektivität beschränkt.
Und philosophische Ansätze zur Wahrheitsfindung gibt es zuhauf, wobei jeder These, so durchdacht sie auch sein mag, eine Antithese entgegensteht.

„Die eine Wahrheit“, sie existiert schlicht nicht.

Was wir gerne „Wahrheit“ und „Realität“ nennen ist oft nicht mehr, als der kleinste gemeinsame Nenner, auf den alle Beteiligten sich einigen können.

Wenn wir also „Wahrheit“ im politischen Sinne hinterfragen wollen gilt es, ähnlich wie in der Wissenschaft, dies durch Verifikation und Falsifikation zu tun, um am Ende der Debatte wenigstens den Kern der Aussage beweisen oder widerlegen zu können.

In diesem Falle geht es mir um das medial entworfene Bild Merkels als „Grenzöffnerin“ und Personifikation der „Willkommenskultur“ und die mediale Selbstinszenierung Merkels einerseits, und den Vergleich mit tatsächlich von ihr getroffenen politischen Entscheidungen andererseits. Weiterlesen

„Sehe ich krank genug aus?“

Sie steht wieder ins Haus, die turnusmäßig alle zwei Jahre stattfindende „Amtsärztliche Begutachtung zur Feststellung der Erwerbsfähigkeit“ und wie üblich bleibe ich in der Nacht vorher schlaflos.
Es ist jetzt vier Uhr Morgens und die innere Anspannung, die sich in den letzten Tagen vor allem in schlechter Laune, Verstärkung der Depression und damit einhergehenden Müdigkeit zeigte, in Anspannung und Hang zu selbstverletzendem Verhalten, sie nimmt langsam ab.
„Noch ein paar Stunden, dann ist es eh vorbei“ beruhigt mein Kopf.

Und doch bleibt der Bürokratieirrsinn, der diesem Termin innewohnt, bestehen.

Eine, mir fremde, Ärztin (es mag in anderen Fällen ein Arzt zuständig sein) lässt mich vorstellig werden, um dann in kurzem Gespräch von höchstens 15 Minuten festzustellen, ob ich nicht doch arbeitsfähig sein könnte.
Nicht nur, dass jeder seriöse Arzt angesichts der Möglichkeit, dies in einer Viertelstunde können zu sollen, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde, es ist auch für mich ein Graus.
Eine physische Erkrankung manifestiert sich sichtbar, lässt sich auf Röntgenbildern sehen, mit Bluttests feststellen.
Die psychische Erkrankung versteckt sich hinter der Maske physischer Funktionalität.
Und so gehen mir vor dem Termin absurde Dinge durch den Kopf:

„Sehe ich krank genug aus“?

Wie krank muss ich aussehen, oder wie genau sieht man als Depressive wohl krank aus?
Ich lebe mit dauerhaften, seelischen Schmerzen, die physischen Schmerzen in nichts nachstehen, zumindest im persönlichen Vergleich. Weiterlesen

Herrschaft Angst

(Auch veröffentlicht auf StarkeMeinungen.de)

 

Es ist ein Kreuz mit der Angst.
Da hat sie uns als evolutionäre Errungenschaft über tausende Jahre das Leben und den Fortbestand ermöglicht, nur um uns heute vor allem ihre hässliche Fratze zu zeigen.
Schaut man sich in der Gesellschaft um, fast könnte man Angst vor der Angst bekommen.

Wo es früher galt, dem Raubtier zu entkommen, einer realen, physischen Bedrohung, erlebt eben im akuten Moment der Angst, macht heute vor allem die mögliche, die potenzielle Bedrohung Angst.
Und die lauert überall.
Alles ist vorstellbar und so wirkt auch alles bedrohlich.

Das Fahrrad, von dem man fallen könnte: Potenziell gefährlich. Und so wird selbst politisch über Helmpflicht debattiert. Denn wenn der Deutsche Angst hat, braucht es Gesetze. Meist bringen die nicht viel, doch blinder Aktionismus beseitigt, zumindest temporär, die schlimmsten Ängste für eine Weile.

Das Auto: Eine potenzielle Todesfalle. Und so sorgen Gesetze für Sicherheit mit Airbags, vorne, hinten, seitwärts. Tempolimits, Gurtpflicht, Schilderwald hat der kluge Gesetzgeber noch als kleines Bonbon zum Verkehrssicherheitspaket hinzugefügt.

Überhaupt ist selbst das Leben außerhalb des öffentlichen Rahmens ein permanenter Drahtseilakt der tödlich enden kann, wenn man nicht angemessene Vorsorge betreibt:
Leitern, Steckdosen, Gasthermen sind angsteinflößende Gegenstände der Moderne.
Dank Staat sind Gasthermen genormt, werden jährlich inspiziert und Steckdosen sind im Falle größter Ängstlichkeit mit Kindersicherung erhältlich oder wahlweise mit speziellen Blinddeckeln verschließbar.
Für die Leiter hat der Staat noch keine ausreichende Regulierung gefunden, obwohl ich überzeugt bin, dass Notfallpläne, die die Anzahl der Stufen auf zwei begrenzen, bereits in irgendwelchen Schubladen schlummern. Irgendein „tragischer Einzelfall“ wird schon für ausreichend Hysterie im Lande sorgen, um umgehendes politisches Handeln erforderlich zu machen. Weiterlesen

Und sie bewegt sich doch!

„Und sie bewegt sich doch“ (Galileo Galilei)

Nein, hier ist nicht die Erde gemeint, denn das kopernikanische Weltbild hat sich lange durchgesetzt, ist bewiesen und Teil der Allgemeinbildung geworden.

Tatsächlich beziehe ich mich auf die deutsche Regierung, allen voran auf Frau Merkel, der Meisterin der Hinhaltetaktik, der Politik der kleinen, kaumt sichtbaren Schritte, von denen viele rückwärts gemacht werden und für die auf der Stelle treten noch zum Sprint umgedeutet wird, wenn die PR-Abteilung dies gebietet.
Die Kunst des Schweigens, des Aussitzens, Abwartens, selbst Kohl hatte sie nicht derart perfektioniert.
Und doch geschehen gelegentlich Dinge, die das Reden und Handeln nötig machen.
Und sie müssen offensichtlich geschehen, im Übermaß, um eine Kanzlerin, die nicht vorausschauen und gestalten möchte, zum Reagieren zu nötigen.
Wie, nicht zum ersten Mal geschehen, in der derzeitigen Flüchtlingsdebatte.

Die Flüchtenden sind nicht vom Himmel gefallen, sind nicht überraschend und über Nacht in Italien, Ungarn, Österreich, Deutschland, Griechenland aufgetaucht, ohne Grund und Anlass.
Frau Merkel lässt sich dieser Tage für ihre Grenzöffnung feiern, die internationale Presse springt auf den Zug auf und verpasst einmal mehr, die jetzige Situation als das zu begreifen, was sie ist:

Der Beweis für eine träge, wenig vorausschauende Politik einer Kanzlerin, die nicht gestaltet, nicht agiert sondern sich lediglich auf das Nötigste beschränkt. Von der Finanzkrise über Flüchtlingselend, kein Problem wäre groß genug gewesen, mehr zu tun als zu reagieren, auszusitzen, abzuwarten und am Ende nur zu tun, was nicht mehr zu vermeiden ist.
Dies aber mit einer gut geölten PR-Maschinerie und so wenig inhaltlich untermauerter Aussage wie möglich, immer ein wenig verspätet, da sich so die Erwartungshaltung der Mehrheit erkennen lässt, damit der eigene Thron, das geschaffene Selbstbild, nichts ins Wanken geraten möge.

Doch es war nicht Frau Merkel, die die Grenzen öffnete. Weiterlesen

Es brennen Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland

Ich habe mit einem Artikel zum Thema „Flüchtlinge“ lange gerungen. Warum? Vermutlich ein Gemisch aus der Schockstarre, die die rasant fortschreitende Verschärfung der Lage hierzulande mit sich brachte, das Entsetzen über fast tägliche Übergriffe auf Flüchtlinge, seien sie nun verbaler oder tätlicher Natur. Empörung über den Mangel an Empörung seitens der Politik, die außer wenigen, lauen Verlautbarungen weit schweigsamer war, als es die „Nous sommes Charlie“ – Fraktion, die sich sonst gern für medienwirksame Anteilnahme feiern lässt, hätte vermuten lassen.
Im Nachbarland aktiv Anteilnahme heucheln ist offensichtlich leichter, als konkretes Handeln wo Handlungsbedarf besteht.
Auch die scheinbare Normalität, mit der Menschen, teils sogar mit Klarnamen, ihren Hass im Netz verbreiten, die tägliche Konfrontation mit der zunehmend radikalisierten Menschenverachtung, sie hat mich tief getroffen.

Es brennen Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland

Und doch sieht der Mob, von Pegida über NPD, sowie den Rest „besorgter Bürger“, vor allem die „Asylflut“ (sick) als Bedrohung.

Es brennen Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland

Und doch trinkt Sigmar Gabriel lieber ein Bier mit Til Schweiger, der bei Maischberger als genialen Plan gegen rechte Demonstrationen schon mal eine Verfassungsänderung fordert und das Versammlungsrecht ganz abgeschafft sehen will, während ganz zufällig Fotografen anwesend sind um für PR zu sorgen, als sich konkret zu distanzieren von den „besorgten Bürgen“.

Wäre auch eher schwierig, diese Kehrtwende zu vermitteln, war es doch Gabriel, der PEGIDA, die Bewegung „besorgter Bürger“, wie sich Nazis heute lieber nennen lassen,  mit seiner Anwesenheit beehrte, immer darauf hinweisend, man müsse ihren „Sorgen“ Gehör schenken. Weiterlesen

Freier Wille in Zeiten „sozialer“ Marktwirtschaft

Es gibt Momente im Leben, die einschneidend sind, Weggabelungen an denen das Schicksal oder man selbst Weichen stellt von denen man weiß, dass sie entscheidend sind für alle kommenden Jahre, in denen man sich an eben diesen Moment erinnern wird, noch unsicher, ob reuig oder zufrieden.

In diesen Momenten sind auch die alten Entscheidungen wieder so präsent, als hätte man sie gestern gefällt.
All die Vorkommnisse, die das Jetzt und Hier erst ermöglicht haben.
In dieser Woche wird ein derart einschneidendes Erlebnis für mich Realität und auch wenn ich damit hadere, so scheint es doch die einzig richtige Entscheidung zu sein. Weiterlesen

Krieg oder Frieden?

Europa erlebt, so wird es derzeit propagiert, die längste Friedensperiode seiner Geschichte.
Und ja, Europa gilt als Wirtschaftsmacht. Der Abbau der Grenzen und die Konzentration auf Handel und Wirtschaft, innerhalb Europas ebenso wie im Export nach Übersee, haben kurzzeitig den Eindruck erwecken können, der Schlüssel zu Frieden sei gefunden. Es werden keine Bomben über Europa abgeworfen und trotz blühenden Rüstungshandels auch keine Panzer und Drohnen im Raum Europa genutzt. (Außerhalb Europas ist dies dann wieder eine andere, recht ruhmlose Geschichte).

Aber herrscht hier Frieden? (Als alte Sprachfetischistin möchte ich dann auch immer fragen, ob Frieden überhaupt „herrschen“ kann, oder ob nicht überall da, wo jemand oder etwas „herrscht“ nicht zwangsläufig Macht und damit Kriegspotenzial gegeben ist).
Oder ist unsere Unterteilung in Krieg und Frieden auf Basis herkömmlicher Definitionen nur gnadenlos veraltet? Weiterlesen

Landesverrat? Verrat an demokratischen Grundrechten!

Seit Jahren steht Netzpolitik.org mit gutem und gut recherchiertem Journalismus dafür ein, dass das Internet frei bleibt.
Das Bewahren der Netzneutralität sowie ein freier Zugang der vernetzten Bürger zu Informationen sind Hauptanliegen des Journalisten  Markus Beckedahl und des Berufsbloggers Andre Meister.

So finden sich auf dem Blog dann auch Artikel über die neue französische Geheimdienstgesetzgebung, die dem Geheimdienst tiefgreifendere Überwachungsbefugnisse einräumt, Beiträge über BND-Überwachungen, Berichterstattung zum ewigen ThemaNetzneutralität sowie den politischen Bemühungen, diese zu unterwandern und auch Blogpostswie „Wie die Bundesnetzagentur Geheimdienst-Spionage aufklären wollte, aber vom Kanzleramt daran gehindert wurde“.

Ganz offensichtlich nicht die einzige Form der Aufklärung, die dem Kanzleramt sauer aufstößt.

Auch Heiko Maas‘ wankelmütige Haltung zur Vorratsdatenspeicherung sowie Generalbundesanwalt Range, dessen Aufklärungswille in Sachen NSA sich ganz offensichtlich inengen Grenzen hält, wurden auf Netzpolitik.org unter die Lupe genommen. Weiterlesen

Streitschrift für das Tabu

Der folgende Text entstand aus der Idee heraus, in klassischer Debattenkultur Pro und Contra eines Themas zu beleuchten und ich freue mich, Stefan Schett dafür gewonnen zu haben, sich in seinem Text gegen das Tabu einzusetzen.

Wenn wir heute über Tabus diskutieren, kommen wir nicht umhin uns zu fragen, ob wir uns in unserer scheinbar aufgeklärten und vorgeblich liberalen Zeit überhaupt noch mit nennenswerten Tabus konfrontiert sehen.

Sexualität ist in, früher verpönten und heutzutage doch eher harmlos anmutenden, Ausführungen in Form tiefer Dekolletés, nackter Beine, aufreizender Kleidung, omnipräsent.
Und auch zu Pornographie, früher verschämt unter der Ladentheke weitergereicht, besteht heute, nicht zuletzt dank Internet, freier Zugang und ein weit entspannteres Verhältnis.

Können wir deshalb annehmen, dass tatsächlich eine tiefgreifende und nachhaltige Enttabuisierung stattgefunden hat? Oder ist es nur eine neue Gesellschaftsnorm mit eigenen Tabus, neuen Spielregeln, im alten Gewand?

Eine Facebookfreundin postete vor nicht allzu langer Zeit ein altes Gemälde, das eine füllige Frau in aufreizender Pose und voller Schambehaarung zeigt und wurde daraufhin mehrfach „entfreundet“.
Man störte sich nicht an der Nacktheit, sondern vielmehr an der zur Schau gestellten Schambehaarung, die hier u.a. Assoziationen von „DDR“ und „Nazideutschland“ wachriefen.
Es fiel der Vorwurf, sie sei „reaktionär“.
Der Versuch, dieser Logik zu folgen muss also lauten: Frauen damals trugen Schamhaar völlig schamlos, wer also heute Schamhaar zur Schau stellt, ist reaktionär und teilt das damalige politische Weltbild. Weiterlesen

Streichelzoo

Während Frau Merkel erfolglos versucht zu „menscheln“ und vor laufender Kamera ein Flüchtlingskind streichelt, ohne dabei viel menschlicher zu wirken als der Terminator, während sie zeitgleich das Projekt Europa an die Wand fährt mit einer ebenso unmenschlichen wie politisch unsinnigen Austeritätspolitik, deren neu vereinbarte Einschnitte in den griechischen Haushalt eine wachsende humanitäre Katastrophe erwarten lassen, mitten in Europa, mitten in Wohlstand und Reichtum, mehren sich viel leiser und unbemerkter die Nachrichten über Brandanschläge und ähnliche Übergriffe auf Flüchtlingsheime.

Man darf sich auch hier durchaus fragen, welchen Anteil die derzeitige Politik an dem Erstarken des rechten Randes hat.

Wenn die Leitfigur der „Leitkultur“ angesichts des Flüchtlingselends, der Verzweiflung und einer mangelnden Zukunftsaussicht kaum mehr zu bieten hat, als hohle Phrasen und eine Streicheleinheit, wie kann vom politikfernen, medial indoktrinierten Menschen ohne nennenswerten Intellekt erwartet werden, mit der Flüchtlingsproblematik besonnener umzugehen?

Der technokratische Führungsstil Merkels, ständig verteidigt unter dem Deckmäntelchen rationaler Entscheidungen, die als einzige „die Realität“ im Auge hätten, er wirkt doch realitätsfern und unbeholfen, einmal mit den Konsequenzen des eigenen Handelns konfrontiert.
Die Realität der Kanzlerin ist eben fern der Lebensrealitäten derer, die das Ergebnis rechtskonservativer Politik zu tragen haben. Weiterlesen

OXI

Die ersten Hochrechnungen sind da, die Mienen der Berichterstatter des öffentlich-rechtlichen Fernsehens tragen offen Trauer zur Schau.
Immer wieder wird die Frage wiederholt, wie das passieren konnte.
Immer wieder wird suggeriert, das „Nein“ der Griechen sei ein „Nein“ zu Europa, dass es „den Griechen“ (sic) darum ging, nicht sparen zu wollen.

Das OXI jedoch ist kein Nein zu Europa. Es ist lediglich und ausschließlich ein Nein zu einer Austeritätspolitik, die schon lange nachweislich gescheitert ist.

Sie können einem Menschen, der nichts mehr hat und von einer wachsenden Schuldenlast erdrückt wird, nicht zum Sparen raten. Er hat einfach nichts mehr zu sparen.
Man kann einem nackten Mann nicht in die Tasche greifen.

Was hier permanent unter den Tisch gekehrt wurde, und ja, hier muss man propagandistisches Vorgehen anprangern, ist die Tatsache, dass „Sparen“ in diesem Falle das Ausbluten der Ärmsten verlangte. Das ist die direkte Übersetzung der schönenden Begriffe “Reformen” und “Sparen”, als gäbe es nocht etwas zu sparen: Rentenkürzungen, Kürzungen von Sozialleistungen, Kürzungen im Gesundheitssystem. Sie mögen es gelesen haben oder nicht, aber die Suizidraten sind gestiegen, die Zahlen derer, die sich eine angemessene Gesundheitsfürsorge nicht mehr leisten können sind gestiegen, die Säuglingssterblichkeitsrate ist gestiegen. DAS ist mit Sparen gemeint, wenn der Vorwurf fällt, die griechische Regierung wolle nicht sparen. Übersetzt ist dies der Vorwurf, die Regierung wolle Teile seiner Bevölkerung nicht der Austerität opfern. Weiterlesen

Es ist angerichtet

“Wohltätigkeit ist das Ersaufen des Rechts im Mistloch der Gnade.” (Johann Heinrich Pestalozzi)

Die Organisation „Die Tafel“ ist, von Ort zu Ort und Stadt zu Stadt, unterschiedlich aufgestellt, deshalb einige Worte vorweg hinsichtlich der Tafel-Strukturen vor Ort:

Hier sind die Hilfsbedürftigen, nachdem sie ihren Anspruch nachgewiesen und den bürokratischen Teil hinter sich gebracht haben, in zwei Gruppen aufgeteilt: A und B.
Diese wechseln sich wöchentlich ab, so dass jede Gruppe alle zwei Wochen des Mittwochs für Lebensmittel anstehen darf, die von Supermärkten und Bäckereien der Umgebung abgegeben wurden. Das Los entscheidet darüber, welche Nummer man beim nächsten Besuch hat, was nicht ganz unwichtig ist, denn eine hohe Nummer bedeutet nicht selten, dass Obst und Gemüse, an denen es oft mangelt, bereits vergeben wurden. Selber habe ich schon erlebt, dass ich als eine der Letzten noch zwei Bananen, eine Dosensuppe und Brot und Brötchen erhielt. Überhaupt sind Backwaren das Einzige, das nie zu knapp wird.

Bevor ich Ihnen nun von einigen Erlebnissen dort berichte gilt es erst einmal, das politische Konstrukt „Tafel“ in seiner Entstehung und Funktion näher zu beleuchten.

Vielleicht ist es für einige schon aussagekräftig genug zu erfahren, dass es u.a. die
Unternehmensberatung McKinsey war, die das Konzept der Tafeln mit konzipierte. Ein neoliberaler Anschlag gegen den Sozialstaat, der im Stillen stattfand, wärmstens versteckt unter dem Deckmäntelchen der Nächstenliebe. Weiterlesen

Terrorismus und die Rolle der Medien

Die SZ fragt heute: “Machen sich Journalisten zu Handlangern des internationalen Terrors, indem sie groß über die Anschläge berichten?” und “Wie sollten Medien über Terror berichten?”
Angesichts der Berichterstattung rund um die Anschläge in Tunesien eine gute Frage. Und diese wird, wie die SZ ebenfalls bemerkt, nicht zum ersten Mal gestellt. Wie mediale Berichterstattung und Terror sich gegenseitig befeuern habe ich bereits in einem Gastbeitrag auf Bernhard Torschs Blog “Der Lindwurm” unter die Lupe genommen, nachdem die Attentate in Paris und Kopenhagen die Presselandschaft erschütterten. Deshalb zum Thema noch einmal damaliger Artikel, da er nichts an Aktualität eingebüßt hat:

Zu den Attentaten in Paris und Kopenhagen ist viel geschrieben worden. Viel Reißerisches, zu viel für mein Verständnis, aber auch einige gute Beiträge wie z.b. der Blog-Beitrag des Lindwurm,“Der Zauber des Kailifats” und der unbedingt lesenswerte Artikel von Georg Seesslen, “Beginnend mit Worten, endend mit Blut”, der wohl spannendste Versuch bisher, die Ursachen für Terroranschläge dieser Art in Europa, verübt durch junge Menschen mit Migrationshintergrund, aber im jeweiligen Land geboren, zu erklären. Europäer von Geburt und dennoch offensichtlich so fremd im eigenen Land, dass die Perspektive, die jede denkbare eigene Zukunft bietet, nicht wert ist, das eigene Leben zu erhalten. So fremd, dass der Hass sogar den stärksten menschlichen Instinkt, den Überlebenstrieb, außer Kraft setzt. Die Frage danach, woher Hass und Entfremdung kommen wird in obigen Artikeln schon detailliert untersucht.

Mich treibt vor allem die Frage um, welchen Anteil Medien und Berichterstattung an der Zuspitzung der Geschehnisse haben. Weiterlesen

Politik ist nicht alles, aber alles ist Politik

Eine gute Regierung ist wie eine geregelte Verdauung; solange sie funktioniert, merkt man von ihr kaum etwas. (Erskine Caldwell)

Neulich auf Facebook entflammte eine Debatte darüber, ob und warum manche denn alles politisieren müssten und ob man nicht einmal ohne Politik auskommen könne.
Ich warf ein, dass alles Politik sei.
Dass der Mensch als soziales Wesen, ob er nun wolle oder nicht, damit auch zwangsläufig ein politisches Wesen sei, und erntete Unverständnis.
Die Entrüstung war groß, schließlich gäbe es doch viele private Bereiche, die mit Politik nichts zu tun hätten.
„Nennen Sie mir einen“, bot ich an.
Die simple und zu erwartende Antwort folgte prompt:
„Sex“.
Tatsächlich möchte man meinen, der private Raum sei eben privat.
Dem ist jedoch nicht so. Was hängt am Sex nicht alles, was politisch wäre:
Familienpolitik, Sozialpolitik, Wohnungspolitik.

Sehen Sie, um Sex zu haben müssen schon diverse Vorbedingungen erfüllt werden.
Gut wäre, Sie hätten eine Wohnung.
Nicht nur, dass diese simple Tatsache Ihre Chance auf einen potenziellen Sexualpartner maßgeblich erhöht, sie ist auch eine Frage der Politik.
Die politischen Entscheidungen, wer wo wohnen kann, soll und darf, treffen wir nicht privat.
Auch die Entscheidungen, die zur Höhe Ihrer Löhne führen, die dann erst mitentscheidend sind, wenn es bei Ihrer Wohnungssuche darum geht, welche Wohnung in welchem Stadtteil denn bezahlbar ist, obliegt nicht alleine Ihnen und ist ein Politikum. Weiterlesen

Die Monarchie ist tot. Es lebe die Demokratie!

Kaum waren die Hochzeitsbilder der schwedischen Royals via Live-Übertragung und Tagesschau publik gemacht worden (in der altehrwürdigen Tagesschau, dem immer noch als seriös geltenden Fossil deutscher Nachrichtenlandschaft, gab es die Bilder inklusive Begeisterung über eine Braut in „weißer Spitze“, womit das Weltgeschehen wie immer auf den Punkt gebracht wurde) gingen mit Evelyn Roll von der SZ die royalen Pferde durch:

„Angela Merkel – Die stille Königin“

So schwärmt die Journalistin, deren Artikel im Feuilleton deutlich besser aufgehoben gewesen wäre, im Artikel dann auch:
„Sie ist die mächtigste Frau der Welt, die informelle Königin von Europa.“

Ganz dieser Ideologie folgend schäumt der gesamte Text über vor unterwürfiger Huldigung der Kanzlerin, ganz wie es zu anderen Zeiten Monarchen gebührte.
Kritischer Journalismus, ein Eckpfeiler der Demokratie, erkämpft in jahrelanger Mühe, noch heute nicht überall selbstverständlich, hinweggefegt mit wenigen Sätzen die mich Schamgefühle ob meines eigenen Östrogengehalts entwickeln ließen.
So beschäftigt sich der Text mit der Frage nach Frau Merkels Garderobe, ihrem Auftreten, der „Kanzlerinnenraute“, dem Rätsel um die Bedeutung ihrer nicht vorhandenen Handtasche (um Margaret Thatcher nicht allzu ähnlich zu wirken) und dann mit der Frage, ob Frauen „mit Macht besser umgehen können“.
Dies ist, wie auch im Text selber angemerkt, tatsächlich sexistisch. In beide Richtungen.
Nicht nur wird die Geschlechterfrage über die inhaltliche gestellt, was Männer und Frauen gleichermaßen diskriminiert, auch der restliche Text degradiert die Journalistin selber, und damit die Frau an sich, zu einem Menschen, der sich um nichts Wichtigeres zu sorgen weiß, als um Handtäschchen, Garderobe und Oberflächlichkeiten.
Ein unglaublich vereinfachter und einseitiger Blick auf ein Amt und eine Person, die mehr ist als nur die „erste Frau im Kanzleramt“.
Im Falle von Frau Roll ist diese Frage jedenfalls mit einem klaren „Nein“ zu beantworten, denn die Macht des Journalisten liegt in seiner Möglichkeit, den Leser über Inhalte aufzuklären, kritisch zu sein, zu hinterfragen. Weiterlesen

Die Subjektivität der Ästhetik

Vor einigen Tagen stolperte ich über einen Beitrag von Claudia Braunstein, die regelmäßig auf Fisch&Fleisch bloggt, meist über ihre zurückliegende Krebserkrankung, und deren Einlassungen ich schon einige Male mit Interesse gelesen habe.
Diesmal jedoch ließ mich der Text ein wenig zornig zurück, ist er doch Ausdruck für so Vieles, das in dieser Gesellschaft aus dem Ruder läuft.

Der Titel des Beitrages fasst zugleich auch den Inhalt zusammen: „Einen postmenopausalen Körper sollte man nicht mehr in einen Bikini stecken“.

„Sollte“? Sagt wer?
Die Deutlichkeit, in der hier der vielbeschworene Freiheitsanspruch, den die westliche Welt für sich geltend macht, ad absurdum geführt wird, ist nicht zu überlesen.
Dies gilt in gleichem Maße für den, auf die eigenen Fahnen geschriebenen, Feminismus und die Dauerpredigt von Toleranz.
Ich finde man sollte sich dem alter entsprechend kleiden“ lautete dann auch der Kommentar einer anderen Dame.
Als hätte es den Kampf gegen das Modediktat für Frauen nie gegeben.
Als hätte jemand das Rad der Zeit zurückgedreht, den Kampf um Minirock, Bikini und eine selbstverständlichere Sexualität für Frauen wieder eingemottet, eingetauscht gegen Prüderie und Zwang.
Das so verherrlichte Körperbild ist, wie die meisten anderen Gesellschaftserscheinungen, wenig mehr als die Verkörperung der vermeintlichen Tugenden, die eine Gesellschaft zum Ideal erhebt. Unseres verdeutlicht recht unverblümt den gesellschaftlichen Konsens, Disziplin, Unterordnung, Perfektionismus und Kontrolle zu „verkörpern“. In der Verachtung, die dem Unwillen oder der Unfähigkeit sich zu fügen folgt, zeigt sich auch unser Umgang mit dem Scheitern an sich.
Der Leistungszwang hat seinen Weg gefunden, noch in die privatesten Räume des Menschen vorzudringen, denn privater als die persönliche Körperlichkeit ist kaum möglich. Weiterlesen

Flatrate

Wer der Meinung ist, dass man für Geld alles haben kann, gerät leicht in den Verdacht, dass er für Geld alles zu tun bereit ist. (Benjamin Franklin)

Vom Diskothekenbetreiber zum Bordellbesitzer, sie alle wissen, was das Konsumentenherz dieser Tage höher schlagen lässt:
Die Flatrate
Es ist, in Zeiten von schnellen Bahn- und Flugverbindungen, Führerschein und Auto heute so, dass Mensch kaum noch Zeit hat zwischen Arbeit, IPhone und hektischer Betriebsamkeit. Selbst noch an Feiertagen wird das Programm straff durchorganisiert.
Effizientes Zeitmanagement bis in den privatesten Lebensraum.
Und gerade weil die Zeitnot so groß ist, muss die spärliche Freizeit mit möglichst großem Gewinn und möglichst kostensparend genutzt werden.
So wirbt von der Großraumdisko über die kleine Kneipe alles mit „Flatrate-Saufen“ und günstigeren Cocktails zur „After-Work-Hour“.
Wer möglichst viel kippt innerhalb kürzester Zeit hat bekanntlich mehr vom Abend und von seinem Geld.

Und weil das Geschäft mit den Flatrates so phantastisch läuft, springt auch so mancher Puffbesitzer auf den Schnellzug auf.
Opa freut es, wenn er für seine karge Rente so oft am Abend darf, wie er noch kann.
Und jeder Sparfuchs hält hundert Euro am Abend, inklusive Grundbewirtung und über unterschiedlichste Frauen rutschen für sein gutes Recht.
Der Kunde ist König, selbst wenn er sich benimmt wie ein Bauer. Weiterlesen

Brave New World

Zugegeben, ich bin nicht mehr das naive Mädchen, das ich sogar mit Mitte zwanzig noch war. Das glauben konnte, alle Menschen seien tief in ihrem Inneren gut und jeder gäbe sein Bestes. Das glauben wollte, es mangelte nur an einem Lächeln hier und da, an Mühe und Offenheit und Liebe.
Es ist viel passiert in den Jahren meines Lebens und vermutlich ebensoviel passiert in all den Jahren der Leben anderer Menschen.
Wie Funny van Dannen so schön singt: „Naiv kann man nicht werden, naiv muss man sein“, so ist nicht zurückzuholen, was abhandengekommen ist, und vielleicht wäre das nicht einmal wünschenswert, denn Scheuklappen nutzen weder mir noch irgendwem sonst.
Und doch gibt es noch die Momente in denen ich denke, dass ich die Realität noch immer nicht ganz durchschaue oder mich jemand auf dem falschen Fuß erwischt, so unerwartet, dass es weh tut.
Das hat die FAZ, das Pseudo-Linksliberale Blatt heute geschafft, als es den Geburtenschwund bemängelte.
Nicht mit dem Bedauern, die Familien würden kleiner.
Nicht mit dem Bedauern, kulturell käme uns abhanden, was neue Menschen uns bringen könnten.
Nicht mit dem Hinweis darauf, dass es uns an Bereicherung fehle.
Die FAZ ließ heute durchblicken, dass Huxleys Dystopie „Brave new world“, die ich dank meines dünnen Fells nur einige Seiten lang lesen konnte, schon näher an der Realität ist, als es sich irgendjemand hätte wünschen können.
„Brave New World“ beginnt mit einem Besuch im Labor, in dem Menschen nach Bedarf gezüchtet werden. Arbeiter, Akademiker, Elite. Was immer gerade benötigt wird, wird am Fließband gezeugt. Ein gezielt herbeigeführter Sauerstoffmangel während des embryonalen Entwicklungsprozesses schafft den Intelligenzstatus, der benötigt wird. Braucht man dumme aber funktionsfähige Arbeiter, reicht ein kurzes Aussetzen des Sauerstoffs und fertig ist der gewünschte Mensch.
Über diesen Punkt hinaus konnte ich das Buch nicht lesen, zu groß war der emotionale Tumult, den diese Vorstellung in mir auslöste. Der Mensch als Zucht- und Nutzvieh, eine Vorstellung, die heute schon realer wird, als es mir lieb ist, wenn angesichts von so viel Kinderelend fleißig Kinder nach Wunsch gezüchtet und entsorgt werden, so es den Wohlhabenden gefällt. Weiterlesen

Zu einem Beitrag auf Fisch+Fleisch oder die Inflation der Menschenverachtung

Ich habe nun einige Tage mit mir gerungen, ob ich mich zu einem, auf F+F veröffentlichten, Beitrag äußern sollte.
Solche Widersprüche haben ja immer den unschönen Beigeschmack, dass der Ursprungspost mehr Aufmerksamkeit erhält, als ihm zustehen sollte.

Auf der anderen Seite ist die dort vertretene Haltung symptomatisch für viele westliche Länder dieser Tage, deren Rechtsruck sich nur noch schwer ignorieren lässt.
Der Beitrag nannte sich „Grundsicher(ung) zum Kotzen – die Inflation der Arbeit in Österreich…“, eingestellt von „Chaos“ und las sich dann auch, wie es schon die Überschrift versprach.https://www.fischundfleisch.com/blogs/politik.html?view=entry&id=6972 Undifferenziert und getränkt von Fäkalsprache, vielen Ausrufezeichen und vor allem einer Emotion, die man von Pegida bis hin zu anderen Menschen, die sich als die besseren Bürger verstehen, immer wieder vorfindet: Empörung.

Empörung über Ausbildungsprogramme für Menschen, die die Unverschämt hatten, schon länger als erwünscht arbeitslos zu sein. Wobei sich hier leicht einwenden ließe, dass eine Ausbildung doch ein Zeichen für guten Willen darstellt, einen Platz in der Arbeitswelt ergattern zu wollen und durchaus auch Arbeit ist.
So ergeht sich denn der Text in Empörung über alles, was der Schreibenden zufolge derart faulen Menschen nicht zukommen sollte:
„…Nun gibt es mittlerweile die Grundsicherung, die für Alleinerziehende 827,82 ausmacht. Das Kind bekommt zusätzlich noch etwas. Aber dem nicht genug, haben die „Armutsgefährdeten“ Anspruch auf Mietkostenzuschuss, kriegen das Schulbetreuungsgeld des Kindes ersetzt, sind rezeptgebührenbefreit, GIS-Gebühren-befreit und wenn der Winter kalt ist, gibt es sogar noch Heizkostenzuschuss….“ Weiterlesen

Rotkäppchen 2.0

Es war einmal, vor nicht allzu langer Zeit, da begab es sich, dass Rotkäppchen, wohlgenährt und proper und von der 38 Stunden-Woche, Arbeitnehmerrechten und Sozialversicherungen optimistisch gestimmt, sich auf den Weg machte, den mit Leckereien gefüllten Korb zur Großmutter zu bringen, auf dass diese teilhaben möge am Wohlstand.
Überhaupt teilte Rotkäppchen gern, sorgte für reiche Spenden, mal aus eigener Tasche, mal erbeten von anderen Dorfbewohnern, um sie dann denen zu geben, denen sie von Nutzen sein konnten. Und so hatte es über die Jahre geschafft, die Armut fast vollständig zu beseitigen und für Zufriedenheit und Auskommen für alle zu sorgen.
Wer hungerte, dem ward gegeben, wer Durst hatte, bekam Wasser. Und auch für Obdach für beinahe alle war gesorgt.
Und so war Rotkäppchen recht sorglos, denn was gälte es zu fürchten, wenn es doch allen gut ging?
Doch war ihm angeraten worden, immer auf dem rechten Weg zu bleiben, da von rechts und von links ungeahnte Gefahren drohten, die man auf dem vorgegebenen Wege eher nicht zu befürchten hätte.
Und da Fleiß, Gehorsam, Pünktlichkeit bisher gute Dienste geleistet hatten nahm Rotkäppchen sich vor, auch diesmal Folge zu leisten und sich ordnungsgemäß von Abwegen fernzuhalten.
Nun sah Rotkäppchen aber, während es noch fröhlich pfeifend seiner Wege ging, den Wolf, der sich am Wegesrand anscheinend vor Schmerzen wand.
Rotkäppchen und der Wolf hatten in der Vergangenheit eine funktionierende Kooperation gepflegt.
Diese basierte vornehmlich auf der Akzeptanz des Existenzrechts des anderen und der stillschweigenden Einigung darüber, sich gegenseitig keinerlei Schäden zuzufügen und sich ansonsten geflissentlich aus dem Wege zu gehen.
Wo nun das Rotkäppchen den armen Wolf aber so jammernd daliegen sah konnte es nicht anders und ging auf ihn zu:
„Sag, Wolf, was fehlt dir denn, dass du so herzerweichend lamentierst? Kann ich dir behilflich sein?“ Weiterlesen

Endlich

Man schließt die Augen der Toten behutsam; nicht minder behutsam muss man die Augen der Lebenden öffnen. (Jean Cocteau)

So sehr unsere Gesellschaft auch darauf beharrt, auf- und vor allem abgeklärt zu sein, man verfängt sich beim Kratzen an der Oberfläche und näherer Betrachtung des vordergründig schönen Scheins schnell in all den Widersprüchen, die den meisten schon Gewohnheit sind.

Und so hat sich in unserer Medien – und Konsumgesellschaft trotz aller Beteuerungen, ein wissenschaftlich nüchternes Bild vom Leben zu haben, vor allem eine Angst voll ausgeprägt:
Die Angst vor der Endlichkeit

Da der Homo Ökonomikus sich vor allem als Konsument versteht, oder auch von anderen so verstanden und gehandhabt wird, wird von der Wiege bis zur Bahre konsumiert, was das Zeug hält.

Das Leben beginnt hier mit Konsum von Märchen und vor allem Kinderbüchern, die „sauber“ sind. Kein Tod, kein Schmerz, keine Behinderung, keine Sorgen weit und breit. Alte Märchen sind wohl in manchen Kindheiten das einzig nicht „kindgerechte“, nicht „saubere“, schaut man sich die wunderbaren Märchen der Gebrüder Grimm oder z.b. das großartige, nicht-disneyfizierte Original der „kleinen Meerjungfrau“ an. Dort gibt es noch das Scheitern, den Tod, Grausamkeiten, Ängste.
Wir diskutieren heute verwundert, wieso man Kindern solche Geschichten erzählte während wir unsere Kleinen in Watte packen, und ihnen jede reelle Sicht auf das Leben versperren, wo es nur geht. So habe ich persönlich als Kind das Buch „Die Brüder Löwenherz“ von Astrid Lindgren heiß geliebt. Vor einigen Monaten wollte ich es noch einmal lesen, da es als Kind solchen Eindruck hinterlassen hatte. Erschrocken las ich die Rezension einer empörten Mutter, die anprangerte, das Thema Tod in dem Buch sei für Kinder nun denkbar ungeeignet und keinesfalls zu empfehlen. Dem kann ich nur widersprechen. Ganz im Gegenteil geht Astrid Lindgren wie gewohnt sehr liebenswert und vorsichtig mit ihren jungen Lesern um.
Den vermeintlich pädagogisch wertvollen Büchern folgt das Öko-Holzspielzeug, die glutenfreie Kost und Daueraufsicht auf dem Spielplatz. Nicht, dass das Kind sich das Genick bricht bei der wilden Rutschfahrt oder im Sandkasten abhandenkommt.
Später sorgen wir dafür, dass Oma im Krankenhaus leidet und stirbt und erzählen dem Kind, sie sei auf Urlaub. Weiterlesen

Vor Ort

Medienkritik ist dieser Tage in aller Munde. Mal differenziert, wie Stefan Niggemeier sie auf seinem Medienwatch-Blog präsentiert, mal undifferenziert und populistisch wie in PEGIDAs Pöbeleien gegen die vermeintliche „Lügenpresse“
Und auch für mich ist es an dieser Stelle nicht das erste Mal, auf den Zustand der Medien, Beißreflexe von Journalisten und Berichterstattung im Allgemeinen zu sprechen zu kommen.

Gerade in den letzten Tagen drängt sich mir die Frage auf, ob und wie nah man an Katastrophen dran sein muss, um sich „ein Bild zu machen“.
Oder vielmehr: Wie nah ein Journalist mitsamt Kamerateam am Ort der jeweils aktuellen Tragödie sein muss, um uns ein Bild zu machen.
Besser noch viele Bilder.
Bilder von Betroffenen, von Angehörigen, von Wrackteilen, zerstörten Häusern, von Blutflecken der letzten Bombenopfer, von aufgereihten Särgen, Auffanglagern und hungernden Kindern.
Dies ist keine willkürliche Aufzählung sondern ein kleiner Zusammenschnitt der letzten paar Wochen, nur die Dinge, an die ich mich sofort erinnern konnte. Vermutlich fehlt noch etliches.

Dienstagmorgen begann mein Tag mit Bildern eines professionell ernst dreinblickenden Journalisten, dessen Gesicht einen Großteil des Bildes ausmachte, während er von tausenden Opfern des Erdbebens in Nepal berichtete.
Selbstverständlich vor Ort.

In einer Nachrichtensendung am Mittwoch informierte ein Journalist, ebenfalls aus Nepal, nahe der Erdbebenzone, und berichtete telefonisch, wie die Menschen im Hotel sich verkrochen und mit Nachbeben rechneten. Dann brach die Leitung für einen Moment ab. Man hätte Schlimmstes vermuten können, für einige Sekunden, dann stand die Leitung wieder.
Am Mittwochabend war der Aufmacher der Tagesschau ebenfalls Nepal, die Sendung begann mit einem allgemeinen Beitrag und dem Konterfei einer offensichtlich verzweifelten Frau in Übergröße. Weiterlesen

Nicht mein Europa

Es ist noch gar nicht lange her, da lag sich das Land in gemeinsamer Trauer in den Armen, hatte es doch 150 Tote zu beklagen, 72 von ihnen deutscher Nationaliät.
Umgekommen waren diese bei einem, höchstwahrscheinlich absichtlich herbeigeführten, Flugzeugabsturz.
Wäre dies zu verhindern gewesen mit härteren Kontrollen und Berufsverboten für Depressive? Wohl kaum, aber der gemeine Politiker übt sich gerne in blindem Aktionismus wann immer er die Chance sieht, seine Umfragewerte zu steigern, ohne dass dies Geld oder viel Mühe kosten würde.
Dass ein Berufsverbot für psychisch Erkrankte nicht nur mehr Stigmatisierung mit sich brächte, sondern auch eine größere Anzahl Erkrankter, die im Zweifelsfalle nicht mit den Zuständigen Berufsärzten sprächen, eben aus Angst vor lebenslangem Berufsverbot, wird hier gerne und geflissentlich ignoriert. Der Bürger will Sicherheiten, die es nicht geben kann. Er bekommt Überregulierung, die niemandem nützt und nur der kurzfristigen Illusion von Handlungsfähigkeit dient.

Und doch: War es nicht ein rühriger Anblick? Eine ganze Nation scheinbar vereint in kollektiver Empathie.
Im Fernsehen wurde ein Humorverbot verhängt, das Land trug Trauer.
Es könnte einem ganz warm ums Herz werden…

Wäre da nicht erneut eine Vielzahl an Flüchtlingen, ersoffen an Europas Grenzen.
900 tote Schwarze alleine am letzten Sonntag, die aus Elend, Armut, Leid zu flüchten suchten.
Heute erneut die Meldung von Toten und knapp geretteten Menschen.
Es sind mittlerweile Tausende Tote, ertrunken vor der Festung Europa. Weiterlesen

Biographisches, dem Augenblick geschuldet

Ein wenig neidisch bin ich in der Vergangenheit am Bildungstempel, dem Universitätsgebäude, vorbeigefahren, wenn ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt musste.
Das Welfenschloss, idyllisch gelegen inmitten des Welfengartens, einem prächtigen Teil der Herrenhäuser Gärten, markiert das Ende des Klassizismus und wirkt in der heutigen Nutzung weit angemessener, als der in der Zeit des Baus angedachten Unterbringung des Adelsgeschlechtes. Geschichtsträchtig. Ein Prunkbau. Zugegebenermaßen sind die An- und Neubauten nicht halb so ansehnlich und doch:
Ich stellte mir regelmäßig vor, dass es etwas Erhabenes haben müsste, dort die Stufen hinaufzusteigen und einer von denen zu sein, die sich auf den Weg ins Bildungsbürgertum machen.

Meine eigene Herkunft ist von einem mehr als bildungsfernen Elternhaus geprägt.
Ich war schon in Jugendjahren zumindest dahingehend schon immer eine Ausnahme, als dass ich wohl die Einzige in der Familie war, die gerne und regelmäßig ein Buch zur Hand nahm.
Die persönlichen Anlagen und Befähigungen sind jedoch eine Sache, die Prägung durch Familie und auch die Optionen die einem durch Gesellschaft und Elternhaus offenstehen eine ganz andere  Und so las ich, zeichnete ich, sang ich, schrieb ich schon in Jugendjahren mit viel Begeisterung, aber da der Rest meiner Familie eher nicht dazu neigte, sich zu irgendetwas ab von Glotze, gelegentlichem Grillen, Fußball oder lauter Musik begeistern zu lassen, blieb ich damit alleine. Und vor allem unterfördert wie auch unterfordert. Weiterlesen

Am Anfang war das Wort

Wer, wie ich, noch verordneten Religionsunterricht erlebt hat, der war auch irgendwann mit dem Johannesevangelium konfrontiert. Dessen erster Satz ist mittlerweile in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen:

„Am Anfang war das Wort“

(Tatsächlich heißt es im Johannesevangelium noch „im Anfang war das Wort“, jedoch würden wir dies heute so nicht mehr sagen.)

Meine Sprachaffinität und das ständige „Warum?“, das ich in meinem Hinterkopf mit mir herumtrage, ließen nicht locker.
Konnte am Anfang das Wort gewesen sein?
Was steht am Anfang allen Seins und Tuns?

Ich untersuchte meine eigene Vorgehensweise, meinen Sprachgebrauch und stellte fest, dass das Wort, so sehr ich es auch liebte, bestenfalls Mittler war.
Vor jedem Wort stand die Intention. Ein Gemisch aus Emotionen, Willen, Vorstellung, dem das Wort dann Form gibt.
Das Wort ist, in begrenzter Weise, Ausdruck unseres inneren Chaos‘.
Wir ordnen mit Worten unsere Gedanken und geben ihnen Form, schaffen damit gleichzeitig die Möglichkeit, unser Gegenüber teilhaben zu lassen.

Nichts unterscheidet den Menschen so sehr vom Tier, wie die Fähigkeit zur Sprache in Wort und Schrift.
Nichts hat die Menschheit so sehr vorangebracht  wie die Möglichkeit, Erfahrungen und Erlebnisse zu dokumentieren und der nächsten Generation weiterzureichen, so dass diese nicht dieselben Erfahrungen erneut machen musste, sondern aufbauend auf der letzten Generation weiter forschen, lernen, entdecken konnte.
Die Primatenforschung liefert da phantastische Einblicke in die Möglichkeiten aber auch die Begrenztheit der kulturellen Weiterentwicklung der Affen, da diese im besten Falle aus Erfahrung, sehen und Übernehmen vorgelebter Verhaltensweisen lernen, so dass Erfahrungen zwar von Generation zu Generation weitergereicht werden, jedoch ohne direktes Antrainieren nicht überdauern würden. Weiterlesen

Opferlamm

An diesem Wochenende feiern Christen das Osterfest, Kreuzigung und Auferstehung Christi.
Meines Erachtens ein guter Zeitpunkt, sich mit dem Hauptthema dieser Feierlichkeit, dem Märtyrertod und der Märtyrerverehrung auseinanderzusetzen.

Die Geschichte ist voll von Menschen, die für ihren Glauben, für Revolutionen, Kriege oder aber das Ende von Kriegen, ihr Leben gelassen haben.
Und wie gerne sehen wir zu denen auf, die allem Anschein nach mutiger waren als wir, tapferer und im Kampf gegen Unrecht erfolgreicher.

Die Geschichte der Opferrituale ist sogar noch älter und zieht sich durch beinahe alle Kulturen. Es wurden Ernte, Tiere und gelegentlich Menschen geopfert, um die Gunst der Götter zu erhalten.
Warum aber ist für unsere Gesellschaft, wie für so viele Gesellschaften zuvor, dafür das große Opfer, sein Leben zu geben, scheinbar so unabdingbar?
Und ließe sich mit einer anderen Haltung als der Todesverehrung nicht mehr erreichen, sachlicher und konstruktiver? Weiterlesen

Stigma Depression

Die Presse vermeldet heute:

Germanwings Co-Pilot krankgeschrieben. Durch Psychiater.

Da ist es wieder, das Bild des vermeintlich „Irren“, dessen Abnormität nicht nur befremdlich sondern auch gefährlich ist.
Ein Land schwelgt pressegelenkt in kollektiver Betroffenheit, aber was wäre dieses, vermeintlich geteilte, Leid ohne die Auflösung, die Erlösung der Betroffenen durch einen Schuldigen, der die Welt erklärt, der alles wieder ins recht Licht rückt:

„Normal und Anders“, „Schuldig und Unschuldig“, „Krank und Gesund“.

Chaos und Zufall, so will es der Mensch, kann und darf es in der Welt nicht geben.

Das Bewusstsein, dass ein Unglück aber auch Straftaten jeden treffen können, die eigene Person, die eigenen Kinder, es muss um jeden Preis verdrängt werden. Und so braucht die kollektive Einigkeit den Sündenbock, braucht den Glauben daran, sich noch die kleinste und größte Katastrophe erklären zu können.
Und so folgt die einhellige und nicht selten bigotte Einigkeit in Trauer auch diesmal wieder der Idee, dass es einen Sündenbock braucht, den man verdammen kann, um danach erneut an ewige Unversehrtheit glauben zu können.

Der fast zwanghafte Versuch, sich die Welt so einfach erklären zu können, führt diesmal zur Depression. (Nachtrag: Die noch uneinige Presse ließ wohl eben verlauten, es seien vielleicht doch keine Depressionen gewesen. Was genau, das wisse man noch nicht)
Der Verantwortliche kann schließlich nicht „normal“ sein, denn normale Menschen würden nie töten, als Geisterfahrer auf die Autobahn fahren, stalken, stehlen… bis sie es tun.

Dass es zwischen „normal“ und „psychisch krank“ mindestens ebenso viele Facetten gibt, wie sie auch in den Begriffen „normal“ und „psychisch krank“ enthalten sind, all diese menschlichen Nuancen werden für einfache Wahrheiten geopfert. Weiterlesen

Inklusion statt Selektion

Heute ist, wie an jedem 21ten März seit 2006, Welt-Down-Syndrom-Tag.

Wieder wird viel darüber geschrieben, dass und warum wir Inklusion fördern sollten.
Getan wird wenig.

Es erfüllt mich noch heute mit Zorn und Scham, wie es mir in dieser vordergründig aufgeklärten Gesellschaft gelingen konnte, keinem Menschen mit physischer Beeinträchtigung näher zu begegnen, bis ich 29 wurde.
Die Schule, die ich besuchte, war auffällig behindertenfrei.
Ebenso mein Freundeskreis, Hort, Kindergarten, die Familie.

Meine Oma hatte eine Poliobehinderung, konnte eine Hand nicht nutzen, was mir allerdings als Kind gar nicht als Einschränkung auffiel. Wie so viele Behinderungen kaum noch Thema sind, wenn man erst einmal mit ihnen umzugehen lernt.
Und diese Erkenntnis, als ich bereits Ende zwanzig war, veranlasste mich, mich näher mit dem Thema Lebensrecht zu beschäftigen.

Wie, um Himmels willen, konnte es passieren, dass eine Gesellschaft, die mit ihrem Pluralismus hausieren geht, um die eigene Wertigkeit gegenüber anderen Ländern mit Mangel an Menschenrechten zu unterstreichen, so wenig Vielfalt in der eigenen Mitte zustande bekommt?
Wie kann es sein, dass öffentlich zwar immer wieder Inklusion gefordert wird, jedoch bestenfalls halbherzig, da das Argument, dass diese zwangsweise mit Leistungsminderung der „normalen“ Schüler einhergehen müsse, noch immer im Vordergrund steht?
Die speziellen Förderschulen waren sicherlich einmal nett gemeint, sollten Schutz bieten. Jedoch bedeuten sie nicht selten Ausgrenzung für Eltern von Behinderten und auch für die Betroffenen selber. Weiterlesen

„Pleite-Griechen“ und das deutsche Armutszeugnis

Fast möchte man seinen Augen und Ohren nicht trauen, wenn man dieser Tage den Fernseher einschaltet, Zeitung liest oder durchs Internet surft.
Beinahe einhellig beschwört der Medienchor den dreisten, gierigen, faulen Griechen, der dem armen Deutschen an sein Bestes und Liebstes will:

Sein Geld.

So titelte etwa die FAZ: „Griechenland soll sich gegenüber Deutschland im Ton mäßigen”, „Politganoven“, „Die Grenzen der Geduld mit Griechenland“

Die SZ beschwor „Was Tsipras noch lernen muss“, befand: „Zu viel eitles Geschwätz, Schäuble nennt griechische Beschwerde über ihn “Unsinn”“ und entwickelte sogar hellseherische Fähigkeiten: „Drohen, pfänden – scheitern“

Die Welt wertete: „Der geniale Bluff des griechischen Winzlings“, „Was erlaube Tsipras?“ und verhalf einmal mehr Söder zu mehr Bedeutung als ihm tatsächlich zuzugestehen ist: „Warum Söder den Griechen eine letzte Chance gibt“.
Nun liegt das Schicksal der Griechen zum Glück nicht in der Hand Söders, aber eine griffige Schlagzeile ist es allemal.

Der Spiegel erklärte Alexis Tsipras per Titelseite zu „Europas Alptraum“ und zum „Geisterfahrer“

Und wenn in solch harmonischer Einigkeit gehetzt wird, darf die BILD nicht fehlen, die BILD-konforme Lösungsvorschläge zu bieten hatte: „Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen“, wie immer mit der Angst der Leser spielte: „Angst um unser Geld“ (Überhaupt ist „Angst“ eines der liebsten BILD-Schlagworte). Weiter ging es mit:  „Warum zahlen wir den Griechen ihre Luxus-Renten“, „BILD gibt den Pleite-Griechen die Drachmen zurück“ und gipfelte schließlich in der hetzerischen Frage: „Der Russe oder der Grieche, wer ist gefährlicher für uns“ [sic] und einer Mitmach-Online-Kampagne für Leser, die sich via Selfie mit einem klaren „Nein“ gegen Griechenland – Hilfen und für BILD-Hetze aussprechen durften: “Nein – Keine weiteren Milliarden für die gierigen Griechen”.

Dass Populismus wie dieser der gierigen BILD zu mehr Auflage verhilft? Sicherlich bestenfalls ein kleiner Nebeneffekt. Weiterlesen

Wider den Irrationalismus

“Ein sehr unwissendes Volk wird sich gerade wegen seiner Unwissenheit zu einer Religion voller Wunder neigen.”  (Henry Thomas Buckle, Geschichte der Zivilisation)

Es gibt dieser Tage gute, gewichtige Gründe, die Frage nach der Notwendigkeit einer Bildungsstrukturreform zu stellen.
Das Ausmaß an Anti-Aufklärerischen Tendenzen, die derzeit laut werden, sollte jeden Menschen, der Bildung für einen Eckpfeiler gesunder Gesellschaft und Demokratie hält, erschrecken.

Anti-Impfler, hysterische Esoteriker, Chemtrail-Anhänger, Verschwörungstheoretiker, die noch hinter den offensichtlichsten Fakten Mossad, Zionisten und CIA in Kooperation vermuten, die sich als Opfer „höherer Mächte“ sehen, Opfer böser Pharmafirmen, der Amerikaner und anderer „Besatzermächte“:

Sie alle glauben zu wissen.

Und sie alle glauben, es ginge um ein Meinungsdiktat, wenn eine ebenso große Anzahl an Menschen auf Fakten pocht, auf Vernunft, Wissenschaft, kausale Argumentation.
Dabei fordert niemand von ihnen, sie mögen nicht kritisch sein. Die Aufforderung, den eigenen Theorien und Glaubensdingen ähnlich kritisch gegenüberzustehen, wie den Fakten, die sie glauben verneinen zu können, gilt hier dennoch schon als illegitime Kritik an einer „Meinung“.

Einer “Meinung” jedoch sollte ein gesunder Meinungsbildungsprozess vorausgehen. Der basiert auf einer Kausalkette, die man notfalls erklären kann.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir einen Großteil der Dinge nicht mehr „glauben“ müssen, sondern uns, so wir denn zu selbstständiger Recherche und des Lesens an sich fähig sind, ein eigenes Bild machen können. Dabei scheitern die meisten dieser „kritischen Bürger“ schon an simpler Verifikation ihrer vermeintlichen „Quellen“. Weiterlesen

Ich liebe den Kapitalismus

Nachdem diese Überschrift mir nun hoffentlich die gewünschte Leserschaft eingebracht hat (und mir die Hälfte meiner Facebookfreunde gerade die Freundschaft aufgekündigt haben oder an meinem Verstand zweifeln), muss ich mich wohl erklären, denn mit dem Kapitalismus verbindet mich bestenfalls ein eher ambivalentes Verhältnis.

Aber der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel, und wenn Sie, liebe Leser, die Sie auf einen Gesinnungsgenossen gehofft hatten, nun enttäuscht sein sollten, bitte ich um Verständnis.
Es war, so gebe ich hier offen zu, ein Marketingkniff, der Sie locken sollte, meinen Text zu lesen.

Denn genau darum soll es hier gehen:
Um Werbung, Marketing, PR und den schönen Schein.

Eine alte Werberegel lautet:
„Wer nicht wirbt, der stirbt“ und „So etwas wie schlechte PR gibt es nicht.“

Dies gilt mittlerweile für alle Bereiche unserer Gesellschaft.
Es gibt nichts, das nicht verkauft würde: Gesichter, Meinungen, Sport, Politik.
Marketing ist alles im Kapitalismus.
Bedarf wecken, notfalls da, wo keiner ist:

„Wäscht nicht sauber, sondern rein“
„Backen ist Liebe“
„Nichts ist unmöglich“

Das ewige Heilsversprechen von Glück, ewiger Jugend, grenzenloser Freiheit, hübsch verpackt in Werbeslogans, präsentiert auf öffentlichen Werbeflächen, im TV, Radio, auf Wahlkampfplakaten.
So man nicht als Eremit enden möchte, gibt es kein Entkommen vor der Werbeflut. Weiterlesen

Chauvinistischer Feminismus

Vorneweg, um nicht missverstanden zu werden:

Ja, es bedarf immer noch einiger Anstrengungen, Chancengleichheit für Männer und Frauen herzustellen, vor allem in Sachen Lohngleichheit.
Und ja, auch Frauen in „klassischen Frauenjobs“, sprich Krankenhaus, Pflege, Erziehung, Service, verdienen eine Diskussion über ein angemessenes Gehalt.
Die bisherige, nicht hinnehmbare, Unterbezahlung basiert zum Teil noch auf alten, christlich-ideologischen Auffassungen darüber, dass der Dank, den man in solchen Berufen erhalte, ja Lohn genug sei und selbstverständlich kommt heute der kapitalistische Grundgedanke hinzu, der Nicht-Produktive Arbeit als gesellschaftlich wertloser erachtet.
Ein Umdenken, Sozialberufe nicht als reinen Kostenfaktor sondern als Notwendigkeit einer produktiven Gesellschaft zu verstehen, wäre wünschenswert.
Ja, es ist ein Unding, dass Frauen als Model, Schauspielerin und Prostituierte besser verdienen, als die meisten Akademikerinnen.
Und ja, auch im Hinblick auf das medial verzerrte Körperbild von Frauen ist Veränderung und Umdenken nötig.
Allein in meinem Bekanntenkreis ist die Zahl der von Essstörungen Betroffenen mittlerweile unübersichtlich hoch.
Und auch ich selber habe ein halbes Leben mit einer Essstörung gelebt.
Pubertäre Unsicherheiten waren fruchtbarer Boden für das verzerrte Frauenbild, das von den Medien schon in meiner Jugend gewinnbringend verkauft wurde.

Und dennoch:

Die Zahl der Stimmen, die dieser Tage in jeder Diskussion, jedem Thema, an jeder Ecke Frauenfeindlichkeit ausmachen wollen, scheint stetig zu wachsen oder wenigstens lauter zu werden. Zwar darf man dem medialen Getöse nicht uneingeschränkt trauen,  da die publizierte Wahrheit und die Realität selten dasselbe sind und boulevardesker Journalismus Randerscheinungen oft zu überproportionaler Wichtigkeit aufbläst. Weiterlesen

Armut? Wo?

Vor einigen Tagen hat der paritätische Wohlfahrtsverband erneut seinen jährlichen Armutsbericht vorgelegt.
Die Berechnungen bestätigen einmal mehr den Trend flächendeckend wachsender Armut.
15,5 Prozent der Menschen in Deutschland sind demnach mittlerweile von Armut betroffen.
12,5 Millionen Menschen, meist Kinder, Alte, Alleinerziehende, Arbeitslose.

Während sich einige Journalisten an der Frage abarbeiteten, ob die Berechnungsgrundlageangemessen sei, um Armut zu definieren, die in Deutschland ohnehin in den meisten Beiträgen zur „relativen Armut“ degradiert wird, verpassten sie einmal mehr die Chance, die Ursachen und zukünftigen Folgen zu beleuchten.

Da verschwand die Lebensrealität einer nicht unbeträchtlichen Anzahl an Menschen hinter Theorien, Rechenbeispielen und Statistiken.

Armut in Deutschland scheint einem Großteil der schreibenden Zunft immer noch zu abstrakt, um wahr zu sein. Hier spielt sicherlich die Herkunft der meisten Journalisten eine nicht unwesentliche Rolle. Lediglich 9% kommen aus dem Arbeitermilieu, 43% aus Angestelltenverhältnissen, 24% aus Beamtenfamilien, 18% haben Eltern in Selbstständigkeit, der Rest hat Eltern, die selber Journalisten waren oder in freien Berufen arbeiten. [FNi ] Weiterlesen

Politischer Aschermittwoch

Am 18.02. war es wieder so weit: Es war der Tag des politischen Aschermittwoch, von jeher der Tag, an dem Politiker aller Couleur mit markigen Sprüchen vor Kameras bei denen punkten wollen, die noch nicht ganz ausgenüchtert sind vom Karneval, feuchtfröhlicher Feierlaune und alkoholgetränktem Versuch von Laissez-faire, der nie so wirklich locker und gelassen wirken mag. Und so schienen auch die Politiker meist eher bemüht als enthusiastisch, wenn sie Bierkrug schwenkend die nächste Kamera suchten, um mit dem Maß in der Hand möglichst bürgernah zu wirken. Selbst Frau Merkel, die sonst eher auf Kettchen in Schwarz-Rot-Gold setzt, um ihre vermeintliche Bürgernähe visuell zu bezeugen, hielt brav lächelnd das Bierglas in die Kamera, ertrug die Blasmusik und dachte sich ihren Teil. PR ist alles, dieser Tage. Und die Kanzlerin ist PR-Profi. Gekonnte Auftritte in WM-Stadien, Bierzelten und in, mit Claqueuren versetzten, Talk-Shows sind ihre leichteste Übung. Wenn die umgesetzte Politik schon nicht stammtischgerecht ist, so muss es doch diese Auftritte geben, die dem bierduseligen potenziellen Wähler das Gefühl vermitteln, ernst genommen und verstanden zu werden. Und so sollten das gute, deutsche Bier, gebraut nach Reinheitsgebot, die Blasmusik und Festzeltatmosphäre vor allem eines suggerieren:Wir sind Menschen aus dem Volk. Wir teilen eure Sorgen. Wir sind genau wie ihr. Es sind vorgeschriebene Reden, auswendig gelernte Phrasen und tausendfach wiederholte Wahlslogans, die hier als Ersatz für reelle Kommunikation und Auseinandersetzung herhalten mussten. Selbstverständlich darf man davon ausgehen, dass Frau Merkel sich kurz darauf wieder in die Limousine setzte um sich zum nächsten öffentlichen Stelldichein fahren zu lassen, während sie auf dem Weg diverse politische Gespräche per Telefon abwickelte, anstatt betrunken nach Hause zu torkeln, um am nächsten Tag den Kater auszukurieren. Weiterlesen